Meine Bücher 2010

Ich lese zwar ziemlich viel, würde ich sagen, allerdings vor allem Zeitungen, Zeitschriften, Online-Texte und einen Haufen Comics. Fürs Lesen von „richtigen“ Büchern bleibt weniger Zeit als ich gerne hätte. Im letzten Jahr habe ich immerhin 15 Bücher geschafft, was im Verhältnis zu echten Bücherlesern lächerlich wenig ist. Vier davon sind Sachbücher und fünf oder sechs sind Titel, die man eigentlich als Kinder- oder Jugendbücher bezeichnen muss. Ich bin halt der lebende Beweis für die These von den Kidults. Meine Bücher 2010 in chronologischer Reihenfolge:

Guillermo del Toro, Chuck Hogan: Die Saat (Heyne)
Darum geht’s: Eine heftige Vampir-Epidemie in New York und ein Wissenschaftler, der die einzige Hoffnung ist. Erster Teil eines als Trilogie angelegten Horror-Thrillers.
So bin ich dazu gekommen: Stand im Neuheiten-Regal meiner Bücherei, und obendrauf der Name Guillermo del Toro. Da ich dessen Filme sehr mag, war sein Name auch schon Kauf- Leihargument genug. Alleiniger Autor ist er allerdings nicht – vermutlich hat del Toro eher Plot und Ideen geliefert und die endgültige Schreibarbeit seinem Co-Autor Chuck Hogan überlassen. Der bekommt wenigstens einen anständigen Credit (ist ja auch nicht immer so).
Empfehlenswert? Hier gibt es keinerlei Gothic-Romantik oder sowas. Das hier sind Badass-Vampire, richtige blutgierige Monster, die eine existenzielle Bedrohung für die ganze Stadt sind. Das Buch fängt saustark an und hat einen schnell am Haken. Leider halten del Toro und Hogan dieses Level nicht. Aber als jemand, der sehr selten Horror-Romane liest (und wenig Vergleichsmaßstäbe hat) fühlte ich mich insgesamt gut unterhalten und muss mir jetzt bald mal den zweiten Teil besorgen.

Lewis Carroll, Martin Gardner: Alles über Alice (Europa Verlag)
Darum geht’s: Die beiden Romane Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln, zusammen mit ausführlichen Annotationen von Martin Gardner und den klassischen Illustrationen von John Tenniel.
So bin ich dazu gekommen: Steht bei mir schon seit Jahren im Regal, war bei Erscheinen ein Pflichtkauf für mich (ebenso wie das ähnlich gestaltete Alles über den Zauberer von Oz). Zum Lesen bin ich nie gekommen, fühlte mich dann aber im Vorfeld des Kinostarts von Tim Burtons Alice-Verfilmung berufen, das endlich nachzuholen.
Empfehlenswert? Na klar! Carroll sollte man sowieso mal gelesen haben und wer sich für die Hintergründe interessiert, wird mit den Annotationen bestens bedient. Das Buch ist obendrein wunderschön gestaltet. Leider aber nur noch antiquarisch zu bekommen.

Neil Gaiman: Das Graveyard Buch (Arena)
Darum geht’s: Ein Junge wird als Baby auf einem Friedhof ausgesetzt und wächst bei den Toten auf, die sich um ihn kümmern. Als er älter wird, muss er sich langsam entscheiden, in welche Welt er gehören will.
So bin ich dazu gekommen: Stand zufällig im Neuheiten-Regal der Stadtteilbibliothek. Mitgenommen, weil ich Neil Gaiman als Autor immer gerne mag.
Empfehlenswert? Für jugendliche Leser, die nichts gegen einen Hauch Morbidität haben. Ich selber fand’s nett, aber etwas zu harmlos dahinplätschernd.

