Geguckt im Februar: Anomakings of the Bletchley Lakepool

IM KINO:

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Anomalisa von Duke Johnson und Charlie Kaufman
Darauf hatte ich mich sehr gefreut, weil ich die meisten Filme aus der Feder von Charlie Kaufman (Being John Malkovich, Eternal Sunshine of the Spotless Mind) sehr mag und außerdem ein Fan von Stop-Motion-Animation bin. Dazu kamen noch viele lobende bis euphorische Kritiken. Nun, ich fand Anomalisa nicht übel, war aber trotzdem enttäuscht. Es geht um einen Autor von Motivationsratgebern für Büromenschen, der auf Vortragsreise ist und einen Abend im Hotel verbringt. Er ist von seiner Umwelt total entfremdet, alle Menschen um ihn herum scheinen gleich zu sein – bis auf eine Frau, die ihn sofort fasziniert und mit der er sogleich eine Affäre beginnt.
Formal ist Anomalisa wirklich toll und interessant: Es gibt nur drei Sprecher für alle Rollen, denn außer der Hauptfigur und seinem neuen Love Interest reden eben alle mit gleicher Stimme. Diese Gleichartigkeit setzt sich im Bild fort, wenn auch alle Figuren dieses Puppentrickfilms die gleichen maskenartigen Gesichter haben. Das ist schon toll, wie hier eine psychologische Konstellation auf die Bildebene gebracht wird, und die Animation sieht großartig aus. Die Geschichte selbst ist allerdings bei genauerem Hinsehen dann doch wieder die schon viel zu oft erzählte, selbstmitleidige Midlife-Crisis eines privilegierten weißen Mannes, der sich wieder aufrichtet, indem er eine junge Frau vögelt. Das ist langweilig, ärgerlich und vor allem ungenügend für Kaufman-Verhältnisse, von dem man wahrlich Innovativeres erwarten darf. Wäre Anomalisa ein Kurzfilm von vielleicht 30 Minuten, ich wäre womöglich begeistert. Aber auf Spielfilmlänge trägt das Konzept nicht, auch deshalb weil man der ziemlich unsympathischen Hauptfigur nicht gerne lange folgen will. Lustigerweise war der Film, der auf einem Hörstück von Kaufman basiert, ursprünglich auf „approximately 40 minutes in length.“ geplant.

Und dann, kurz nachdem ich das geschrieben haben, lese ich den Text von Thomas Vorwerk (Achtung, Spoiler!), der eine interessante Interpretation enthält, die mir nicht aufgefallen ist. Und jetzt würde ich den Film dann doch gern nochmal sehen …

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Deadpool von Tim Miller
Mit diesem Film hatte ich mehr Spaß, als ich mir eingestehen möchte. Ja, das ist weitgehend pubertärer, ziemlich prolliger Humor, aber der Film weiß das selbst. Er tut niemals so, als wäre er besonders geistreich, er nimmt sich von Anfang an kein bisschen Ernst, und vor allem: Er langweilt nicht. Deadpool bedient sich nicht nur einer Art von Witz, die dann endlos variiert wird, sondern probiert auf fast schon experimentelle Weise diverse Wege zum Lacher aus. Ob musikalische Gags, Slapstick, coole Sprüche, Meta-Humor, Selbstreferenzialität, alberne Kalauer, eine surreale Trickfilm-Einlage – alles ist dabei, immer wieder verbunden durch explizite, herzhaft übertriebene Gewalt und dabei dann noch wild durch die unterschiedlichsten Filmgenres hüpfend. All das fügt dem Erfolgsmodell Superheldenfilm eine dreckig-derbe Metaebene hinzu und ist unterm Strich wirklich sehr unterhaltsam.

 

AUF BLURAY:

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The Kings of Summer von Jordan Vogt-Roberts
Eins der Filmgenres, die ich am liebsten mag, ist „Coming of Age“. Mit Geschichten vom Erwachsenwerden kriegt man mich fast immer, und so war es auch bei Kings of Summer, der in den USA beim Sundance Festival debütierte, durch eine sehr positive Kritik von Mark Kermode auf meinem Radar auftauchte und dann in Deutschland während der Fußball-WM 2014 ganze 21(!) Zuschauer ins Kino lockte. Zum Glück gab es trotzdem eine deutsche Veröffentlichung auf Scheibe, denn dieses miese Abschneiden hat der Film sicher nicht verdient. Es geht um zwei Teenager-Jungs, die im Sommer von zuhause ausreißen (weniger wegen großem Stress, sondern weil die Eltern schlicht nerven) und gemeinsam in einem selbst gebauten Haus im Wald leben. Als dritter im Bunde kommt der ziemlich seltsame Junge Biaggio dazu, der zwar nicht wirklich ihr Freund ist, den sie aber als „Mitläufer“ akzeptieren. Eine Mischung aus Drama und Comedy mit Überhang zu letzterem, vor allem wegen der sehr gelungenen Performances der Schauspieler, die die Eltern spielen (u.a. Nick Offerman).
Dass der Film eher im Bereich „Nett anzusehen“ als „Großartig“ landet, liegt daran, dass er sein Potenzial nicht voll ausschöpft: Denn natürlich muss es, wenn sich die Jungs nach ein paar Tagen in ihrem Wildnis-Paradies eingelebt haben, zum Konflikt kommen, der die Idylle zerstört. Dieser Konflikt ist leider ein naheliegender und ziemlich ausgelutschter. So bleibt wohl am stärksten die eigentlich recht unwichtige Nebenfigur des Biaggio (Moises Arias) in Erinnerung, der als komischer Kauz für eine gesunde Portion Quirkyness sorgt, die dem Film sehr gut steht.

 

BEIM STREAMINGDIENST:

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Top of the Lake, Series 1
Das war ein hartes Stück Arbeit, denn diese Serie guckt man nicht einfach so weg. Im Prinzip braucht man nach jeder Folge erst mal eine emotionale Pause. Oder, wie es Rebecca Nicholson beim Guardian formuliert: „Next week, I’m making sure I’ve got multiple episodes of Modern Family lined up for afterwards, just to take the edge off.“
Und „edge“ hat Top of the Lake eine ganze Menge. Der Sechsteiler spielt in der neuseeländischen Provinz; ein 12-jähriges Mädchen hat versucht, sich umzubringen, und man stellt fest, sie ist schwanger. Wenig später ist das Mädchen verschwunden und die junge Polizistin Robin (saugut: Elisabeth Moss) begibt sich mit uns auf einen sehr unangenehmen Trip in eine archaische Macho-Welt, wo sie mit gewalttätigen Rednecks, einer männerbündlerischen Polizei, sprachlosen Jugendlichen, ihrer todkranken Mutter und nicht zuletzt mit den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit zu kämpfen hat.
Top of the Lake macht keinen Spaß, jedenfalls nicht im wörtlichen Sinn. Aber es besticht durch viele Qualitäten, die das Gucken dann eben doch zu einem Genuss machen: tolle Schauspielerleistungen, ein gutes und spannendes Drehbuch, viel Atmosphäre. Jane Campion, die die Serie mitentwickelt und  mitgeschrieben hat und auch Regie führt, zeigt uns ein kaltes, ungemütliches Neuseeland in entsättigten Farben, das sehr weit weg ist vom Lord of the Rings-Idyll und sich bestimmt nicht so gut touristisch vermarkten lässt wie Peter Jacksons Tolkien-Verfilmungen.

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The Bletchley Circle, Series 1
Begann ich in der irrigen Annahme, es würde eine Geschichte von der berühmten Entschlüsselungseinheit erzählt, die die Briten während des Zweiten Weltkriegs unterhielten. Stattdessen landete ich in einem 50er-Jahre-Krimi – die Protagonistinnen sind vier Frauen, die während des Krieges in Bletchley arbeiteten und sich neun Jahre später mit ihren besonderen Talenten wieder zusammenfinden, um einem Serienmörder auf die Spur zu kommen. In Sachen Plot und Erzählweise ist das ziemlich konventionelle Fernsehkrimikost und nicht besonders aufregend, trotzdem habe ich diesen Dreiteiler nicht ungern geguckt: Zum einen gefällt er als „Period Piece“, der ein nicht sehr hübsches England in einer nicht sehr hübschen Epoche glaubhaft und ohne zu viel Nostalgie ins Bild setzt. Zum anderen mochte ich, dass da auch ein Bild der Nachkriegsgesellschaft gezeichnet wird – und zwar aus weiblicher, ja feministischer Perspektive. Ohne, dass es allzu offensichtlich ausbuchstabiert wird, bekommt man als Zuschauer gut mit, wie Frauen, die im Krieg noch unmittelbar an der Rettung des Heimatlands beteiligt und in jeder Hinsicht „wichtig“ waren, nach der Rückkehr der Männer von der Front wieder zurück ins zweite Glied (das hieß in der Regel: an den Herd) beordert wurden. Wie schwer es für Frauen war (und oft immer noch ist), sich gegen alle patriarchalen Widerstände eine angemessene Rolle zu erkämpfen, schimmert in Bletchley Circle immer wieder schön durch.