Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat sich in ihrer aktuellen Ausgabe die Arbeit der FSK angesehen, die Selbstkontroll-Instanz der Filmwirtschaft, die seit 61 Jahren für die Altersfreigaben von Filmen zuständig ist. Offenbar hat ein Teil der Redaktion vor kurzem einen Film mit der Freigabe “ab 12″ gesehen und ist erschrocken, weil er die Freigabe für unangemessen hält. Daraus strickte man nun einen extrem tendenziösen Themenschwerpunkt (Aufmacher auf Seite 1 plus 3 Seiten im Innenteil), der in der reißerischen Überschrift “Das FSK-12-Siegel ist jugendgefährdend” gipfelt.

Im Hauptartikel “FSK 12 – Nichts für Kinder” behauptet Autorin Florentine Fritzen:

Wer heute in Deutschland einen Film auf den Markt bringt, für den er sich eine Altersfreigabe von zwölf Jahren an, das grüne Zeichen “FSK 12″, erhofft, beantragt eine Freigabe ab sechs, um genau das zu bekommen, was er haben wollte.

Einen Beleg oder eine Quelle für diese These bleibt sie schuldig, stattdessen schreibt sie:

Die unzähligen brutalen oder obszönen Szenen und Sprüche, die sich in den FSK-12-Filmen finden, sind allerdings auch für Jugendliche ab 14 ungeeignet und schädlich – weil sie überwältigen, ängstigen, schockieren, verletzen.

Sagt wer? Hat wer untersucht? Wurde an welcher Stelle belegt?

Wenn Fritzen die FSK-Chefin Christiane von Wahlert mit dem Satz zitiert, Kinder und Jugendliche seien heute in ihrer Entwicklung weiter und könnten daher mehr sehen und einordnen als früher, wird dieses Argument abgebügelt mit dem Satz

Kein Wunder, gibt doch ihre Organisation diese Filme frei.

Argumente der FSK zählen also grundätzlich nicht. Immerhin lässt Frau Fritzen in ihrem Text auch die Prüfer zu Wort kommen, berichtet von der schwierigen Einstufung und den nicht sehr glücklichen Alterssprüngen (0 – 6 – 12 – 16 – 18) und erwähnt auch, dass die FSK-Einstufungen keine pädagogischen Altersempfehlungen sind. Einen wesentlich groberen Keil schlägt dagegen ihr Kollege Volker Zastrow. In seinem Text berichtet er

… von unserer Expedition in die Abgründe des Jugendschutzes, von all den miesen, fiesen, grauenhaften Filmszenen, der Fäkal- und Gossensprache, die unsere Freiwilligen Selbstkontrolleure Kindern und Jugendlichen zumuten.

und versteht auch was von Erotik:

Erotik zurückhaltend und feinfühlig, wie etwa in dem Film „Die Geisha“, darzustellen: So etwas beherrschen Regisseure offenbar durchweg nicht mehr, sie können nur Rammelsex.

Eine erstaunliche Wortwahl, die man sonst eher aus Zeitungen mit deutlich größeren Buchstaben kennt.

Um die selbst aufgestellten Behauptungen zu belegen, hat sich die FAS-Redaktion 100 Filme mit FSK12-Freigabe ausgesucht und 46 davon auf eine “rote Liste” gestellt: “Diese Filme sind nichts für Zwölfjährige”. Das mag bei vielen dieser Filme sogar stimmen, aber es gibt zwei Punkte, die mich bei dieser Vorgehensweise massiv stören:

  1. Wider besseres Wissen tut die Redaktion so, als seien FSK-Freigaben echte Altersempfehlungen, als würde die FSK jeden Film, den sie “ab 12″ freigibt, gleichzeitig jedem Zwölfjährigen ans Herz legen, oder als seien alle Filme ab 12 extra für Zwölfjährige gemacht.
  2. Fast schon genüsslich werden bei den 46 Filmen, die laut FAS falsch eingestuft sind, Gewalt- und Sexszenen referiert, völlig unabhängig vom Kontext. Dabei ist genau das die Aufgabe der FSK: Einen Film als Ganzes beurteilen, nicht einzelne Szenen. Eine Altersfreigabe erstellt man eben nicht mal schnell dadurch, dass man Schüsse, Leichen oder Schimpfworte zählt. Es macht einen Unterschied, wer wann mit welcher Motivation und mit welchen Folgen in einem Film handelt. Die FAS dagegen interessiert das nicht, sie zählt einfach auf, reißt Szenen aus dem Kontext, so dass die Beschreibung von z.B. Sex and the City tatsächlich alles andere als jugendfrei klingt:

    Sexszenen mit Großaufnahme vom Kopf der Hauptdarstellerin, Stöhnen, einer Männerhand an Brust und Vagina einer Frau, die mit Sushi bedeckt auf ihren Liebhaber wartet. Zahlreiche Gespräche über Sex.

Interessantes Detail am Rande: In dem 12-köpfigen Gremium der FAS, das diese Urteile gefällt hat, befindet sich nicht ein einziger Filmkritiker. Hätten die das Ergebnis vielleicht in eine unerwünschte Richtung verändert?

Das Ärgerliche an dieser Herangehensweise ist nicht, dass hier die Institution FSK und ihre Einstufungspraxis in Frage gestellt wird – denn diese ist durchaus diskussionswürdig (ebenso wie das Vorgehen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien – ich empfehle dazu die Telepolis-Serie von Hans Schmid). Die FAS hätte hier die Chance gehabt, Eltern und anderen Erziehungsberechtigten klar zu machen, dass ein FSK-Siegel keine Altersempfehlung darstellt und dass sie, wenn sie die Eignung eines Filmes für ihre Kinder prüfen wollen, auch andere Quellen einbeziehen müssen. Stattdessen versteckt man diesen sinnvollen Kern hinter der grob vereinfachenden Zuspitzung, dass fast alle FSK-12-Filme ganz schlimmen Schweinkram, Blut und Gewalt enthalten. So entfacht man keine sachliche Debatte, sondern betreibt stumpfes Agendasetting. Leider auch noch eines, das funktioniert. Und damit meine ich nicht die üblichen Kommentar-Schreiber, die unter den FAS-Artikeln fröhlich “Schund” schreien und Zensurmaßnahmen fordern. Nein, schon am folgenden Tag konnte die Werktags-FAZ stolz eine Reihe von Politikern zitieren, die dankbar auf das Thema aufsprangen (vermutlich, ohne auch nur einen einzigen der 100 Filme gesehen zu haben) und schärfere, strengere FSK-Regeln forderten.

Wir sind mittendrin im konservativen Backlash, der gerne wieder zurück in übersichtliche Biedermeierzeiten möchte und gerade recht gut in Schwung zu sein scheint (siehe auch das Buch von Freifrau zu Guttenberg).

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Ein Blogbeitrag von mir zu einem ähnlichen Thema: Keinohrhasen und die FSK