Es ist ein Kreuz

Das Nuf fragte sich neulich: „Es ist mir ein Rätsel. Wie treffen Menschen ihre Wahlentscheidung? Was bewegt sie?“
Gute Frage. Deshalb versuche ich sie mal für mich zu beantworten:

Es hat ja keinen Zweck. Je genauer man sich mit Wahlprogrammen, konkreten Zielen, tatsächlich Geleistetem und Nicht-Geleistetem und mit dem Personal beschäftigt, umso unwählbarer wird jede Partei. Jede. Wenn man lange genug überlegt (und das sollte man ja wohl auch tun vor einer Wahl!), findet man in jeder Partei relativ einfach einen Punkt, eine Aussage, eine Tat, eine Person, die diese Partei unwählbar macht. Bei manchen geht’s extrem schnell, bei anderen dauert’s länger.

Die Partei, die man von ganzem Herzen voll und ganz unterstützen kann, weil sie alles richtig gemacht hat, macht und machen wird, die die total richtigen Ideen für jedes Problem hat, sich genau für die gleichen Themen interessiert wie ich und bei der auch noch sämtliche Kandidatinnen und das Führungspersonal intelligent, eloquent, sympathisch und sexy sind: es gibt sie nicht, finden wir uns damit ab.

Durch Nichtwählen wird das gewiss nicht anders, also muss man halt durch und sich entscheiden, auch wenn man sich damit auch für Dinge mit-entscheidet, die man persönlich nicht möchte, oder für Menschen, die man persönlich nicht mag. Nach einzelnen Themen, Personen oder konkreten Programmpunkten zu wählen, funktioniert bei mir nicht. Weil sich immer sehr schnell Widersprüche finden. Ich muss nach dem großen Ganzen wählen: nach der grundsätzlichen Ausrichtung, dem allgemeinen Weltbild, dem Menschenbild, den groben Leitlinien. Welche Haltung haben die Partei (bzw. deren tonangebende Anführer) und ihre Kandidatinnen, wie stehen sie zum Umgang mit Menschen (solche mit und ohne Arbeit, mit und ohne deutschen Pass, mit und ohne Y-Chromosom), wie stehen sie zum Umgang mit der Welt an sich (Luft, Wasser, Tiere usw.)?

Nach diesen Fragen kristallisiert sich – zumindest bei mir – dann doch recht schnell heraus, wen ich wählen sollte. In meinem Fall wurde diese Tendenz sogar durch die gängigen Hilfetools (Wahl-O-Mat, Kandidatencheck von Abgeordnetenwatch, Wahl-Thesentest von sz.de und Supatopcheckerbunny) mehr oder weniger bestätigt. Ich weiß also, was ich wähle. Im Detail deckt sich dann noch lange nicht alles mit dem, was ich gerne hätte, es geht nicht ohne Bauchschmerzen, aber die ungefähre Richtung der Gewählten stimmt mit meiner ungefähren Richtung überein. Und damit treffe ich eine Wahlentscheidung, mit der ich zufrieden sein kann – unabhängig vom Ausgang der Wahl. Vielleicht ist das zu simpel gedacht, vielleicht auch naiv. Für mich funktioniert’s.

 

Spielfilme im Fernsehen, oder: Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Ich hatte gestern auf  Twitter darauf hingewiesen, dass bei Pro Sieben gerade wieder sehr sehenswerte, aktuelle Spielfilme zur besten Sendezeit zu sehen sind:

Das war gar nicht so sehr als Einschalt-Empfehlung gemeint, sondern eher als ein Wink in Richtung öffentlich-rechtliche Sender: Seht her, ARD und ZDF, es ist möglich, man kann preisgekrönte Spielfilme mit einem gewissen Anspruch auch um 20:15 senden und es schaut sogar jemand zu. Wir können ganz sicher davon ausgehen: Hätten ARD oder ZDF die Rechte an True Grit, er würde nicht um 20:15 ausgestrahlt. Denn es gibt dort einfach keine Spielfilm-Sendeplätze um diese Uhrzeit. Die (von den Privatsendern begonnene) strikte Durchformatierung der Sendepläne lässt es im Ersten und Zweiten nicht mehr zu, Programmplätze für Formate freizuhalten, die unterschiedlich lang dauern. Denn wenn ich Sonntags statt einem immer exakt 90 Minuten langen Tatort einen Spielfilm zeige, fängt die Talkshow von Jauch jede Woche zu einer anderen Uhrzeit an.

