Gerhard Henschel: Gossenreport

Kein brandneues Buch, erschienen ist es bereits vor drei Jahren. Gerhard Henschel, der u.a. seit vielen Jahren als Autor für die Titanic tätig ist, hatte 2002 mit einem Artikel in der taz die „Diekmann-Penis-Affäre“ ausgelöst und seither immer wieder scharfe Polemiken gegen das Feindbild Bild-Zeitung veröffentlicht.

Eine davon hieß „Von Tag zu Tag wird’s schmutziger“ und bildet das erste Kapitel von Gossenreport. Was folgt, ist sozusagen die „extended version“, in der Henschel noch einmal alles ausführlich darlegt, was ihn an Bild anwidert. Der Text ist eine einzige, lange Suada (die Bild würde sagen: Wut-Rede), in der sich der Autor wortreich und in geschliffener Sprache auskotzt über die Praktiken der mächtigen Boulevardzeitung. Und er hat ja auch recht. Es ist beschämend, was das Fachblatt für Bigotterie, Intoleranz, Lügen und Demagogie Tag für Tag so veranstaltet.

Das meiste davon dürfte der Zielgruppe dieses Buches jedoch weithin bekannt sein, vor allem dann, wenn sie ab und zu Bildblog liest. Was Henschel ganz besonders am Herzen liegt, ist die Doppelmoral der Zeitung, die es schafft, dem Papst publizistisch Kränze zu flechten, in Kommentaren für konservative Werte einzutreten und sich gleichzeitig an Schmuddelgeschichten jeder Couleur zu waiden. Garniert mit einem Kleinanzeigenteil voller Inserate aus dem Rotlichtmilieu. Vor allem diese Kleinanzeigen zieht Henschel immer und immer wieder heran, um der Bild Doppelmoral und Heuchelei vorzuwerfen. Ein Vorwurf, der bei der x-ten Wiederholung dann doch sehr ermüdend wirkt, zumal diese Anzeigen ja mit den redaktionellen Inhalten der Zeitung eigentlich nichts zu tun haben. Irgendwann wundert man sich nur noch über die Ausdauer, mit der Henschel immer wieder aus den Kleinanzeigentexten zitiert und fragt sich, ob er das nicht auch ein bisschen genüsslich tut.

Von den im Untertitel angekündigten „Betriebsgeheimnissen der Bild-Zeitung“ ist im Buch leider viel zu wenig zu finden. Echte Blicke hinter die Kulissen finden praktisch nicht statt. Ehrenwert sind Henschels unermüdliche Fingerzeige gegen Prominente und Politiker aller Art, die sich nicht zu schade sind, mit Bild zu kooperieren. Sein eloquent vorgetragener Zorn liest sich gut, verliert sich aber spätestens nach der Hälfte des Buches in Redundanzen und Wiederholungen. Bei regelmäßiger Bildblog-Lektüre dürfte der Erkenntnisgewinn höher sein.

 

Ein Gedanke zu „Gerhard Henschel: Gossenreport

  1. Ich hatte das Buch nach noch nicht mal der Hälfte aus der Hand gelegt, weil mir die von Dir erwähnte Redundanz einfach nur noch auf den Keks ging. Selbst wenn man das Buch als eine Ansammlung von Kolummnen und Leitartikeln versteht, wird man bei der 10. Erwähnung der „Kleinanzeigen“ nur noch entnervt: „Ja, ich hab’s kapiert“ murmeln. Bei aller Sympathie für das Thema und den Autor: es ensteht der Eindruck, dass hier für die ohnehin bereits Bekehrten gepredigt wird und dass wirkt, wenn man nicht gerade von einem manischen BILD-Hass angetrieben wird, einfach nur ermüdend.

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