Auf DVD: Ben X

Ein Film über Vereinsamung bei Schülern, Mobbing, Jugendgewalt und Online-Rollenspiele. Man will sich gar nicht vorstellen, was daraus werden könnte, wenn sich ein öffentlich-rechtlicher Primetime-Fernsehfilm dieser Themen annähme. Der belgischen Produktion Ben X dagegen gelingt es, diese Punkte in einem ernsthaften fiktionalen Rahmen zu thematisieren, ohne allzu banal zu werden oder den erhobenen Zeigefinger zu schwingen.

Der Film erzählt aus der Sicht von Ben, einem Teenager mit Asperger-Syndrom, der hochintelligent, aber ein schwieriger Charakter ist. Ben wird in der Schule gehänselt bzw. von einigen auch extrem erniedrigt und von seiner alleinerziehenden Mutter nicht verstanden. Wohl fühlt er sich nur, wenn er am Rechner sitzt und das MMORPG Archlord spielt. Sein Avatar in dieser Fantasywelt ist einer der erfolgreichsten Helden des Spiels und trifft sich virtuell regelmäßig mit Scarlite. Das Mädchen, das diese Figur spielt, kündigt an, Ben im wirklichen Leben treffen zu wollen. Von Anfang an steuert der Film scheinbar unaufhaltsam auf eine große Katastrophe zu, findet dann aber zu einem sehr überraschenden, etwas pathetischen, aber doch überzeugenden Finale.

Zwischen den Szenen, die aus Bens Sicht erzählt werden (einschließlich Off-Kommentar von Ben als Ich-Erzähler) gibt es noch kleine Einsprengsel, die im Stil einer (Fake-) Dokumentation gemacht sind: kurze Interviewsequenzen mit Verwandten, Lehrern und Mitschülern, die zeitlich nach dem Ende der Story angelegt sind und rückblickend erzählen, wie es wohl „dazu“ kommen konnte. Dieser erzählerische Kniff hilft, den Zuschauer auf die falsche Fährte zu führen und Spannung zu erzeugen.

Viel verdankt der Film aber auch der guten Idee, die Welt des (real existierenden) Rollenspiels Archlord mit einzubauen. Wir sehen nicht nur Ben beim Spielen in der virtuellen Welt, sondern auch viele Passagen, die sich in seinem Kopf abspielen. Reale Szenen finden dann ihre Entsprechung in der Fantasy-Welt. Diese Szenen wurden — mit dem Segen des Herstellers — eigens in Archlord erstellt und geben dem Film einen sehr eigenständigen, originellen Look. Die reale Welt mischt sich mit der des Computerspiels — auch bei Alltäglichkeiten wie dem Weg zur Schule. Obendrein machen auch die Schauspieler ihre Sache sehr gut, v.a. Greg Timmermans als Ben ist sehr glaubwürdig und überzeugend. Auch toll: die Musik (u.a. von Sigur Rós und dEUS).

Auf diese Weise schafft Regisseur Nic Balthazar einen Spagat: Ben X ist ein Film, den Pädagogen ohne Weiteres im Unterricht einsetzen können, der aber eben gerade nicht zu „pädagogisch“ wirkt, so dass er auch für „normale“ Zuschauer sehenswert bleibt. Sehr zu empfehlen.

 

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