Too big to fail.

Im Kino: A Serious Man

Montag, 29.03.2010

Der neue Coen-Film beginnt unerwartet: Eine Szene in einem jüdischen Schtetl, in jiddischer Sprache, die vor gut 100 Jahren spielt und sich um jüdische Mythen dreht, ohne dass sich ein direkter Bezug zur eigentlichen Handlung des Films erkennen ließe. Die spielt im Jahr 1967 und dreht sich um Larry Gopnik, einen Hochschullehrer, der mit seiner Familie in einer frisch angelegten, seelenlosen Vorstadtsiedlung lebt. Eigentlich läuft alles ganz okay, Larry könnte bald verbeamtet werden, der Junior hat bald seine Bar-Mitzwa — aber plötzlich beginnt eine Kette von Ereignissen, für die das Wort “Pechsträhne” viel zu harmlos klingt. Die Kinder machen Ärger, die Gattin will die Scheidung, der eh schon schwierige Bruder bereitet Probleme, bei der Verbeamtung gibt es Schwierigkeiten — Larry trifft ein Schicksalsschlag nach dem anderen, so dass er in seiner Verzweiflung Rat bei verschiedenen Rabbis sucht.

Mit diesem Film über den gebeutelten Juden Larry ist den Coen-Brüdern einer ihrer besten Filme seit langer Zeit gelungen. Selten war Tragik so komisch wie hier, und das liegt vor allem daran, dass die Coens Meister der Inszenierung sind: Jede Szene wird mit viel Ruhe ausgebreitet, jede Kleinigkeit ist wichtig. Jede noch so kleine Nebenfigur ist detailliert gezeichnet, immer karikierend überspitzt und exzellent gespielt von einem fast völlig unbekannten Darstellerensemble. Dadurch entsteht eine Absurdität, die teilweise sehr nah an The Big Lebowski ist, obwohl die beiden Filme ansonsten sehr unterschiedlich sind (einigen Lebowski-Fans würde ich A Serious Man eher nicht empfehlen).

A Serious Man bietet hervorragende Einzelszenen, die lange im Gedächtnis haften bleiben. Man denke nur an den großartig inszenierten Moment, in dem Larry, auf dem Dach seines Hauses stehend, die sich sonnende Nachbarin erspäht (die offensichtlichste von mehreren Bibelreferenzen: “Als David einmal zur Abendzeit von seinem Lager aufstand und auf dem Flachdach des Königspalastes hin- und herging, sah er von dort aus eine Frau, die badete. Die Frau war sehr schön anzusehen.” [2. Buch Samuel, Kap.11, Vers 2]). Zuerst wirken die Episoden ein bisschen wie ein Flickenteppich, doch am Ende ergibt sich ein dramaturgisches Ganzes, dessen Krönung der fulminante Schluss des Films ist, ein Schluss, der so überraschend kommt und so viele Fragen offen lässt, dass er beim Zuschauer zunächst ein erstauntes “WTF?” auslöst, aber umso länger nachhallt und letzlich perfekt zur Geschichte passt. Denn auch Larry Gopnik wird nicht den großen Sinn im Leben finden, die Antwort auf alle Fragen bekommen, die können ihm auch die Rabbis nicht geben. Wieso sollte es also dem Zuschauer anders gehen? Eigentlich steckt die Antwort ja bereits in der Texttafel, die ganz am Anfang eingeblendet wird: “Receive with simplicity everything that happens to you,”

Von den neun Filmen, die ich im ersten Quartal 2010 im Kino gesehen habe, eindeutig der beste.

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Trailerschau für Filmstarts vom 25.3.

Donnerstag, 25.03.2010

Im Kino sehen:
Schwerkraft: Der Sieger des Max-Ophüls-Preises 2010: Ein frustrierter Banker wechselt die Seiten und geht bei einem Gangster (Jürgen Vogel) in die Lehre. Der Mix aus Buddymovie und Gesellschaftskritik kommt sehr gut an bei der Kritik: es gebe zwar einige Klischees, die aber durch schwarzen Humor, tolle Darsteller, Charme und gute Inszenierung ausgeglichen würden. Hört sich doch gut an.

