Der größte, teuerste, aufwendigste, am längsten in-the-making gewesene, Superlativ-verschlingendste Film des Jahres, achwo, des Jahrzehnts (mindestens)! So wurde Avatar angepriesen, unterstützt von einer seit etlichen Monaten laufenden Marketingmaschine. 12 Jahre hat James Cameron gewerkelt und getüftelt, bis Zeit und Technik reif waren für seine “Vision”. Die außerdem noch den Beweis antreten soll, dass 3D wirklich dieses ganz große Ding ist, dessen Klasse bisher immer nur behauptet wurde. Wenn ein Film mit soviel Pauken und Trompeten anrollt, kann man sich dem Werk kaum mehr unvoreingenommen nähern. Was ist es denn nun geworden? Ich würde sagen: zwei Filme. Ein guter und ein schlechter.

Avatar ist ein guter, ein sehr guter Film, wenn man Kino vor allem als Spektakel begreift, als Event, als Futter für die Augen. Cameron will eine fantastische Welt zum Leben erwecken, will Traumfabrikant sein und sein Publikum zum Staunen bringen, es mit seinen Bildern überwältigen. Das gelingt ihm vorzüglich, auf der visuellen Ebene ist der Film tatsächlich spektakulär. Real gefilmte Bilder verschmelzen mit CGI auf eine Weise, bei der man kaum mehr sagen kann, ob dies nun ein Spielfilm oder ein Animationsfilm ist. Augenfutter liefert der Film am laufenden Band, ob es nun Landschaftsaufnahmen, wilde Kreaturen oder fulminante Actionsequenzen sind. 3D wird effektiv eingesetzt, ohne penetrant zu wirken und trägt durchaus zur besonderen Atmosphäre bei, ist aber so dosiert, dass der Film auch in 2D nicht viel verlieren dürfte. Außerdem stimmt die Mischung: Science Fiction, Fantasy, große Gefühle, opulente Action. Für alle Zielgruppen etwas. Insofern ist der Film exzellente Unterhaltung und sollte gesehen werden, natürlich im Kino.

Versteht man Kino jedoch als ein Erzählmedium, das interessante, spannende, überraschende, ergreifende Geschichten erzählt, ist Avatar eine große Enttäuschung. Die Story spielt im Jahr 2154 auf dem Planeten Pandora, wo die Menschheit, die die Erde inzwischen restlos ausgebeutet hat, wertvolle Bodenschätze abbaut. Allerdings gibt es dort auch Eingeborene, die menschenähnlichen Na’vi, die im Einklang mit der Natur leben und ihren Grund und Boden nicht widerstandslos aufgeben. Die Na’vi und ihre Kultur werden von einem Wissenschaftlerteam, angeführt von Sigourney Weaver, erforscht. Dazu wurde das System der Avatare entwickelt: ein Mensch kann in eine genetisch erzeugte, künstliche Na’vi-Hülle schlüpfen und diese, in einer Art Sarg liegend, fernsteuern. Neu im Team ist Jake Sully (Sam Worthington), ein ehemaliger Marine, der im Rollstuhl sitzt. Er soll seinen verstorbenen Bruder ersetzen, doch seine Ex-Kollegen vom Militär wollen ihn eher als Undercover-Agenten für ihre Zwecke einsetzen.

Was folgt, ist weitgehend unoriginell und erinnert mehr als einmal an Der mit dem Wolf tanzt. Der Fremde wird von den Na’vi mit einer Mischung aus Neugier und Missgunst aufgenommen, lernt ihre Verhaltensweisen und wird mehr und mehr zu einem der ihren, verliebt sich in die schöne Häuptlingstochter, bis es schließlich zum unvermeidlichen Loyalitätskonflikt kommt und Jake Sully sich fragen muss, auf welcher Seite er denn steht. Die Sympathien sind dabei recht eindeutig verteilt: hier die edlen Wilden, die niemandem etwas zuleide tun, dort das skrupellose, gierige Duo aus Kapital und Militär. Dazwischen die Wissenschaftler, die es gut meinen, aber letztlich vom Geld der Fiesemöpps abhängig sind.

Nun ist es an sich nichts verwerfliches, altbekannte Geschichten zu erzählen, wenn man sie mit frischen Ideen, originellen Variationen oder interessanten Charakteren anreichern würde. Was hier aber nicht der Fall ist. Dafür, dass der Film antritt, das Kino fürs neue Jahrtausend zu definieren, ist Avatar erschreckend konventionell geraten. Die Handlung ist allzu vorhersehbar — wer mehr als eine Handvoll Bücher und Filme kennt, wird vieles vorausahnen und von kaum einer Wendung überrascht sein. Die Charaktere erfüllen klassische Rollenmuster und sind durchweg klischeereiche Abziehbilder: das gilt für die Guten wie für die Bösen und erst recht für die außerirdischen Na’vi, die alle seltsam anonym und eigenschaftslos bleiben.

Was das “World-Building” angeht, leistet Avatar auf den ersten Blick ganze Arbeit. Die Welt von Pandora ist bis ins Detail stimmig und realistisch und erwacht auf der Leinwand tatsächlich zum Leben. Doch genauer betrachtet ist das alles gar nicht allzu exotisch und fremdartig. Die Na’vi verhalten sich nicht nur wie Indianer, sie kleiden und schmücken sich auch genauso, haben die gleichen Waffen, einen alten Häuptling und einen weisen Medizinmann. Okay, sie sind blau und groß, haben sehr breite Nasen und die Ohren von Mr. Spock, aber ansonsten sehen sie aus wie Menschen, jedenfalls wie die heroinsüchtigen Magermodels unter ihnen. Sie denken und fühlen auch wie Menschen, sie sind heterosexuell und weinen, wenn jemand stirbt. Wirklich fremdartig, wirklich “alien” im wörtlichen Sinne ist hier nichts. Auch die Tierwelt von Pandora ist nicht allzu originell, vieles davon erinnert an Jurassic Park mit besserer Software. Wer begeistert die ach so wunderbaren und einfallsreichen Avatar-Kreaturen bejubelt, sollte vielleicht einfach mal Hellboy oder Pan’s Labyrinth gucken.

Dazu kommt noch der extrem aufdringliche Ethno-Kitsch und das furchtbare Esoterik-Gesäusel, unterstützt von entsprechender Musik. Klar, wenn Außerirdische ihre heiligen Rituale feiern, dann müssen wir das mit afrikanischen Stammestrommeln oder anderen exotischen Klängen aus dem World Music-Regal bei Wal-Mart unterlegen.

Bei all dem Aufwand, der für diesen Film getrieben wurde, ist es schon enttäuschend, dass man das Drehbuch wohl irgendwann aus den Augen verloren hat. Wie kann es sein, dass man sich hier zwar die Mühe gemacht hat, für die Sprache der Na’vi eine eigene Grammatik auszutüfteln, aber anscheinend kaum Herzblut in die Geschichte geflossen ist? Cameron erzählt eine uninspirierte Geschichte, die wohl nur solche Leute wirklich begeistern kann, die ihre Bude flächendeckend mit Traumfängern ausgestattet haben. Die Zukunft des Kinos? Hoffentlich nicht.

Abspann: Kaum erscheinen die ersten Titel-Einblendungen, hebt ein Mark-und-Bein-durchdringendes Gejaule an, dass offensichtlich mit dem Ziel angetreten ist, Celine Dions Titanic-Abspann-Song auf Platz 2 der größten Heuler aller Zeiten zu verweisen. Mission accomplished, Leona Lewis.