Im Netz: Referees at Work (Die Schiedsrichter)

Ein Dokumentarfilm von Yves Hinant, der mehrere Schiedsrichter während der EM 2008 in Österreich und der Schweiz beobachtet. Referees at Work zeigt Spitzenfußball aus einer Perspektive, die man sonst eigentlich nie wahrnimmt: aus dem Blickwinkel der Schiedsrichter. Wie ist es, vor tausenden von Zuschauern im Stadion ein Match zu leiten, das Spiel im Griff zu behalten, ohne es unnötig zu beeinflussen? Unter welchem Druck steht man als Schiedsrichter? Wie hält ein Dreierteam (Schiri plus Linienrichter) zusammen? Sind die einzelnen Schiedsrichterteams eher Kollegen oder eher Konkurrenten?

Man lernt so einiges in diesem Film: Ziemlich einzigartig sind die Tonaufnahmen während der Spielausschnitte, auf denen zu hören ist, wie die Schiedsrichter-Teams über ihre Headsets kommunizieren. Hier ist viel von der enormen Anspannung zu spüren, die auf den Männern liegt. Am Ende des Spiels, das ist einem als „normaler“ Fußball-Zuschauer nie bewusst, gehen auch die Schiedsrichter mit dem Gefühl vom Platz, gewonnen oder verloren, vielleicht auch mal unentschieden gespielt zu haben. Und bei einem Turnier wie der Europameisterschaft geht es auch bei den Schiris ums Weiterkommen oder Ausscheiden. Nur einer kommt ins Finale, alle anderen fliegen raus. So stehen also auch die Schiedsrichter in einem sportlichen Wettbewerb, nur auf einer anderen Ebene.

Hat man dies verstanden, versteht man auch die zunächst sehr skurril anmutenden Szenen, in denen man Freunde und Verwandte der Protagonisten sieht. Die sehen sich interessiert die Spiele an, fiebern mit wie echte Fans, stehen aber nicht hinter einem der beiden Teams, sondern auf der Seite des Schiedsrichtergespanns. Es gibt hier herrliche Bilder zu sehen: der überaus stolze Vater, selbst Hobbyschiedsrichter, der im Stadion seinen pfeifenden Sohn anfeuert; die italienischen Frauen, die am Fernseher ihren rot-gelbe Fähnchen haltenden Ehemänner zujubeln; der nahe Verwandte, der nach dem Turnier ein signiertes Original-Schiri-Trikot geschenkt bekommt und voller Stolz kundgibt, man möge ihn bitte in diesem Hemd beerdigen.

Ein Schwerpunkt des Films liegt auf dem Engländer Howard Webb, der mit einer Entscheidung für Aufsehen sorgte: Er gab im Spiel Österreich gegen Polen einen umstrittenen Elfmeter in der Nachspielzeit, der zum Ausgleich für Österreich führte. Die polnische Nation hatte ein neues Feindbild, Webb bekam Morddrohungen, seine Familie hatte Angst um ihn und er um sie. Der Film zeigt diese Momente sehr eindringlich, behält aber auch hier seinen sehr nüchternen Stil bei, ohne die Ereignisse zum großen Drama hochzustilisieren.

Die Kamera bleibt stets in der reinen Beobachterposition, es gibt weder Off-Kommentar noch direkte Zitate in die Kamera, keine Einblendungen, keine Musik. So kann sich der Zuschauer wie ein unsichtbarer Spion fühlen, der an Szenen teilhaben kann, die sonst hinter verschlossenen Türen stattfinden. Das gilt besonders für die Szenen direkt vor und nach den Spielen in der Umkleidekabine.

Durch die konsequente Konzentration auf die Schiedsrichter und ihr direktes Umfeld (kein einziger Spieler oder Trainer kommt zu Wort) gelingt es dem Film, Sympathien und Anerkennung für jene Akteure zu schaffen, die normalerweise nur dann gelobt werden, wenn sie nicht auffallen, und ansonsten Ziel von Attacken jeder Art sind (natürlich auch wieder bei dieser WM). In einigen Momenten lässt er aber auch die besondere Atmosphäre jenes verschworenen Männerbundes erkennen, wenn die Schiedsrichter in ihren Zirkeln unter sich sind. Man bekommt dann eine leise Ahnung davon, wie es zu so eigenartigen Phänomenen wie der Amerell-Affäre kommen kann.

Ein äußerst sehenswerter Film, der vor allem durch seinen ungewohnten Blickwinkel auf ein Spiel besticht, von dem man glaubt, es sei bereits rundum ausgeleuchtet und bis ins kleinste Detail erforscht.

Der Film wird gesponsort vom Videoportal myVideo, wo er auch in voller Länge und in akzeptabler Qualität mit deutschen Untertiteln verfügbar ist. Referees at Work auf myvideo.de

 

4 Gedanken zu „Im Netz: Referees at Work (Die Schiedsrichter)

  1. Und der Film hat auch noch ein paar Zitate, die es in gewissen Kreisen in den alltäglichen Scherzsprachgebrauch schaffen könnten:
    „Don’t make signal!“
    „There’s a storm in the city“ etc.
    etc.

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