Also werden Spielfilme, von denen die Öffentlich-Rechtlichen eine ganze Menge im Repertoire haben, an den Rand gedrängt: Zu Arte und 3sat, in die kleinen Digitalkanäle, vor allem aber in die Nacht. Das ZDF hat immerhin einen wöchentlichen Sendeplatz für Spielfilme, bei dem der Film meistens noch vor Mitternacht zu Ende ist, das Montagskino. Im Ersten läuft diesen Monat exakt ein Kinofilm um 20:15 Uhr: Casino Royale am Samstag vor Ostern. Das läuft vermutlich schon unter Feiertags-Programmierung, denn an den Festtagen kann man offenbar leichter vom gewohnten Programmschema abweichen und hat öfter mal Platz für Filme.

Ich weiß nicht, auf welche Weise welcher Film bei welchem Sender landet (komplizierter Rechtehandel ist kompliziert), aber ich sehe immer wieder Filme in der Programmzeitschrift, die in irgendeiner öffentlich-rechtlichen Nische laufen, wo sie kein Mensch findet, bei denen ich mir aber sicher bin, dass er bei Pro Sieben (seltener auch mal bei Sat 1 oder RTL) zur besten Sendezeit laufen würde. Scott Pilgrim vs. the World ist so ein Beispiel (Ausstrahlung im ZDF in einer Dienstagnacht um 0:35 sowie, immerhin, um 20:15 bei ZDFneo).

Aber will ich denn wirklich, dass so gute Filme bei den Privaten landen, wo sie mit Werbung zerhackt, um den Abspann beraubt, mit blinkenden und klingelnden Programmtipps verziert und entweder nur in SD oder im Ärgernis-Format HD+ ausgestrahlt werden? Die Antwort ist Ja. Nicht weil ich sie dort selber schauen will – will ich nicht – sondern weil ich es solchen Filmen gönne, wenn eine breite Masse sie sehen kann. True Grit hatte letzten Sonntag bei Pro Sieben laut GfK 3,51 Millionen Zuschauer. Im Kino sahen den Film 793.974 Zuschauer (Quelle). Kleiner Unterschied, nicht wahr? Scott Pilgrim beim kleinen Nischensender ZDFneo hatte dagegen gerade mal 80.000 Zuschauer.

Schon klar: Mir wäre es auch am liebsten, wenn in ARD und ZDF genügend gute Sendeplätze für Kinofilme da wären (pro Sender 1x die Woche 20: 15 Uhr und 1x die Woche gegen 22 Uhr wäre doch super). Aber es gibt sie nicht und es wird sie auch nicht so bald geben. Und so lange das so bleibt, sollen sich die Öffis das Gebührengeld für Spielfilmrechte doch lieber sparen, wenn die Filme dann ohnehin nur versteckt gezeigt werden. Dann doch lieber bei den Privaten, wo sie ein Vielfaches der Zuschauer erreichen können.

Und ich gehe sogar so weit, dass ich auch beim Allerheiligsten der Filmfans (mit Einschränkungen) Zugeständnisse machen würde: Schnitte!!! (an dieser Stelle bitte Jaws-Musik, einen Reißzoom und schwarz-weiße Farbfilter vorstellen)

Ja, es gibt Fälle, in denen Schnitte sinnentstellend sind und das Werk amputieren (Black Swan ist wohl so ein Fall, die Schweiz zeigt, wie man es besser machen kann). Oft wird die Schere so plump eingesetzt, dass es jeder merkt (etwa wenn die Tonspur einen unsanften Hopser macht). Und auch mir wäre eine Welt ohne diese Form der Zensur viel lieber. Aber ist es wirklich so schlimm, wenn in einem durchschnittlichen Actionfilm ein paar Sekunden fehlen?

