Auf DVD: The Amazing Spider-Man

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Es ist grade mal fünf Jahre her, dass Sam Raimi mit dem (leider eher verunglückten) dritten Teil seine Spider-Man-Trilogie abgeschlossen hat. Eigentlich sollte Raimi noch einen vierten drehen, was  sich dann aber zerschlug, weil man kein vernünftiges Drehbuch zusammenbrachte. Und was macht Hollywood in so einem Fall? Fängt wieder von vorne an.

Nun ist so ein Reboot inzwischen nichts Neues mehr – in den amerikanischen Comics, wo die Spinne ja herkommt, kennt man das schon lange und auch im Kino gewöhnt man sich langsam daran (Tobias Kniebe beschrieb das zum Kinostart von ASM sinngemäß so, dass Blockbusterfilme vielleicht bald da hinkommen, wo Oper und Klassik schon lange sind: Es werden immer wieder die gleichen Werke aufgeführt, nur mit unterschiedlichen Nuancen, wirklich neue Werke sind nur was für die Avantgarde).

Ungewohnt an diesem Reboot ist vor allem, dass er so schnell kommt, und nicht erst nach 10 oder 20 Jahren. Und dass sich die erzählte Geschichte tatsächlich nur wenig von der unterscheidet, die Raimi erzählt hat. Klar, es gibt andere Gegner für Spider-Man und sogar eine andere Freundin – aber der Kern der Story ist genau der gleiche wie eh und je: Schul-Außenseiter, Spinnenbiss, huiuiui, Onkel tot, Verantwortung!!!, Verbrecherjagd. Im Vergleich zur ersten Trilogie wirkt Amazing ein bisschen düsterer und urbaner. Peter Parker soll ein bisschen Street-Level bekommen, indem er seine Spinnentricks als Erweiterung gängiger Skateboarder-Moves einstudiert. Einen komplett neuen Ton bekommt der Film aber nicht. Ein geschickter Cutter könnte einzelne Szenen aus Raimis erstem Spider-Man problemlos in diesen Film schneiden, ohne dass es weiter stören würde (und umgekehrt). Probiert das mal mit den Batmans von Nolan und Burton und ihr wisst, was ich meine.

Ein Reboot ergibt halt nur dann Sinn*, wenn man mit dem altbekannten Stoff auch etwas Neues anzufangen weiß. Nolan hat Batman wirklich neu interpretiert, seine Filme sind, wenn man so will, eine Coverversion – der neue Spider-Man ist nur Karaoke. Das ist besonders schade, weil man zunächst auf Besseres hoffen durfte: Regisseur Marc Webb hat mit (500) Days of Summer die schönste Indie-Romanze der letzten Jahre hingelegt, da konnte man schon erwarten, dass er dem Wandkrabbler ein paar frischere Nuancen verschafft. Immerhin bekommt er in den schüchternen Annäherungsszenen zwischen Peter Parker und Gwen Stacy ein paar schöne Sequenzen hin (auch weil Andrew Garfield und Emma Stone ihre Rollen gut spielen, obwohl sie natürlich viel zu alt sind, um noch als 17 durchzugehen).  Aber in den actionlastigen Abschnitten und beim 3D-Effekt weiß er keinerlei eigenen Akzente zu setzen, das ist alles x-fach gesehene Standardkost.

Das gilt auch für das Drehbuch, das von Anfang bis Ende „Hollywood by the numbers“ ist und an wirklich gar keiner Stelle zu überraschen weiß. Humor und Augenzwinkern wurde großflächig getilgt (wohl um den leicht düsteren Grundton nicht zu beschädigen), außer ein paar flotten Spidey-Sprüchen ist der Film eine bierernste Angelegenheit und man vermisst schmerzlich eine Figur wie den Chefredakteur J. Jonah Jameson, der in Raimis Trilogie sehr wichtig für den Humorfaktor war.

Und dann ist da noch der Schurke, der mal wieder meine Theorie bestätigt, dass Superheldenfilme immer so gut oder schlecht sind wie der jeweilige Hauptgegner des Helden. Rhys Ifans spielt den Wissenschaftler Dr. Curt Connors als fast schon parodistisches Abziehbild des „mad scientist“-Klischees, ohne Esprit, ohne Tiefe, ohne gar nix. Nicolas Cage hätte es nicht schlechter machen können. Und auch wenn er digital zu seinem Superschurken-Alter-Ego, dem Lizard, mutiert, wirkt die Figur weder richtig bedrohlich noch sonstwie interessant.

Mag sein, dass man den Film positiver bewerten würde, wenn er die erste Spider-Man-Verfilmung wäre. Eine totale Gurke ist er nämlich nicht. Aber wenn man erst kurz davor eine sehr ähnliche und obendrein bessere Version gesehen hat und parallel im Kino weitaus gelungenere Superheldenfilme geboten werden, ist Amazing Spider-Man lediglich verzichtbares Mittelmaß.

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* künstlerisch. Kassentechnisch macht auch dieser Reboot bestimmt  Sinn.

 

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