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Auf DVD: The Adventures of Tintin (Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn)

Gute drei Minuten lang macht dieser Film richtig viel Spaß. Dann ist der Höhepunkt leider schon vorbei. Ein famoser Vorspann und die ersten Sekunden des Films mit einem Gastauftritt von Meister Hergé persönlich bezaubern mit liebevollen Reminiszenzen an die Comicvorlage, doch das war es dann auch schon mit der Herrlichkeit. Was folgt, ist ordentliches, handwerklich perfektes, aber uninspiriertes und über weite Strecken uninteressantes Abenteuerkino.

Einen Teil der Probleme erbt Das Geheimnis der Einhorn von der Comicvorlage: Der Hauptteil des Drehbuchs basiert auf zwei Tintin-Geschichten aus den Jahren 1943/44. Auch die erzählen eine aus heutiger Sicht nicht wahnsinnig originelle Geschichte und die beiden vermeintlichen Hauptfiguren – Reporter Tim und sein Hund Struppi – sind auch bei Hergé keine richtigen Identifikationsfiguren und Sympathieträger. Sie sind eigentlich ziemlich egal, die Musik macht das Drumherum (die Settings, die Geschichten, die Nebenfiguren, die Zeichnungen). Leider streicht das Filmdrehbuch mit Professor Bienlein eine der wichtigsten Nebenfiguren. Bleibt noch das tölpelhafte Slapstick-Duo Schulze und Schultze sowie der eigentliche Star des Films, Käpt’n Haddock (im Original wirklich gut verkörpert von Andy “Gollum” Serkis).

Diese schickt Steven Spielberg auf eine abenteuerliche Schatzsuche über verschiedene Kontinente, zu Lande, zu Wasser und in der Luft, ganz klassisches Genrekino eben. Das ist alles überaus solide gemacht, besitzt teilweise optische Wucht und der Soundtrack von John Williams donnert recht schön darüber. Es ist nur leider auf sonderbare Weise komplett egal. Es wird nie klar, warum hier alle so aufgeregt auf der Jagd sind und welchen Zweck das Abenteuer eigentlich verfolgt. Man fiebert nicht mit, man schaut halt zu, die Figuren sind egal und bestenfalls amüsiert man sich über den Suffkopp Haddock  (eigentlich erstaunlich, dass in einer Hollywood-Multimillionen-Produktion für Kinder eine der Hauptfiguren Alkoholiker sein darf).

Wenn man bedenkt, welche überaus wohlklingenden Namen hinter diesem Projekt stecken, kann man das Ergebnis nur als große Enttäuschung verbuchen. Da sind nicht nur Steven Spielberg als Regisseur und Peter Jackson als Produzent, sondern vor allem auch ein Drehbuch-Trio, das hohe Erwartungen weckte: geschrieben von Steven Moffat (Showrunner von Doctor Who und  Sherlock), bearbeitet von Edgar Wright (Shaun of the Dead, Hot Fuzz, Scott Pilgrim) und Joe Cornish (Attack the Block). Dass diese Hochkaräter dem Stoff so wenig Esprit und Dialogwitz entlocken können, ist schon erstaunlich.

Bliebe noch die Animation: Spielberg wollte ursprünglich einen Realfilm drehen, entschied sich dann jedoch für das Motion-Capture-Verfahren. The Adventures of Tintin wurde also mit Schauspielern an einem Filmset gedreht, ist aber trotzdem ein Animationsfilm, jedes Bild entstand letztlich digital am Rechner. Das Ergebnis dieser Technik, sieht inzwischen lange nicht mehr so gruselig aus wie noch in den Motion-Capture-Filmen von Robert Zemeckis (Der Polarexpress, Beowulf – Stichwort “Uncanny Valley”). Und trotzdem wirken die meisten Figuren in diesem Film merkwürdig seelenlos, alles fühlt sich unfassbar künstlich an.

