Geguckt im Oktober

Lange her, dass hier das letzte Mal über die von mir geschauten Filme geschrieben wurde. Haut zur Zeit einfach nicht hin. Aber vielleicht probiere ich es mal in der Form eines solchen Monats-Postings (auch wenn das Monatsende auch schon wieder mehr als eine Woche …, aber lassen wir das) . Das hier habe ich im Oktober gesehen:

IM KINO:

gravity

Gravity von Alfonso Cuarón
Sandra Bullock und George Clooney lost in space. Als ich erstmals von dem Projekt gehört hatte, war meine erste Assoziation: „Open Water im Weltraum“. Diese Einschätzung war zwar nicht völlig falsch, wird Gravity aber bei weitem nicht gerecht.  Der Film will uns mitnehmen ins All, er will so nahe wie möglich ran an die Erfahrung, wie es ist, eine schwerelose Astronautin zu sein. Und das gelingt ihm so gut wie wohl kaum einem Weltraumfilm zuvor. Der Plot ist simpel, aber extrem ökonomisch und effektvoll erzählt: Ohne große Einleitung mittenrein, die Geschichte sehr spannend und tight, mehr oder weniger in Echtzeit. Und ein wunderbarer Schluss, der ohne großen Epilog punktgenau wieder aussteigt. Fast genau 90 Minuten, das hat man heute nicht mehr oft bei teuren Hollywood-Produktionen. Ich hatte direkt nach dem Kinobesuch getwittert:


Und „Kino“ ist hier im doppelten Sinne gemeint: Gravity ist nicht nur als Film toll, sondern ganz explizit auch als Kinoerlebnis. Ich war hier über die volle Laufzeit wirklich gefesselt, und Cuarón hat bei mir das erreicht, was nicht mehr vielen Filmen gelingt: mich über 90 Minuten vergessen zu lassen, dass ich in einem Kinosaal sitze. Das hätte ziemlich sicher auch in 2D funktioniert, aber Gravity ist tatsächlich einer der wenigen Filme, bei denen mich 3D nicht gestört hat, sondern dem Film vielleicht tatsächlich dient. Die Bilder aus dem Weltraum sind überaus faszinierend, sie scheinen tatsächlich, als wäre der Film im All gedreht worden. Ich bin total neugierig auf ein „Making of“.
Ganz klar der Film des Monats. Wahrscheinlich auch mein Film des Jahres.

L’écume des Jours (Der Schaum der Tage) von Michel Gondry
Ich liebe den verspielten Stil von Michel Gondry, sein Abdriften ins Surreale, seinen Humor und sein Faible für Stop-Motion-Tricks. Umso enttäuschter war ich von seinen Ausflügen in den Hollywood-Mainstream, in denen sein spezieller Charme nur noch am Rande (Be Kind, Rewind) oder gar nicht mehr (Green Hornet) durchscheint. Ich hegte also große Hoffnung in diesen Film, in denen Gondry wieder zurück zu seinen filmemacherischen Wurzeln gehen wollte. Und tatsächlich hat er Spielereien und Spinnereien ohne Ende hineingepackt: Cocktail-mixende Klaviere, lustige Wolken-Gondeln, Aale aus dem Wasserhahn, merkwürdig designte Autos und generell eine Welt, die gleichzeitig hübsch retro und doch modern aussieht. Leider führt das alles zu nichts. Die zentrale Liebesgeschichte bleibt so uninteressant wie die Hauptfiguren, von denen wir nie erfahren, warum sie so sind wie sie sind. Sie sind egal, die Geschichte ist egal, und damit sind am Ende auch die surrealen Gimmicks egal, so nett sie auch gemacht sind. Man fühlt nicht mit, und das ist bei einer Liebesgeschichte natürlich fatal. Schade drum.