Auf die DVD warten:
How to Train Your Dragon (Drachenzähmen leicht gemacht): Neues Animationsspektakel aus dem Hause Dreamworks, natürlich in 3D. Die Story klingt extrem unoriginell: Junger Wikinger soll Drachen töten, wird stattdessen zum Drachenbezähmer und zum besten Freund eines jungen Drachen. Und klar, wir lernen, dass die vermeintlichen Bestien so schlimm gar nicht sind. Die Umsetzung scheint hier allerdings recht gut geklappt zu haben, und das Drehbuch-Regie-Duo Dean DeBlois und Chris Sanders konnte mit Lilo & Stich vor ein paar Jahren schonmal sehr überzeugen. Wird bestimmt kein Klassiker wie viele Pixar-Filme, aber solide Familienunterhaltung ist ja auch schon was. 95% auf dem Tomatometer.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Beeswax: Mal wieder einer dieser Mini-Releases mit einer Kopie. Ich werde diese Filme in Zukunft wohl weglassen. Hey, es heißt Deutschland-Start, nicht Berlin-Start! Hier mache ich nochmal eine Ausnahme, denn dieses Low-Budget-Mumblecore-Stück schmeckt angenehm nach gutem amerikanischem Indie-Kino.

Precious: Based on the Novel Push by Sapphire (Precious - Das Leben ist kostbar): Der Agent, der den Deal für die Buchverfilmung gemacht hat, muss ein ausgebufftes Schlitzohr sein. Oder gab’s das schonmal, dass Originaltitel und Autorin als Bestandteil des Filmtitels genannt werden müssen? So lief das zumindest bei all den Preisverleihungen, bei denen Precious mitmischte (u.a. ein Oscar für Mo’nique als beste Nebendarstellerin). Es geht um harte Themen: Kindesmissbrauch, Teenagerschwangerschaft, soziale Verwahrlosung. In den USA gab es neben viel Lob auch vereinzelte Rassismusvorwürfe, weil der Film ein falsches und einseitiges Bild der schwarzen Community vermittle. Bestimmt nicht uninteressant, mich persönlich reizt sowas allerdings nicht besonders.

Remember Me: Mich könnte man ja eher mit der weiblichen Hauptrolle ködern: die spielt Emilie de Ravin, die wir als Claire aus Lost kennen. Doch der Star hier heißt Robert Pattinson: der Schnuckelvampir aus Twilight, der bei euren Cousinen an der Kinderzimmerwand hängt, kann auch seriös. Romantisch soll es hier zwar auch werden, aber vor einer harten Alltagsrealität. Die Kritiken sind durchwachsen und warnen vor einem doofen Plot-Twist am Ende.

Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen: Religionsdoku über die Grabeskirche in Jerusalem, die alle möglichen Glaubensrichtungen als ihr Heiligtum ansehen. Kommt passend zur Osterzeit ins Kino und bringt sicher die wenig überraschende Botschaft mit, dass sich die Religionen gefälligst vertragen sollen. Stimmt ja auch.

Muss nicht sein:
Zum dritten Pol: Doku über die jüdische Bergsteigerfamilie Dyhrenfurth und ihre Himalaya-Expeditionen. Mit, wenn der Trailer nicht täuscht, nachgestellten Szenen, igitt!

From Paris with Love: Actiongedöns aus der Produktionsschmiede von Luc Besson, der anscheinend auch alle Ambitionen verloren hat, nochmal einen guten Film zu machen. Wer wirklich mal John Travolta mit Glatze oder Geballer und Verfolgungsjagden in Paris sehen möchte, liegt hier richtig.

The Blind Side (Blind Side - Die große Chance): Sandra Bullocks Oscar-würdige Performance als weiße Upper-Class-Mutter, die sich um einen unterprivilegierten schwarzen Jungen kümmert, der später Profi-Fottballspieler wird. “Based on a true story”, das auch noch. Arg klebrig und viel zu sehr im seichten Sozialkitschgewässer planschend.

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Mittwochsauflösung zum Freitagstexter

Mittwoch, 24.03.2010

Letzten Freitag bat ich im Rahmen des Freitagstexter-Spiels um originelle Bildunterschriften zu diesem Foto:

Etliche Teilnehmer mühten sich mehr oder weniger inspririert mit den naheliegenden Worten “Rohr” oder “Röhren” ab. Seien wir ehrlich, die Ergebnisse dieser Bemühungen waren nicht gerade umwerfend.

