Im Kino: The Perks of Being a Wallflower (Vielleicht lieber morgen)

The Perks of Being a Wallflower heißt ein Buch von Stephen Chbosky, das 1999 bei MTV Books erschien (dass der ehemalige Musiksender auch Bücher veröffentlicht, wusste ich bis grade eben auch nicht). Der Briefroman spielt Anfang der Neunziger Jahre und erzählt vom ersten Highschooljahr von Charlie, einem sehr introvertierten Jungen, der zwei sehr liebe Menschen verloren hat und nicht gerade die besten Aussichten hat, ein beliebter Schüler zu werden. Doch bald lernt er eine Gruppe von Schülern kennen, die ebenfalls eher zu den Außenseitern gehören, die sich mehr für Bücher, Musik und Filme interessieren als fürs Cheerleader-sein oder Footballspielen. Dieser neue Freundeskreis rund um den schwulen Patrick und seine Stiefschwester Sam wird für Charlie zur wichtigsten Stütze beim Erwachsenwerden.

In den USA war das Buch ein Bestseller und wurde nun vom Autor selbst, der auch schon lange als Drehbuchautor und Regisseur arbeitet, verfilmt. Und The Perks of Being a Wallflower ist zunächst einmal ein typischer Vertreter des Coming-of-Age-Films. Stress mit der Familie, Stress mit Mitschülern, erste Erfahrungen mit Drogen und dem anderen Geschlecht, und der unvermeidliche Abschlussball – alles drin. Und trotzdem fühlt sich dieser Film ein wenig anders an. Vielleicht, weil er in der Vergangenheit spielt, in den frühen Nineties, und damit auch ein bisschen period piece ist. Vielleicht, weil er in den Hauptrollen außerordentlich gut besetzt ist. Vielleicht, weil darin auch „harte“ Themen wie Selbstmord und Missbrauch thematisiert werden. Vor allem aber, weil er konsequent aus dem Blickwinkel eines Mauerblümchens erzählt wird. Und dieser Charlie ist zwar ein Außenseiter, der an den Spinds im Schulflur gelegentlich Prügel abbekommt, ansonsten aber kein klischeehafter Nerd mit schiefer Brille und doofer Frisur. Er ist auch keine Carrie, die ihre fürchterliche Rache an den coolen Jocks vollziehen wird.

Nein, Charlie und seine Freunde sind zwar alle ein wenig seltsam und jeder von ihnen hat einen kleineren oder größeren seelischen Knacks, aber hier sind das nicht die verrückten Spinner wie in so vielen anderen Highschoolfilmen, sondern praktisch der Normalfall. Hier mag man Bücher, hört die Smiths, bastelt an Fanzines und hat ansonsten die gleichen Probleme mit dem Erwachsenwerden wie alle anderen auch. Ein höchst sympathischer Ansatz mit enormem Identifikationspotential (zumindest für alle, die auch ein bisschen was Wallflower-haftes haben, und da würde ich mich jetzt mal mit einschließen).

Chboskys Film wandelt sehr elegant zwischen Komik und Tragik und findet im letzten Drittel, wenn sich ein paar sehr fiese seelische Abgründe auftun, genau den richtigen Ton. Niemals peinlich, niemals übertrieben melodramatisch, aber emotional berührend. Das ist nicht zuletzt das Verdienst der drei Hauptdarsteller: Logan Lerman (der auch die Hauptrolle in den Percy-Jackson-Filmen spielt) ist als Charlie ebenso überzeugend wie Ezra Miller (We Need to Talk About Kevin) als das Enfant Terrible Patrick. Und Emma Watson ist als Sam ganz und gar bezaubernd – kein Wunder, dass sich Charlie in diese Frau unsterblich verliebt, das geht in diesen 100 Minuten wahrscheinlich jedem so. Ich glaube, sie hat von allen Harry-Potter-Stars die besten Chancen, das Hogwarts-Etikett sehr bald loszuwerden.

Dass die Musik (mit Bowies „Heroes“ als zentralem Song) toll ist, braucht man wohl kaum extra zu erwähnen. Überhaupt schafft der Film mit schöner Beiläufigkeit ein glaubhaftes Bild der Zeit, als man noch Mixtapes machte und diese seltsamen Filzpullis mit Kapuze trug. Das weckt nostalgische Gefühle bei der entsprechenden Altersgruppe, aber der Film badet nicht in dieser Nostalgie, sondern nimmt sie nur nebenbei mit.

Schade, dass der Film mit seinem etwas belanglosen deutschen Titel und dem langen Schatten von James Bond, der am gleichen Tag Kinostart hatte, wohl nur am Rande wahrgenommen wird. Aber so eine Randexistenz passt andererseits auch wieder ganz prima zum Film und seinen Figuren.