Mega Piranha von Eric Forsberg
Im Kino? Ja, und zwar im Friedrichshainer b-ware! Ladenkino. Dort drehten Oliver Kalkofe und Peter Rütten die Moderationen ihrer Tele-5-Trashreihe Die schlechtesten Filme aller Zeiten, und das Ladenkino feiert dies mit einem Public Viewing von jeder Ausgabe. Ein Berlinbesuch führte mich dorthin, als die Piranha-Trashgranate aus dem Hause Asylum gezeigt wurde, ein Scheißfilm in wirklich jeder Hinsicht. Schauspieler (Tiffany!), Dialoge, Skript, Effekte, alles fürchterlich und eigentlich ungenießbar. Allein zuhause halte ich solche Machwerke bestenfalls 10 Minuten lang aus. Mit einer 50-köpfigen Gruppe, die sich diesen Schrott gemeinsam halb fasziniert, halb erschrocken ansieht, macht es dagegen großen Spaß, so dass der oft bemühte Spruch „so bad it’s good“ endlich einmal wahr wird.

VOM FESTPLATTENRECORDER:

[rec] von Jaume Balagueró und Paco Plaza
Billig produzierter Found-Footage-Horror aus Spanien, der enorm erfolgreich war und mehrere Sequels sowie ein US-Remake nach sich zog. Inhaltlich passiert hier wenig Bahnbrechendes und die ewige Wackelkamera nervt mindestens so sehr wie in allen anderen Filmen dieser Bauart auch. Und trotzdem funktioniert’s irgendwie – mir gefiel vor allem die räumliche Beschränkung auf ein einzelnes Mietshaus, aus dem es kein Entkommen gibt. Sein pessimistischer Ansatz (es gibt praktisch kaum eine Rettung, rundherum gibt’s nur Feinde und die Obrigkeit ist auch keine Hilfe) tut dem Film auch recht gut. Kann man also durchaus gucken, aber Fortsetzungen brauche ich dazu nicht mehr.

The Substance: Albert Hofmann’s LSD von Martin Witz
Doku über die Geschichte von LSD. Durchaus interessant, vor allem auch, weil LSD-Erfinder Hofmann kurz vor seinem Tod im Alter von 102 Jahren noch ausführlich selbst zu Wort kommt. Der Film wertet nicht, sondern gibt einen sachlichen Überblick über Entstehung und Anwendung der Psychodroge. Leider hatte Martin Witz an vielen Stellen den Drang, die Wirkung von LSD in Bilder zu übersetzen, so dass man hier viel zu oft wieder diese bunten Waber- und Kaleidoskop-Effekte zu sehen bekommt, die schon so viele Filme und TV-Sendungen über Musik und Kultur der späten Sechziger Jahre so schwer genießbar machen. Kann man sich ansehen, ein langer Artikel oder ein kurzes Sachbuch zum Thema wäre aber wohl genauso aufschlussreich.

Dreileben – Etwas Besseres als den Tod von Christian Petzold
Dreileben – Komm mir nicht nach von Dominik Graf
Dreileben – Eine Minute Dunkel von Christoph Hochhäusler
Das Dreierpack-Filmexperiment lief im Sommer 2011 an einem Abend in der ARD und schlummerte seitdem auf meinem Rekorder. Jetzt habe ich mir die Filme an einem Wochenende (einen pro Tag) angesehen. Die Idee hinter dem Projekt: Drei Regisseure erzählen davon, was sich rund um den Ausbruch eines Mädchenmörders aus der Psychiatrie ereignet – jeder auf seine Weise und aus unterschiedlichen Perspektiven. Jeder Film hat eigene Hauptfiguren, manche Figuren tauchen in zwei oder in allen drei Filmen auf. Im Vordergrund steht die Geschichte um den Ausbrecher nur im dritten Film (aber auch der ist eher kein klassischer Krimi). In den Beiträgen von Petzold und Graf dient sie nur als Hintergrund für ihre Geschichten, die zur gleichen Zeit spielen.

Am besten gefiel mir Etwas Besseres als den Tod von Christian Petzold, der von einer Liebesromanze zwischen einem Zivildienstleistenden und einer Einwanderertochter aus Osteuropa erzählt. Bei ihm geht es um Coming of Age, um das Leben in der tiefsten Provinz und die Sehnsucht nach der großen Welt. Gut gefilmt, ruhig und eindringlich erzählt und sehr gut geschauspielert.

