Archive for Februar, 2009

Hundertvierzig

Ich habe ja lange gedacht: “Twitter, näää, damit kannst du nichts anfangen.” In 140 Zeichen sagen, was man grade tut, bzw. selbiges von anderen lesen, klingt ja erstmal auch reichlich unspannend. Das Problem ist vielleicht, dass man das wirkliche Twitter, wie es sich für seine User darstellt, von außen nicht sehen kann. Als nicht-registrierter Gast sieht man entweder den Informations-Overload der Public Timeline oder eben einzelne Profilseiten mit den Tweets von genau einem User.

Letzte Woche hat meine Neugier schließlich gesiegt, ich wollte dann doch mal sehen, was so toll sein soll an diesem Dienst. Und ich stellte fest: Der eigentlichen Reiz von Twitter ist erst für aktive User sichtbar. Es ist der ganz individuelle Kurznachrichten-Strom, der entsteht, wenn man bestimmten Twitterern folgt und deren Updates als persönlichen Tweet-Mix zu sehen bekommt. Und es ist der Spaß an der komprimierten Form, das schnelle Raushauen von kurzen Gedanken und Belanglosigkeiten (ein Mitteilungsdrang, der vermutlich bei Leuten, die ins Internet schreiben, stärker ausgeprägt ist als bei anderen).

Seit sieben Tagen bin ich jetzt dabei, und ich muss sagen, ich bin echt überrascht, wieviel Spaß mir das macht. Gut möglich, dass das anderen nicht so geht. Aber um das mit Bestimmtheit sagen zu können, muss man’s halt erstmal selber ausprobiert haben. Die Frage, wozu das denn gut sein soll, kann man dann immer noch stellen.

Hier gibt’s jedenfalls ab sofort am rechten Rand die Rubrik “Hundertvierzig” mit meinen letzten Tweets. Enjoy or ignore.

Im Kino: The Curious Case of Benjamin Button (Der seltsame Fall des Benjamin Button)

Benjamin Button kommt 1918, am letzten Tag des Ersten Weltkriegs, zur Welt. Ein selten hässliches Baby: Runzlig, faltig, alt. Mit brüchigen Knochen und Grauem Star, ein Greis im Körper eines Säuglings. Von nun an wird er zwar wachsen, wird dabei aber langsam immer jünger. Der neue Film von David Fincher verfolgt das Leben dieses Benjamin Button (gespielt von Brad Pitt) von der Wiege bis zur Bahre (oder andersrum?). Benjamins Mutter stirbt im Kindbett, der Vater setzt das Kind aus, passenderweise vor einem Altenheim. Dort wächst er auf, umgeben von Alten, die einer nach dem anderen sterben.

Das ist das Hauptthema des Curious Case (und Fincher haut es uns mehrfach mit einem nassen Handtuch um die Ohren, damit es auch der Langsamste merkt): Tod und Vergänglichkeit — und das Leben, das vor allem daraus besteht, seine Liebsten sterben zu sehen. Natürlich gibt es eine große Liebe in Benjamin Buttons Leben: Daisy, gespielt von Cate Blanchett, etwa gleich alt wie er, aber “normal” alternd. Als sie sich kennenlernen, ist er ein Greis und sie ein kleines Mädchen. Gegen Ende ihres Lebens wird es umgekehrt sein.

Das alles ist beeindruckend umgesetzt, großes Schauwertekino mit prächtiger Ausstattung und wirklich erstaunlicher Make-Up-Arbeit (die zu großen Teilen digital verrichtet wurde). Ohne Zweifel sehenswert, aber trotzdem fehlt etwas. The Curious Case of Benjamin Button will von ganzem Herzen Epos sein und bekommt dadurch eine Schwere, die ihm nicht gut tut. Fincher und sein Autor Eric Roth bauen um den ohnehin schon umfangreichen Plot noch eine nicht unbedingt nötige Rahmenhandlung, in der Caroline (Julia Ormond) ihrer im Sterben liegenden Mutter Daisy aus Buttons Tagebüchern vorliest und dabei merkt, das sie die Tochter der beiden ist. Dieser Rahmen muss ausgerechnet im New Orleans des Jahres 2005 spielen, als gerade der Hurrikan Katrina tobt. Nochmal ein paar Pfund Bedeutungsschwere — gut für die Oscarverleihung, nicht so gut für den Film. Dieser hat seine stärksten Momente in den leichten, augenzwinkernden Szenen mit nicht ganz so wichtigen Nebenfiguren, vor allem der wunderbaren Tilda Swinton als britische Liebschaft des Benjamin Button.