Dabei hätte es eigentlich keinen Grund gegeben, Tim und Struppi nicht auch als Realfilm zu inszenieren. Zwar sind die Gesichter der Figuren teilweise karikaturistisch verfremdet, das bleibt aber meist dezent und hätte bestimmt nicht unechter ausgesehen, wenn man einen guten Maskenbildner seine Arbeit hätte machen lassen. Ich werde es wahrscheinlich nie verstehen: Warum steckt man irsinnigen Rechenaufwand in digitale Animation, nur damit es am Ende möglichst realistisch aussieht? Warum ein fotorealistisches Ölbild malen, wenn man es einfach fotografieren kann?

Was den Abenteuern von Tim und Struppi also an allen Ecken und Enden fehlt, ist Charme. Sowohl inhaltlich, als auch auf visueller Ebene. Mit eben diesem Charme hätte man die von der Vorlage mitgegebenen Schwächen der Handlung leicht kaschieren können. Bei Hergé kommt der Charme zu großen Teilen aus seinem grafischen Stil der Ligne Claire, dem Herunterbrechen der Realität auf simple Linien und flächige Farben. Bei Spielberg und Jackson bleibt der Charme bloße Behauptung: Beide betonten zwar beim Promoten des Films unablässig, wie sehr sie das Ausgangsmaterial lieben. Doch in ihrer Technikverliebtheit und ihrem Perfektionismus haben sie den jungen Reporter und seinen Hund leider totgeliebt.

Auf DVD: Métal Hurlant Chronicles (Schwermetall Chronicles)

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Das französische Comicmagazin Métal Hurlant, gegründet 1975, gehört zu den wichtigen Wegmarken der Comicgeschichte, nicht nur weil dort die ersten Comics erschienen, die Jean Giraud unter seinem Pseudonym Mœbius schuf. Die Anthologie, die sich an erwachsene Leser richtete, enthielt überwiegend Geschichten aus dem Science-Fiction- und Fantasy-Genre und bediente sowohl die trashigen Wurzeln dieser Gattungen als auch avantgardistisch-künstlerische Ambitionen. In Frankreich wurde das Magazin 1987 eingestellt, ehe es 2002 noch einmal für zwei Jahre wiederbelebt wurde. In dieser zweiten Phase verstand sich Métal Hurlant als “transatlantisches” Projekt, erschien parallel in Europa und den USA und enthielt Kurzgeschichten von Autoren und Zeichnern aus beiden Kontinenten.

Aus dieser Epoche stammen die Episoden, die nun für eine Fernsehserie adaptiert worden sind. In Frankreich lief sie auf dem Sender France 4, bei uns erscheinen sie direkt auf Blu-Ray und DVD. Wie die Zeitschrift funktioniert auch die TV-Serie als Anthologie, enthält also einzelne, in sich abgeschlossene Geschichten, die nicht miteinander verbunden sind. Als einziges Bindeglied dienen die Reste des Planeten Schwermetall, die – wie in der pathostriefenden Einleitung jeder Episode verkündet wird – “schreiend vor Schmerz und Verzweiflung für immer ziellos durch Zeit und Raum treiben”.

Weiterlesen bei Comicgate.

tl;dr: 6×25 Minuten Lebenszeitverschwendung.

Im Kino: Django Unchained

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Nein, das wird keine Rezension. Nennen wir es unzusammenhängende Schwärmerei.

Ich habe den neuen Tarantino sehr genossen und weiß jetzt schon, dass ich mir den sicher noch mehrmals ansehen werde. Ein herausragender Film, der nicht nur während des Kinobesuchs sehr viel Freude macht, sondern auch danach. In Django Unchained lässt sich auf irrsinnig vielen Ebenen Interessantes und Faszinierendes finden: Die Schauspielerei, die Musik und ihre Auswahl, die Sprache, die Namen, die vielen großen und kleinen, versteckten und offensichtlichen Gags und Hinweise …

Es steckt enorm viel drin in diesem Film und das beginnt schon beim Versuch, die richtige Schublade für ihn zu öffnen. Django Unchained ist (Spaghetti-) Western und Blaxploitation, Sklavendrama und Vaudeville, Satire und Racheepos, Blutbad und Slapstick, Historienstück und Komödie. Alles auf einmal. Und es funktioniert. Wo man sonst oft das Gefühl hat, ein Film könne sich nicht für eine Tonlage entscheiden, rutscht Django ständig von einer Tonlage zur anderen, und zwar auf eine selbstverständliche Art, die extrem souverän wirkt.

