Im Kino: The Curious Case of Benjamin Button (Der seltsame Fall des Benjamin Button)

Benjamin Button kommt 1918, am letzten Tag des Ersten Weltkriegs, zur Welt. Ein selten hässliches Baby: Runzlig, faltig, alt. Mit brüchigen Knochen und Grauem Star, ein Greis im Körper eines Säuglings. Von nun an wird er zwar wachsen, wird dabei aber langsam immer jünger. Der neue Film von David Fincher verfolgt das Leben dieses Benjamin Button (gespielt von Brad Pitt) von der Wiege bis zur Bahre (oder andersrum?). Benjamins Mutter stirbt im Kindbett, der Vater setzt das Kind aus, passenderweise vor einem Altenheim. Dort wächst er auf, umgeben von Alten, die einer nach dem anderen sterben.

Das ist das Hauptthema des Curious Case (und Fincher haut es uns mehrfach mit einem nassen Handtuch um die Ohren, damit es auch der Langsamste merkt): Tod und Vergänglichkeit — und das Leben, das vor allem daraus besteht, seine Liebsten sterben zu sehen. Natürlich gibt es eine große Liebe in Benjamin Buttons Leben: Daisy, gespielt von Cate Blanchett, etwa gleich alt wie er, aber „normal“ alternd. Als sie sich kennenlernen, ist er ein Greis und sie ein kleines Mädchen. Gegen Ende ihres Lebens wird es umgekehrt sein.

Das alles ist beeindruckend umgesetzt, großes Schauwertekino mit prächtiger Ausstattung und wirklich erstaunlicher Make-Up-Arbeit (die zu großen Teilen digital verrichtet wurde). Ohne Zweifel sehenswert, aber trotzdem fehlt etwas. The Curious Case of Benjamin Button will von ganzem Herzen Epos sein und bekommt dadurch eine Schwere, die ihm nicht gut tut. Fincher und sein Autor Eric Roth bauen um den ohnehin schon umfangreichen Plot noch eine nicht unbedingt nötige Rahmenhandlung, in der Caroline (Julia Ormond) ihrer im Sterben liegenden Mutter Daisy aus Buttons Tagebüchern vorliest und dabei merkt, das sie die Tochter der beiden ist. Dieser Rahmen muss ausgerechnet im New Orleans des Jahres 2005 spielen, als gerade der Hurrikan Katrina tobt. Nochmal ein paar Pfund Bedeutungsschwere — gut für die Oscarverleihung, nicht so gut für den Film. Dieser hat seine stärksten Momente in den leichten, augenzwinkernden Szenen mit nicht ganz so wichtigen Nebenfiguren, vor allem der wunderbaren Tilda Swinton als britische Liebschaft des Benjamin Button.

In den positiven Besprechungen des Films (die sich mit den Verrissen etwa die Waage halten) ist oft davon die Rede, wie berührend und bewegend der Film doch sei. Und genau das war bei mir anders. Die große, tragische Liebesgeschichte zwischen Benjamin und Daisy ging mir nicht ans Herz. Sie wirkte immer eine Spur zu künstlich, zu ausgedacht. Nie wird klar, warum gerade diese beiden so verschiedenen Menschen füreinander bestimmt sein sollen. Und keine der Figuren wächst dem Zuschauer so richtig ans Herz, alles bleibt sehr oberflächlich. Benjamin Buttons Leben stolpert von Episode zu Episode, sein Äußeres verändert sich, aber von einer inneren Entwicklung bekommt man kaum etwas mit. Bis auf das „Wir müssen alle sterben“ hat der Film nicht wirklich etwas zu sagen, bleibt trotz aller schönen Bilder erstaunlich belanglos.

Und trotzdem habe ich Sympathien für den Film, schon weil ich diese skurille Ausgangsidee mag und den Eifer, mit dem sie umgesetzt wurde. Ein großes Hollywood-Märchen mit wirklich schön anzusehenden Bildern, das sich aber ein bisschen zu sehr darin gefällt, etwas ganz Besonderes sein zu wollen. David Fincher hat weißgott schon Filme gedreht, die weitaus stärkere und beeindruckendere Spuren hinterlassen haben.

 

2 Gedanken zu „Im Kino: The Curious Case of Benjamin Button (Der seltsame Fall des Benjamin Button)

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