Auf DVD: The Disappearance of Alice Creed (Spurlos, Die Entführung der Alice Creed)

Der Debütfilm des britischen Regisseurs J Blakeson, von dem auch das Drehbuch stammt, hat einen schon in den ersten Minuten am Wickel. Knapp 10 Minuten lang sehen wir – ohne einen einzigen Dialogsatz –, wie die beiden Kidnapper Vic und Danny eine Entführung vorbereiten und durchführen: zuerst wird eine leere Wohnung akribisch präpariert (diese Sequenz könnte auch als Hornbach-Werbespot der abgründigen Sorte durchgehen), dann wird die – offensichtlich genau durchgeplante – Entführung einer jungen Frau durchgezogen. All das wird sehr tight und straff erzählt, so dass sich beim Zuschauer schon vor dem ersten gesprochenen Satz beinah atemlose Spannung einstellt.

Im Folgenden entspinnt sich dann ein Film, der immer wieder seinen Tonfall und seine Richtung ändert. Was wie ein extrem fieser Terrorfilm beginnt, mutiert zum Gefangenendrama, schnuppert zwischendurch am Genre Gangsterkomödie, um dann doch wieder zum beinharten Entführungsthriller zurückzukehren. Der Film kommt dabei mit nur drei Schauspielern aus: Eddie Marsan und Martin Compston als Entführer-Duo und Gemma Arterton als ihr Opfer (die alle drei sehr überzeugende Leistungen abliefern). Die Besonderheit des Films besteht zum einen darin, dass außer diesen drei Figuren keine einzige weitere Person auftritt und 80% des Films innerhalb einer kleinen Wohnung spielen, zum anderen in der immer wieder wechselnden Figurenkonstellation: Wie die drei Personen zueinander stehen und sich verhalten, ändert sich ständig, was den Film angenehm unvorhersehbar macht und man sich bis zum Schluss nie sicher sein kann, welche Wendung das Geschehen als nächstes nimmt.

Mehr sollte man über den Inhalt nicht erzählen – je weniger man weiß, umso besser. Der Trailer gibt da für meinen Geschmack schon viel zu viel Informationen preis. Jedenfalls stellt Blakeson ganz klar die handelnden Personen ins Zentrum, und nicht so sehr Gewalt und Action, Verbrechen und Krimihandlung. Nach und nach erfahren wir Hintergründe, Vorgeschichte und Motivation der Figuren, und zwar immer nur so viel, wie gerade nötig ist.

Die ständigen Finten und das Hakenschlagen des Drehbuchs gehen ein wenig auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Man muss als Zuschauer schon etwas guten Willen mitbringen, um J Blakeson seine überraschenden Twists abzukaufen. Wer aber zur „suspension of disbelief“ bereit ist, wird mit einem sehr spannenden, äußerst effektiv inszenierten Thriller belohnt. The Disappearance of Alice Creed lief letzten Sommer auf dem Fantasy Filmfest und ist nun in Deutschland, ergänzt um den nicht so tollen Titel Spurlos, bei Ascot Elite auf DVD und BluRay erhältllich.

Ob der Film bei einer zweiten oder dritten Sichtung, wenn man die Twists schon kennt, immer noch so überzeugen kann, würde ich eher bezweifeln. Beim ersten Mal aber ist Alice Creed ein wirklich sehenswerter, sauspannender, fieser kleiner Brit-Thriller, der außerdem mit einem schlüssigen und zufriedenstellenden Ende zu überzeugen weiß.

 

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