Viel besser gefiel mir da schon
“Den Zusatzantrieb durch aufgesattelte Patriot-Raketen hätte Andy Green wohl lieber auf den Bonneville Salt Flats ausprobieren sollen.” (Ulf)
oder
“Herzlich Willkommen zur Vorberichterstattung der XXL-Mikado-Meisterschaft.” (donvanone)

Mein klarer Favorit aber ist dieser Beitrag:
“Er hatte seine Schwiegermutter ursprünglich nicht mit in die Stadt nehmen wollen, aber sie hatte einfach die Beifahrertür geöffnet, sich hingesetzt und ihn angeranzt, endlich loszufahren.”
Erzählt eine kleine Geschichte, lässt im Kopf sofort ein paar neue Bilder entstehen und ist obendrein ein bisschen boshaft. Sehr schön.

Der Pokal geht damit an Kiki und die nächste Runde des Freitagstexters findet dann auf e13.de statt, einem Blog, das ich sowieso jedem ans Herz lege (den Golf-Content kann man ja ignorieren ;-))

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Freitagstexter

Freitag, 19.03.2010

Letzte Woche hat Freund Totontli in seinem Blog das Freitagstexter-Spiel ausgetragen. Ich habe gewonnen, und darum läuft die nächste Runde hier. Ziel des Spiels ist, das untenstehende Foto mit einem möglichst originellen Begleittext zu versehen. Einsendeschluss ist Mittwoch, 12 Uhr. Dann wird eine einköpfige Fachjury (bestehend aus mir) in einer langen Gremiensitzung den nächsten Sieger küren. Und in dessen Blog geht’s dann weiter (es wäre also ganz praktisch, ein Blog zu haben, aber teilnehmen kann man auch ohne). Das (momentan nicht ganz aktuelle) Archiv aller Freitagstexter seit 2007 steht hier.


(Zum Vergrößern aufs Bild klicken. Quelle: Gravestone)

Und jetzt her mit den Captions!

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Trailerschau für Filmstarts vom 18.3.

Donnerstag, 18.03.2010

Auf die DVD warten:
Green Zone: Man kann nicht Green Zone sagen, ohne Bourne-Trilogie zu sagen, schließlich sind hier Regisseur (Paul Greengrass) und Hauptdarsteller (Matt Damon), die gleichen. Auch die Ästhetik (Stichwort: Wackelkamera) scheint recht ähnlich zu sein. Diesmal basiert die Story jedoch auf Tatsachen: Damon spielt einen Offizier, der im Irak die berühmten WMD (Weapons Of Mass Destruction) finden soll. Nur dass es die eben nicht gab, und Damon anschließend die Hintergründe aufklären will. Das Pendel zwischen ernsthaftem Politthriller und Kriegs-Actionfilm schlägt wohl eher in Richtung des letzteren aus. Roger Ebert vergibt volle 5 4 Sterne und schreibt: “This is one hell of a thriller.”

Vielleicht mal im Fernsehen:
Mensch Kotschie: Leicht tragische Komödie um einen Midlife-kriselnden Aussteiger. Scheint einer der eher gelungenen deutschen Filme zu sein; der Trailer erinnert mich ein bisschen an Schultze Gets The Blues.

DeUsynlige (Troubled Water): Norwegisches Drama um Schuld, Sühne, Vergebung und Vergeltung. Thomas war als Jugendlicher Schuld am Tod eines Kindes und kommt nach einer Haftstrafe als Organist in eine Kirchengemeinde, wo er sich in die Pfarrerin verliebt. Die Mutter des toten Kindes sieht das gar nicht gerne. Mir persönlich ist da zuviel religiöse Symbolik im Spiel, die Kritiker loben jedoch die tollen Schauspieler und die geschickte Inszenierung.

Das ganze Leben liegt vor Dir (Tutta la vita davanti): Junge Frau landet nach dem Philosophiestudium in einem Call-Center. Der italienische Film ist laut Martin Schwickert vom Tagesspiegel “eine wilde Mixtur aus Kapitalismuskritik, burlesker Verwicklungskomödie, schrillen Musical- und Telenovela-Elementen und unaufdringlicher Lebensweisheit”. Könnte Spaß machen.

Muss nicht sein:
Die 4. Revolution - Energy Autonomy: Dokumentation mit Message: Der Energiebedarf der Erde könnte, sagt Carl-A. Fechner, komplett von regenarativen Quellen gedeckt werden. Wir müssten nur wollen. Das Anliegen mag richtig sein, doch letztlich ist das wohl nicht mehr als ein schöner PR-Film für alternative Energie.

