Im Kino: Alice in Wonderland (Alice im Wunderland)

DISNEYs Alice in Wonderland steht groß auf den Plakaten, und in 3D kommt er daher. Man könnte also befürchten, dass hier ein grellbuntes Popcornspektakel für Kinder auf dem Programm steht und man nicht viel davon merkt, wer Regie geführt hat: Tim Burton nämlich, der bekanntlich für eher düster-morbide Stoffe steht. Die Furcht ist allerdings unbegründet: zwar geht seine Alice durchaus als Popcornspektakel durch, aber Burton hat deutlich seine Fußabdrücke hinterlassen.

Schon in den Büchern von Lewis Carroll ist das Wunderland keine rosarote Heitidei-Welt, sondern hat seine verstörenden und erschreckenden Seiten. Diese hebt Burton nun hervor, was zur Folge hat, dass der Film für sehr kleine Kinder eher nicht geeignet ist (die FSK-Freigabe „ab 12“ finde ich trotzdem überraschend — genauere Infos für Eltern gibt’s bei der britischen BBFC, die ein PG-Certificate vergeben hat). Alice in Wonderland ist keine direkte Adaption der beiden bald 150 Jahre alten, x-mal verfilmten Bücher von Lewis Carroll, sondern eine Fortschreibung, die den Konventionen des modernen Fantasyfilms folgt und trotzdem den Geist der Carroll’schen Vorlage bewahrt.

Die Titelheldin ist hier kein kleines Mädchen mehr, sondern eine 19jährige junge Frau, die gerade einen öffentlichen Heiratsantrag von einem schnöseligen Adligen bekommt. Aus der peinlichen Situation flieht sie, indem sie dem berühmten weißen Kaninchen in seinen Bau folgt. Von nun an sind wir in Underland, wo Alice schon sehnlichst erwartet wird. Nur ganz dunkel kann sie sich erinnern, schon einmal hier gewesen zu sein. Aber eigentlich dachte sie, das sei nur im Traum gewesen (und als kleines Mädchen hatte sie offenbar den Namen „Underland“ falsch verstanden). Es sieht nicht gut aus in Underland: die Rote Königin (fantastisch gemimt von Helena Bonham-Carter) hat eine Schreckensherrschaft errichtet, unterdrückt und terrorisiert ihr Volk, auch mit Hilfe des schrecklichen Monsters Jabberwocky. Alice sei auserwählt, so sagt man ihr, mit Hilfe eines magischen Schwertes das Monster zu besiegen und das Volk zu befreien.

Hier sind wir auf ganz und gar klassischem Fantasy-Terrain: Der Held, bzw. die Heldin, der es vorbestimmt ist, das Böse zu besiegen, nachdem ein magischer Gegenstand gefunden und von A nach B gebracht worden ist. Dieser allzu vorhersehbare Standardplot, der in ein etwas seelenloses Finale mündet, ist die größte Schwäche des Films. Bei Carroll ist davon nichts zu lesen: seine Bücher haben kein klares Gut-gegen-Böse-Schema und folgen keinem stringenten Handlungsfaden, sondern springen scheinbar willkürlich von Szene zu Szene. Das wollten die mächtigen Hollywood-Bosse dann wohl doch nicht. Ansonsten aber blieb bei dieser sauteuren Produktion erfreulich viel Burton- und Carroll-Geschmack übrig. Wohlbekannte Figuren wie die Cheshire-Katze, das Raupentier, Tweedledee und Tweedledum und natürlich der verrückte Hutmacher, von Johnny Depp mit viel Freude am Overacting verkörpert, sorgen für die richtige Atmosphäre, es gibt reichlich skurrilen Humor und immer wieder schöne Anspielungen auf das Original. Die englische Fassung (die ich hiermit jedem sehr ans Herz lege) ist mit wunderbaren Sprechern für die digital animierten Fabelwesen besetzt: der Bass von Alan Rickman und die schmeichlerische Stimme von Stephan Fry als Grinsekatze sind herrlich anzuhören.

Auch optisch kann sich Alice in Wonderland sehen lassen. Underland und seine Bewohner sind größtenteils am Rechner entstanden und animiert und fügen sich stilistisch gut ins Gesamtwerk von Tim Burton ein. Die Verschmelzung von Real- und Animationsfilm erreicht dabei fast Avatar’sche Qualitäten. 3D ist hier, wie eigentlich immer, ein nettes Zusatzfeature, das aber nicht unbedingt sein muss. Es ist klar, dass dieses High-Tech-Design nicht den Charme entfaltet, den z.B. Burtons Stop-Motion-Film Corpse Bride auszeichnet. Das ist schade, aber alles in allem macht Alice in Wonderland viel zu viel Spaß, um sich darüber lange zu grämen. Down the rabbit hole!