Im Kino: Public Enemies

Michael Mann, Johnny Depp, Christian Bale und das Leben von John Dillinger, dem berühmten Bankräuber aus dem Chicago der 30er. Klingt eigentlich nach sehr guten Voraussetzungen. Und Public Enemies, das 140minütige Gangsterepos, ist auch kein richtig schlechter Film geworden — aber einer mit deutlichen Schwächen.

Kern der Geschichte ist ganz klar der Zweikampf zwischen dem Obergangster Dillinger, gesucht als Staatsfeind Nr. 1, und seinem Gegenspieler beim FBI (dessen Entstehungsgeschichte eng mit dem Fall Dillinger verknüpft ist), Melvin Purvis. Johnny Depp und Christian Bale verkörpern diese Widersacher mit strengem Blick und großer Kühle und Michael Mann inszeniert hier wieder mal ein Duell zweier Antagonisten, die sich vielleicht ähnlicher sind, als sie glauben — ein Thema, dass sich durch Manns Filmographie wie ein roter Faden zieht.

Besagter Kern des Films funktioniert dank reichlich Action und Spannung auch ziemlich gut. Schwieriger wird es beim Drumherum: Wo kommt dieser Dillinger her? Was treibt ihn an? Warum ist er das große Verbrechergenie? Was macht er besser als andere? Was war das Besondere an der Zeit der großen Depression? Warum wurde Dillinger von der Bevölkerung als eine Art Robin Hood verehrt? Wie funktionierten die tollen modernen Ermittlungsmethoden, die das FBI hier einsetzte? Alles Fragen, die der Film stellen und beantworten könnte, aber Mann scheint sich nicht sehr dafür zu interessieren. Die Charaktere im Film bleiben sehr unterkühlt, man kommt den Figuren nie wirklich nahe, so dass man sich als Zuschauer auch nicht so recht für sie interessiert. Am meisten Wärme bringt da noch Marion Cotillard als Dillingers Geliebte mit, aber das Drehbuch weiß mit ihr auch nicht viel anzufangen. Stattdessen immer wieder das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Dillinger und Purvis, Raubzüge, Gefängnisausbrüche. Und viel Geballer. Was mit der Zeit einfach ermüdend wirkt.

Ganz bei sich ist Mann vor allem bei den furios inszenierten (wenn auch zu lang und zu zahlreich geratenen) Schießereien — hier fällt besonders die Ästhetik auf, an der sich viele Kritiker auch sehr gestört haben. Public Enemies wurde mit HD-Videokameras gedreht. Statt majestätischem Cinemascope gibt es harte, direkte, wackelige In-your-Face-Bilder. Mir hat das gut gefallen, denn so entsteht eine enorme Unmittelbarkeit. Das museale, schinkenhafte, das viele Historienfilme mit sich bringen, als ob um die Kinoleinwand ein schwerer, kunstvoll verzierter Bilderrahmen hängen würde, fehlt hier komplett. Kein „Es war einmal“, sondern das sichere Gefühl, dass dieses „früher“, was wir hier sehen, einmal ein „heute“ war.

So ist Public Enemies also durchaus einigermaßen sehenswert, vor allem im Vergleich zum sonstigen Angebot größerer Hollywood-Produktionen in diesem Sommer. Durchweg zufrieden wird man am Ende aber eher nicht sein, dafür verschenkt Michael Mann einfach zu viele Chancen.

 

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