Geguckt im Januar und Februar

Oh je, ich hinke mächtig hinterher …

IM KINO:

onlyloversleftaliveOnly Lovers Left Alive von Jim Jarmusch
Tilda Swinton und Tom Hiddleston als die ältesten Hipster der Welt: Adam und Eve, unsterbliche Vampire, seit Jahrhunderten auf der Welt, von der sie mehr und mehr angewidert sind. Die sterblichen Menschen, auf die vor allem Vampir Adam voller Ekel herabsieht, sind hier die „Zombies“. Beide lieben Kunst und Kultur, Literatur und Musik, und natürlich war da früher alles besser. Dazu passt die pittoresk verfallene Szenerie von Detroit, in der ein Großteil des Films spielt. Jim Jarmuschs Version des Vampirmythos verwendet zwar ein paar gängige Versatzstücke des Genres, ist aber natürlich etwas ganz eigenes. Kein Monsterfilm, kein Horror, keine Fantasy. Jarmusch feiert das Alte, das Stilvolle, das Elegante und das Schöne aus mehreren Jahrhunderten Popkultur und ist dabei ebenfalls elegant, stilvoll und altmodisch (vor allem, was das Erzähltempo angeht). Und nicht zuletzt ist der Film auch überraschend witzig. Wenig Handlung, schicker Look, grandiose Schauspieler – selten war Kulturpessimismus schöner.

Nebraska von Alexander Payne
Bruce Dern als seniler alter Zausel, der sich auf einen langen Trip von Montana nach Nebraska begibt, um dort einen vermeintlichen Millionengewinn einzulösen. Natürlich gibt es da nichts zu holen außer einer sehr hässlichen Truckermütze, das ist sowohl seinem Sohn als auch seiner Ehefrau (ganz wunderbar: June Squibb) klar, aber sie lassen den Alten gewähren und nutzen den Roadtrip als Gelegenheit zur gemeinsamen Vergangenheitsbewältigung. Alexander Payne inszeniert das in betont einfachem, schwarzweißem Indie-Look, mit viel Humor und einem warmherzigen Ansatz: Er mag seine Figuren und ihre Schwächen, gibt sie nicht der Lächerlichkeit preis und lässt ihnen auch in eigentlich würdelosen Situationen ihre Würde. Feines Filmchen, das bei den Oscars zwar erwartungsgemäß leer ausging, aber immerhin eine respektable Menge Nominierungen ansammelte.

Tatsumi von Eric Khoo
Selten zu sehender Zeichentrickfilm, der im Rahmen der Münchner Ausstellung „Manga-dô“ lief: Yoshihiro Tatsumi (*1935) ist Mangaautor und -zeichner und gilt als Mitbegründer des Gekiga, einer Spielart des japanischen Comics, die sich ab den späten 50er Jahren erstmals an erwachsene Leser wandte. Der Film kombiniert Trickfilm-Adaptionen von ausgewählten Kurzgeschichten Tatsumis mit seiner Biographie, die er ebenfalls als Manga festgehalten hat (mit Gegen den Strom wurde er im Westen bekannt und erlangte auch in der Heimat den Status eines Altmeisters). Die biographischen Episoden im Film sind zwar ganz interessant, doch den stärkeren Eindruck hinterlassen die Kurzgeschichten: allesamt sehr triste, düstere Minidramen aus den unschöneren Ecken der Gesellschaft, ohne Happy End oder tröstliche Auflösung. Ungewöhnliche, sehr sehenswerte Anime-Kost.

The Wolf of Wall Street von Martin Scorsese
Ein dreistündiger Parforceritt durch die wahnwitzige Finanzwelt der 80er und 90er Jahre, der als Film ebenso maßlos und exzessiv ist wie das Milieu, das er beschreibt. Das Erstaunliche: Die drei Stunden fühlen sich, anders als bei manchen Kollegen (Peter Jackson, ich schaue in deine Richtung!) nicht an wie drei Stunden. Klar hätte man das auch wesentlich straffer erzählen können, oder, wenn’s schon so ausgiebig sein soll, vielleicht auch als Miniserie im Fernsehen. Aber Scorseses slicke Inszenierung und das ziemlich tolle Spiel von Leo Di Caprio sorgen dafür, dass man gerne zusieht. Mein eigentlicher Liebling war ja Matthew McConaghey, der Di Caprio locker die Schau stehlen würde, wenn er nicht nach dieser Szene aus dem Film verschwinden würde. Man kann durchaus diskutieren, ob der Film den Koks-und-Nutten-Feierei-Lifestyle, den er zeigt, eigentlich kritisiert oder nicht eher selbst abfeiert. Für mich war die Darstellung so deutlich over the top und übertrieben, dass ich das durchaus als Satire erkenne, auch wenn Scorsese auf einen deutlichen Zeigefinger verzichtet.

AUF DVD:

The Evil Dead (Tanz der Teufel) von Sam Raimi
Aus der Kategorie „Sollte man mal gesehen haben, wenn man sich allgemein für Film interessiert“. Ich bin kein allzu großer Horrorfan, daher sah ich den tatsächlich erst jetzt zum ersten Mal. Natürlich sieht man dem Film sein Alter und sein sehr geringes Budget an, trotzdem kann er noch fesseln und faszinieren. Das liegt weder an einer ausgeklügelten Story noch an besonders guten Schauspielerleistungen, sondern vor allem an Sam Raimis Inszenierungstalent. Was der hier mit Kamerafahrten, cleveren Einstellungen, Schnitt und Tonspur (die ist der Wahnsinn!) anstellt, ohne Filmausbildung mit Anfang Zwanzig, hat’s wirklich in sich. Der größte Horror an dem Film aber ist und bleibt die unfassbare deutsche Zensurgeschichte, die nach wie vor auf ein Happy End wartet (meine Sichtung war von einer ungeschnittenen [?] DVD aus Spanien).