Dominik Grafs Beitrag fand ich dagegen enttäuschend. Hier sehen wir eine Polizeipsychologin, die aus München an den Tatort, den fiktiven Ort Dreileben im Hinterland von Thüringen, gerufen wird. Sie schlüpft bei einem befreundeten Paar unter und dann wird geredet, geredet und geredet. Das fühlt sich an, als wäre man zu Gast auf einer Party, auf der man niemanden kennt. Es gibt zwar teuren Rotwein zu trinken, man muss aber den ganzen Abend anstrengenden Smalltalk zu Themen führen, die einen nicht interessieren, mit Leuten, die man nicht kennt und nicht mag. Schade, von Graf hätte ich mehr erwartet.

Der Abschluss von Hochhäusler konnte dann wieder halbwegs versöhnen. Hier steht tatsächlich der flüchtige Straftäter im Mittelpunkt. Er ist hier die Hauptfigur, nicht die Ermittler, wie das in den meisten Fernsehkrimis der Fall ist. Einige Leerstellen, die in den anderen beiden Filmen geblieben sind, werden hier geschlossen, so dass Eine Minute Dunkel tatsächlich als Abschluss der Trilogie zu sehen ist und als solcher funktioniert.

Als Gesamtheit ist das Experiment Dreileben kein ganz großer Triumph – jeder der drei Regisseure hat schon bessere Filme gemacht. Trotzdem ist es ein interessanter Versuch, der gerne mal wieder in ähnlicher Form aufgelegt werden kann. Es ist schon reizvoll, zu sehen, wie die Kulisse der waldreichen thüringischen Gegend von allen dreien ganz unterschiedlich in Szene gesetzt wird. Mal als fast märchenhaftes Idyll mit Abgründen (Petzold), mal als ganz klar verortete, miefige Kleinbürgerprovinz (Graf), mal als düsterer, gruselfilmartiger Hintergrund (Hochhäusler).

 

2 Gedanken zu „Geguckt im Oktober

  1. hi – ich habe Gravity auch gesehen und fand ihn zumindest ziemlich spannend, obwohl manchmal auch etwas zuuuu langatmig – das kann irgendwann auch stören.

    Und ich freue mich nun, dass ab nächster Woche die Tribute von Panem II startet. Gestern war ja schon die Premiere :-)

  2. Mit etwas Verspätung hab ich dann auch noch „Gravity“ im Kino sehen können und war vollkommen überwältigt. Selbst in den „ruhigen“ Stellen hat mich das Drama komplett eingenommen. Der einzige Moment, wo ich ein wenig ausgestiegen bin, war gegen Schluss wie die vorher mit jedem Schritt ringende Protagonistin nun in Rekordzeit die chinesische Rettungskapsel erklimmen und in Gang bringen konnte. Dafür war dann ihr erster Schritt auf festem Boden ein vollkommen nachvollziehbarer Triumph. Ich war selbst überrascht, dass ich mich aus dem Kinosessel erheben konnte ohne mich irgendwo festhalten zu müssen. ;-)

    Zu [Rec] und den Fortsetzungen:
    Ich hatte alle drei Teile bei den Fantasy Filmfest Nights gesehen. Beim ersten hatten mich ohne Vorwissen die diversen Schocks und Story-Beats vollkommen erwischt und mehrmals im Sitz aufschrecken lassen. Selbst das Schlussbild wie die Reporterin ins Dunkel gezogen wurde, sorgte noch für erhöhten Puls, obwohl doch eigentlich klar war, dass noch etwas passieren würde. Teil 2 schliesst nahtlos an den ersten an, kann die innere Spannung des Vorgängers aber nicht wiederholen. Stattdessen gibt es einen höheren Bodycount, Spiele mit der Einheit von Zeit und Raum (mehrmals wird die Handlung unterbrochen weil die Kamera kaputt geht) und eine hanebüchene Erklärung des Geschehens von Teil 1 (die „Zombies“ sind nicht untot oder infiziert sondern vom Teufel besessen). Der dritte Teil verhält sich zu seinen Vorgängern wie „Army of darkness“ zu „Evil Dead“. Er spielt im gleichen Rahmen aber konzentriert sich auf den reinen Funsplatter-Teil des Geschehens. War ganz amüsant, aber ohne orinelle Ideen.

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