Ich teile auch nicht die Ansicht, dass dieser Film  ”just another Tarantino” ist, der all die bekannten Manierismen des Regisseurs erneut abspult. Die stilistischen QT-Trademarks  (Schrifteinblendungen, “cooler” Soundtrack, Sprünge in der Chronologie) werden eher zurückhaltend oder gar nicht eingesetzt. Django ist zwar auf eine Art “typisch Tarantino”, bietet aber sehr viel mehr als bloßes Selbstzitat.

Zu den Highlights des Films gehört sicher die in epischer Breite zelebrierte Dinnerszene im Anwesen des Plantagenbesitzers Candie (tolle Rolle für Leo di Caprio!). Tempo und Action werden hier extrem reduziert, der Fokus liegt auf den Dialogen und auf der von gegenseitigem Misstrauen geprägten Spannung, die in der Luft liegt und immer mehr anzieht. Es ist klar, bald geschieht etwas – und je länger nichts geschieht, desto mehr steigt die Spannung. Eine tolle Sequenz, die von einigen als viel zu langatmig kritisiert wurde, aber ich finde: Das muss genau so sein. Denn umso wuchtiger entlädt sich der aufgebaute Druck in der anschließenden, nicht weniger grandiosen Shootout-Szene.

Überrascht war ich, wie witzig der Film über weite Strecken ist. Humor zieht sich sich hier, stärker noch als in den meisten anderen Tarantino-Filmen, von der ersten bis zur letzten Szene. Und er deckt ein sehr breites Spektrum ab: von witzigen Dialogen, dem Spiel mit der Sprache (King Schultz’ umständliches Englisch) über Klamaukiges (die Löcher in den selbstgenähten Ku-Klux-Klan-Kappen) bis zu visuellen Gags (der Zahn auf der Kutsche!) und schönen Gaga-Momenten (die Pferdedressur ganz am Ende).  David Brothers, der auf 4thletter! eine interessante Artikelreihe zu Django verfasst hat, schreibt dazu, der Humor diene hier, anders als in reinen Komödien wie der Mel-Brooks-Westernparodie Blazing Saddles, dazu, die Grausamkeiten des ernsten Themas Sklaverei erträglich zu machen:

Django’s funny because it’s needed to keep you pushing past the pain. Blazing Saddles is funny because it’s a comedy.

Was mich schließlich am meisten erstaunt, ist der große Kassenerfolg dieses Films in Deutschland (über 3 Millionen Besucher nach dem 4. Wochenende, die besten Zahlen, die ein Tarantino bei uns je hatte). Sind das alles Tarantino-Fanboys und gibt es davon so viele? Ist Christoph Waltz tatsächlich so ein Kassenmagnet? Spielen die Globes, Oscarnominierungen und ähnliche Preise eine Rolle? Liegt’s an der umfassenden Berichterstattung? Wahrscheinlich ein bisschen von allem, und trotzdem erklärt das für mich den Erfolg nicht. Django Unchained ist eigentlich kein Film für die Massen, kein Film für die Familie, kein Film für die Einmal-im-Jahr-ins-Kino-Geher, er ist keine Fortsetzung, keine Bestsellerverfilmung, und ist auch nicht in 3D.

Es freut mich ja, wenn so ein Film für ausverkaufte Säle sorgt. Aber Himmel nochmal: Wenn es tatsächlich möglich ist, dass ein so un-Blockbuster-hafter Film erfolgreich sein kann, warum geschieht sowas dann nicht viel öfter?

Im TV: Kalkofes Mattscheibe Rekalked

kalkofeIch mochte Oliver Kalkofe ja immer recht gerne, seine Mattscheibe begleitet mich schon seit den Tagen, als sie im unverschlüsselten Fenster von Premiere ausgestrahlt wurde. Wenn er zwischendurch weg war, fand ich es schade, und wenn er wieder kam (mal bei der ARD, mal bei Pro Sieben) freute ich mich. Seit letzten Herbst ist er bei Tele 5 gelandet und zeigt dort Freitags um 20 Uhr neue viertelstündige Episoden der Mattscheibe.

Am Konzept hat sich nichts geändert: Kalkofe zeigt kurze Ausschnitte aus den schlimmsten Niederungen des Fernsehwahnsinns (gerne auch aus den Regionen, die auf einer umsichtig belegten Fernbedienung gar nicht vorkommen: Shopping-, Astro- und Bibelsender) und kommentiert diese im Anschluss. Entweder verkleidet als Oliver Kalkofe (Smoking und rosa Fliege) oder verkleidet als der oder die Protagonisten des eben gesehenen.

Mit 15 Minuten haben die neuen Folgen genau die richtige Länge – zum einen, weil man so ausreichend Material findet, ohne endlos strecken zu müssen, zum anderen, weil man die Sendung in längerer Form kaum aushalten würde.

Und das liegt nicht nur daran, dass viele der Ausschnitte, die hier gezeigt werden, körperliche Schmerzen verursachen, sondern auch an Kalkofes Kommentaren. Die nämlich bewegen sich auf einem Niveau, das auf Dauer mindestens genau so anstrengend ist wie die Clips, auf die sie sich beziehen. Die Beiträge scheinen von einem Schreibroboter verfasst zu sein, der so programmiert ist, dass in jedem, wirklich JEDEM Beitrag mit irgendeiner Körperfunktion gewitzelt werden muss. Machen Sie einen Selbstversuch und klicken Sie auf einen beliebigen dieser Clips. Es wird ganz sicher irgendwas mit Pipi, Popo oder Pupsen vorkommen. Falls nicht, kommen die Ersatzvokabeln “einweisen” oder “Geschlossene” zum Einsatz.

Kann sein, dass das immer schon so war und ich es nur nie gemerkt hatte. Inzwischen nervt es jedenfalls. Zumal die Schauspielerei nicht Kalkofes größtes Talent ist. Und dann ist da noch der Umstand, der immer dann zum Tragen kommt, wenn er sich jener Trash-TV-Sendungen annimmt, in denen Leute ausgestellt und vorgeführt werden. Zwar betont der Brachialkritiker in Interviews immer wieder, dass er nicht möchte, dass diese Fernsehopfer ein zweites Mal bloßgestellt werden, aber er tut es dann eben doch, wenn er einen Bauer sucht Frau-Kandidaten oder die käsesüchtige Mutter aus einer Scripted-Reality-Serie noch einmal imitiert.

Was ich mir bedeutend lieber ansehen würde: Eine Version der Mattscheibe ganz ohne Kalkofes Kommentare. Ich finde es toll, dass jemand solche Gaga-Perlen wie die “Kinderstunde” im katholischen K-TV ausgräbt und zeigt (hier ab Minute 1:00, kurze Ausschnitte ziehen sich durch die ganze Sendung). Ich brauche dazu aber keinen Onkel, der mir erklärt, wie doof das ist – das spricht so sehr für sich selbst, dass jedes Wort darüber schon eines zu viel ist.

Auf DVD: The Amazing Spider-Man

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Es ist grade mal fünf Jahre her, dass Sam Raimi mit dem (leider eher verunglückten) dritten Teil seine Spider-Man-Trilogie abgeschlossen hat. Eigentlich sollte Raimi noch einen vierten drehen, was  sich dann aber zerschlug, weil man kein vernünftiges Drehbuch zusammenbrachte. Und was macht Hollywood in so einem Fall? Fängt wieder von vorne an.

