Archive for Juni, 2010

Trailerschau für Filmstarts vom 24.6.

Das gab es lange nicht: Nur zwei Filme in dieser Woche, die mit mehr als einer Kopie in den deutschen Kinos anlaufen. Es bleibt also ruhig in den Lichtspielhäusern — nicht jedoch in München, wo morgen das Filmfest beginnt. Leider bin ich berufsbedingt die ganze nächste Woche auswärts, so dass das Festival für mich komplett ausfallen muss (und zur Vermeidung größeren Frusts habe ich auch gleich auf die Lektüre des Programmhefts verzichtet). Die regulären Filmstarts dieser Woche:

Auf die DVD warten:
Easy Virtue (Easy Virtue – Eine unmoralische Ehefrau): Engländer heiratet junge, wilde Amerikanerin und stellt sie anschließend seiner traditionell geprägten Familie vor. Harmlose Familenkomödie, lustiger Culture-Clash, nichts neues. (Basiert übrigens auf einem Bühnenstück von Noël Coward, das schonmal als Stummfilm von Alfred Hitchcock inszeniert wurde). Gewinnt aber erheblichen Charme durch Britishness, feine Besetzung (Colin Firth, Kristin Scott Thomas) und die Tatsache, dass das ganze in den 20er Jahren spielt. Könnte ein sehr hübscher Sonntagnachmittagsfilm sein.

Muss nicht sein:
Altiplano: Jasmin Tabatabai als traumatisierte Witwe, die in den Anden den Eingeborenen beim Widerstandleisten gegen fiese Industrielle hilft. Deutsche Produktion, in Peru gedreht, etwas für Leute, die sich von solchen Texten angesprochen fühlen: “Altiplano ist ein lyrischer und eindrucksvoller Film wie aus einer anderen Sphäre, der bildgewaltig die einzigartige Atmosphäre und Kraft der peruanischen Hochebene einfängt.” Ist vermutlich sogar noch schlimmer als diese Selbstauskunft klingt. Ekkehard Knörer schreibt im Perlentaucher von einem Film mit zwei Seiten: “Brutales Message-Kino zum einen, brutaler Spiritualismus zum anderen.”

Im Netz: Referees at Work (Die Schiedsrichter)

Ein Dokumentarfilm von Yves Hinant, der mehrere Schiedsrichter während der EM 2008 in Österreich und der Schweiz beobachtet. Referees at Work zeigt Spitzenfußball aus einer Perspektive, die man sonst eigentlich nie wahrnimmt: aus dem Blickwinkel der Schiedsrichter. Wie ist es, vor tausenden von Zuschauern im Stadion ein Match zu leiten, das Spiel im Griff zu behalten, ohne es unnötig zu beeinflussen? Unter welchem Druck steht man als Schiedsrichter? Wie hält ein Dreierteam (Schiri plus Linienrichter) zusammen? Sind die einzelnen Schiedsrichterteams eher Kollegen oder eher Konkurrenten?

Man lernt so einiges in diesem Film: Ziemlich einzigartig sind die Tonaufnahmen während der Spielausschnitte, auf denen zu hören ist, wie die Schiedsrichter-Teams über ihre Headsets kommunizieren. Hier ist viel von der enormen Anspannung zu spüren, die auf den Männern liegt. Am Ende des Spiels, das ist einem als “normaler” Fußball-Zuschauer nie bewusst, gehen auch die Schiedsrichter mit dem Gefühl vom Platz, gewonnen oder verloren, vielleicht auch mal unentschieden gespielt zu haben. Und bei einem Turnier wie der Europameisterschaft geht es auch bei den Schiris ums Weiterkommen oder Ausscheiden. Nur einer kommt ins Finale, alle anderen fliegen raus. So stehen also auch die Schiedsrichter in einem sportlichen Wettbewerb, nur auf einer anderen Ebene.

Hat man dies verstanden, versteht man auch die zunächst sehr skurril anmutenden Szenen, in denen man Freunde und Verwandte der Protagonisten sieht. Die sehen sich interessiert die Spiele an, fiebern mit wie echte Fans, stehen aber nicht hinter einem der beiden Teams, sondern auf der Seite des Schiedsrichtergespanns. Es gibt hier herrliche Bilder zu sehen: der überaus stolze Vater, selbst Hobbyschiedsrichter, der im Stadion seinen pfeifenden Sohn anfeuert; die italienischen Frauen, die am Fernseher ihren rot-gelbe Fähnchen haltenden Ehemänner zujubeln; der nahe Verwandte, der nach dem Turnier ein signiertes Original-Schiri-Trikot geschenkt bekommt und voller Stolz kundgibt, man möge ihn bitte in diesem Hemd beerdigen.

Ein Schwerpunkt des Films liegt auf dem Engländer Howard Webb, der mit einer Entscheidung für Aufsehen sorgte: Er gab im Spiel Österreich gegen Polen einen umstrittenen Elfmeter in der Nachspielzeit, der zum Ausgleich für Österreich führte. Die polnische Nation hatte ein neues Feindbild, Webb bekam Morddrohungen, seine Familie hatte Angst um ihn und er um sie. Der Film zeigt diese Momente sehr eindringlich, behält aber auch hier seinen sehr nüchternen Stil bei, ohne die Ereignisse zum großen Drama hochzustilisieren.