In den positiven Besprechungen des Films (die sich mit den Verrissen etwa die Waage halten) ist oft davon die Rede, wie berührend und bewegend der Film doch sei. Und genau das war bei mir anders. Die große, tragische Liebesgeschichte zwischen Benjamin und Daisy ging mir nicht ans Herz. Sie wirkte immer eine Spur zu künstlich, zu ausgedacht. Nie wird klar, warum gerade diese beiden so verschiedenen Menschen füreinander bestimmt sein sollen. Und keine der Figuren wächst dem Zuschauer so richtig ans Herz, alles bleibt sehr oberflächlich. Benjamin Buttons Leben stolpert von Episode zu Episode, sein Äußeres verändert sich, aber von einer inneren Entwicklung bekommt man kaum etwas mit. Bis auf das “Wir müssen alle sterben” hat der Film nicht wirklich etwas zu sagen, bleibt trotz aller schönen Bilder erstaunlich belanglos.

Und trotzdem habe ich Sympathien für den Film, schon weil ich diese skurille Ausgangsidee mag und den Eifer, mit dem sie umgesetzt wurde. Ein großes Hollywood-Märchen mit wirklich schön anzusehenden Bildern, das sich aber ein bisschen zu sehr darin gefällt, etwas ganz Besonderes sein zu wollen. David Fincher hat weißgott schon Filme gedreht, die weitaus stärkere und beeindruckendere Spuren hinterlassen haben.

Letzte Woche gelernt (6)

  • Ich weiß jetzt, warum ich so lange nichts mit Twitter anfangen konnte. Der Reiz an dem Ding erschließt sich tatsächlich erst, wenn man seinen eigenen Account hat.
  • Bei Nicht erschienen werden Artikel gesammelt, die fertig geschrieben waren, aber dann doch nicht gedruckt wurden, z.B. dieses Interview mit Josef Hader. Schöne Idee.
  • Ägypter haben ihre Freude an Filmfestivals, aber aus ganz anderen Gründen als unsereins. Ein hübscher Bericht bei Kein Blut, Rot!
  • Ein Blog namens Abspann?!? Na gut, Freitag, weil du’s bist …

  • Trailerschau für Filmstarts vom 5.2.

    Im Kino sehen:
    The Spirit: Frank Miller, eigentlich Comiczeichner und -autor, will jetzt zeigen, was er bei Robert Rodriguez gelernt hat, als dieser seinen Comic Sin City verfilmt hat (Miller bekam einen Credit als Co-Regisseur). Jetzt verfilmt er Will Eisners großen Comic-Klassiker aus den 40er Jahren, und zwar im gleichen visuellen Look wie Sin City.
    Das soll jetzt keine Empfehlung sein, denn nach allem, was man so hört, ist das wirklich kein guter Film. Ich schau ihn mir aber an, weil ich ein grundsätzliches Interesse für Comicverfilmungen habe (déformation semiprofesionelle). Außerdem mag ich den Spirit und ich mochte Sin City. Also: Erwartungen ganz nach unten und dann schauen wir mal.

    Auf die DVD warten:
    Frost/Nixon: Oskarmaterial! Filmadaption eines Theaterstücks, das wiederum auf einem legendären Fernsehinterview beruht, in dem der Brite David Frost den Ex-Präsidenten Nixon gegrillt hat. Soll toll geschauspielert sein und ist sicher interessant, andererseits könnte man sich aber doch gleich das Fernsehinterview ansehen, das auch auf DVD verfügbar ist (Ausschnitte gibt’s hier.)

    Doubt (Glaubensfrage): Nochmal Oskarmaterial, nochmal Adaption eines Bühnenstücks. Und nochmal famose Schauspieler (Philip! Seymour! Hoffman!), aber kein sooo rasend spannendes Thema. Es geht um den Konflikt zwischen einer konservativen Nonne und einem progressiven Pfarrer in der Bronx 1964.

    Vielleicht mal im Fernsehen:
    Der Architekt: Ein Feelbad-Movie aus Deutschland: Tolle Schauspieler sind in einer verschneiten Berghütte und tragen jede Menge Konflikte aus. Es geht um eine scheinbar heile Familie, deren Fassade in ungewohnter Umgebung zu bröckeln beginnt. Auch kein ganz neues Thema.

    Rosso come il cielo (Rot wie der Himmel): Italienischer Arthouse-Film über einen blinden Jungen, der sein besonderes Talent im Hören entdeckt. Basiert auf dem Leben eines bekannten Film-Toningenieurs.

    Muss nicht sein:
    Enfin veuve (Endlich Witwe): Unspritzig wirkende französische Komödie um eine Frau, deren Ehemann tödlich verunglückt. Sie ist aber, anders als alle erwarten, alles andere als unglücklich darüber.

