Linkomat: Inauguration-Zeug vom 20. bis 23.01.2017

Ich habe am Freitag Donald Trumps Rede zur Amtseinführung verfolgt und war davon, wie so viele, doch einigermaßen erschrocken. Die konsequente Fortführung seiner Wahlkampfrhetorik, der unverhohlene Nationalismus, das komplette Fehlen von irgendetwas freundlich-versöhnlichem gegenüber jenen, die nicht seine Fans sind. Vielleicht war das so zu erwarten, mich hat es in dieser Form doch überrascht. Hier ein paar Links:

  • Donald Trump’s Inaugural Speech, Annotated – The New York Times
    Die Inauguration-Rede im Wortlaut, ergänzt mit Anmerkungen, Kommentaren und Factchecks.
  • ‚American Carnage‘: The Trump Era Begins – The Atlantic
    Ausführliche Analyse von James Fallows, eines alten Hasen im Journalismus, über die Unterschiede zwischen vergangenen Inauguration Speeches und der von Trump: „What the speech did not have is any of the elements that marked its predecessors. An awareness of institutional continuity and resulting burdens. An ambition to make a fresh presentation to those in his own country and around the world who were not part of his original base. A demonstration that he himself has been changed by the consequences of his new role. A vision of hope and progress that extends beyond fealty to his own self.“
  • Tweet von @rascouet
    Ein anonymer Text unklarer Herkunft, geschrieben „from someone who worked in a past administration“, verbreitet von der Journalistin Anna Rascouët-Paz. Sowas ist immer problematisch, der Inhalt ist aber lesens- und bedenkenswert: Was will Trumps Pressesprecher Spicer damit bezwecken, wenn er vollkommen offensichtliche Fakten als falsch bezeichnet?
  • Donald Trump: Sein erster Tag in Zitaten – Kolumne – SPIEGEL ONLINE
    Eine Collage aus Zitaten von Trump, Spicer und dem Deutschen Ärzteblatt zum Thema „Narzisstische Persönlichkeitsstörung“).

Geguckt habe ich die Inauguration Speech am Freitag übrigens auf Euronews. Das liegt sehr weit hinten auf der Senderliste, und es war vermutlich das bisher einzige Mal, dass ich länger als 5 Minuten dort hängenblieb. Nach der Rede gab es eine Schalte zum Washington-Korrespondenten Stefan Grobe, der direkt eine angemessen erschütterte Einordnung aus europäischer Perspektive lieferte. Das fand ich gut, vielleicht sollte man da öfter mal hinzappen.

 

Linkomat: Gesammeltes Zeug vom 16.09.2016 bis 13.01.2017

Jessas, die letzte Folge Linkomat hatte ich hier am 9. September 2016. In der Zwischenzeit hat sich in meinem Linksammeltool einiges angesammelt, ich bin nur nie zum Veröffentlichen gekommen. Manches ist inzwischen gut abgehangen und ihr habt’s bestimmt schon längst gelesen, aber was soll’s, alles muss raus. Hier also empfehlenswerte Links aus meinem Internet der letzten vier Monate, der Übersicht halber in zwei größere Blöcke getrennt:

GESELLSCHAFT, POLITIK, TECHNIK:

