Archive for Juli, 2009

Im Kino: Humpday

Ben ist Mitte Dreißig und gerade dabei, ein solider Familienmensch zu werden, mit Ehefrau, Eigenheim und Kinderwunsch. Sein alter Kumpel Andrew ist das genaue Gegenteil: Mitten in der Nacht steht er bei Ben in der Tür, nachdem er jahrelang in der Weltgeschichte umhergestrolcht ist und sich als (Lebens-) Künstler versucht hat. Andrews Rückkehr kitzelt bei Ben noch einmal die Lust aufs Abenteuer, bzw. die Angst vor einem Spießerleben hervor. Bei einer Party entsteht aus einer Kiff- und Schnapslaune eine komplett bescheuerte Idee. Ben und Andrew wollen zusammen einen Film für das “Humpfest” drehen, ein alternatives Indie-Porno-Kunstfestival. Ben ist der Ansicht, es wäre doch total verwegen und künstlerisch, einen Porno zu drehen, in dem es zwei Heteromänner miteinander tun.

Nachdem der Rausch ausgeschlafen und der Kater besiegt ist, bleibt immer noch die Idee vom Vorabend. Es ist eine Mischung aus Sturheit, Stolz und Scham, die dazu führt, dass weder Ben noch Andrew einen Rückzieher machen. Sie müssen und wollen da jetzt durch. Allerdings ist da noch Bens Frau Anna, der die Sache auch nicht verheimlicht werden soll …

Humpday von Lynn Shelton ist eine mit sehr einfachen Mitteln gedrehte Indie-Komödie, in der sehr viel über Sex gesprochen wird, aber so gut wie kein Sex zu sehen ist. Der Film verfügt über viel Situationskomik, sitzt aber auf einem sehr ernsthaften Fundament. Im Kern geht es um Beziehungen, um Lebensentwürfe, um Erwachsenwerden, um Ehrlichkeit. Die Dialoge, die dies vermitteln, wirken weitgehend improvisiert und machen daher einen sehr glaubhaften und realistischen Eindruck, auch wenn die Idee, um die sich der Film dreht, doch ganz schön weit hergeholt ist.

Ich hatte jedenfalls viel Spaß mit Ben und Andrew und mit diesem Film, den man zur neuen Mumblecore-Bewegung des US-Indiekinos zählen kann. Humpday schafft es, von Befindlichkeiten einer Generation zu erzählen, ohne langweilig, predigerhaft oder weinerlich zu sein. Aber auch, ohne in Zoten und Albernheiten abzudriften. Gut so.

Trailerschau für Filmstarts vom 2.7.

Auf die DVD warten:
Ice Age: Dawn of the Dinosaurs (Ice Age 3 – Die Dinosaurier sind los): Diesmal neu dabei: Dinosaurier, ein Weibchen für Scrat und 3D-Brillen für die Zuschauer (in bestimmten Kinos). Ist wahrscheinlich immer noch sehr solides Family-Entertainment und durchaus für einige Lacher gut, aber ich fand schon den zweiten Teil im Vergleich zum ersten eher so mittel.

9to5 – Days in Porn: Nichts für die Familie, sondern “Keine Jugendfreigabe”: Dokumentarfilmer Jens Hoffmann ging anderthalb Jahre lang ins San Fernando Valley, um hinter die Kulissen der dortigen Pornoindustrie zu schauen und mit ihren Protagonisten zu sprechen. Das Ergebnis soll ein nüchterner, recht interessanter Film sein: “Der Film hat zunächst einmal gar keine Haltung, sondern versucht, sich ein Bild zu machen,” schreibt Thorsten Funke bei critic.de. Was man bei einem Thema wie diesem nur begrüßen kann.

Madboy: Low-Budget-Film von Henna Peschel, dessen Rollo Aller-Filme (starring Rocko Schamoni) in Hamburg Kult sind und die schon lange auf meiner Liste stehen. Besonders irrwitzig: Der Film startet in Hamburg, Berlin, Köln — und ausgerechnet im Hirsch in Buchloe, meinem Heimatplaneten. Sachen gibt’s.

Vielleicht mal im Fernsehen:
The Haunting in Connecticut (Das Haus der Dämonen): Eher klassischer Geistergrusel als fieser Slasher. Zuerst dachte ich, dass wär schon wieder eines dieser sinnlosen Horror-Remakes. Dabei ist das hier gar keine Neuauflage. Originell oder innovativ ist es allerdings auch nicht, sondern, wenn man’s freundlich ausdrücken will, einfach sehr Oldschool.

Achterbahn: Doku über Norbert Witte, der mit einem Vergnügungspark grandios scheiterte und sich dann im Drogenhandel verstrickte. Sicherlich nicht uninteressant, aber doch eher was fürs TV.

Muss nicht sein:
La fille de Monaco (Das Mädchen aus Monaco): Sommerliche Dreiecksgeschichte um eine sexy Blondine, einen grauen Anwalt und seinen Bodyguard. Typisch französisch. Den Kritikern gefällt das überwiegend gut, mich interessiert’s eher gar nicht.

Hände hoch oder ich schieße: DEFA-Film von 1966 über einen Polizisten, der nichts zu tun hat, weil es kaum Kriminalität um ihn herum gibt. Dem Trailer nach ist das ein harmloses Komödchen, war aber anscheindend subversiv genug, um in der DDR verboten zu werden. Wer mag, kann den Film jetzt doch noch sehen.