Everybody’s Fine: Remake des italienischen Films Stanno tutti bene (Allen geht’s gut) von 1990. In der US-Version spielt Robert de Niro einen Rentner, der nach dem Tod seiner Frau der Reihe nach seine lange vernachlässigten Kinder besucht und sie zu Weihnachten einladen will. Klingt nach schlimmem Familienrührstück, hat aber immerhin einige respektable Schauspieler (Sam Rockwell!) zu bieten. Wenn aber der Film ebenso lieblos zusammengeschustert ist wie das Filmplakat, dann ist das nix.

Tanzträume - Jugendliche tanzen Kontakthof von Pina Bausch: Der Titel klingt wie Satire, isses aber nicht. Hier wird wieder mal das Erfolgsrezept von Rhythm Is It! angewandt: Bringe Kinder zur Hochkultur, filme sie dabei und zeige das Ergebnis dann wieder einem hochkultur-affinen Publikum.

The Tooth Fairy (Zahnfee auf Bewährung): Die “Zahnfee”. Auch so ein Phänomen, das ich nicht verstehe, denn als ich klein war, gab’s das noch nicht. Ist aber mittlerweile wohl von den USA zu uns herübergeschwappt. Und mit ihm diese alberne Familienkomödie, in der Schauspielerdarsteller The Rock einen Eishockeyspieler gibt, der wider Willen als Zahnfee arbeiten muss. Das wirklich Schlimme daran: Stephen Merchant spielt mit! Hat er das wirklich nötig?

Legion: Heißer Anwärter für den Titel der Gurke des Jahres: Ein Endzeit-Horrorfilm mit Engeln! Und Erzengeln! Also quasi wie Dogma, nur in doof und unlustig.

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Voll, der Feed

Samstag, 13.03.2010

Diejenigen, die dieses Blog per RSS-Feed-Abo verfolgen, haben es vielleicht schon bemerkt: Ab sofort gibt es hier einen Full Feed, der die kompletten Beiträge enthält. Das wollte ich schon seit langer Zeit einmal machen, gemeinsam mit einer kompletten Überarbeitung des Blogs. Weil aber dieser Relaunch sicher noch längere Zeit in der Prokrastinationsschleife hängen wird, habe ich die Änderung vorgezogen. Warum?

  • Weil ich als Leser selbst sehr gerne komplette Feeds habe
  • Weil ich wirklich nicht auf möglichst viele Klicks aus bin
  • Weil mir Zugriffsstatistiken inzwischen längst nicht mehr so wichtig sind wie am Anfang
  • Weil Kiki recht hat
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Trailerschau für Filmstarts vom 11.3.

Freitag, 12.03.2010

Im Kino sehen:
Un prophète (Ein Prophet): Gewinner des Grand Prix von Cannes, Abräumer bei den Césars und BAFTAs, bei den Oscars nominiert, aber leer ausgegangen. Das französische Drama um einen Mann, der vom Knast-Neuling zum Premium-Gangster aufsteigt, wird fast überall sehr gelobt (“Universal acclaim”). Tobias Kniebe zieht Parallelen zu Scarface und Der Pate. Ziemlich harter Stoff, zweieinhalb Stunden lang, könnte sich lohnen.

Auf die DVD warten:
Anvil! The Story of Anvil (Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft): Doku über eine kanadische Metal-Band aus den 80ern, die mal kurz am Erfolg riechen durfte, diesen aber nie erreicht hat. Heute sind die Jungs über 50, Familienväter, spielen aber immer noch. Eine Geschichte über die unglamourösen Seiten des Rock-Business, dabei aber sehr menschlich und warmherzig. Das Tomatometer kommt auf fabulöse 98%.

Ajami: Trat für Israel bei den Oscars an, handelt vom Nahostkonflikt und ist ein Paradebeispiel für Aussöhnung: Das Autoren-Regisseurs-Duo besteht aus einem Juden und einem Palästinenser. Der Film ist jedoch kein süßliches Versöhnungsdrama, sondern ein spannender Episodenthriller mit dokumentarischem Einschlag.