    Hotel for Dogs (Das Hundehotel): Hollywood-Mainstreamkomödie für Kids, die Hunde süß finden. Wuff.

    Bride Wars (Bride Wars – Beste Feindinnen): Hochzeitskomödie, die noch schlechter sein soll als die 4.097 anderen Hochzeitskomödien, die in den letzten Jahren ins Kino kamen. Mark Kermode meinte in seiner ersten Sendung des Jahres 2009 sinngemäß: Ganz sicher eine der zehn Gurken des Jahres. Wenn es in diesem Jahr zehn schlechtere Filme gäbe als diesen, würde er seinen Job an den Nagel hängen.

    Seltsam: Beide zuletzt genannten Filme benutzen das berühmte Thema aus Griegs In der Halle des Bergkönigs. Früher war wirklich alles besser.

    Im Kino: Man on Wire

    Am 7. August 1974 war das World Trade Center in New York noch nicht ganz fertiggestellt, die Twin Towers standen jedoch schon und das Gebäude war keine reine Baustelle mehr. An diesem Tag erlebte das Bauwerk eine besondere Aktion: Der französische Drahtseilartist Philippe Petit hatte in einer geheimen Nacht-und-Nebel-Aktion mit einigen Komplizen ein Stahlseil zwischen den obersten Stockwerken der Türme gespannt und lief am Morgen des 7.8. über dieses Seil. Knapp 45 Minuten dauerte seine Performance, ehe er von Polizisten abgeführt wurde.

    Man on Wire erzählt von dieser waghalsigen illegalen Aktion und vor allem davon, wie sie vorbereitet wurde. Davon, dass Petit dieses Ziel jahrelang obsessiv verfolgt hat, seit dem Moment, als er zum ersten Mal eine Zeichnung der in Planung befindlichen Twin Towers gesehen hatte. Es ist zwar ein Dokumentarfilm, er ist aber mit viel nachgedrehtem Material angereichert und hat dank Schnitt und Musik die Spannungsdramaturgie eines Heist-Movies. Wir verfolgen also die Drahtzieher eines irrwitzigen Coups, so wie wir das auch bei Ocean’s Eleven und ähnlichen Filmen tun. Im Film wechseln Interviews mit den Protagonisten mit Fotos und Archivmaterial sowie Szenen, die mit Schauspielern nachgedreht wurden. Ein großes Plus von Man On Wire ist, dass diese nachgestellten Szenen nicht störend wirken, sondern sich nahtlos in das Gesamtwerk einfügen. An einigen Stellen kann man nicht einmal sicher sagen, ob man jetzt altes Originalmaterial sieht oder eine Spielszene. Man kann eine Menge einwenden gegen nachgestellte Szenen in Dokumentationen (Guido Knopp, ich schaue in deine Richtung!) — hier funktioniert es.

    Wobei Man on Wire vermutlich auch ohne diese Szenen ein hochinteressanter Film geworden wäre. Denn die Story ist einfach zu faszinierend, zu unglaublich. Die Chuzpe, die Petit an den Tag legt und die Aufregung, die er auch heute noch verströmt, wenn er von damals erzählt, lassen einen nicht kalt. Die ganze Aktion hätte wohl nie stattgefunden, wenn Petit nicht ein riesengroßes Ego hätte. Auch diesen Aspekt verschweigt der Film nicht: Vor allem zum Schluss des Films erscheint Petit als ein nicht immer angenehmer Egomane, der seinem großen Ziel alles andere unterordnet, auch langjährige Freundschaften. Dies ist vielleicht die größte Stärke des Films von James Marsh: Er begnügt sich nicht allein damit, den Seiltanz über den Dächern New York als großen genialen Triumph des Schönen, Kunstvollen und Zweckfreien, als poetisches Wunder zu feiern. Er zeigt durchaus auch die Kratzer in dieser glänzenden Fassade.

    Unterm Strich bleibt aber natürlich vor allem das bewundernde Staunen über diesen unwahrscheinlichen Coup, der wie ein Märchen wirkt und doch wahr ist. Und genau dieses Staunen ist es doch, für das man (auch) ins Kino geht. Dass der Film auf dem Tomatometer dann gleich auf sagenhafte 100% kommt, ist aber vielleicht doch ein wenig übertrieben.

    Letzte Woche gelernt (5)

  • Du weißt, du hast einen Scheißtag, wenn du im Pokalspiel erst 0:5 hintenliegst, dann immerhin den Ehrentreffer erzielst (über den du dich nicht sehr freuen kannst), und du anschließend feststellen must, dass die Mannschaftskollegen beim aufmunternden Gratulieren nicht gerade zielsicher sind: