Filmfest, Tag 3: Love will tear us apart (again)

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Das Zimmermädchen Lynn von Ingo Haeb

Lynn arbeitet in einem durchschnittlichen Hotel als Zimmermädchen und das scheint genau der richtige Job für sie zu sein, denn sie ist überaus reinlich und penibel. Auch sonst scheint sie die eine oder andere Macke zu haben – wir erfahren nach und nach, dass sie in einer psychiatrischen Klinik war und regelmäßig zu Therapiestunden geht. „Regelmäßig“ ist überhaupt sehr wichtig für Lynn. Sie braucht exakte Abläufe und hält alles penibel in ihrem Taschenkalender fest.

Ihr wenig freudvolles Leben bekommt einen gewissen Schwung, als sich Lynn angewöhnt, in den von ihr gepflegten Zimmern intime Blicke in das Leben der Hotelgäste zu werfen: Heimlich probiert sie deren Kleidungsstücke an und versteckt sich unter den Betten, wo sie bald ganze Nächte verbringt. Der heimlich mitverfolgte Besuch einer Prostituierten bei einem Gast bringt Lynn auf eine Idee, die ihr Leben verändern wird. Was sie findet, ist wohl nicht direkt Liebe, aber vielleicht etwas ähnliches.

Ingo Haeb inszeniert seine Romanverfilmung auf eine sehr klare, man möchte fast sagen „cleane“ Weise, mit langen Einstellungen und wenigen Dialogen. Lynn, sehr überzeugend gespielt von Vicky Krieps, ist fast durchgehend im Bild, trotzdem erzählt der Film nicht direkt aus ihrer Perspektive, sondern wir sind Beobachter von außen, die sich erst nach und nach zusammenreimen müssen, was diese Lynn für eine Person ist. Vieles bleibt offen, auch am Ende ist Lynn noch eine rätselhafte Frau, aber wir sind ihr doch ein wenig näher gekommen. Mach’s noch.

 

Yeshche Odin God (Another Year) von Oksana Bychkova

Yegor und Zhenya sind ein jung verheiratetes Paar, das in Moskau lebt, sie arbeitet bei einem Onlinedienst, er als Taxifahrer. Über den Zeitraum von einem Jahr beobachten wir die beiden und ihre Beziehung. Eigentlich sind die beiden recht glücklich, aber Yegor ist zunehmend eifersüchtig darauf, dass Zhenya den besseren, interessanteren Job mit deutlich hipperen Kollegen hat als er.

Oksana Bychkova macht daraus kein großes Beziehungsdrama, sondern beobachtet fast dokumentarisch, mit Handkamera, ohne Musikbegleitung, in einem Dogma-artigen Stil. Kurator Bernhard Karl betonte in seiner Einführung, dass dieser Film fast westlich sei, im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen über die Gegenwart in Osteuropa. Auch hier leben ganz normale Menschen mit ganz normalen Problemen, und tatsächlich könnte der Film wohl auch in vielen anderen Städten als Moskau spielen (dann aber mit weniger Schnee und weniger Schnaps). Dass Another Year damit inhaltlich eher banal bleibt, gehört dann vielleicht einfach zum Konzept.

 

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I Believe in Unicorns (Einhörner) von Leah Meyerhoff

Davina ist 16, aber weil sie sich allein um ihre MS-kranke Mutter kümmern muss, ist sie kein kleines Mädchen mehr. Sie will raus aus ihrem engen Alltag und stürzt sich in eine wilde Liebesaffäre mit dem coolen Sterling, die nicht besonders romantisch, sondern eher zerstörerisch ist. Leah Meyerhoffs Film zeigt einen Teenager zwischen Kleinmädchenfantasien (es gibt immer wieder surreale Fantasiesequenzen mit Einhörnern) und der Suche nach dem aufregenden Erwachsenenleben.

Gedreht ist I Believe in Unicorns in einer bewusst hippen Ästhetik, die gleichzeitig selbstgemacht und modern wirken soll. Gedreht wurde auf 16 und 8 Millimeter, die Bilder sehen gewollt unperfekt aus. Zu Beginn ist das noch ganz charmant, vor allem in den mit Stop-Motion-Technik gemachten Traumsequenzen, aber schon nach kurzer Zeit war ich ziemlich genervt von diesem Instagram-Look. Spike Jonze meets Michel Gondry, allerdings stark überwürzt mit Geschmacksverstärkern, die ganz laut „Indie“ und „Hipster“ und „Sundance“ schreien.

Hauptdarstellerin Natalia Dyer ist stark in ihrer Rolle als Davina und schafft es ganz gut, gegen die zeitgeistige Oberfläche anzuspielen. Sie hinterlässt einen bleibenden Eindruck, und trotzdem bleibt uns Davina bis zum Ende des Films recht fremd. Die Beziehung zu ihrer pflegebedürftigen Mutter wird nur ganz kurz angerissen – schade, das hätte mich eigentlich mehr interessiert als das wilde Rock’n’Roll-Verhältnis mit Sterling. Und die Fantasiesequenzen mit den Einhörnern bilden zwar einen interessanten Kontrast zur Handlung, fügen sich aber nicht wirklich ins Gesamtbild.

Vielleicht liegt’s aber auch nur an mir: Einhörner erwischte mich auf dem falschen Fuß und war viel schroffer und pessimistischer als es der Ankündigungstext, der Trailer und auch die einführenden Worte auf dem Filmfest erwarten ließen. Ich rechnete mit netten Cupcakes und bekam überquellende Aschenbecher. Das ist, wenn man so drüber nachdenkt, auch eine Qualität.

 

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