Archive for Januar, 2010

Im Netz: Allerhand Clips und Kurzfilme

Feiertag in Bayern. Saukalt draußen. Eine gute Gelegenheit, mal wieder eine Reihe von Kurzfilmen und Clips wegzugucken. Bei mir waren das heute nachmittag diese hier:

Cinema 2009 von Kees van Dijkhuizen

Sicher kein Geheimtipp mehr, wurde ja bereits überall herumgereicht. Ein wunderbar geschnittener Rückblick auf das (US-) Filmjahr 2009. Dijkhuizen ist allerdings nicht der Erfinder dieses Genres, sondern nur ein sehr guter Epigone. Vorreiter ist Matt Shapiro, der diese Form des Jahresrückblicks schon länger betreibt. Angefangen hat der 2006 mit 14 Jahren, und er wird immer besser. Sein 2009-Clip ist noch eine Spur eleganter als der von Dijkhuizen:

2009: The Cinescape von Matt Shapiro

Diese Clips sind wirklich gut zum mehrmals gucken. Während man beim ersten Mal vermutlich damit beschäftigt sein wird, möglichst viele Filme zu erkennen, kann man beim Nochmal-Schauen besser auf den Schnitt achten, und wie sich die einzelnen Ausschnitte zueinander und zur Musik verhalten. Freue mich schon auf die 2010er-Ausgaben.
(via filmtagebuch)

Alma von Rodrigo Blaas

Sehr schöner Animations-Kurzfilm eines Pixar-Mitarbeiters über ein Mädchen, das eine Puppe in einem Schaufenster entdeckt, die genau aussieht wie sie selbst. Zuerst recht niedlich, dann ganz schön unheimlich.
(via Butt-Kicking Babes)

snow-bo von Vera Brosgol und Jenn Kluska

Winterlicher Zeichentrickfilm, der, genau wie Alma, zuckersüß anfängt und dann ganz schön fies wird.
(via Spreeblick)

Flatlife von Jonas Geirnaert

Belgischer Zeichentrick von 2004: In einem vierfach geteilten Split-Screen blicken wir 10 Minuten auf das Geschehen in vier benachbarten Mietwohnungen. Sehr minimalistisch und sehr witzig.
(via the gaffer)

Pigeon: Impossible

Sehr nette Agentenfilmparodie mit Taube. Natülich nicht ganz so großartig animiert wie ein Pixar-Film, und auch nicht ganz so charmant, aber nahe dran. Für ein Freizeitprojekt sehr beachtlich.
(via Woohoomania)

J’attendrai le suivant von Philippe Orreindy (OmeU)

Ein Mann kommt in die U-Bahn und beginnt eine Ansprache. Es ist jedoch nicht die übliche Bettelnummer, sondern eine live gesprochene Kontaktanzeige. Schöner Kurzfilm mit einer feinen Pointe.
(via the gaffer)

Madame Tutli-Putli von Chris Lavis und Maciek Szczerbowski

Wunderschön animierter, sehr abgründiger Stop-Motion-Puppentrickfilm über die nächtliche Zugfahrt einer alleinstehenden Dame.
(via Filmtagebuch)

Sigg Jones von Douglas Lassance, Jonathan Vuillemin und Matthieu Bessudo

Rasante und ideenreiche, digital animierte Kampf-Action. Großer Spaß. Oder, mit den Worten der Macher: “A 3D urban tale with men and magic.”
(via Glaserei)

The Google Story vom Nick Scott Studio

Eine 2-minütige Sachgeschichte über die Firmenhistorie von Google. Großartig animiert und so vollgepackt mit Infos, dass man das Ding eigentlich in Zeitlupe gucken müsste.
(via Spreeblick)

Neues von der Sendung ohne Namen

Die österreichische Sendung ohne Namen, die ich 2006 zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt entdeckt hatte, nämlich kurz vor ihrer Einstellung, erscheint wieder ein bisschen auf der Bildfläche. Für eine Greenpeace-Aktion zum Klimaschutz schnipselten David Schalko und Fred Schreiber in bewährter Manier ein Video zusammen. Zwar mit mainstreamtauglicher moralischer Botschaft und nicht allzu subversiv, aber trotzdem mit dem typischen SoN-Touch: ca. 1 Schnitt pro Sekunde und eine fröhlich auf- und zuschnappende Text-Bild-Schere.

Und das Schöne ist: diesmal ist es auch im Internet zu sehen. Genau das ist nämlich das Problem bei Schalkos und Schreibers Beiträgen: Es ist wohl unmöglich, sich bei all den kleinen Einzelteilen urheberrechtlich entsprechend abzusichern, drum gibt es (offiziell) kein SoN-Material im Netz. Das ist wohl auch der Grund, dass in der Online-Ausgabe der schönen Show Willkommen Österreich (mit Stermann und Grissemann) regelmäßig ein Element fehlt: nämlich der obligatorische Einspieler vom Schneidetisch der Herren Schalko und Schreiber.