Christoph Biermann: Die Fußball-Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel (KiWi)
Darum geht’s: Wie spielt man modernen Fußball? Welche Methodik steht hinter den Erfolgen des FC Barcelona und anderer Topclubs? Wie hat sich der Sport in den letzten Jahren entwickelt? Und zwar nicht das Drumherum, die Fans oder die Vermarktung, sondern das, was auf dem Platz passiert.
So bin ich dazu gekommen: Als Fußball-Interessierter mit etwas mehr Ambitionen als SportBild und TV-Berichten kam man um dieses Buch im WM-Jahr nicht herum. Wurde überall empfohlen, kam auf meinen Wunschzettel und danach auf den Gabentisch am Geburtstag.
Empfehlenswert? Unbedingt. Pflichtlektüre für Fußballfans, sehr lebendig geschrieben und auch dann prima lesbar, wenn man selbst nie Fußball gespielt hat.

Max Goldt: QQ (Rowohlt Berlin)
Darum geht’s: Eine Sammlung von Max-Goldt-Kolumnen aus der Titanic, erschienen 2007.
So bin ich dazu gekommen: Stand in der Bibliothek rum. Ich bin ein großer Freund von Max Goldt, aber kein Komplettleser, der jedes neue Buch sofort kauft. Wenn man mal auf eines stößt, wird’s gekauft oder geliehen.
Empfehlenswert? Ich les ihn halt immer wieder gerne, den Goldt. Und auch drei Jahre nach Erscheinen wirkt hier fast nichts outdated, was bei Satire ja nicht selbstverständlich ist.

Hermann Bräuer: Haarweg zur Hölle. Ein hart gerockter Heimatroman (Ullstein)
Darum geht’s: Der Ich-Erzähler ist ein pubertätsgeplagter Jugendlicher im München der 80er Jahre, der mit seiner Hair-Metal-Band groß herauskommen möchte.
So bin ich dazu gekommen: Durch eine positive Besprechung bei Spiegel Online. Danach gewünscht und geschenkt bekommen.
Empfehlenswert? Naja. Im ersten Drittel habe ich ständig laut gelacht und mich prächtig amüsiert. Später lässt das Buch deutlich nach, findet aber im letzten Kapitel einen runden Abschluss. Es macht Spaß, ist aber nicht sehr originell. Bräuer hat Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse und Chuck Klostermanns Fargo Rock City gelesen und strickt seine eigene Version daraus, angereichert mit Münchner Lokalkolorit.

Christian Y. Schmidt: Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai bis Kathmandu (Rowohlt Berlin)
Darum geht’s: Reisereportage, in der der Autor das gesamte chinesische Reich von Ost nach West durchmisst, immer der Nationalstraße 318 entlang.
So bin ich dazu gekommen: Den Namen Christian Y. Schmidt kennt man als Autor bei Titanic und Riesenmaschine. Dort wurde das Buch auch promotet, als es 2008 erschien. Stand seitdem auf meiner Merkliste. Diese Merkliste wird von Zeit zu Zeit mit dem OPAC der Münchner Stadtbiliothek abgeglichen und ein Buch bestellt. So wie das hier, das ich passenderweise auf Reisen gelesen habe. Wenn auch nicht in China.
Empfehlenswert? Christian Y. Schmidt ist ein Super-Anekdotenerzähler und will den Leser vor allem unterhalten. Sein Reisebericht ist kein Humorbuch, ist aber mit viel Sinn für Humor geschrieben und stellenweise wirklich sehr komisch. Dass er nebenbei auch noch ein bisschen Wissen mitliefert, ist ein schöner Nebeneffekt.

Chris Priestley: Tales Of Terror From The Black Ship (Bloomsbury)
Darum geht’s: Gruselgeschichten auf hoher See, zusammengeklammert durch eine Rahmenhandlung. Hauptzielgruppe: etwas ältere Kinder.
So bin ich dazu gekommen: Bei Kiki wurde ein anderes Buch des gleichen Autors empfohlen, ich suchte den Autor im OPAC der Bib und fand dieses Buch.
Empfehlenswert? Schöner Gothic-Horror à la Tim Burton, immer sehr atmosphärisch, leicht gruselig, aber nie völlig schrecklich. Garniert mit passenden Illustrationen. Lediglich der Shyamalan-artige Schlusstwist hat mir nicht so gefallen.