Nun ist so ein Reboot inzwischen nichts Neues mehr – in den amerikanischen Comics, wo die Spinne ja herkommt, kennt man das schon lange und auch im Kino gewöhnt man sich langsam daran (Tobias Kniebe beschrieb das zum Kinostart von ASM sinngemäß so, dass Blockbusterfilme vielleicht bald da hinkommen, wo Oper und Klassik schon lange sind: Es werden immer wieder die gleichen Werke aufgeführt, nur mit unterschiedlichen Nuancen, wirklich neue Werke sind nur was für die Avantgarde).

Ungewohnt an diesem Reboot ist vor allem, dass er so schnell kommt, und nicht erst nach 10 oder 20 Jahren. Und dass sich die erzählte Geschichte tatsächlich nur wenig von der unterscheidet, die Raimi erzählt hat. Klar, es gibt andere Gegner für Spider-Man und sogar eine andere Freundin – aber der Kern der Story ist genau der gleiche wie eh und je: Schul-Außenseiter, Spinnenbiss, huiuiui, Onkel tot, Verantwortung!!!, Verbrecherjagd. Im Vergleich zur ersten Trilogie wirkt Amazing ein bisschen düsterer und urbaner. Peter Parker soll ein bisschen Street-Level bekommen, indem er seine Spinnentricks als Erweiterung gängiger Skateboarder-Moves einstudiert. Einen komplett neuen Ton bekommt der Film aber nicht. Ein geschickter Cutter könnte einzelne Szenen aus Raimis erstem Spider-Man problemlos in diesen Film schneiden, ohne dass es weiter stören würde (und umgekehrt). Probiert das mal mit den Batmans von Nolan und Burton und ihr wisst, was ich meine.

Ein Reboot ergibt halt nur dann Sinn*, wenn man mit dem altbekannten Stoff auch etwas Neues anzufangen weiß. Nolan hat Batman wirklich neu interpretiert, seine Filme sind, wenn man so will, eine Coverversion – der neue Spider-Man ist nur Karaoke. Das ist besonders schade, weil man zunächst auf Besseres hoffen durfte: Regisseur Marc Webb hat mit (500) Days of Summer die schönste Indie-Romanze der letzten Jahre hingelegt, da konnte man schon erwarten, dass er dem Wandkrabbler ein paar frischere Nuancen verschafft. Immerhin bekommt er in den schüchternen Annäherungsszenen zwischen Peter Parker und Gwen Stacy ein paar schöne Sequenzen hin (auch weil Andrew Garfield und Emma Stone ihre Rollen gut spielen, obwohl sie natürlich viel zu alt sind, um noch als 17 durchzugehen).  Aber in den actionlastigen Abschnitten und beim 3D-Effekt weiß er keinerlei eigenen Akzente zu setzen, das ist alles x-fach gesehene Standardkost.

Das gilt auch für das Drehbuch, das von Anfang bis Ende “Hollywood by the numbers” ist und an wirklich gar keiner Stelle zu überraschen weiß. Humor und Augenzwinkern wurde großflächig getilgt (wohl um den leicht düsteren Grundton nicht zu beschädigen), außer ein paar flotten Spidey-Sprüchen ist der Film eine bierernste Angelegenheit und man vermisst schmerzlich eine Figur wie den Chefredakteur J. Jonah Jameson, der in Raimis Trilogie sehr wichtig für den Humorfaktor war.

Und dann ist da noch der Schurke, der mal wieder meine Theorie bestätigt, dass Superheldenfilme immer so gut oder schlecht sind wie der jeweilige Hauptgegner des Helden. Rhys Ifans spielt den Wissenschaftler Dr. Curt Connors als fast schon parodistisches Abziehbild des “mad scientist”-Klischees, ohne Esprit, ohne Tiefe, ohne gar nix. Nicolas Cage hätte es nicht schlechter machen können. Und auch wenn er digital zu seinem Superschurken-Alter-Ego, dem Lizard, mutiert, wirkt die Figur weder richtig bedrohlich noch sonstwie interessant.