Die Fremde: Sibel Kekili (Gegen die Wand) soll ganz großartig sein in diesem Film. Es geht um eine junge türkische Frau, die aus einer unglücklichen Zwangsehe mit ihrem Kind nach Deutschland flieht, um dort ein freieres Leben führen zu können. Ein bisschen riecht das nach Thesenpapier zum Thema Ehrenmorde, soll aber weitgehend gelungen sein. Die Kritik ist sich uneins: Peter Praschl (SZ-Magazin) findet den Film “beängstigend gut. Er fuchtelt nicht, er empört sich nicht, er will nicht überzeugen noch urteilen; er zeigt.” Robert Weixlbaumer (tip) meint dagegen: “Dieser ungenaue Film illustriert mit den besten Intentionen doch nur Sarrazin-Klischees.”

Vielleicht mal im Fernsehen:
Ágora (Agora - Die Säulen des Himmels): Aufwändiges Sandalen-Spektakel von Alejandro Amenábar (The Others, Daas Meer in mir), das im Jahr 319 in Alexandria spielt, welches von radikalen Religionskriegern erobert wird, die Zauselbärte tragen und jede Toleranz ablehnen. Damals waren das Christen statt Muslime, aber die Parallelen zur Jetztzeit sind sicher kein Zufall. Wer Historienfilme mag, könnte hier einen passablen Vertreter des Genres erwischen.

Parkour: ist eine coole Action-Sportart, die sich auf der Leinwand ziemlich toll umsetzen lässt. Ob das auch für einen Film reicht, der um die Actionszenen ein Twentysomething-Charakterdrama herumstrickt, kann man in dem Debüt des Jungregisseurs Marc Rensing sehen.

Muss nicht sein:
Edge of Darkness (Auftrag Rache): Mel Gibson steht nach längerer Pause wieder vor der Kamera und spielt (mal wieder) einen Mann auf Rachemission, nachdem seine Tochter von bösen Industriellen ermordet wurde. Der Film basiert auf einer britischen Miniserie aus den 80ern. Regie damals wie heute: Martin Campbell, der inzwischen als Bond-Regisseur größere Bekanntheit erlangt hat. Ein vermutlich halbwegs solider Thriller, der mich aber nicht die Bohne interessiert.

Jerry Cotton: Nach Winnetou und Edgar Wallace ist nun die nächste Erfolgsfilmreihe aus Nachkriegsdeutschland an der Reihe, die in verwitzelter Form an Zuschauer gebracht wird, deren Humorzentrum von Fun-Freitagen konditioniert wurde. Besetzt mit einer namhaften deutschen Filmstarriege inklusive Christian Ulmen, den ich ja eigentlich mag, der hier aber auf den Spuren von Mike Myers ganz fürchterlich herumclownt.

Case 39 (Fall 39): B-Movie-Horror mit der ollen Renee Zellweger, Untergenre “Böse Kinder”. Der deutsche Regisseur Christian Alvart hatte neulich mit Pandorum schon nicht viel Glück, hier wird’s wohl auch nicht viel anders laufen.

Extraordinary Measures (Ausnahmesituation): Zwei Kinder haben seltene tödliche Krankheit. Heldenhafter Vater kämpft aufopferungsvoll gegen böse Pharma-Industrie, genialer Wissenschaftler hilft. Klebrig-amerikanisches Gesülze mit Harrison Ford und Brendan Fraser. Ekelhaft.

Teufelskicker: Alte Filmmarkt-Weisheit: “Was funktioniert, wird kopiert”. Also auch Kinderaction mit Fußball! Wie Wilde Kerle, nur mit neuen Kindern und schön multi-ethnisch zusammengestellt wie die United Colours of Benetton, inklusive Quotenmädchen. Dazu noch ein paar Kunststückchen, die im Schneideraum von Shaolin Soccer auf den Boden gefallen sind. Uärgs.

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Heute abend: Schwammerlfußball

Dienstag, 09.03.2010

Hab ich es nicht geahnt, damals?



Trailerschau für Filmstarts vom 4.3.

Sonntag, 07.03.2010

Im Kino sehen:
Alice in Wonderland (Alice im Wunderland): Tim Burton könnte auch die AGB von T-Mobile verfilmen, ich würd’s mir ansehen. Sein neuer Film ist ein Big-Budget-3D-Spektakel, das den Kinderbuchklassiker von Lewis Carroll nicht direkt adaptiert, sondern fortschreibt. Mit Einschränkungen sehr gelungen und sehenswert, siehe meine Filmkritik.