Philip Ardagh: Awful End. Eddie Dickens Trilogy, Part One (Faber and Faber)
Darum geht’s: Der kleine Eddie muss zu Onkel und Tante, weil seine Eltern krank geworden sind („gelb und an den Rändern etwas wellig“). Die aber sind nicht nur völlig unfähig in Sachen Kinderbetreuung, sondern auch komplett durchgeknallt. Die Handlung spielt eigentlich keine Rolle, es geht um Philip Ardaghs Fabulierkunst, seine Wortspiele und seine ständigen Unterbrechungen, in denen er immer wieder direkt zu seinen Lesern spricht.
So bin ich dazu gekommen: Eine Empfehlung im Radio, nämlich in @holgis Bücher-Blue-Moon bei Radio Fritz (gehört als Podcast). Wurde von einer Hörerin oder einem Hörer derart enthusiastisch empfohlen, dass ich mir das sofort in der Bibliothek vormerken musste.
Empfehlenswert? Oh ja! Wobei das vermutlich nicht jedermanns Geschmack ist. Ich liebe toll erzählten, absurden Wahnsinn, gerade auf Englisch (auch wenn die deutsche Übersetzung von Harry Rowohlt stammt). Die anderen Teile stehen schon auf der Wunschliste.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Auch Deutsche unter den Opfern (KiWi)
Darum geht’s: Verschiedene kurze und längere Texte, hauptsächlich Reportagen, von denen die meisten zuvor in der Welt veröffentlicht wurden.
So bin ich dazu gekommen: Ich habe eine seltsame Hassliebe zu Benjamin von Stuckrad-Barre, von dem ich seit Soloalbum so ziemlich alles gelesen habe. Eine der wenigen öffentlichen Personen, die ich gleichzeitig doof und gut finden kann. Oder, genauer: als Person doof, als Autor gut.
Empfehlenswert? Nicht jeder Text ist toll, aber in guten Momenten ist Stuckrad-Barre ein brillanter Beobachter, dessen Schreibe mir unheimlich zusagt. Kann man ähnlich lesen wie ein gutes Blog.

Charlaine Harris: Dead Until Dark. A Sookie Stackhouse Novel (Gollancz)
Darum geht’s: Die Romanreihe, auf der die HBO-Serie True Blood basiert. Vampire sind hier eine gesellschaftliche Randgruppe, die legal unter den Menschen lebt, aber mehr schlecht als recht gelitten ist. Die Hauptfigur Sookie Stackhouse verliebt sich in einen von ihnen.
So bin ich dazu gekommen: Ein Arbeitskollege, der sich gerade durch sämtliche Bücher der Serie arbeitete, schwärmte mir davon vor. Meine Reaktion wurde wohl als großes Interesse interpretiert, denn am nächsten Tag lieh er mir den ersten Band.
Empfehlenswert? Ja mei. Das ist nun wirklich keine hohe Literatur, eher sehr funktionale, leichtverdauliche Strandlektüre. Ich hatte danach eigentlich keine Lust auf einen weiteren Band (inzwischen gibt es 10), möchte aber jetzt sehr gerne True Blood sehen.