Mag sein, dass man den Film positiver bewerten würde, wenn er die erste Spider-Man-Verfilmung wäre. Eine totale Gurke ist er nämlich nicht. Aber wenn man erst kurz davor eine sehr ähnliche und obendrein bessere Version gesehen hat und parallel im Kino weitaus gelungenere Superheldenfilme geboten werden, ist Amazing Spider-Man lediglich verzichtbares Mittelmaß.

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* künstlerisch. Kassentechnisch macht auch dieser Reboot bestimmt  Sinn.

Im Kino: The Hobbit – An Unexpected Journey (Der Hobbit – Eine unerwartete Reise)

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Der Hobbit also. Zehn Jahre nach Peter Jacksons Lord of the Rings-Triumph wird nochmal nachgelegt. Als LotR-Fan freute ich mich drauf. Weil es rund um den Kinostart aber relativ viel negative Stimmen gab, entschied ich mich: Erstmal abwarten, nicht sofort ins Kino rennen, Erwartungen runterschrauben. Und: die 3D-Fassung meiden, vor allem die mit der High Frame Rate.

Gute Entscheidungen, wie sich rausstellen sollte. Denn ich fand den Hobbit wirklich prima. Mich hat der Film zweieinhalb Stunden bestens unterhalten, ich habe bekommen, was ich wollte. Großartiges Augenfutter, tolle Effekte, schöne Kreaturen, hässliche Kreaturen, grandiose Landschaften. Vor allem aber: Eine Rückkehr nach Mittelerde. In genau DAS Mittelerde, das ich aus den Herr der Ringe-Filmen kannte. Das ist nicht nur ein Nachbau mit möglichst großer Ähnlichkeit, das ist genau diese Welt. Mit dem gleichen Look, dem gleichen Licht, der gleichen Musik und zum Teil den gleichen Gesichtern. Ich denke, das ist ein ganz wesentlicher Aspekt dieser neuen Trilogie: dass sie sich eben nicht entfernt vom Lord of the Rings (was sicher auch seinen Reiz hätte und wohl auch passiert wäre, wenn Guillermo del Toro als Regisseur nicht abgesprungen wäre), sondern ganz klar und ganz bewusst dort andockt und beide Geschichten miteinander verzahnt. Die Gastauftritte der bekannten LotR-Gesichter mögen vielleicht für die Story unwichtig sein, aber sie tragen zu dieser Verzahnung bei.

Es fühlte sich an wie Nachhausekommen. Man war sofort wieder “drin”, im Auenland, bei den Hobbits, und alles fühlte sich vertraut und bekannt an. Es fühlte sich richtig an. Die Längen, die der Film zweifelsohne zwischendurch hat, störten mich überhaupt nicht, ich fand’s an keiner Stelle langweilig. Im Gegenteil, ich wäre am Ende gerne sitzengeblieben und hätte weitergeschaut. Dass Peter Jackson und seine Co-Autoren Fran Walsh, Philippa Boyens und del Toro sich nicht 1:1 an Tolkiens Vorlage halten, sondern ausschmücken und sich auch an anderen Tolkien-Texten bedienen: gut so! Diese Trilogie wird wahrscheinlich auf lange Sicht die letzte Möglichkeit sein, Mittelerde im Kino zu sehen, und da soll man von mir aus gerne so viel reinpacken, wie möglich ist.

Mehr als die Länge und die Ausschmückungen störte mich die doch etwas simple Dramaturgie. Die Unexpected Journey ist beinahe ein Episodenfilm, so brav wie hier eine Station nach der anderen abgehakt und zur nächsten weitergezogen wird. Auch dass Gandalf gleich drei- oder viermal den Deus ex machina spielen und allen aus der Patsche helfen muss, ist auf Dauer eher anstregend. Und dass die lange Laufzeit nicht genutzt wird, neben Anführer Thorin Eichenschild auch den anderen Zwergen ein bisschen Charakter zu verleihen, ist wirklich schade. Das sind Salzkörner, die etwas stören, die Suppe aber noch lange nicht ungenießbar machen.