Hier nun aber der angekündigte Beitrag für Greenpeace:

(via Britische Sitcoms)

Meine Comics des Jahres

Drüben bei Comicgate stellen diverse Redakteure ihre persönlichen Top-Listen vor und blicken damit auf das Comicjahr 2009 zurück. Meine Top 5 sind auch dabei (bitte ganz nach unten scrollen), und ich freue mich sehr, dass darunter auch zwei deutschsprachige Eigenproduktionen sind, obwohl der hiesige Comicmarkt nach wie vor zu mindestens 90% aus ausländischer Lizenzware besteht. Meine Highlights sind diese hier, mehr dazu steht unter obigem Link.

Im Kino: Avatar (Avatar – Aufbruch nach Pandora)

Der größte, teuerste, aufwendigste, am längsten in-the-making gewesene, Superlativ-verschlingendste Film des Jahres, achwo, des Jahrzehnts (mindestens)! So wurde Avatar angepriesen, unterstützt von einer seit etlichen Monaten laufenden Marketingmaschine. 12 Jahre hat James Cameron gewerkelt und getüftelt, bis Zeit und Technik reif waren für seine “Vision”. Die außerdem noch den Beweis antreten soll, dass 3D wirklich dieses ganz große Ding ist, dessen Klasse bisher immer nur behauptet wurde. Wenn ein Film mit soviel Pauken und Trompeten anrollt, kann man sich dem Werk kaum mehr unvoreingenommen nähern. Was ist es denn nun geworden? Ich würde sagen: zwei Filme. Ein guter und ein schlechter.

Avatar ist ein guter, ein sehr guter Film, wenn man Kino vor allem als Spektakel begreift, als Event, als Futter für die Augen. Cameron will eine fantastische Welt zum Leben erwecken, will Traumfabrikant sein und sein Publikum zum Staunen bringen, es mit seinen Bildern überwältigen. Das gelingt ihm vorzüglich, auf der visuellen Ebene ist der Film tatsächlich spektakulär. Real gefilmte Bilder verschmelzen mit CGI auf eine Weise, bei der man kaum mehr sagen kann, ob dies nun ein Spielfilm oder ein Animationsfilm ist. Augenfutter liefert der Film am laufenden Band, ob es nun Landschaftsaufnahmen, wilde Kreaturen oder fulminante Actionsequenzen sind. 3D wird effektiv eingesetzt, ohne penetrant zu wirken und trägt durchaus zur besonderen Atmosphäre bei, ist aber so dosiert, dass der Film auch in 2D nicht viel verlieren dürfte. Außerdem stimmt die Mischung: Science Fiction, Fantasy, große Gefühle, opulente Action. Für alle Zielgruppen etwas. Insofern ist der Film exzellente Unterhaltung und sollte gesehen werden, natürlich im Kino.

Versteht man Kino jedoch als ein Erzählmedium, das interessante, spannende, überraschende, ergreifende Geschichten erzählt, ist Avatar eine große Enttäuschung. Die Story spielt im Jahr 2154 auf dem Planeten Pandora, wo die Menschheit, die die Erde inzwischen restlos ausgebeutet hat, wertvolle Bodenschätze abbaut. Allerdings gibt es dort auch Eingeborene, die menschenähnlichen Na’vi, die im Einklang mit der Natur leben und ihren Grund und Boden nicht widerstandslos aufgeben. Die Na’vi und ihre Kultur werden von einem Wissenschaftlerteam, angeführt von Sigourney Weaver, erforscht. Dazu wurde das System der Avatare entwickelt: ein Mensch kann in eine genetisch erzeugte, künstliche Na’vi-Hülle schlüpfen und diese, in einer Art Sarg liegend, fernsteuern. Neu im Team ist Jake Sully (Sam Worthington), ein ehemaliger Marine, der im Rollstuhl sitzt. Er soll seinen verstorbenen Bruder ersetzen, doch seine Ex-Kollegen vom Militär wollen ihn eher als Undercover-Agenten für ihre Zwecke einsetzen.

Was folgt, ist weitgehend unoriginell und erinnert mehr als einmal an Der mit dem Wolf tanzt. Der Fremde wird von den Na’vi mit einer Mischung aus Neugier und Missgunst aufgenommen, lernt ihre Verhaltensweisen und wird mehr und mehr zu einem der ihren, verliebt sich in die schöne Häuptlingstochter, bis es schließlich zum unvermeidlichen Loyalitätskonflikt kommt und Jake Sully sich fragen muss, auf welcher Seite er denn steht. Die Sympathien sind dabei recht eindeutig verteilt: hier die edlen Wilden, die niemandem etwas zuleide tun, dort das skrupellose, gierige Duo aus Kapital und Militär. Dazwischen die Wissenschaftler, die es gut meinen, aber letztlich vom Geld der Fiesemöpps abhängig sind.

