Im TV: Mary Poppins

Normalerweise mache ich das ja nie: beim Zappen bei einem Spielfilm hängenbleiben und diesen dann bis zum Schluss gucken. Ich will Filme nicht ungeplant sehen, ich will sie nicht ab Minute X, sondern von Anfang an sehen, und schon gar nicht mit Werbepausen. Gestern abend habe ich mal eine Ausnahme von dieser Regel gemacht, denn erstens lief der Film erst seit zwei Minuten, zweitens handelte es sich hierbei um eine meiner zahlreichen Bildungslücken, denn ich hatte bis gestern tatsächlich noch nie Mary Poppins von Robert Stevenson gesehen. Die neben mir sitzende Abspannsitzenbleiberin nahm diese Tatsache mit einer Mischung aus Entsetzen und Erstaunen zur Kenntnis, so dass wir beschlossen, diesen Umstand zu beenden und den Abend mit Mary Poppins zu verbringen.

Ich hatte meinen Spaß, denn Disneys Filmmusical von 1964 ist wirklich außerordentlich charmant, ziemlich witzig, tricktechnisch brillant (für damalige Verhältnisse, of course) und besitzt einen schönen, leicht subversiv-anarchischen Unterton. Julie Andrews‘ Gesicht ist tatsächlich so bezaubernd, wie im Film ständig betont wird. Und mir gefällt, dass ihre besonderen Fähigkeiten nicht erklärt werden, sondern einfach so da sind. Prima fand ich auch Mr. Banks, den stocksteifen, überkorrekten Vater und Banker, der ja praktisch das komplette Gegenteil von Mary Poppins verkörpert. Am allerbesten gefiel mir aber Admiral Boom, der pensionierte Kapitän, der ganz selbstverständlich das Dach seines Hauses zum Segelschiff umfunktioniert hat und regelmäßig zur vollen Stunde Kanonenschüsse abfeuert. Der Film hatte mich in dem Moment, in dem Boom zum ersten Mal auftaucht.

Die ausgedehnten Musicalszenen, in denen die beiden Kinder Ausflüge in unbekannte Szenerien erleben (in ein Gemälde, in das Haus des lachenden Professors, in die Bank des Vaters), fand ich alle etwas zu lang, um wirklich mitreißend zu sein. Lang war auch der Abend, denn Super RTL pumpte den Film mit Werbung auf eine Lauflänge von 170 Minuten, so dass man den Abspann um 23:05 Uhr hätte sehen können, wenn Super RTL denn Abspänne zeigen würde. Kurz vor der letzten Werbepause bin ich dann auch tatsächlich eingenickt (als die Kaminkehrer scheinbar endlose Stepptänze über den Dächern von London aufführen). Aber nichts auf der Welt ist ein zuverlässigerer Wecker als eine Werbepause in doppelter Lautstärke.

Damit ist nun eine weitere Bildungslücke geschlossen. Mein Lieblingsfilm wird Mary Poppins nicht (dazu sollte man ihn vielleicht doch als Kind zum ersten Mal sehen), aber gesehen haben sollte man ihn auf jeden Fall. Zusammenfassen kann man den Film sowieso nur mit dem einen Adjektiv: Superkalifragilistischexpiallegetisch.

 

2 Gedanken zu „Im TV: Mary Poppins

  1. Meine Empfehlung: Den Film unbedingt in der Originalversion und ohne Werbung (DVD) schauen! Die dt. Synchro ist hier ziemlich grottig.

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