  • Die Spur der Daten – mobilsicher.de
    Mobilsicher war Partner des NDR bei der Recherche, die aufdeckte, dass über Browser-Plugins massenhaft Surfhistorien mitgelesen und weiterverkauft werden. Hier gibt es interessante Hintergründe dazu und Tipps, was man als einzelner tun kann.
  • Die Zwei-Browser-Lösung gegen Datentracking | Rufposten
    Ein paar gute Tipps zum Umgang mit Tracking, wobei der entscheidende Abschnitt ganz am Ende kommt: „Der Elefant, der bei diesem Thema im Raum steht: Warum sollen eigentlich die einzelnen Bürger soviel Aufwand betreiben, um ihre Grundrechte zu sichern? Die Politik sollte weiterhin daran arbeiten, dass es gar nicht erst zu solchen Skandalen kommt. Darüber hinaus sollte man erwägen, Pseudonymität im Internet stärker zu fördern.“
  • Apollo 18 – Alt und Schiffer probieren Sachen aus
    Nette kleine Podcast-Serie vom Bayerischen Rundfunk, die später noch weitere Staffeln bekommen soll. In der ersten Staffel geht’s um Virtual Reality, in die sich einer der beiden Macher im Selbstversuch für 24 Stunden am Stück begeben hat.
  • Deutsche Bahn: Das Geheimnis der falschen Wagenreihung | ZEIT ONLINE
    Interessantes ZEIT-Dossier zu Missständen bei der Deutschen Bahn mit vielen O-Tönen von Mitarbeitern. Als Immer-mal-wieder-aber-nicht-täglich-Bahnfahrer finde ich: Insgesamt funktioniert dieses hochkomplexe System erstaunlich gut und ich nutze es gerne. Die großen Probleme, die es gibt, haben viel mit falschen Entscheidungen in der Politik und im obersten Management zu tun. Und manches wäre wohl besser, wenn sich die Bahn voll auf ihre Kernaufgabe (Schienentransport von Menschen und Sachen innerhalb Deutschlands) konzentrieren würde.
  • BORIS WOLLTE MICH VERBRENNEN – FALTER 45/16 – Archiv – falter.at
    Starker Text von Florian Klenk, der einen Facebook-Kommentierer besucht hat, welcher auf eines seiner Postings mit „Kann den wer anzünden bitte?“ reagiert hatte. Wie sich herausstellt, ist dieser Kommentierer kein sozial schwacher Wutbürger, sondern ein gut situierter Mittelständler. Am Ende wird ein Psychologe zitiert: „Es seien übrigens die Wohlhabenden, jene, die nie Not oder Elend kennengelernt hätten, die sich nun vermehrt bei Pegida und FPÖ wiederfänden. Weil sie Angst vor dem Abstieg und dem Kontrollverlust hätten, eine Erfahrung, die sie nicht kennen.“ Siehe dazu auch das Facebook-Posting des Autors am Jahresende.
  • Donald Trump: Mit den Waffen seiner Gegner | ZEIT ONLINE
    Natürlich sind auch einige Texte zur Trump-Wahl in der Linksammlung gelandet, aber die verblogge ich jetzt, kurz vor der Amtsübernahme, nicht mehr. Bis auf diesen hier von Felix Stephan, der sich aus kulturtheoretischer Sicht mit Trumps erfolgreichem beschäftigt und dessen Inhalt sich auch ganz gut auf Deutschland übertragen lassen:
    „Eine pluralistische Diktatur, ein Terror der Toleranz: Wie soll das eigentlich aussehen? Wird man da aufdringlich in Ruhe gelassen? Wird man da von der Regierung gezwungen, zu tun und zu lassen, was man will? Das Argument ist vollkommen irre.“ […]
    „Seit sich die Rechte als Minderheit ausgibt, ist für sie vieles möglich geworden. Sie ist auf den Kanälen nach oben gesurft, die die liberale Demokratie eigentlich für Leute ausgelegt hatte, die wirklich einer Minderheit angehören.“
  • Superfood: Das Märchen von der guten Avocado | ZEIT ONLINE
    Ausführlicher Longread darüber, dass die Avocado zwar supergesund ist, aber eine beschissene Ökobilanz hat. Sehr interessant der Teil mit der Reife-Optimierung, davon hatte ich ja gar keine Ahnung.
  • Ein Rentner besucht jeden Tag das Phantasialand
    Der Titel sagt schon alles. Schöne Reportage der FAZ mit melancholischem Unterton.

KUNST & ENTERTAINMENT:

 

Zwanzig Sechzehn

Auch wenn ich hier nicht mehr oft schreibe, ein Jahresrückblicksfragebogen muss sein.

Anzahl Kinobesuche 2015: 23, davon 13 auf dem Filmfest München und eine Pressevorführung. Bleibt also auf dem niedrigen Niveau des Vorjahrs.

Die drei Filme des Jahres: Arrival von Denis Villeneuve, The Lobster von Yorgos Lanthimos, The Hateful Eight von Quentin Tarantino.

