Im Kino: Haywire

Steven Soderbergh hat im Fernsehen die Mixed-Martial-Arts-Meisterin Gina Carano gesehen und war so begeistert, dass er beschloss, einen Film um sie herum zu bauen. Überraschende Herangehensweise für einen Regisseur, den ich immer noch mehr oder weniger als „Autorenfilmer“ bezeichnen würde. Soderbergh gab also ein Drehbuch in Auftrag, und sammelte um die Sportlerin ohne große Schauspielerfahrung ein edles Ensemble von Top-Namen wie Michael Fassbender, Ewan McGregor, Antonio Banderas und Michael Douglas.

Haywire ist ein klassischer Genrefilm. Eine taffe Spezialagentin, die für eine private Firma arbeitet, wird von den eigenen Leuten verraten, muss um ihr Leben laufen und sich gleichzeitig an ihren Verrätern rächen. Simple Geschichte, aber sehr clever erzählt: verschachtelt, unchronologisch und mit Mut zu Auslassungen. Dem Zuschauer wird keine Gelegenheit zum Abschweifen gegeben, ein fünfminütiges Nickerchen ist hier nicht drin, sonst ist man raus aus der Story. Aufmerksamkeit wird belohnt, wer mitdenkt, hat Spaß an dem Film.

Überhaupt gewinnt Haywire vor allem durch die Art seiner Inszenierung. Ein B-Movie mit Arthouse-Touch, das hat er mit Drive gemein, aber anders als Nicolas Winding Refn badet Soderbergh nicht in Bildästhetik. Im Gegenteil, der Look von Haywire ist sehr direkt und rauh, manchmal fast dokumentarisch, dabei aber immer elegant. Gerne nutzt er auch Farb- und Rauschfilter, um verschiedene Zeitebenen deutlich zu machen. Und anders als in Drive gibt es bei Haywire auch nichts Elegisches und keine Kunstpausen. Vielmehr ist der Film extrem tight erzählt, am Storytelling ist kein Gramm fett, man findet kaum etwas, was man hätte weglassen können.

Das oben genannte Dokumentarische gilt besonders für die Actionszenen. Diese sind natürlich ein Showcase für die Kampfkunst der Gina Carano, und Soderbergh möchte, das wir Zuschauer diese gut sehen und bewundern können. Dazu wird erstmal die Musik abgestellt (Haywire hat ziemlich viel Score-Begleitung, aber während der Kampfszenen eben gerade nicht), statt einem Schnittgewitter aus Nahaufnahmen bleibt die Kamera meistens ein bis zwei Schritte zurück, so dass sich der Kampf aus der Halbtotalen gut beobachten lässt.

Eine geschickt erzählte Handlung also, dazu ungewöhnlich inszenierte Action und eine Menge toller Schauspieler, die die mangelnde Schauspielerfahrung der Hauptdarstellerin mehr als auffangen. Sie selbst wirkt als coole Agentin aber auch sehr überzeugend und bringt in den pointiert eingesetzten Kampfszenen erwartungsgemäß Höchstleistungen. Frau Carano tritt Arsch, so ist das.

Schön auch, dass Soderbergh mit Mallory Kane eine Actionheldin erschaffen hat, wie man sie nur selten sieht. Ganz ohne engen Catsuit oder enormes Dekolleté. Gut aussehend, das schon, aber ohne Betonung auf Sexyness. Eine Frau, die ihre Auftraggeber engagieren, weil sie einfach gut ist, nicht weil sie die sogenannten „Waffen der Frau“ einzusetzen weiß. Und aus dem gleichen Grund hat auch Soderbergh Gina Carano engagiert. Ich denke, wir werden sie noch öfter sehen.