Filmfest, Tag 2: Mit John Lennon, Cindy Two und suizidalen Geschwistern

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Vivir Es Fácil Con Los Ojos Cerrados von David Trueba

1966 drehte John Lennon mit Richard Lester How I Won The War, die Dreharbeiten fanden u.a. in der Nähe von Almería statt, im damals noch franquistischen Spanien. Der alleinstehende Englischlehrer Antonio ist ein riesiger Beatles-Fan und beschließt, mit seinem Auto nach Almería zu fahren, um dort John Lennon zu treffen. Auf der Fahrt dorthin gabelt er noch zwei jugendliche Ausreißer auf: einen Teenager, der Stress mit seinem Vater hat, weil er sich nicht die Haare schneiden lassen will, und eine junge Frau, die aus einem katholischen Heim für ungewollt Schwangere ausgebüxt ist. Gemeinsam erleben die drei Außenseiter ein paar unbeschwerte Tage, schließen Freundschaften, lernen was fürs Leben, und am Ende singt John „Living is easy with eyes closed“.

Vivir es Fácil… ist zunächst einmal ein schöner Wohlfühl-Film, in sonniges gelbes Licht getaucht, mit drei Protagonisten, die dem Zuschauer auf Anhieb sympathisch sind und es bis zum Schluss bleiben. Es macht Spaß, die drei zu begleiten, der Film hat einen sehr warmherzigen Humor, ist dabei aber keine reine Komödie. David Trueba will keine Gag- und Pointenparade, sondern eine Geschichte erzählen, ohne dabei zu dick aufzutragen. Im Kern geht es um Autoritäten (sei es der Vater, die Kirche oder der Staat), um das Aufbegehren gegen sie und den Umgang mit ihnen. Dass in Spanien zur Zeit der Handlung eine Diktatur am Ruder ist, spielt keine ganz unwichtige Rolle, wird im Film aber angenehm subtil und beiläufig behandelt. Hat mir sehr gut gefallen.

 

Schönefeld Boulevard von Sylke Enders

Berlin-Schönefeld kennen wir aus den Nachrichten: diese vermaledeite Flughafenbaustelle, die niemals enden wird. Dort leben aber auch Menschen, eine davon ist die Schülerin Cindy, die gerade kurz vor dem Abi steht. Sie ist dicker als die anderen, womit sie eigentlich ganz gut zurecht kommt, was aber natürlich trotzdem für Fiesheiten seitens der vermeintlichen Schulfreundinnen sorgt. Cindy hat keinen Freund, aber einen besten Kumpel, den Nachbarsjungen Danny, der ziemlich eigenartig ist. Wir beobachten Cindy zwischen Lernstress, Schulmobbing und der unbeholfenen Liebe ihrer Eltern (richtig gut:  Uwe Preuss als Vater). Der geisterhafte, unfertige Flughafen dient dabei nicht nur als interessante Kulisse, sondern auch als Metapher. Von hier aus könnte es in die große weite Welt gehen, man könnte aufbrechen, aber alles ist nur Dauerbaustelle.

Eins der Flughafenhotels ist bereits in Betrieb, dort steigen all die Ingenieure und Experten ab, die beim Bau helfen sollen. Cindy nutzt dieses Hotel als eine Art Startrampe, um wenigstens ein bisschen Aufbruch spüren zu können. Durch unbeholfene, aber erstaunlich erfolgreiche Annäherungversuche lernt sie hier verschiedene Männer kennen. Es sind diese Szenen, die diesen Film so eigenartig machen, weil man nicht so recht weiß, was man davon halten soll: Was Cindy da tut, fühlt sich awkward und falsch (und auch ein wenig unglaubwürdig) an, aber es gibt ihr Selbstvertrauen, hilft ihr bei der Abschlussprüfung (die beste Szene des Films!) und verschafft ihr einen tollen Auftritt beim Abiball. Der dann aber wieder alles andere als triumphal endet. Ein ambivalentes Ende für einen ambivalenten Film, der aber allemal interessant ist, weil er einen bestimmten Zeitgeist sehr gut einfängt, ein paar wunderbar lakonische Momente und mit Julia Jendroßek eine tolle Hauptdarstellerin hat.

 

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The Skeleton Twins von Craig Johnson

Kristen Wiig und Bill Hader, beides altgediente US-Comedy-Ikonen, spielen ein neurotisch-depressives Geschwisterpaar, das sich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Maggie erfährt von einem Selbstmordversuch ihres Bruders Milo – und zwar klingelt das Telefon just in dem Moment, in dem sie sich gerade eine schöne Überdosis Tabletten zurecht legt. Maggie legt die Tabletten weg, besucht Milo im Krankenhaus und bietet ihm an, eine Zeitlang bei ihr zu wohnen.

Das könnte nun ein sehr anstrengender Problemfilm werden, oder aber ein kitschiges Lebensmut-fördendes Melodram, aber Craig Johnson und sein famoses Hauptdarstellerpaar machen daraus eine sarkastische Komödie, die immer wieder zwischen tragischen Momenten und sehr, sehr komischen Szenen pendelt. Es gibt rasante Dialog-Duelle, Pupswitze und eine grandiose Musiknummer, darunter liegt aber auch eine sehr ernsthafte Ebene, auf der sich Thirtysomethings die Frage stellen, wie eigentlich ihr Leben aussieht, und ob es das ist, was sie erreichen wollten.

Den Tiefgang, den der Film selbst erreichen will, erreicht er (trotz Tauchunterricht und Unterwasserszenen) vielleicht nur ansatzweise, manchmal trägt er etwas zu dick auf und manche Figur (wie die verkorkste Mutter der beiden) gerät arg klischeehaft, aber insgesamt ist The Skeleton Twins absolut sehenswert, schmeckt ein wenig wie eine modernere Woody-Allen-Variante und gefällt mit seinem teils abrupten Wechsel zwischen Tragik und Komik. Vor allem aber macht es großen Spaß, Kristen Wiig und Bill Hader beim Spielen zuzusehen, zu denen sich mit Luke Wilson als Maggies Mann noch ein dritter Star gesellt. Bei den dreien stimmt einfach das Timing, jede Geste und jede Zeile sitzt. Kommt hoffentlich demnächst auch mal regulär ins Kino.

 

2 Gedanken zu „Filmfest, Tag 2: Mit John Lennon, Cindy Two und suizidalen Geschwistern

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