Für Filmliebhaber ist sowas (zu Recht) natürlich ein Sakrileg, aber seien wir doch mal ehrlich: Die senden das nicht für uns! Wir Filmnerds kennen diese Filme doch eh, wir haben sie im Kino gesehen oder auf DVD oder BluRay im Regal stehen. Wir brauchen die TV-Ausstrahlung nicht, weder um 20:15 noch sonstwann. Und außerdem zeigen die Privaten in vielen Fällen auch die ungeschnittenen Fassungen in der Nachtwiederholung.

Diese Filme sind nicht fürs Fernsehen gemacht, eine Ausstrahlung im TV ist ohnehin schon ein Kompromiss, immer. Und wenn wir diese schon eingehen und zwischen mehreren Übeln abwägen, sollten wir dann nicht auch schauen, dass Filme in diesem Massenmedium auch von einer Masse gesehen werden können?

 

Wo Kino nicht nervt

„L’enfer, c’est les autres.“
Jean-Paul Sartre

Holgi war im Kino (in einem großen Multiplex) und er war entsetzt: „Kino ist nämlich leider Scheiße.“ Gestört hat ihn vor allem die viele Werbung sowie der Geruch und die Geräusche des vielen Kino-Essens. Abschließend wünscht er sich ein Kino ohne Werbung, ohne Essen und mit genügend Platz. In den Kommentaren zu dem Blogeintrag läuft es überwiegend darauf hinaus, dass diese Wünsche entweder im häuslichen Heimkino erfüllt werden oder aber in den gerade neu entstehenden Luxuskinos wie der Astor Film Lounge.

Ich finde, es muss einen dritten Weg zwischen diesen beiden Extremen geben. Denn weder der völlige Rückzug in rein privaten Filmkonsum noch das Ausweichen in mehr oder weniger schnöselige Besserverdiener-Premiumkinos sind wirklich erstrebenswert. Dieser dritte Weg ist auch nicht schwer zu finden, denn das Grundproblem für die Phänomene, die nicht nur Holgi zu Recht sehr nerven, ist: Masse. Kino für die Masse heißt Popcorn, heißt viel Werbung und zieht leider auch oft ein Publikum an, das gerne mal gleichzeitig gegen alle Punkte des Code of Conduct verstößt.

Ich fahre seit etlichen Jahren sehr gut damit, unangenehme Kinobesuche zu vermeiden, indem ich einfach nicht da hingehe, wo die Masse hingeht. In München lässt sich das auf die einfache Faustregel „Halte dich vom Mathäser fern und gehe ins Cinemaxx nur während des Filmfests“ reduzieren. Es bleiben immer noch genug Kinos übrig, die zwar auch nicht alle komplett frei von Werbung, Popcorn und Nachos sind, aber sie zeigen weniger Werbung, haben kleinere Säle und weniger Besucher (was dann auch wieder den Fressterror mindert). Oder sie zeigen die Filme im Original, was ein erstaunlich guter Idiotenfilter ist. Das klingt total hochnäsig und herablassend, ist aber eine Tatsache. Im OF-Kino steigt nicht nur automatisch das Bildungsniveau (was noch lange nichts mit gutem Benehmen zu tun hat), vor allem aber die Quote derjenigen, die sich wirklich für den Film interessieren und sich entsprechend verhalten.

Es gilt also, nicht nur den richtigen Film auszuwählen, sondern auch das richtige Kino. Und dabei gilt es, den Massen aus dem Weg zu gehen. Möglicherweise muss man dann drauf verzichten, den neuen Bond gleich am Starttag zu sehen, es schont aber die Nerven und – am Wichtigsten – es erhält die Freude am Kinobesuch.

 

Die miesesten deutschen Verleihtitel 2010

Alberne, unpassende und krampfige deutsche Filmtitel sind ein unausrottbares Übel der hiesigen Filmlandschaft. Das Phänomen exisitiert schon seit Jahrzehnten und ist vielleicht sogar etwas weniger schlimm geworden, seit man im Zweifelsfall gerne mal den englischen Titel einfach stehen lässt. Trotzdem gibt es immer noch genügend Beispiele für dumme deutsche Titel. Ich habe im vergangenen Jahr mal ein bisschen mitgesammelt. Hier meine Top Ten:

10. Der Kautions-Cop (The Bounty Hunter)

Abteilung bescheuerte Wort-Neuschöpfungen. „Kautions-Cop“ ist ein genauso vielsagendes oder nichtssagendes, passendes oder unpassendes Wort wie die direkte Übersetzung „Kopfgeldjäger“. Und die deutsche Sprache ist wieder um einen Blödsinnsbegriff reicher.