The Hobbit ist als Geschichte lange nicht so episch wie Lord of the Rings, er ist verspielter, humorvoller, einfacher. Für den Film gilt das aber nur zum Teil. Das Verspielte, Witzige und Kindliche ist da, aber es gibt auch reichlich episches Schlachtengetümmel, heroisches Kriegertum, existenzielle Bedrohungen undsoweiter. Die Vorlage ist ein Kinderbuch, die Adaption aber sicher kein Kinderfilm. Diese beiden Tonarten lassen sich nicht leicht verschmelzen, stattdessen wechseln wir immer wieder zwischen “leicht” und “schwer” hin und her, was nicht immer passend wirkt. Am besten gelingt Jackson diese Verschmelzung in der Szene mit Gollum, wenn Bilbo mit ihm in den Rätselwettstreit tritt. Ganz klar der Höhepunkt des Films, der hier zum Kammerspiel wird und seine beiden besten Schauspieler, Martin Freeman und Andy Serkis, glänzen lässt. Und natürlich das technische Wunderwerk des digitalen Gollum, der hier nochmal ein Stück lebensechter ist, als er in LotR ohnehin schon war.

Wenn die WETA-Trickser es jetzt noch irgendwie hinbekommen würden, endlich auch mal die Warge nicht so unecht aussehen zu lassen, und Peter Jackson seinen Hang zu Kitsch und Pathos halbwegs im Griff behält (ein bisschen ist schon okay, das gehört dazu!), dann bin ich sehr optimistisch und freue mich auf die Fortsetzungen.

Zwanzig Zwölf

Auch dieses Jahr wieder: Mein kleiner Jahresrückblick in Fragebogenform.

Anzahl Kinobesuche 2012: 31 (davon 8 Pressevorführungen). Immerhin wieder fünf mehr als im Vorjahr.

Die drei Filme des Jahres: Moonlight Kingdom von Wes Anderson, Drive von Nicolas Winding Refn und The Perks of Being a Wallflower von Stephen Chbosky. 

Den hätte ich gerne im Kino gesehen: Verpasst habe ich so einiges, z.B. Take Shelter, We Need To Talk About Kevin, The Cabin in the Woods, Premium Rush, Argo, 7 Psychopaths, Hugo, Cloud Atlas und Tinker, Tailor, Soldier, Spy.

Den hätte ich lieber nicht gesehen: Iron Sky – als Idee großartig, als Trailer toll, als 90-Minüter leider eine Riesenenttäuschung. Crowdsourcing funktioniert vielleicht finanziell, aber nicht beim Drehbuch.

Quälendste Filmminute: Irgendeiner der krassen Fights in The Raid.

Entzückendste Filmminute: Der Hulk haut Loki in The Avengers.

Freudigste Entdeckung: Dass 3D gelegentlich dann doch ganz tolle Dinge kann. Wie zum Beispiel die ziemlich coolen Drogensequenzen in Dredd 3D.

Abspann des Jahres: Die wunderschöne Credit-Sequenz von Wreck-it-Ralph, die einmal quer durch die Videospiel-Geschichte reitet (wobei das eigentlich ja ein Vorspann ist, der aber dem allgemeinen Vorspann-nach-hinten-packen-Trend zum Opfer fiel).

Leider hierzulande ziemlich untergegangen: So schöne Animationsfilme wie Paranorman und The Pirates! Band of Misfits laufen zwar bei uns nicht ganz schlecht, bekommen aber lange nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienten. 

Überraschend gut: Mission Impossible 4, von dem ich überhaupt nichts erwartet hatte und mich eher widerwillig ins Kino mitschleppen ließ, hat mich prächtig unterhalten (ja, der ist von 2011, meine Sichtung war aber im Januar 2012).