Den hätte ich gerne im Kino gesehen: Wenn ich schon lange Anfahrtswege, teure Eintrittspreise und nichtüberspringbare Werbung in Kauf nehme, dann will ich den Film wenigstens im Original sehen. War leider in einigen Fällen in München nicht möglich, z.B. bei Kubo and the Two Strings, den ich als großer LAIKA-Fan wirklich sehen wollte.

Freudigste Entdeckung: Die daniels a.k.a. Daniel Kwan und Daniel Scheinert, die mit einem dritten Daniel (Radcliffe) sowie Paul Dano den schräg-schönsten Film des Jahres hingelegt haben: Swiss Army Man verbindet Furzwitze mit Philosophie und einem famosen Soundtrack und war wirklich eine freudige Entdeckung.

Abspann des Jahres:  Der Abspann von Deadpool war nicht schlecht, der Vorspann aber war noch weitaus doller:

Leider hierzulande ziemlich untergegangen: Midnight Special von Jeff Nichols. Aber nicht nur bei uns, sondern international. War leider ein Kassenflop, was doppelt schade ist, weil Nichols nicht nur ein hochinteressanter Filmemacher ist, sondern ernsthafte Ambitionen hat, wirklich große Filme zu machen. Vermutlich wird er nicht so schnell wieder ein fettes Budget bekommen.

Überraschend gut: Deadpool. Das war zünftig, hätte ich nicht gedacht.

Völlig überflüssig: All die Reboots und Remakes, die einfach nicht aufhören wollen.

Why the fucking Hype? Toni Erdmann (den ich im Kino verpasst hab, aber noch nachholen werde), ist sicher ein herausragender deutscher Film. Aber die Euphorie, mit der er überall abgefeiert wurde, scheint mir dann doch etwas übertrieben.

Aus dem Film bin ich gegangen: Wie immer: aus keinem.

Hier hätte ich gerne mitgewirkt: Beim Dreh von Die letzte Sau hätte ich mundart-technisch ganz gut mitmachen können.

Knutschen würde ich gerne mit: Anna aus dem umwerfenden Film Die Hannas von Julia C. Kaiser (gesehen beim Filmfest München).

Schönster Filmsatz: Wenn Strange in Doctor Strange einen Zettel mit der Aufschrift „shamballa“ bekommt und fragt, ob das sein Mantra sei, und Mordo antwortet: „It’s the wi-fi password. We’re not savages.“

Liebste Filmkritik: Seit kurzem schreibt Juliane Liebert für die SZ, zum Beispiel diesen wunderbaren Verriss von Marie Curie.

Ich fürchte mich vor: Hacksaw Ridge von Mel Gibson.

Ich freue mich auf: La La Land von Damien Chazelle, The Edge of Seventeen von Kelly Fremon Craig, The Lego Batman Movie von Chris McKay. Ansonsten bestehen die Vorschauen ja praktisch nur noch aus Sequels und Reboots. Da mag Brauchbares dabei sein (Guardians of the Galaxy 2, Blade Runner 2049, Star Wars VIII), aber Vorfreude würde ich mein Gefühl dabei nicht nennen.

Die Fragebögen der Vorjahre: 2015, 20142013201220112010200920082007 und 2006.
Wer Lust hat, darf diesen Fragebogen natürlich gerne selbst ausfüllen.

 

Auf DVD: Alki Alki

alkialki

Mit weitgehend auf Improvisation beruhenden Filmen wie Dicke Mädchen oder Ich fühl mich Disco wurde Filmemacher Axel Ranisch bekannt. Alki Alki ist sein vierter Spielfilm, ebenfalls entstanden ohne exaktes Drehbuch und wieder mit einer Hauptrolle für Heiko Pinkowski, der bisher bei allen Ranisch-Filmen dabei war und als Mitbegründer der gemeinsamen Firma „Sehr gute Filme“ auch Co-Produzent ist. Pinkowski ist auch eines der Highlights dieses Films – er spielt den Familienvater und Architekten Tobias. Das andere Highlight ist Peter Trabner als „Flasche“, Tobias‘ ständiger Begleiter. Flasche ist Sinnbild und Personifikation von Tobias‘ Alkoholsucht. Flasche ist immer dabei: als euphorisierender Rausch, als ständige Versuchung, als verständnisvoller Kumpel, als mieser Kater am nächsten Morgen. Wie ein imaginärer Freund ist Flasche dabei nur für Tobias zu sehen, die übrige Umwelt nimmt ihn nicht wahr.