The Men who stare at Goats (Männer, die auf Ziegen starren): Lose basierend auf einem Sachbuch geht es hier um eine geheime Spezialeinheit der US-Army, die sich in esoterischen Psi-Praktiken übt. Top besetzt mit Jeff Bridges, George Clooney, Kevon Spacey und Ewan McGregor. Wenn der Film humormäßig hält, was der Trailer verspricht, freue ich mich sehr darauf.

Auf die DVD warten:
Crazy Heart: Nochmal Jeff Bridges, und dazu noch die bezaubernde Maggie Gyllenhall. Es geht um einen abgehalfterten, saufenden Ex-Country-Star, der noch einmal ein Comeback angeht, weshalb der Film öfter mit The Wrestler verglichen wird. Bridges wird sich für diesen Film am Sonntag seinen Oscar abholen. Die Story scheint mit den Schauspielerleistungen nicht ganz mithalten zu können und Country ist jetzt auch nicht so mein Ding. Für einen guten DVD-Abend sollte das aber allemal ausreichen.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Der Räuber: Basierend auf der wahren Geschichte von “Pumpgun-Ronnie”, der zwei Lieblingsbeschäftigungen hatte: Marathonlaufen und Banken ausrauben. Von Benjamin Heisenberg im Stil der “Berliner Schule” umgesetzt als sehr nüchternes und kühles Drama über einen Getriebenen, der nicht anders kann. Einer der wenigen Filme auf der letzten Berlinale, die fast einhellig gelobt wurden, z.B. von Lukas Foerster beim Perlentaucher. Sicher ein bisschen sperrig, aber bestimmt sehenswert.

Boxhagener Platz: Der “Berliner Heimatfilm” spielt 1968 in Ost-Berlin, im Mittelpunkt stehen ein 12-jähriger Junge und seine Oma. Die komische Milieustudie wird von der Kritik überwiegend gelobt, vor allem auch deshlab, weil sie ohne nervige Ostalgie auskommt.

Pink Taxi: In Moskau gibt es ein Taxiunternehmen, dessen Fahrezuge rosa angestrichen sind, alle Fahrer sind weiblich, und die Passagiere meistens auch. Der Dokumentarfilmer Uli Gaulke porträtiert Chauffeurinnen und Fahrgäste.

Muss nicht sein:
Hier kommt Lola!: Ordentliches Kinderkino für Mädchen, basierend auf einer erfolgreichen Buchreihe. Zum Glück weit weg von rosaroter Lillifee-Niedlichkeit: “Kotzkacke blöde, fett fischig stinkende, furzfiese Kuh!” Hätte ich kleine Nichten, würd ich mit ihnen reingehen.

Henri 4: Deutsch-französischer Historienschinken von Jo Baier nach dem Romanzweiteiler von Heinrich Mann (der auch in anderer Schnittfassung als TV-Mehrteiler kommen wird). Es geht um König Henri IV von Frankreich, der sich um ein vernünftiges Miteinander von Katholiken und Protestanten verdient gemacht hat. Der Film scheint einen gehörigen Trash-/Camp-Faktor zu haben, was manche Kritiker durchaus toll finden, andere gar nicht. Rüdiger Suchsland meint: “Ein billig wirkender, langatmiger, in vielem hundsmiserabler Film, und eine Verschwendung von Fördergeld, wie man sie lange nicht erlebt hat.”

Zwischen Himmel und Erde - Anthroposophie heute: Schweizer Doku über die Follower von Rudolf Steiner, die sieben Einzelpersonen beobachtet und zu Wort kommen lässt, darunter immerhin auch einen Ex-Anthroposophen, der die Bewegung heute kritisiert.

Engel mit schmutzigen Flügeln: Ein recht eigenartiges Ding: unabhängig finanzierte deutsche Indie-Produktion um drei Frauen, die ein ungezügeltes Leben mit viel Motorrad und Sex führen wollen. Der Berliner Tip bezeichnet den Film als “populär-esoterischen Sexploitation-Essay”. Würde vermutlich keinen Menschen interessieren, wenn Bild hier keinen Pseudo-Skandal angezettelt hätte.



Im Kino: Alice in Wonderland (Alice im Wunderland)

Donnerstag, 04.03.2010

DISNEYs Alice in Wonderland steht groß auf den Plakaten, und in 3D kommt er daher. Man könnte also befürchten, dass hier ein grellbuntes Popcornspektakel für Kinder auf dem Programm steht und man nicht viel davon merkt, wer Regie geführt hat: Tim Burton nämlich, der bekanntlich für eher düster-morbide Stoffe steht. Die Furcht ist allerdings unbegründet: zwar geht seine Alice durchaus als Popcornspektakel durch, aber Burton hat deutlich seine Fußabdrücke hinterlassen.