Nun ist es an sich nichts verwerfliches, altbekannte Geschichten zu erzählen, wenn man sie mit frischen Ideen, originellen Variationen oder interessanten Charakteren anreichern würde. Was hier aber nicht der Fall ist. Dafür, dass der Film antritt, das Kino fürs neue Jahrtausend zu definieren, ist Avatar erschreckend konventionell geraten. Die Handlung ist allzu vorhersehbar — wer mehr als eine Handvoll Bücher und Filme kennt, wird vieles vorausahnen und von kaum einer Wendung überrascht sein. Die Charaktere erfüllen klassische Rollenmuster und sind durchweg klischeereiche Abziehbilder: das gilt für die Guten wie für die Bösen und erst recht für die außerirdischen Na’vi, die alle seltsam anonym und eigenschaftslos bleiben.

Was das “World-Building” angeht, leistet Avatar auf den ersten Blick ganze Arbeit. Die Welt von Pandora ist bis ins Detail stimmig und realistisch und erwacht auf der Leinwand tatsächlich zum Leben. Doch genauer betrachtet ist das alles gar nicht allzu exotisch und fremdartig. Die Na’vi verhalten sich nicht nur wie Indianer, sie kleiden und schmücken sich auch genauso, haben die gleichen Waffen, einen alten Häuptling und einen weisen Medizinmann. Okay, sie sind blau und groß, haben sehr breite Nasen und die Ohren von Mr. Spock, aber ansonsten sehen sie aus wie Menschen, jedenfalls wie die heroinsüchtigen Magermodels unter ihnen. Sie denken und fühlen auch wie Menschen, sie sind heterosexuell und weinen, wenn jemand stirbt. Wirklich fremdartig, wirklich “alien” im wörtlichen Sinne ist hier nichts. Auch die Tierwelt von Pandora ist nicht allzu originell, vieles davon erinnert an Jurassic Park mit besserer Software. Wer begeistert die ach so wunderbaren und einfallsreichen Avatar-Kreaturen bejubelt, sollte vielleicht einfach mal Hellboy oder Pan’s Labyrinth gucken.

Dazu kommt noch der extrem aufdringliche Ethno-Kitsch und das furchtbare Esoterik-Gesäusel, unterstützt von entsprechender Musik. Klar, wenn Außerirdische ihre heiligen Rituale feiern, dann müssen wir das mit afrikanischen Stammestrommeln oder anderen exotischen Klängen aus dem World Music-Regal bei Wal-Mart unterlegen.

Bei all dem Aufwand, der für diesen Film getrieben wurde, ist es schon enttäuschend, dass man das Drehbuch wohl irgendwann aus den Augen verloren hat. Wie kann es sein, dass man sich hier zwar die Mühe gemacht hat, für die Sprache der Na’vi eine eigene Grammatik auszutüfteln, aber anscheinend kaum Herzblut in die Geschichte geflossen ist? Cameron erzählt eine uninspirierte Geschichte, die wohl nur solche Leute wirklich begeistern kann, die ihre Bude flächendeckend mit Traumfängern ausgestattet haben. Die Zukunft des Kinos? Hoffentlich nicht.

Abspann: Kaum erscheinen die ersten Titel-Einblendungen, hebt ein Mark-und-Bein-durchdringendes Gejaule an, dass offensichtlich mit dem Ziel angetreten ist, Celine Dions Titanic-Abspann-Song auf Platz 2 der größten Heuler aller Zeiten zu verweisen. Mission accomplished, Leona Lewis.

Trailerschau für Filmstarts vom 31.12.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Casa de los Babys: Ein Film von 2003(!), der jetzt noch einen Minimal-Kino-Release bekommt, aber auch schon auf DVD erhältlich ist. Es geht um kinderlose Frauen, die in Südamerika auf die Zuteilung von Waisenkindern warten, die sie adoptieren dürfen. Gut besetzt (u.a. mit Daryl Hannah, Lili Taylor und Maggie Gyllenhaal) und vermutlich ein gelungener Kommentar zum Thema Adoptions-Tourismus.

Muss nicht sein:
La première étoile (Triff die Elisabeths!): Eine nicht allzu begüterte schwarze Familie macht Skiurlaub in den Bergen. Die französische Komödie war in ihrer Heimat ein Hit und scheint nicht ganz so platt und albern zu sein, wie man zunächst denken möchte, aber für mich ist das trotzdem nichts.

The Stepfather (Stepfather): Aus der immer länger werdenden Reihe “Unnötige, lieblos heruntergekurbelte Remakes von Horror-B-Movies der 70er und 80er Jahre”. Das Tomatometer schlägt auf 11% aus.

The Rebound (Lieber verliebt): RomCom mit Catherine Zeta-Jones, die sich in einen 15 Jahre jüngeren Mann verliebt. Schon schade, dass dieses High Concept im Jahr 2009 ausreicht, um einen Filmplot zu beschreiben. Lustig auch, dass Frau Zeta-Jones im echten Leben der umgekehrte Fall ist: Michael Douglas ist 25 Jahre älter als sie. Und dass der Film erstmal in Drittweltländern wie Kasachstan, Belgien, Thailand und Deutschland gestartet wird, bevor er in den USA und England läuft, spricht auch nicht grade für ein Meisterwerk.