Im Kino: 3x William Castle

Ich habe mir gestern im Rahmen der William-Castle-Restrospektive im Münchner Filmmuseum drei seiner Filme zu Gemüte geführt. War ein launiger Abend. Wie bereits berichtet, werden im Filmmuseum die Filme in ähnlicher Form gezeigt, wie sie Castle seinerzeit im Sinn hatte: Nämlich mit ein bisschen Spektakel in und vor dem Kinosaal, um das Publikum noch mehr ins Geschehen einzubinden.

Das fing schon am Einlass an, wo man eine Versicherungspolice unterschreiben konnte, für den Fall, dass man während der Vorführung vor Schreck den Löffel abgeben müsste. Außerdem konnte man sich von zwei Profis des Roten Kreuzes den Blutdruck messen lassen. Im Saal angekommen erblickte man dann einen extra eingerichteten Notausgang zur „Coward’s Corner“.

Los ging es mit Mr. Sardonicus (1961), einer recht banalen Schauermär, die 1880 auf dem Schloss eines osteuropäischen Barons spielt. Der Baron hat ein entstelltes Gesicht und beordert einen englischen Arzt auf seinen Landsitz und zwingt ihn, ihm zu helfen. Der Film verwendet alle möglichen Versatzstücke altbekannter Gruselgeschichten und wirkt ein bisschen so, als würde Peter Steiners Theatertruppe eine Story aus den Gespenster Geschichten-Comics nachspielen. Zum Schluss erscheint Regisseur und Produzent William Castle, der schon am Anfang die Zuschauer begrüßt hat, wieder auf der Leinwand und bittet zur Abstimmung: Soll der Baron für seine Gemeinheiten bestreft oder begnadigt werden? Mercy or no mercy? Dann darf das Auditorium seine zuvor verteilten „Daumen hoch/Daumen runter“-Karten hochhalten und bekommt danach das entsprechende Ende zu sehen. Wobei sich die Frage stellt, ob das „Mercy“-Ende denn jemals gezeigt wurde …

Danach: House on Haunted Hill (1959) mit Vincent Price als Gastgeber einer seltsamen Party in einem verwunschenen Haus. Sieben Gästen verspricht er reiche Belohnung, wenn sie die ganze Nacht bleiben. Hinter dem Spiel steckt eine ausgeklügelte Verschwörung. Der Film funktioniert exakt wie eine Fahrt in der Geisterbahn: Hier ein Monster, da ein Geist, dort ein Schockeffekt — alles garniert mit entsprechender Musik und vielen Entsetzensschreien. Passend dazu die Inszenierung der Gimmicks: Die Schockszenen wurden durch einen im Kinosaal vibrierenden Motor unterstützt. Und wenn im Showdown ein Skelett durch den Keller schwebt, geschieht selbiges auch im Saal. Auch wenn diese Effekte liebevoll und mit großem Aufwand im Filmmuseum installiert wurden, sorgen sie heutzutage doch eher für amüsiertes Schmunzeln als für irgendeine Art von Schauder.

Homicidal (1961) gefiel von mir von den dreien am besten. Anders als die anderen beiden ist das kein pures Jahrmarktspektakel, sondern fast so etwas wie ein psychologischer Thriller mit einer ernsthaften und spannenden Handlung. Vor allem: Es wird nicht von Anfang an alles haarklein erklärt, der Zuschauer darf ein bisschen miträtseln. Okay, der Plot bedient sich ziemlich schamlos bei Hitchcocks Psycho, erzählt aber auch eine ordentliche Story. Es geht um die kühle blonde Emily, die ein Geheimnis hat und tricksend und täuschend jeden umzubringen versucht, der etwas von diesem Geheimnis weiß. Auch wenn manche Aspekte extrem unglaubwürdig sind (z.B. die alte, extrem hilflose und stumme Dame, die von Emily gepflegt wird), unterhält der Film auch heute noch gut, außerdem enthält er einen interessanten Aspekt, der zu dieser Zeit sicher noch sehr selten war im Mainstream-Kino. Darüber zu sprechen hieße allerdings das Ende verraten, und das geht nicht. Denn kurz vor den End-Credits ertönt noch einmal William Castles Stimme:

Don’t tell the ending of this film to your friends, or they’ll kill you. If not — I will.

Als Gimmick enthält der Film den sogenannten „Fright Break“: Wenn die Spannung auf dem Höhepunkt ist, wird eine Uhr eingeblendet, die uns knapp eine Minute Zeit gibt, das Kino zu verlassen, wenn wir es nervlich nicht mehr packen. Im Filmmuseum war denn auch ein (Schauspieler-) Pärchen platziert worden, das genau diese Stelle nutzte, um in einer Riesenszene streitend aus dem Kino zu flüchten und auch nach Ende des Films noch genüsslich im Foyer weiterkeifte.

Alles in allem ein schwer unterhaltsamer filmhistorischer Abend. Kudos an Bruce Goldstein aus New York für das aufwendige Nachstellen von Castles Gimmicks.

 

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