Im TV: Add a Friend

Der Sender TNT Serie (der über diverse Pay-TV-Pakete empfangbar ist) startet heute abend seine erste deutsche Eigenproduktion: Add a Friend. Ich habe die ersten beiden Folgen vorab gesehen (weil mich TNT dazu eingeladen hat) und muss sagen, ich bin positiv überrascht.

Die Erwartungen hängen schließlich nicht allzuhoch, wenn neue deutsche Serien angekündigt werden. Die vorab stark betonte Besonderheit, dass sich in Add a Friend ganz viel um Social Networks drehe, sorgte bei mir vorab auch eher für Stirnrunzeln als für große Hoffnungen. Aber siehe da: Add a Friend ist gutes Fernsehen.

Es geht um den Mittdreißiger Max, von Beruf Fotograf, der zu Beginn der ersten Folge im Krankenhaus aufwacht. Dort liegt er, nachdem er von einem Auto überfahren wurde, schon seit ein paar Wochen. Aufstehen kann er noch nicht, aber immerhin wurde er von der Intensiv- auf die normale Station verlegt. Sein bester Freund Tom, der in Frankfurt als Finanzmensch arbeitet, schickt ihm ein Macbook (das gleich beim ersten Aufklappen sofort angeschaltet und online ist, hihi) ans Krankenbett, was den Vorteil hat, dass Max von nun an im Bett sitzend kommunizieren kann – und zwar überwiegend per Hangout in Google+. Von da an entspinnt sich sehr rasch ein feines Netz von Handlungssträngen, die praktisch alle per Videochat am Laufen gehalten werden. Max quatscht per Webcam mit Tom, der chattet mit seiner Ex-Frau und seinem Chef, Max wiederum macht Hangouts mit seinen Eltern, einer jungen Bewunderin seiner Fotos und überlegt, ob er seine ehemalige beste Freundin, die er ewig nicht gesehen hat, in seine Kreise aufnehmen soll. Und dann ist da noch die Frage, warum und von wem Max eigentlich angefahren wurde. Diese Erzählweise ist ungewöhnlich und interessant und funktioniert tatsächlich erstaunlich gut.

Okay, man könnte nun mäkeln, das sei doch total unrealisitisch, schließlich sei doch kaum jemand bei Google+, und falls doch, hätte er dort bestimmt nicht seinen kompletten Freundeskreis um sich. Kann sein, fühlt sich aber hundertmal richtiger und echter an, als wenn man dafür einen Fantasie-Facebook-Klon erfunden hätte. Hier sieht man Menschen, die reale Funktionen in einem realen sozialen Netzwerk verwenden – ohne fürs Fernsehen aufgemotzte grafische oder akustische Spirenzchen, sondern genau so, wie das jedermann zuhause benutzen kann. Sorgt für Realismus und ist obendrein noch preiswert zu produzieren.

Tatsächlich ist Add a Friend eine eher preisgünstige Serie, was vor allem daran liegt, dass die Schauspieler hauptsächlich an Schreibtischen oder in Betten sitzen und in Webcams schauen. An anderer Stelle wurde nicht gespart, die Serienfolgen wirken keineswegs billig. Gute bis sehr gute Schauspieler (u.a. Ken Duken, Gisela Schneeberger und Friederike Kempter), ein schöner, eigens produzierter Soundtrack (von Tobias Kuhn alias Monta), keine Soap-Ästhetik. Die Geschichte wird sehr temporeich erzählt, ohne überhastet zu wirken, Add a Friend fühlt sich jung und modern an, aber nicht verkrampft zwangsjugendlich. Das Beste aber: Die Serie traut ihren Zuschauern zu, dass diese ein eigenes Gehirn zum Denken haben. Nicht jedes Detail wird in aller Ausführlichkeit erklärt, einiges geschieht eher nebenbei und aufmerksames Sehen wird belohnt. Die halbstündigen Folgen sind nicht in sich abgeschlossen, sondern enden mit einem Cliffhanger und erzählen eine große, übergreifende Geschichte – ganz so wie die großen, vielgelobten Serienhits aus den USA.

Eine Schwäche von Add a Friend liegt darin, dass man sich nicht recht zwischen Drama und Komödie entscheiden konnte. Einige Figuren sind realistisch und lebensnah, andere (vor allem Tom und sein Boss) sind dagegen stark überzeichnete Karikaturen voller Klischees. Das passt nicht so recht zusammen und steht der Identifikation mit den Figuren im Weg. Wenn Add a Friend aber in den nächsten Folgen so temporeich, originell und gut gespielt bleibt wie in den ersten Folgen, lässt sich dieses Manko verschmerzen. Die Serie ist eine Bereicherung der kargen einheimischen Serienlandschaft und es ist erfreulich, dass Pay-TV-Sender jetzt doch zaghaft anfangen, neben Fußball und Lizenzware auf selbst produzierte, gute Inhalte zu setzen. Das ist schon mal ein Anfang, auch wenn sich ein solcher Stoff natürlich nie mit den großen Vorbildern von HBO oder AMC messen kann.

Add a Friend läuft ab 19.9. mittwochs um 20:15 Uhr bei TNT Serie. Heute werden die Folgen 1 und 2 gezeigt, danach jeweils eine Folge pro Woche.

 

4 Gedanken zu „Im TV: Add a Friend

  1. Also dieser Kommentar ist jetzt eziemlich off-topic, was daran liegt, dass ich an Serien eher weniger interessiert bin und diesen Sender auch gar nicht empfangen kann… aber bei Musik von Monta werde ich hellhörig. Weißt Du, ob man die irgendwo/irgendwie bekommen kann?

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