Filmfest, Tag 1: Kicker aus Samoa, Breakdancer aus Dessau

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Next Goal Wins von Mike Brett und Steve Jamison

American Samoa ist eine Südseeinsel mit 56.000 Einwohnern und einer eigenen Fußball-Nationalmannschaft. Diese hält den Rekord für die höchste Niederlage in einem Pflichtspiel, seit sie 2001 mit 0:31 gegen Australien verloren hat. Das größte Ziel der Mannschaft ist es, wenigstens einmal ein Spiel zu gewinnen. Die englischen Filmemacher Brett und Jamison, selbst leidenschaftliche Fußballfans, wollten wissen, wie so ein Team tickt, das bei einem Halbzeitstand von 0:16 nicht das Handtuch wirft, sondern tapfer zur zweiten Hälfte aufläuft. Sie reisten nach Amerikanisch-Samoa, um die Mannschaft zu porträtieren und hatten das große Glück, dass sich während der Drehzeit eine richtig gute Story entfaltete, die kein Drehbuchautor besser hinbekommen hätte. Die Dramaturgie schreibt sich von selbst, wenn der Fußballverband aus Verzweiflung den niederländischen Trainer Thomas Rongen anheuert, der nicht nur ein echter Typ ist, sondern es auch tatsächlich schafft, ein besonderes Momentum in der Mannschaft zu entfachen.

Brett und Jamison schaffen es, einen respektvollen Blick auf diese exotische Nationalmannschaft und ihre Spieler zu richten, die in mehr als einer Hinsicht besonders sind: Sie leben einen Spagat aus Tradition und Moderne, aus tiefem Glauben und sportlichem Ehrgeiz, und sie haben mit Jaiyah Saelua eine Spielerin im Team, die den Fa’afafine, dem „dritten Geschlecht“ Samoas, angehört. Es gibt viele Szenen zum Schmunzeln, aber die Mannschaft wird niemals vorgeführt. Im Gegenteil, man schließt sie schnell ins Herz und fiebert mit, wenn sie zur WM-Qualifikation gegen Tonga, Samoa und die Cook-Inseln antritt.

Natürlich sind Schlagworte wie Herz, Leidenschaft, Teamgeist und „niemals aufgeben“ die Themen des Films, und mit etwas Pech hätte daraus ein unangenehm pathetisches Motivationsvideo werden können. Die Filmemacher umschiffen das, weil sie sich wirklich für die Kicker interessieren, und schaffen einen Film, der ebenso hochsympathisch ist wie der Auftritt der beiden beim anschließenden Q&A. Für mich ein mehr als gelungener Start ins Filmfest.

Dessau Dancers von Jan Martin Scharf

Knallig und sexy, hitzig und schwitzig soll dieser Film laut Programmheft sein, ein „German Flashdance„. Es geht um das Breakdance-Fieber, das sich in den Achtzigern auch bis in die DDR verbreitet. Der Protagonist Frank sieht Beat Street im Kino und beginnt mit ein paar Kumpels, die neuartigen Moves selbst auf der Straße nachzutanzen. Die DDR-Apparatschiks reagieren höchst misstrauisch und beschließen dann eine Vereinnahmungsstrategie: Die Breakdancer sollen als „akrobatische Showtanzgruppe“ in die regulierte staatliche Unterhaltungsmaschine eingegliedert werden. Es beginnt der alte Popkulturkampf Ausverkauf vs. Street Credibility.

Was nach einer reizvollen Grundidee klingt, ist aber am Ende lediglich eine uninspirierte Ost-Komödie, die noch einmal aufwärmt, was Filme wie Sonnenallee oder Good Bye Lenin! schon vor 15 Jahren gemacht haben. Dessau Dancers wirkt von Anfang an sehr künstlich: Die Dialoge klingen geschrieben, das Schauspiel hölzern, die Kulissen sehen aus wie Kulissen. Bei einem Musik- und Tanzfilm muss das nicht unbedingt schlecht sein, sondern könnte zum Konzept gehören. Aber aus der Künstlichkeit entsteht hier nichts. Stattdessen gibt es altbackene Gags und einen Plot ohne jede Überraschung, in dem alles ausbuchstabiert und dem Zuschauer jede Arbeit abgenommen wird. Ich musste mich noch einmal vergewissern, ob der FIlm wirklich in der Reihe „Neues deutsches Kino“ und nicht in der Sektion der Fernsehfilme lief, denn Dessau Dancers fühlt sich an, als wäre er ein möglichst stromlinienförmiger 20:15-TV-Film.

Die vom Filmfest-Ansager so hoch gelobte „unheimliche Kinetik“, die der Film angeblich ausstrahlt, konnte ich auch kaum erkennen. Zwar sind die Breakdance-Szenen ganz klar die Stärke des Films, doch eine wirklich innovative, ungewöhnliche oder auch nur halbwegs mitreißende Bildsprache findet Jan Martin Scharf dafür nicht. Die behauptete Subversion, die der Breakdance mit sich bringen sollte, findet auf der Leinwand nicht statt, der Film bleibt brav und bieder. Und am schlimmsten: Er interessiert sich kaum für seine Figuren. Lediglich Frank wird ein bisschen genauer definiert (wenn auch nicht sehr originell), alle anderen Figuren bleiben extrem blass oder sind lediglich Karikaturen. Über die drei anderen Mitglieder seiner „Kreff“ (so spricht man in der DDR „Crew“ aus – witzig, gell?) erfahren wir so gut wie nichts. Hätte man sich hier etwas näher an die Figuren gewagt, es hätte dem Film bestimmt nicht geschadet.

Die Doku Here We Come, die sich mit dem gleichen Thema beschäftigt, kenne ich nicht, sie dürfte aber mit großer Sicherheit der bessere Film sein.

 

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