Auf DVD: The Adventures of Tintin (Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn)

Gute drei Minuten lang macht dieser Film richtig viel Spaß. Dann ist der Höhepunkt leider schon vorbei. Ein famoser Vorspann und die ersten Sekunden des Films mit einem Gastauftritt von Meister Hergé persönlich bezaubern mit liebevollen Reminiszenzen an die Comicvorlage, doch das war es dann auch schon mit der Herrlichkeit. Was folgt, ist ordentliches, handwerklich perfektes, aber uninspiriertes und über weite Strecken uninteressantes Abenteuerkino.

Einen Teil der Probleme erbt Das Geheimnis der Einhorn von der Comicvorlage: Der Hauptteil des Drehbuchs basiert auf zwei Tintin-Geschichten aus den Jahren 1943/44. Auch die erzählen eine aus heutiger Sicht nicht wahnsinnig originelle Geschichte und die beiden vermeintlichen Hauptfiguren – Reporter Tim und sein Hund Struppi – sind auch bei Hergé keine richtigen Identifikationsfiguren und Sympathieträger. Sie sind eigentlich ziemlich egal, die Musik macht das Drumherum (die Settings, die Geschichten, die Nebenfiguren, die Zeichnungen). Leider streicht das Filmdrehbuch mit Professor Bienlein eine der wichtigsten Nebenfiguren. Bleibt noch das tölpelhafte Slapstick-Duo Schulze und Schultze sowie der eigentliche Star des Films, Käpt’n Haddock (im Original wirklich gut verkörpert von Andy „Gollum“ Serkis).

Diese schickt Steven Spielberg auf eine abenteuerliche Schatzsuche über verschiedene Kontinente, zu Lande, zu Wasser und in der Luft, ganz klassisches Genrekino eben. Das ist alles überaus solide gemacht, besitzt teilweise optische Wucht und der Soundtrack von John Williams donnert recht schön darüber. Es ist nur leider auf sonderbare Weise komplett egal. Es wird nie klar, warum hier alle so aufgeregt auf der Jagd sind und welchen Zweck das Abenteuer eigentlich verfolgt. Man fiebert nicht mit, man schaut halt zu, die Figuren sind egal und bestenfalls amüsiert man sich über den Suffkopp Haddock  (eigentlich erstaunlich, dass in einer Hollywood-Multimillionen-Produktion für Kinder eine der Hauptfiguren Alkoholiker sein darf).

Wenn man bedenkt, welche überaus wohlklingenden Namen hinter diesem Projekt stecken, kann man das Ergebnis nur als große Enttäuschung verbuchen. Da sind nicht nur Steven Spielberg als Regisseur und Peter Jackson als Produzent, sondern vor allem auch ein Drehbuch-Trio, das hohe Erwartungen weckte: geschrieben von Steven Moffat (Showrunner von Doctor Who und  Sherlock), bearbeitet von Edgar Wright (Shaun of the Dead, Hot Fuzz, Scott Pilgrim) und Joe Cornish (Attack the Block). Dass diese Hochkaräter dem Stoff so wenig Esprit und Dialogwitz entlocken können, ist schon erstaunlich.

Bliebe noch die Animation: Spielberg wollte ursprünglich einen Realfilm drehen, entschied sich dann jedoch für das Motion-Capture-Verfahren. The Adventures of Tintin wurde also mit Schauspielern an einem Filmset gedreht, ist aber trotzdem ein Animationsfilm, jedes Bild entstand letztlich digital am Rechner. Das Ergebnis dieser Technik, sieht inzwischen lange nicht mehr so gruselig aus wie noch in den Motion-Capture-Filmen von Robert Zemeckis (Der Polarexpress, Beowulf – Stichwort „Uncanny Valley“). Und trotzdem wirken die meisten Figuren in diesem Film merkwürdig seelenlos, alles fühlt sich unfassbar künstlich an.

Dabei hätte es eigentlich keinen Grund gegeben, Tim und Struppi nicht auch als Realfilm zu inszenieren. Zwar sind die Gesichter der Figuren teilweise karikaturistisch verfremdet, das bleibt aber meist dezent und hätte bestimmt nicht unechter ausgesehen, wenn man einen guten Maskenbildner seine Arbeit hätte machen lassen. Ich werde es wahrscheinlich nie verstehen: Warum steckt man irsinnigen Rechenaufwand in digitale Animation, nur damit es am Ende möglichst realistisch aussieht? Warum ein fotorealistisches Ölbild malen, wenn man es einfach fotografieren kann?

Was den Abenteuern von Tim und Struppi also an allen Ecken und Enden fehlt, ist Charme. Sowohl inhaltlich, als auch auf visueller Ebene. Mit eben diesem Charme hätte man die von der Vorlage mitgegebenen Schwächen der Handlung leicht kaschieren können. Bei Hergé kommt der Charme zu großen Teilen aus seinem grafischen Stil der Ligne Claire, dem Herunterbrechen der Realität auf simple Linien und flächige Farben. Bei Spielberg und Jackson bleibt der Charme bloße Behauptung: Beide betonten zwar beim Promoten des Films unablässig, wie sehr sie das Ausgangsmaterial lieben. Doch in ihrer Technikverliebtheit und ihrem Perfektionismus haben sie den jungen Reporter und seinen Hund leider totgeliebt.

 

Ein Gedanke zu „Auf DVD: The Adventures of Tintin (Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn)

  1. Ohje – das ist ja eigentlich so gar keine gute Kritik :/ Wollte mir den Film demnächst mal in netter Runde anschauen – das werde ich mir nun wohl nochmal überlegen.

    Viele Grüße

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