Völlig überflüssig: Die Dialektsynchros (Bairisch, Berlinerisch) von Ted.

Why the fucking Hype? Ziemlich beste Freunde, der in Deutschland tatsächlich der Blockbuster des Jahres wurde. Dass den wirklich alle sehen mussten und scheinbar auch alle toll fanden, spricht dafür, dass hier genau die richtigen Feelgood-Knöpfe gedrückt wurden. Konsenskino, okay. Aber mögen muss ich das nicht.

Aus dem Film bin ich gegangen: Immer noch aus keinem.

Aus dem Film hätte ich gehen sollen: The Dinosaur Project (Fantasy Filmfest). Das Schrottigste, was ich in diesem Jahr gesehen habe.

Hier hätte ich gerne mitgewirkt: Als Statist beim Fraktus-Konzert im Parkhaus in Hamburg. Oh-oh-oh oeeeeo!

Knutschen würde ich gerne mit: Sam aus The Perks of Being a Wallflower (gespielt von Emma Watson).

Schönster Filmsatz: “I can do more damage on my laptop sitting in my pajamas before my first cup of Earl Grey than you can do in a year in the field.” (Q in Skyfall)

Liebste Filmkritik: Die eine Lieblingskritik habe ich dieses Jahr nicht, aber ich lese immer gerne die Texte von Daniel Sander bei SpOn, höre nach wie vor jede Woche Mark Kermode und mag auch die Kolumne Mr. Vincent Vega eckt an sehr.

Ich fürchte mich vor: 3096 Tage

Ich freue mich auf: Django Unchained (Tarantino!), The Great Gatsby (Baz Luhrmann!), The Master (Paul Thomas Anderson!), Pacific Rim (Guillermo Del Toro!). Und weil ich erst morgen reingehe: The Hobbit.

Die Fragebögen der Vorjahre: 20112010200920082007 und 2006.

Zu gewinnen: 2×2 Tickets für Beasts of the Southern Wild

Ganz kurz vor Jahresende kommt mit Beasts of the Southern Wild noch ein kleines Highlight in die Kinos, das sich in der Zielgeraden – so hoffe ich zumindest – noch auf die ein oder andere Jahresbestenliste drängeln könnte: Der Film von Benh Zeitlin lief im Sommer als Centerpiece des Fantasy Filmfests und bekommt nun noch eine reguläre Kinoauswertung.

Es geht um das sechsjährige Mädchen Hushpuppy, das in ärmsten Verhältnissen in den Sümpfen der Südstaaten lebt, wo gerade ein Monstersturm aufzieht. Mit ihrer ganz besonderen Verbindung zur Natur und deren Geschöpfen versucht sie, ihre Umgebung vor schlimmen Auswirkungen des Sturms zu bewahren und ihren kranken Vater zu retten. Das Ganze bewegt sich wohl stets ganz eng an der Grenze zwischen fast dokumentarischem Realismus und einer Prise Fantastik und erinnert vom Setting ein wenig an die Filme von Guillermo del Toro, vor allem Pan’s Labyrinth, einen meiner Lieblinge. Roger Ebert schreibt in seiner hymnischen Besprechung:

Sometimes miraculous films come into being, made by people you’ve never heard of, starring unknown faces, blindsiding you with creative genius. Beasts of the Southern Wild is one of the year’s best films.

Der Verleih MFA+ Filmdistribution hat mir angeboten, hier im Blog ein paar Freikarten zu verlosen, was ich hiermit gerne tun möchte. In den Verlosungstopf kommen alle, die unten im Kommentarfeld die folgende Frage beantworten: Was war (bis jetzt) dein Film des Jahres 2012 und warum?

Ausgelost wird am 10. Dezember, so dass die Karten hoffentlich rechtzeitig zum Kinostart am 20.12. bei den Empfängern ankommen.

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