Schon in den Büchern von Lewis Carroll ist das Wunderland keine rosarote Heitidei-Welt, sondern hat seine verstörenden und erschreckenden Seiten. Diese hebt Burton nun hervor, was zur Folge hat, dass der Film für sehr kleine Kinder eher nicht geeignet ist (die FSK-Freigabe “ab 12″ finde ich trotzdem überraschend — genauere Infos für Eltern gibt’s bei der britischen BBFC, die ein PG-Certificate vergeben hat). Alice in Wonderland ist keine direkte Adaption der beiden bald 150 Jahre alten, x-mal verfilmten Bücher von Lewis Carroll, sondern eine Fortschreibung, die den Konventionen des modernen Fantasyfilms folgt und trotzdem den Geist der Carroll’schen Vorlage bewahrt.

Die Titelheldin ist hier kein kleines Mädchen mehr, sondern eine 19jährige junge Frau, die gerade einen öffentlichen Heiratsantrag von einem schnöseligen Adligen bekommt. Aus der peinlichen Situation flieht sie, indem sie dem berühmten weißen Kaninchen in seinen Bau folgt. Von nun an sind wir in Underland, wo Alice schon sehnlichst erwartet wird. Nur ganz dunkel kann sie sich erinnern, schon einmal hier gewesen zu sein. Aber eigentlich dachte sie, das sei nur im Traum gewesen (und als kleines Mädchen hatte sie offenbar den Namen “Underland” falsch verstanden). Es sieht nicht gut aus in Underland: die Rote Königin (fantastisch gemimt von Helena Bonham-Carter) hat eine Schreckensherrschaft errichtet, unterdrückt und terrorisiert ihr Volk, auch mit Hilfe des schrecklichen Monsters Jabberwocky. Alice sei auserwählt, so sagt man ihr, mit Hilfe eines magischen Schwertes das Monster zu besiegen und das Volk zu befreien.

Hier sind wir auf ganz und gar klassischem Fantasy-Terrain: Der Held, bzw. die Heldin, der es vorbestimmt ist, das Böse zu besiegen, nachdem ein magischer Gegenstand gefunden und von A nach B gebracht worden ist. Dieser allzu vorhersehbare Standardplot, der in ein etwas seelenloses Finale mündet, ist die größte Schwäche des Films. Bei Carroll ist davon nichts zu lesen: seine Bücher haben kein klares Gut-gegen-Böse-Schema und folgen keinem stringenten Handlungsfaden, sondern springen scheinbar willkürlich von Szene zu Szene. Das wollten die mächtigen Hollywood-Bosse dann wohl doch nicht. Ansonsten aber blieb bei dieser sauteuren Produktion erfreulich viel Burton- und Carroll-Geschmack übrig. Wohlbekannte Figuren wie die Cheshire-Katze, das Raupentier, Tweedledee und Tweedledum und natürlich der verrückte Hutmacher, von Johnny Depp mit viel Freude am Overacting verkörpert, sorgen für die richtige Atmosphäre, es gibt reichlich skurrilen Humor und immer wieder schöne Anspielungen auf das Original. Die englische Fassung (die ich hiermit jedem sehr ans Herz lege) ist mit wunderbaren Sprechern für die digital animierten Fabelwesen besetzt: der Bass von Alan Rickman und die schmeichlerische Stimme von Stephan Fry als Grinsekatze sind herrlich anzuhören.

Auch optisch kann sich Alice in Wonderland sehen lassen. Underland und seine Bewohner sind größtenteils am Rechner entstanden und animiert und fügen sich stilistisch gut ins Gesamtwerk von Tim Burton ein. Die Verschmelzung von Real- und Animationsfilm erreicht dabei fast Avatar’sche Qualitäten. 3D ist hier, wie eigentlich immer, ein nettes Zusatzfeature, das aber nicht unbedingt sein muss. Es ist klar, dass dieses High-Tech-Design nicht den Charme entfaltet, den z.B. Burtons Stop-Motion-Film Corpse Bride auszeichnet. Das ist schade, aber alles in allem macht Alice in Wonderland viel zu viel Spaß, um sich darüber lange zu grämen. Down the rabbit hole!


 
 
 












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