The Muppets von James Bobin
Nachdem die Rechteinhaber in den Nuller-Jahren nicht so recht wussten, was man mit Jim Hensons Puppentruppe anfangen sollte, setzte man mit diesem Kino-Revival von 2011 voll auf die Karte Nostalgie. Konzept und Skript von Hauptdarsteller Jason Segel (How I Met Your Mother) und Comedy-Autor Nicholas Stoller sehen vor, dass man sich stark an die TV-Serie anlehnt, wo die Muppets eine (sehr chaotische) Showtruppe sind, die eine Varieté-Show auf die Bühne bringen. Im Film hat sich die Truppe aufgelöst, doch Kermit trommelt die Gang erneut zusammen, damit sie bei einer TV-Spendengala Geld sammeln können, um den Verkauf ihres alten Theaters an einen bösen Ölmagnaten zu verhindern. In Gang gebracht wird die Handlung von zwei großen Fans der Muppets, von denen einer ein Mensch (Segel) und einer ein Muppet (die neu erschaffene Puppe Walter) ist. Der Plot funktioniert nur so mittelprächtig, aber der ist ohnehin nicht so wichtig. Viel wichtiger sind Gags, Promi-Gastauftritte, Musik und ein liebevoller Retro-Charme. All das ist in den alten Original-Folgen der Muppet Show zwar besser und in größerer Menge zu finden, aber als Neubelebung eines schon völlig veraltet geglaubten Franchise ist das doch erfreulich gut gelungen. Das Sequel kommt in Kürze in die Kinos.

VOM FESTPLATTENRECORDER:

House of Cards (Season 1)
Während all diejenigen, die bei US-Serien am Puls der Zeit sitzen, sich die zweite Staffel verabreichten, saß ich gerade vor den letzten Folgen der ersten. Ich habe House of Cards in der Ausstrahlung bei Pro Sieben Maxx geschaut, die einen sehr lobenswerten Programmplatz für Serien im Original mit Untertiteln haben hatten. „OmU“ ist, auch im Kino und bei DVDs, mein bevorzugtes Format und ich hätte sehr gerne viel mehr davon im deutschen Fernsehen. Leider gehöre ich da wohl zu einer winzigen Minderheit, denn auch auf P7M hat das wohl kein Schwein geguckt. Wie’s aussieht, muss ich die zweite Staffel dann woanders schauen, denn sehen will ich die unbedingt. House of Cards hatte mich sehr schnell am Haken, Kevin Spacey als Congressman Frank Underwood ist einer der faszinierendsten Unsympathen, die man sich als Hauptfigur einer Serie vorstellen kann. Zwar nehme ich der Serie nicht ab, dass Politik und Journalismus wirklich so funktionieren, wie es hier dargestellt wird, aber hey, das ist Fiktion, keine Dokumentation, da darf die Realität durchaus im Sinne der Dramaturgie zurechtgebogen werden.

Gigante von Adrián Biniez
Angenehm unspektakulärer Slice-of-life-Film aus Uruguay, in dem sich ein stiller, schüchterner Supermarkt-Nachtwächter in eine Supermarkt-Putzfrau verliebt, die er zunächst über die Überwachungskameras beobachtet und ihr später auch außerhalb ihrer Schichten nachstellt. Hätte auch ein gruselig-unbehaglicher Stalking-Thriller werden können, ist aber ein warmherziger Film mit leisem Humor und Lakonie.

Kari-gurashi no Arietti (The Secret World of Arrietty/Arrietty – Die wundersame Welt der Borger)  von Hiromasa Yonebayashi
Schöne Kinderbuch-Verfilmung aus dem Studio Ghibli, bei dem Mastermind Hayao Miyzaki zwar nicht Regie führte, aber stark in die Produktion involviert war, u.a. als Drehbuchautor. Fühlt sich sehr nach Miyazaki-Film an und überzeugt wie fast alle Ghibli-Filme nicht zuletzt durch die tollen Kulissen und Dekors, in denen die Geschichte spielt. Als erwachsener Zuschauer erfreut man sich wohl eher am Look des Films als an der doch relativ simplen und etwas betulich erzählten Handlung.

The Princess and the Frog (Küss den Frosch) von Ron Clements und John Musker
Als Animations-Fan musste ich diesen Film doch mal nachholen, mit dem Disney wieder zum klassisch gezeichneten Trickfilm zurückkehrte, nachdem man diesem ein paar Jahre zuvor schon abgeschworen hatte. In der Tat funktioniert das hier wunderbar, der Film ist ein klassisches Disney-Märchen mit archetypischen Figuren, dem witzigen Sidekick und zu viel Gesang. Dabei versinkt er aber nicht in Nostalgie, sondern wirkt frisch und modern, zum einen durch das originelle Setting, das New Orleans der Jazz-Ära, zum anderen durch die Heldin, die eben nicht die klassische Disney-Prinzessin ist, deren Glück letztlich am Prinzen hängt. Bislang der letzte 2D-Zeichentrickfilm des Studios – ich hoffe es bleibt nicht dabei.