Markus Zusak: Die Bücherdiebin (Blanvalet)
Darum geht’s: Die (Über-) Lebensgeschichte eines kleinen Mädchens in Nazi-Deutschland. Erzählt vom Sensenmann.
So bin ich dazu gekommen: Das Buch hat mich zweimal getroffen. Einmal in der „Unsere Angestellten empfehlen“-Ecke im Bücherkaufhaus, wo mich das Cover und der Klappentext angesprochen haben. Danach aber wieder vergessen. Monate später sehe ich das Buch dann im Regal der Bibliothek stehen. Und wenn einen so ein Buch mehrmals anblinzelt, dann muss man zugreifen.
Empfehlenswert? Schwierig. Hier lauern links und rechts Fallstricke. Die Klischeefalle, die Drittes-Reich-Kitsch-Falle, die Betroffenheitsfalle. Und Zusak schrammt mehrfach haarscharf dran vorbei oder tritt auch mal darüber. Gerettet wird das Buch durch seine originelle Erzählperspektive (ja, der Ich-Erzähler ist der Tod) und ein paar stilistische Mätzchen, die nicht nötig wären, mir aber gut gefallen haben.

Kathrin Passig, Aleks Scholz: Verirren (Rowohlt Berlin)
Darum geht’s: „Verirren ist eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit, und ihre Vorzüge sind gar nicht zu überschätzen: Ohne sie hätte etwa Kolumbus nie Amerika entdeckt, Hänsel und Gretel hätten keine Hexe erlegt, und wir selbst könnten nur von wenigen spannenden Urlaubsabenteuern erzählen.“ (Verlagstext)
So bin ich dazu gekommen: Vermutlich via @kathrinpassigs Twitter-Feed. Dann wieder Merkliste, OPAC, Bibliotheks-Ausleihe.
Empfehlenswert? Edutainment im besten Sinne. Passig und Scholz sind wunderbare Formulierer, wie auch schon in ihrem Lexikon des Unwissens. Man liest das, weil es so toll geschrieben ist und so fabelhaft unterhält und merkt dabei gar nicht, dass man auch noch was lernt.

Hallgrimur Helgason: 10 Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen (Tropen Verlag)
Darum geht’s: Ein amerikanischer Profikiller mit kroatischen Wurzeln gelangt unfreiwillig nach Island, wo er untertauchen und in die Rolle eines TV-Predigers schlüpfen muss, den er kurz zuvor umgebracht hat. Und von da an geht’s bergab bis zum Abend des Eurovision Song Contests.
So bin ich dazu gekommen: Serendipity – ein Zufallsfund in der Bibliothek. Zuerst sprachen mich Cover und Titel an. Als ich dann las, dass es eine Island-Geschichte ist, wenige Wochen nach der Rückkehr aus meinem Island-Urlaub, war klar, das ich das lesen musste.
Empfehlenswert? Jepp. Schöne, fiese, schwarzhumorige Thrillerkomödie mit Herz, im lakonischen Hardboiled-Stil geschrieben. Ich mag sowas.

Jeff Kinney: Diary of a Wimpy Kid (Penguin Books)
Darum geht’s: Greg ist ungefähr 10 Jahre (oder so), fühlt sich von idiotischen Mitschülern, doofen Lehrern und nervigen Eltern umgeben und führt Tagebuch, das er auch mit kleinen Comiczeichnungen anreichert.
So bin ich dazu gekommen: Dieser Jugend-Tagebuch-Roman mit Comic-Elementen stand wegen der ungewöhlichen Form und seines US-Bestsellerstatus schon lange auf meiner Merkliste und landete ebenfalls via OPAC-Recherche und Ausleihe auf meinem Nachttisch.
Empfehlenswert? Nettes Buch mit origineller Form und einigen hübsch skurrilen Ideen. Mein innerer 13jähriger mochte das Buch sehr gerne, und wenn ich auch ein äußerer 13jähriger wäre, würde ich die Folgebände auf der Stelle verschlingen. Da das nicht der Fall ist, reicht mir ein Band als grober Eindruck.

Leicht erschrocken stelle ich fest: Nur ein einziges dieser Bücher habe ich selbst gekauft, der Rest ist geschenkt oder geliehen. Wird der Buchmarkt an mir zugrunde gehen? Nope, denn wer sich Bücher schenken lässt, der verschenkt auch welche.

 

Ein Gedanke zu „Meine Bücher 2010

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.