Im Kino: X-Men Origins: Wolverine

Als im Jahr 2000 der erste X-Men-Film von Bryan Singer erfolgreich im Kino lief (und damit einen bis heute andauernden Boom von Comic- und Superheldenfilmen lostrat), war Hugh Jackman, der die Rolle des Wolverine spielte, höchstens in Australien und bei Musicalfans bekannt. Mittlerweile zählt er zu Hollywoods Topstars, wurde vom Magazin People zum „Sexiest Man Alive“ erklärt und durfte die letzte Oscar-Verleihung moderieren. So genügt mittlerweile schon sein Name, kombiniert mit dem der bekanntesten und beliebtesten X-Men-Figur, um als ordentliches Zugpferd für die Kinokassen zu dienen. Mit X-Men Origins: Wolverine versuchen Marvel und 20th Century Fox, ein im Comicbereich bewährtes Rezept – das Spin-Off – auch im Kino umzusetzen. Statt einer größeren Gruppe von Mutanten steht nun ein einzelner Charakter, dessen Herkunftsgeschichte näher beleuchtet wird, im Mittelpunkt.

In X-Men Origins: Wolverine erfahren wir, woher Logan alias Wolverine stammt, wo er seine extrem scharfen Klauen her hat, und warum der Kanadier schon in früheren X-Men-Filmen (besonders in X2) über seine Vergangenheit nachgrübelte. Die Geschichte spielt zum Großteil in den siebziger Jahren, etwa 20 Jahre vor dem ersten X-Men-Film, beginnt aber schon deutlich früher. Denn Wolverine alias Logan hat schon etliche Jahre auf dem Buckel. Der Prolog zeigt ihn, der ursprüngllich James Howlett heißt, und seinen Halbbruder Victor als etwa 12jährige Jungs Mitte des 19. Jahrhunderts. Bei einer Familientragödie stellen beide fest, dass ihnen scharfe Krallen wachsen können und dass sie über besondere Selbstheilungskräfte verfügen. Anschließend trägt uns der gelungene Vorspann im Zeitraffer durch die folgenden Jahrzehnte: James und Victor sind mit ihren Kräften wie gemacht fürs Militär und kämpfen in allen Kriegen, vom Sezessionskrieg über die zwei Weltkriege bis zum Vietnamkrieg.

Dort wird ein hoher Militär namens Stryker auf die beiden aufmerksam und rekrutiert sie für seine Spezialtruppe „Team X“, in der auch andere Mutanten aktiv sind. Doch bald trennt sich James von dieser Gruppe, weil er die unmenschlichen Methoden ihres Bosses Stryker ablehnt. Er setzt sich in Kanada zur Ruhe, um dort als Holzfäller zu arbeiten und mit seiner großen Liebe Kayla Silverfox zu leben.

Erst nach diesem recht ausführlichen Vorgeplänkel beginnt die eigentliche Handlung, in der Victor alias Sabretooth zu Wolvies Gegenspieler wird, und die schließlich zum Projekt „Weapon X“ führt – hier bekommt James Howlett sein Skelett aus Adamantium und wird schließlich zu der Figur, die wir als Wolverine alias Logan kennen. Nach einer furchtbar schmerzhaften Operation fühlt Logan sich von Stryker als Waffe missbraucht und startet einen Rachefeldzug.

All das ist routiniert inszeniert, mit einem steten Wechsel von Action und ruhigeren Momenten. Recht ordentliche Popcorn-Unterhaltung, aber leider nicht mehr. Ganz im Gegensatz zu den ersten beiden X-Men-Filmen (und mit Abstrichen auch zum dritten) ist Wolverine nichts weiter als durchschnittliches, uninspiriertes Actionkino. Wo die X-Men-Trilogie von ihrer Charaktervielfalt und den interessanten Beziehungen zwischen den verschiedenen Mutanten lebte, wo diese Filme mit einer spannenden Metaebene spielten (Mutanten als gesellschaftliche Außenseiter), gibt es im neuen Wolverine kaum mehr als geradliniges Gut gegen Böse, jede Menge Krach und Kämpfereien, aber kaum Überraschungen oder originelle Dialoge. Auch vom ironischen Humor, den besonders Jackman als Wolverine in die X-Men-Trilogie einbrachte, ist hier kaum etwas zu sehen – X-Men Origins will eher ein hartes Actiondrama sein, das davon erzählt, wie ein Held geschunden wird.

Hugh Jackman, der auch als Produzent im Spiel war, geht erwartungsgemäß in seiner Rolle auf und zeigt sich über weite Strecken als gut trainiertes Muskelpaket im Feinripp-Unterhemd, was sicher viele Zuschauerinnen freuen wird. Die anderen Schauspieler bleiben eher blass, auch Liev Schreiber, der eher als Charakter- denn als Actiondarsteller gilt und hier Wolverines Halbbruder spielt. Warum er im Gegensatz zu Logan ein kaltblütiger Killer ist und warum er seinem Halbbruder nachstellt, wird nie so richtig klar. Auch Nebenfiguren wie Taylor Kitsch als kartenwerfender Mutant Gambit sind schnell vergessen – wobei das vielleicht weniger an der schauspielerischen Leistung liegt, als daran, dass das Drehbuch mit der Figur kaum etwas originelles anzufangen weiß. Und das gilt praktisch für alle Nebenrollen im Film.

In Sachen Action hat der Film einiges zu bieten, kann aber auch hier nicht voll überzeugen. Vieles wirkt blutleer und allzu künstlich. An einigen Stellen ist den Effekten deutlich anzumerken, dass sie aus dem Computer stammen. Das gilt besonders für den Showdown, in dem es Wolverine mit einer fürchterlich nichtssagenden Weapon XI zu tun bekommt: der fühlt sich an, als würde gerade ein Konsolen-Prügelspiel auf der Leinwand übertragen.

Insgesamt enttäuscht Wolverine als sehr mittelmäßiger Action-Blockbuster. Die Latte, die Bryan Singer mit seinen beiden gelungenen X-Men-Filmen sehr hoch gelegt hat, hat bereits Brett Ratner mit X-Men: Der letzte Widerstand gerissen, aber das Spin-Off erfüllt die Erwartungen noch weniger. Regisseur Gavin Hood, der mit dem südafrikanischen Film Tsotsi 2005 den Auslandsoscar gewann, hat bisher keine Erfahrung im Inszenieren großer Blockbuster, was man dem Film leider auch anmerkt. Wolverine ist ein bisschen düster, ohne wirklich finster zu sein, ein bisschen spannend, ohne wirklich mitreißend zu sein, ein bisschen dramatisch, ohne wirklich faszinierend zu sein. Kurz: Man kann sich X-Men Origins durchaus ansehen, aber man wird ihn bald wieder vergessen haben.

Abspann: Angeblich gibt es den Film in verschiedenen Fassungen, die nach den Schlusscredits jeweils unterschiedliche kurze Rauswerfer-Szenen haben. Die, die ich gesehen habe, war so nichtssagend und unspektakulär wie der ganze Film.

Zuerst erschienen bei Comicgate.

 

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