Im Kino: A Serious Man

Der neue Coen-Film beginnt unerwartet: Eine Szene in einem jüdischen Schtetl, in jiddischer Sprache, die vor gut 100 Jahren spielt und sich um jüdische Mythen dreht, ohne dass sich ein direkter Bezug zur eigentlichen Handlung des Films erkennen ließe. Die spielt im Jahr 1967 und dreht sich um Larry Gopnik, einen Hochschullehrer, der mit seiner Familie in einer frisch angelegten, seelenlosen Vorstadtsiedlung lebt. Eigentlich läuft alles ganz okay, Larry könnte bald verbeamtet werden, der Junior hat bald seine Bar-Mitzwa — aber plötzlich beginnt eine Kette von Ereignissen, für die das Wort „Pechsträhne“ viel zu harmlos klingt. Die Kinder machen Ärger, die Gattin will die Scheidung, der eh schon schwierige Bruder bereitet Probleme, bei der Verbeamtung gibt es Schwierigkeiten — Larry trifft ein Schicksalsschlag nach dem anderen, so dass er in seiner Verzweiflung Rat bei verschiedenen Rabbis sucht.

Mit diesem Film über den gebeutelten Juden Larry ist den Coen-Brüdern einer ihrer besten Filme seit langer Zeit gelungen. Selten war Tragik so komisch wie hier, und das liegt vor allem daran, dass die Coens Meister der Inszenierung sind: Jede Szene wird mit viel Ruhe ausgebreitet, jede Kleinigkeit ist wichtig. Jede noch so kleine Nebenfigur ist detailliert gezeichnet, immer karikierend überspitzt und exzellent gespielt von einem fast völlig unbekannten Darstellerensemble. Dadurch entsteht eine Absurdität, die teilweise sehr nah an The Big Lebowski ist, obwohl die beiden Filme ansonsten sehr unterschiedlich sind (einigen Lebowski-Fans würde ich A Serious Man eher nicht empfehlen).

A Serious Man bietet hervorragende Einzelszenen, die lange im Gedächtnis haften bleiben. Man denke nur an den großartig inszenierten Moment, in dem Larry, auf dem Dach seines Hauses stehend, die sich sonnende Nachbarin erspäht (die offensichtlichste von mehreren Bibelreferenzen: „Als David einmal zur Abendzeit von seinem Lager aufstand und auf dem Flachdach des Königspalastes hin- und herging, sah er von dort aus eine Frau, die badete. Die Frau war sehr schön anzusehen.“ [2. Buch Samuel, Kap.11, Vers 2]). Zuerst wirken die Episoden ein bisschen wie ein Flickenteppich, doch am Ende ergibt sich ein dramaturgisches Ganzes, dessen Krönung der fulminante Schluss des Films ist, ein Schluss, der so überraschend kommt und so viele Fragen offen lässt, dass er beim Zuschauer zunächst ein erstauntes „WTF?“ auslöst, aber umso länger nachhallt und letzlich perfekt zur Geschichte passt. Denn auch Larry Gopnik wird nicht den großen Sinn im Leben finden, die Antwort auf alle Fragen bekommen, die können ihm auch die Rabbis nicht geben. Wieso sollte es also dem Zuschauer anders gehen? Eigentlich steckt die Antwort ja bereits in der Texttafel, die ganz am Anfang eingeblendet wird: „Receive with simplicity everything that happens to you,“

Von den neun Filmen, die ich im ersten Quartal 2010 im Kino gesehen habe, eindeutig der beste.

 

2 Gedanken zu „Im Kino: A Serious Man

  1. Deiner Begeisterung kann ich mich ohne weiteres anschließen — A SERIOUS MAN ist der beste Film, den ich seit NO COUNTRY FOR OLD MEN gesehen habe.

    Was den Schluss angeht, muss ich aber widersprechen. Das Geniale daran fand ich, dass er eben keine Fragen mehr offenlässt, sondern auf einen Schlag deutlich macht, worum’s die ganze Zeit ging.

  2. Da ist durchaus was dran. Für mich passt der Schluss ja perfekt zu der Geschichte mit den Zähnen, die der zweite Rabbi erzählt. An deren Ende sitzt Larry fragend da und der Rabbi sagt „We can’t know everything.“ Passt auch ganz gut zum Film.

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