9. Männertrip (Get Him to the Greek)

Kein leicht zu übersetzender Titel, klar. Man könnte ja versuchen, an den Film anzuknüpfen, aus dem Get Him to the Greek geboren wurde: Forgetting Sarah Marshall. Aber halt, der hieß bei uns Nie wieder Sex mit der Ex. Der Beweis dafür, dass eine Katastrophe immer gleich die nächste gebiert.

8. Verrückt nach Dir (Going the Distance)

Im Original steckt sehr schön die Tatsache drin, dass es hier um eine Fernbeziehung geht. Der deutsche Titel könnte auf jeder, wirklich jeder beliebigen Rom-Com draufstehen, ist lieblos, fantasielos und furchtbar langweilig.

7. Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft (Anvil! The Story of Anvil)

Okay, das klingt auf den ersten Blick nicht wirklich schlimm. Aber auch hier gilt: „Die Geschichte einer Freundschaft“ klingt viel zu beliebig. Könnte auch ein Film über eine alte Dame und ihren Rauhhaardackel sein, oder eine Doku über Wladimir Putin und Michail Chodorkowskij.

6. Beilight – Biss zum Abendbrot (Vampires Suck)

Es gibt Leute, die sagen, der deutsche Titel sei an dem Film noch das Witzigste. Mag sein. Trotzdem ist der deutsche Kalauer so naheliegend und flach, dass er vermutlich schon auf jeder Studentenparty und in jeder Gagautoren-Konferenz des Landes gebracht wurde. Und zwar mindestens ein Jahr vor dem Filmstart.

5. Die etwas anderen Cops (The Other Guys)

„Die etwas anderen Cops“. Kann man machen. Klingt nicht scheiße. Versenkt aber leider den Witz des Originaltitels komplett. Um den zu verstehen, muss man noch nichtmal den Film sehen, es reichen schon die ersten Sekunden des Trailers: „In the toughtest city of the world nobody fights crime like these guys [nämlich The Rock und Samuel L. Jackson] … And then, there’s the other guys.“ Die eben nicht „etwas anders“, also irgendwie besonders oder speziell sind, sondern langweilige Sesselfurzer.

4. Hot Tub – Der Whirlpool … ist ‘ne verdammte Zeitmaschine! (Hot Tub Time Machine)

Dem könnte man zugute halten, dass es hier ja um eine Zeitreise in die 80er Jahre geht, und der deutsche Titel tatsächlich nach jenen unseligen Zeiten klingt, in denen solche Filmnamen an der Tagesordnung waren. Trotzdem: Das ist ein beschissen blöder Titel! Und dann auch noch die Verzögerungspünktchen. Was soll das?

3. Lügen macht erfinderisch (The Invention of Lying)

Fail, fail, fail. Hallo, es geht darum, dass einer das Lügen erfindet! Nicht, dass er durchs Lügen erfinderisch wird. Andersrum wird ein Schuh draus! Setzen, Sechs.

2. Rapunzel – Neu verföhnt (Tangled)

Verföhnt – verfilmt – Haare – hihi, Riesen-Wortspiel, nicht wahr? Nein, nicht wahr. War lange mein Kandidat für die Nummer 1, aber dann kam kurz vor Jahresschluss noch diese hübsche Pretiose:

1. Immer Drama um Tamara (Tamara Drewe)

Das ist auf so vielen Ebenen falsch. Es widerspricht der Filmhandlung, klingt unpassenderweise nach Klamotte, und dann reimt es sich noch nicht einmal! Mein Kopf will gar nicht mehr aufhören mit Schütteln …

Runners-Up:
Despicable Me (Ich – Einfach unverbesserlich)
Auftrag Rache (Edge of Darkness)
Eine zauberhafte Nanny – Knall auf Fall in ein neues Abenteuer (Nanny McPhee and the Big Bang)

Weitere Vorschläge? Verteidigungsreden? Ideen für Alternativen? Immer her damit, die Kommentarsektion ist geöffnet.
(Die Bilder kommen übrigens alle von der wunderbaren Site movieposterdb.com)