Die Kamera bleibt stets in der reinen Beobachterposition, es gibt weder Off-Kommentar noch direkte Zitate in die Kamera, keine Einblendungen, keine Musik. So kann sich der Zuschauer wie ein unsichtbarer Spion fühlen, der an Szenen teilhaben kann, die sonst hinter verschlossenen Türen stattfinden. Das gilt besonders für die Szenen direkt vor und nach den Spielen in der Umkleidekabine.

Durch die konsequente Konzentration auf die Schiedsrichter und ihr direktes Umfeld (kein einziger Spieler oder Trainer kommt zu Wort) gelingt es dem Film, Sympathien und Anerkennung für jene Akteure zu schaffen, die normalerweise nur dann gelobt werden, wenn sie nicht auffallen, und ansonsten Ziel von Attacken jeder Art sind (natürlich auch wieder bei dieser WM). In einigen Momenten lässt er aber auch die besondere Atmosphäre jenes verschworenen Männerbundes erkennen, wenn die Schiedsrichter in ihren Zirkeln unter sich sind. Man bekommt dann eine leise Ahnung davon, wie es zu so eigenartigen Phänomenen wie der Amerell-Affäre kommen kann.

Ein äußerst sehenswerter Film, der vor allem durch seinen ungewohnten Blickwinkel auf ein Spiel besticht, von dem man glaubt, es sei bereits rundum ausgeleuchtet und bis ins kleinste Detail erforscht.

Der Film wird gesponsort vom Videoportal myVideo, wo er auch in voller Länge und in akzeptabler Qualität mit deutschen Untertiteln verfügbar ist. Referees at Work auf myvideo.de

Trailerschau für Filmstarts vom 17.6.

Die Fußball-WM läuft, und wir bekommen eine weitere Woche ohne sonderlich relevante oder interessante Neustarts.

Auf die DVD warten:
Five Minutes of Heaven: Liam Neeson spielt einen altgewordenen Protestanten, der im Nordirland-Bürgerkrieg als Teenager einen Katholiken ermordet hat. Nun soll er nach dem Absitzen seiner Haftstrafe den Bruder des Opfers zu einem öffentlichen Aussöhnungsgespräch im Fernsehen treffen. Regie führt der deutsche Regisseur Oliver Hirschbiegel, der mit dem Untergang gleichermaßen Erfolg und Prügel einsammelte. Für diesen Film erfährt er vor allem viel Lob.

Vielleicht mal im Fernsehen:
La Nana (La Nana – Die Perle): Die Titelgebende “Perle” ist ein altgedientes Hausmädchen in einem reichen chilenischen Haushalt, das sich Laufe der Jahre allerdings vom Engel zum Drachen entwickelt hat. Als die Familie ein zweites Hausmädchen einstellt, wird’s erst recht schwierig. Bestimmt nicht jedermanns Tasse Tee, aber durch sein unverbrauchtes Thema und seine Portion Humor durchaus interessant.

Die Stille der Unschuld – Der Künstler Gottfried Helnwein: Eines der vielen Künstlerporträts, die immer wieder im Kino auftauchen, obwohl sie wohl eher fürs Fernsehen geschaffen sind.

Muss nicht sein:
Amelia: Pathosgeladenes Biopic über die Fliegerlegende Amelia Earheart. Startet in Deutschland trotz relativ bekannter Namen (Regie: Mira Nair, Hauptrollen: Hilary Swank, Richard Gere, Ewan McGregor) nur auf sehr kleiner Flamme (sieben Kopien). Mit einem Tomatometer-Ranking von 20% wird das wohl genau richtig sein.

When in Rome (When in Rome – Fünf Männer sind vier zuviel): Schön, dass Kristen Bell nach ihrem Serienruhm mit Veronica Mars jetzt Kinohauptrollen bekommt. Nicht schön, dass es in einer gehirnfreien RomCom geschieht, die sich von den umpfzigtausend anderen RomComs vor allem dadurch unterscheidet, dass sie in Rom (Ha! ROM-Com! Get the pun?) spielt und dem Zuschauer damit auch noch die volle Ladung Rom- und Italien-Klischees ins Gesicht wirft. Grazie, no.

Hanni & Nanni: Ach du Scheiße. Das Grauen in Rosa. Hat alles, was am kommerziellen deutschen Kinderkino hassenswert ist. Inklusive Gaststars aus der Glotze (Pocher) und anerkannte Schauspieler, die meinen, wenn Sie für Kinder spielen, müssen sie hemmungsloses Overacting betreiben (von Borsody, Elsner).

Trailerschau für Filmstarts vom 10.6.