Im Kino: Moon

Irgendwann in der Zukunft: Die Menschheit hat endlich ihr Energieproblem gelöst und versorgt sich mit Helium-3, das auf dem Mond abgebaut wird. Das besorgt die Firma Lunar Industries, weitgehend automatisiert. Nur einen einzigen Menschen benötigen sie noch, der ihre Mondstation am Laufen halten muss. Dieser Mensch ist Sam (Sam Rockwell), drei Jahre schiebt er Dienst auf dem Mond und zu Beginn des Films sind diese drei Jahre fast vorbei. Bald darf er nach Hause, doch bei einem seiner letzten Einsätze auf der Mondoberfläche verletzt er sich. Als er wieder zu sich kommt, ist er nicht mehr allein: Da ist noch ein Sam, der genau so aussieht wie er. Allerdings behauptet dieser, sein Dienst auf der Station habe gerade erst begonnen. Sind das Halluzinationen, ist Sam verrückt geworden? Träumt er nur oder gibt es eine Zeitanomalie?

Im Kern geht es in Moon darum, wie es sein könnte, jahrelang allein in weiter Ferne vom Rest der Menschheit zu leben. Vorbilder wie Silent Running, Outland oder die erste Hälfte von Alien sind klar zu erkennen, auch Solaris und 2001 lassen grüßen. Letzterer vor allem wegen Gerty, dem Bordcomputer und Sams einzigem Ansprechpartner. Gerty (übrigens gesprochen von Kevin Spacey) erinnert mehr als ein bisschen an HAL aus 2001. All diese Referenzen wirken aber nie wie abgekupferte Ideen, sondern sind ehrliche Verneigungen vor den Größen des Genres.

Mit dem lächerlichen Budget von 5 Millionen Dollar hat Regisseur Duncan Jones eine philosophische, eigentlich simple aber sehr eindrückliche Science-Fiction-Geschichte geschaffen, die sich durchaus mit den oben genannten Klassikern messen kann. Teure digitale Effekte gibt es nicht, stattdessen setzte Jones auf Miniaturmodelle, eine mit viel Detailliebe ausgestatte Mondstation und ganz besonders auf Sam Rockwell, der den Film souverän trägt. Auf diversen Festivals hat Moon viel Lob und Preise eingeheimst und es ist sehr zu hoffen, dass sich ein Verleih findet, der dieses SF-Kleinod ins Kino bringt.

Duncan Jones ist, was ich vorher nicht wusste, der Sohn eines sehr berühmten Mannes und hat, bevor er “zum Film” ging, Philosophie studiert. Dabei beschäftigte er sich auch mit Ethik bei Künstlichen Intelligenzen, wie er bei der kleinen Fragestunde nach Filmende erzählte. Bei der er im übrigen einen höchst sympathischen Eindruck machte und bereits sein nächstes Projekt ankündigte, auf das man sich sehr freuen kann: Eine Blade-Runner-artige Geschichte, die in einem futuristischen Berlin spielen soll.

Im Kino: Adam

Max Mayers Film Adam ist eine kleine, eher unspektakuläre Liebesgeschichte, die man fast als Romantic Comedy bezeichnen könnte, aber das trifft es (zum Glück) nicht ganz. Im Zentrum stehen Adam, ein junger Mann mit Asperger-Syndrom, der nach dem Tod seines Vaters plötzlich allein lebt, sowie Beth, Lehrerin, Kinderbuchautorin und Single, die als neue Nachbarin ins gleiche New Yorker Appartmenthaus einzieht. Es geht wie so oft um Kennenlernen, Verlieben und Entlieben. Hier allerdings auf sehr viel vorsichtigere Weise, denn eines der Hauptmerkmale von Asperger ist es, eigene Emotionen nicht ausdrücken zu können und die Emotionen seiner Mitmenschen nur begrenzt zu erfassen. Beide tasten sich also langsam heran an diese Beziehung. Dazu gibt es noch zwei Nebenplots — Adams Suche nach einem neuen Arbeitsplatz und ein Gerichtsprozess, der gegen Beths Vater geführt wird. Diese Handlungsstränge definieren die Figuren weiter aus, wären aber auch nicht absokut notwendig gewesen.

Schließlich sind es vor allem die Figuren, auf die der Film sich konzentriert. Adam (erstklassig gespielt von Hugh Dancy) ist ganz klar ein Sympathieträger, mit dem man mitfühlt. Mayer versucht ihn trotz seines Anders-Seins als einen normalen Menschen zu zeichnen, nicht als bemitleidenswertes Genie wie Dustin Hoffman in Rain Man, auch nicht als tragikomischen Helden: “I’m not Forrest Gump, you know?”, wie er selbst einmal sagt. Und Beth (Rose Byrne) wird überzeugend dargestellt als Frau, die zwischen ihren eigenen Wünschen und der Erwartungshaltung ihrer Eltern steht. Im Mittelpunkt steht gar nicht so sehr Adams Krankheit oder Behinderung (wenn man es denn so nennen mag) — es geht darum, wie Menschen lieben und was sie unter Liebe verstehen.

Der große Pluspunkt des Films ist der Schluss, der einen gesunden Mittelweg geht: Es gibt kein Happy End, aber ein kleines versöhnliches Licht darf am Ende eben doch scheinen. Im anschließenden Q&A ließ Max Mayer durchblicken, dass ein echtes Happy End für ihn unmöglich gewesen wäre und die positive Schlussnote auch nicht von Anfang an im Skript war. Sein Nachbar Alejandro González Iñárritu habe ihn aber darin bestärkt, dass das Ende, das letztlich gewählt wurde, genau das richtige sei.

Ich fand den Film sehr nett und unterhaltsam, aber vielleicht auch ein bisschen zu glatt und zu leicht bekömmlich, um wirklich einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Hugh Dancy würde ich aber gerne wieder mal auf der Leinwand sehen.