Das ist schon mal ein origineller Ansatz, was aber noch lange nicht heißen muss, dass es auch funktioniert. Doch das tut es, denn Alki Alki erzählt seine Geschichte vom Säufer, der seine Sucht erst versteckt, dann immer mehr abrutscht und sich schließlich in eine Entzugsklinik begibt, nicht als Problemfilm oder moralisches Drama, sondern als Tragikomödie mit vielen guten und unkonventionellen Ideen. Dazu gehört z.B. auch der Einsatz von Käpt’n Peng alias Robert Gwisdek, der als „Troubadour“ die Rolle eines griechischen Chors einnimmt: Unvermittelt taucht er mit Gitarre in einigen Szenen auf und kommentiert das Geschehen mit einem lässig hingeworfenen kleinen Lied. Oder die surrealen Sequenzen, in denen Iris Berben hingebungsvoll overactend eine reiche Russin gibt, die große Versprechungen macht.

Es gibt genügend Momente, in denen Alki Alki auch albern oder quatschig hätte werden können, beispielsweise die Restaurantszene, in der Peter „Flasche“ Traubner in die Rolle sämtlicher Gäste schlüpft – eine nette Variation von Being John Malkovich. Oder in der zweiten Hälfte des Films, die in einer Entzugsklinik an der Ostsee spielt: Hier treffen wir weitere Abhängige, die alle ebenfalls ihre jeweilige Sucht als personifizierten Sidekick dabeihaben, und wohnen einigen Therapiesitzungen bei, immer hart an der Grenze zur Fremdscham. Es wird aber nie albern oder quatschig, was zum einen daran liegt, dass Axel Ranisch seine Figuren mag und nicht bloßstellen will, zum anderen an der Entspanntheit und Unverkrampftheit seiner Inszenierung. Das immer wieder zu beklagende Grundübel viel zu vieler deutscher Filme, dass die Dialoge so aufgesagt und abgelesen klingen, besteht hier nicht, denn dank Improvisation sind sie es ja auch nicht.

Ich schrieb oben von Pinkowski und Trabner als den Highlights des Films, denn es macht einfach große Freude, ihrer Schauspielgewalt und Spielfreude zuzusehen. Überaus tragische und sehr sehr komische Szenen gelingen ihnen gleichermaßen, beide scheuen sich auch nicht vor Peinlichkeiten. Man kann sich gut vorstellen, dass man, wenn die beiden in ihren Rollen sind, wirklich „nur“ noch die Kamera draufhalten muss und sich der Rest wie von selbst ergibt.

Axel Ranisch nimmt aus meiner Sicht eine Sonderstellung in der deutschen Filmlandschaft ein. Seine Filme liegen abseits des Mainstreams, verschließen sich aber auch nicht vor ihm. Sie bieten dem Zuschauer Ungewohntes, bleiben dabei aber leicht zugänglich, frei von Verkopftheit oder allzu großem Kunstwillen. Ich kenne nur wenige deutsche Filme, die soviel Wärme und Herzlichkeit ausstrahlen wie die von Ranisch. Und wer so etwas hinbekommt, kann dann eben auch emotional werden und dabei glaubwürdig bleiben.

Die Masse des deutschen Publikums kennt Axel Ranisch vermutlich als Schauspieler im TV-Krimi Zorn, in einem anderen TV-Krimi wird es ihn bald auch als Regisseur kennenlernen: In Ludwigshafen drehte er im Sommer einen „Impro-Tatort“ mit Kommissarin Lena Odenthal, Ausstrahlung im nächsten Sommer. Ich glaube, da kann man sich drauf freuen.