Musste letzte Woche wegen Comic-Salon leider nochmal pausieren und bin dieses Mal auch schon wieder spät dran. Aber was solls, diese Woche sind es WM-bedingt zum Glück nur sehr wenige Neustarts.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Cindy liebt mich nicht: Beim ersten Gucken des Trailers konnte ich mich gar nicht auf den Inhalt konzentrieren, weil ich den Song (Daliah Lavis 1971er-Schlager “Willst du mit mir gehn”) aus irgendeinem Grund so toll finde. Der Film ist eine deutsche Dreiecks-Geschichte, die angenehm leicht, aber nicht blöd daherkommt. Zwei Männer, die die gleiche Frau lieben, müssen sich zusammentun, weil eben jene Frau sich plötzlich nicht mehr meldet. Für einen Fernsehabend vielleicht mal das richtige.

Mammoth (Mammut): Familiendrama mit großen Ambitionen: ein scheinbar perfektes Vater-Mutter-Kind-plus-Kindermädchen-Idyll geht kaputt, weil der Vater ungewollt eine Kettenreaktion auslöst, die sich über den halben Erdball entspannt. Das erinnert an Inárritus Babel, aber die Kritiken lesen sich durchweg so, als sei Regisseur Lukas Moodysson an seinem eigenen, zu hohen Anspruch gescheitert. Ein paar Stichworte: “kitschige Verlogenheit”, “plakativ”, “Sozial-Schmonzette”, “Binsenwahrheit”, “überfrachtetes Drehbuch”, “Global-Soap”. Schade eigentlich, denn grundsätzlich sieht der Film sehr interessant aus.

Swinki (Ich, Tomek): Polnisches Drama über die Blitzkarriere des jungen Tomek vom Schulbub über Strichjunge zum Zuhälter. Harter Sozialrealismus, an dem die Rezensenten vor allem den Hauptdarsteller Filip Garbacz loben.

Muss nicht sein:
My Name is Khan: Au weia, hier will jemand ganz viel auf einmal. Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan spielt einen indischen, muslimischen Autisten in den USA, der nach dem 11. September unter Terrorverdacht gerät und nicht nur seine Haut, sondern auch seine große Liebesbeziehung retten muss. Inszeniert mit einer Menge Pathos, und in den deutschen Kinos von knapp drei auf gute zwei Stunden zusammengekürzt. Ganz sicher nichts für mich.

Marcello Marcello: Nostalgische Rom-Com aus Italien, die in Italien spielt, aber aus deutsch-schweizerischer Produktion stammt. Mit der geballtesten Ladung an Südeuropa-Kitsch, die man sich nur vorstellen kann. Das mag vielleicht nicht mal uncharmant sein, kommt im Trailer aber derart kalkuliert und klischeehaft daher (allein schon diese märchenonkelige Off-Stimme!), dass ich kotzen möchte.

Titelfindungskommission gescheitert

Der argentinische Film El secreto de sus ojos von Juan José Campanella gewann im Frühjahr den Auslands-Oscar und kommt im Oktober auch in Deutschland ins Kino.

Aus diesem Anlass beauftragte der deutsche Verleih eine PR-Agentur mit einer kleinen Aktion unter Bloggern, die aufgefordert wurden, Vorschläge für einen deutschen Verleihtitel zu machen und dann auch gleich über die Vorschläge der anderen Teilnehmer abzustimmen. Na gut, dachte ich, ich gehöre ja auch zu denen, die immer über missratene deutsche Titel lästern, probierst du’s mal selber.

Eine besonders lustige oder aufregende Aktion ist daraus leider nicht geworden, was vielleicht einfach am Film liegt, über den man recht wenig weiß und der inhaltlich nicht zu originellen Höhenflügen bei der Titelfindung einlädt. Am Ende gab es 21 Vorschläge von acht Bloggern, mir selber wollte nur einer einfallen. Beim Voting stimmte eine Mehrheit für den Vorschlag Die Schuld im Gestern, einen Titel, der mich eher überhaupt nicht ins Kino locken könnte.

So ist es vielleicht nicht die schlechteste Idee vom Verleih, keinen der 21 Vorschläge zu übernehmen, sondern sich auf die naheliegende Idee zu verlassen, eng am Titel zu bleiben und den Film In ihren Augen zu nennen.

Man könnte also resümieren, dass die ganze Aktion relativ sinnlos war, wenn der Verleih schließlich doch seine eigene Idee umsetzt. Wobei es bei der Sache sicher nicht primär um die Titelfindung ging, sondern um ein halbwegs originelles Bekanntmachen des Films und seines Titels. Wenn alle Teilnehmer es machen wie ich und von der Aktion in ihren Blogs berichten, gibt es immerhin ein bisschen Öffentlichkeit, womit Verleih und Agentur ihr Ziel womöglich schon erreicht haben.

Wie auch immer; zumindest ein Titelvorschlag war dabei, der mich sehr amüsierte. Weill er schlicht alles zusammenfasst, was man als Uninformierter über den Film weiß, und weil er auch ganz schön auf den Punkt bringt, wie fruchtlos solche PR-Aktionen am Ende meistens sind: Ein unbekannter Argentinier, der in L.A. das WEISSE BAND zerschnitt.