Too big to fail.
Sonntag, 29.08.2010

Das Trickfilmstudio Pixar verdankt seinen guten Ruf nicht nur der herausragenden technischen und inhaltlichen Qualität seiner Filme, sondern auch der Tatsache, dass es als ein kreativer Leuchtturm gilt, der immer wieder durch neue Ideen und originelle Geschichten überzeugt — Fortsetzungen sind bei Pixar eher verpönt, obwohl man vermutlich aus jedem einzelnen Pixar-Film eine oder mehrere erfolgreiche Fortsetzungen pressen könnte.
Der einzige Film des Studios, der bislang ein Sequel bekommen hatte, war Toy Story, mit dem vor 15 Jahren die Pixar-Erfolgsgeschichte begonnen hatte. Mit Toy Story 2 legte man einen zweiten Teil vor, der dem Original das Wasser reichen konnte, vielleicht sogar noch eine Steigerung darstellte. Dass nun auch der dritte Teil ebenfalls so überzeugen kann wie seine Vorgänger, macht Toy Story zu einer der ganz wenigen Trilogien der Filmgeschichte, deren Qualität über alle drei Teile konstant hoch ist.
Toy Story 3 bringt uns zurück zu der Spielzeugbande rund um Cowboy Woody und Astronaut Buzz Lightyear. Viel zu tun haben sie nicht mehr, denn ihr Besitzer Andy ist kein Kind mehr. Bald geht er aufs College und zieht von zuhause aus. Die Spielsachen müssen zuerst befürchten, auf dem Müll zu enden, landen aber schließlich als Sachspende in einem Kindergarten. Ihre Vorfreude, endlich wieder für leuchtende Kinderaugen sorgen zu können, schlägt bald in Horror um: dass die Kinder alles andere als pfleglich mit dem Spielzeug umgehen, wäre noch zu verschmerzen. Doch der Kindergarten entpuppt sich bald als regelrechtes Gefängnis, das vom rosa Kuschelbären Lotso wie von einem Diktator geführt wird.
Der Film entwickelt sich damit zu einem astreinen Knastdrama, das alle Zutaten dieses Genres enthält. Ein Ausbruchsplan muss geschmiedet werden, Loyalitäten werden auf die Probe gestellt, und der Weg in die Freiheit ist voller Rückschläge und höchst bedrohlicher Situationen. Regisseur Lee Unkrich inszeniert dieses familientaugliche Prison Break in rasantem Tempo und mit viel Suspense, gelegentlich scheinen sogar kleine Horror-Elemente durch: die Babypuppe mit dem kaputten Auge ist gruseliger als es Chucky je war, wird aber noch getoppt durch den Schellenaffen mit dem irren Blick, vor dem man wirklich ein wenig Angst bekommen kann.
Doch Toy Story 3 lebt längst nicht allein von Action und Spannung, sondern vor allem von witzigen Dialogen, schönen Charaktermomenten und von ein paar wunderbaren, neu eingeführten Figuren: allen voran Barbie und Ken, denen die Autoren eine ganze Reihe herrlicher Gender-Gags auf den Plastikleib geschrieben haben. Auch die Spielzeuge, die sich als Schauspieler am Theater verstehen, sind eine tolle Idee. Und der Kniff, den despotischen Kindergarten-Diktator ausgerechnet ins Gewand eines rosaroten Plüschbären, der nach Himbeeren riecht, zu stecken, ist ebenfalls großartig.
Das alles würde schon für einen ordentlichen Film reichen, zum sehr guten Film wird TS3 aber erst durch die extreme Sorgfalt und Detailliebe, die Pixar immer wieder an den Tag legt. Die gilt natürlich für die technisch perfekte Animation, auch für kleine Details im Hintergrund (u.a. eine liebevolle Hommage an Miyazakis Totoro), aber eben auch für den Plot, für die Charaktere und die Dialoge. Klar, diese Filme sind ein hochkommerzielles, quietschbuntes und ein bisschen glattes Produkt für einen globalen Markt, das nicht nur im Kino und auf DVD, sondern auch als Merchandise-Grundlage und Happy-Meal-Beigabe funktionieren muss. Und trotzdem schaffen es die Macher, diesem Produkt Herz und Seele zu geben. Weil sie eben keine kalten Dienstleister sind, die nur einen Markt bedienen, sondern zu großen Teilen große Kinder, die wirklich lieben, was sie da tun.
Dass das Ende ein bisschen zu süßlich und sentimental ausfällt, lässt sich verschmerzen, weil man 100 Minuten lang gut und höchst professionell unterhalten wurde. Ich habe sogar vergessen, dass ich die ganze Zeit diese unbequeme 3D-Brille tragen musste. Die 3D-Technik wird im Film eher unauffällig verwendet, könnte genauso gut auch weggelassen werden. Anders sieht es dagegen beim Vorfilm Day & Night aus: dieser nutzt die Dreidimensionalität endlich mal auf eine innovative Weise, die originell ist und den Film tatsächlich auf eine Ebene hebt, die er in 2D nicht ganz erreichen würde.
Samstag, 21.08.2010

Ich habe es tatsächlich geschafft, den meisten Informationen zu diesem Film vor dem Kinobesuch aus dem Weg zu gehen. Dass ich ihn sehen will, war ohnehin klar, denn von Christopher Nolan hat mir bisher eigentlich alles gefallen (hier meine Texte zu Following, Batman Begins, The Prestige und The Dark Knight. Die Grundkonstellation war mir zwar bekannt, ansonsten wusste ich recht wenig über Film und Inhalt. Und das lohnt sich auch, denn Inception macht auch deshalb viel Spaß, weil man selber viel rätseln, entschlüsseln und kombinieren kann.
Eine vertiefte Zusammenfassung, Rezension oder gar Analyse will ich hier nicht liefern, die gibt es an anderer Stelle zur Genüge (ein guter Startpunkt wäre zum Beispiel bei the-gaffer.de, wo auf zahlreiche lesenswerte Texte verwiesen wird). Stattdessen nur ein paar lose Gedankensplitter zu Inception. Spoiler? Vielleicht ein paar kleine.
- Leonardo di Caprio, der ewige Bubi, wird nun doch langsam erwachsen. Auch wenn er schon länger reifere Figuren spielt, ich habe sie ihm bisher nie so ganz abgenommen, weder in The Departed noch in Revolutionary Road. Hier dagegen schon. Reife Leistung, in jeder Hinsicht. Die paar Kilo mehr, die er inzwischen auf den Rippen hat, schaden da auch nicht.
- Überhaupt ist der Film sehr fein besetzt. Leos Dream-Sharing-Team besteht mit dem smarten Joseph Gordon-Levitt ((500) Days of Summer), dem coolen Tom Hardy (Bronson), dem sympathischen Dileep Rao und der wunderbaren Ellen Page (Juno) aus lauter unverbrauchten Gesichtern, die guten und aufstrebenden Schauspielern gehören, von denen man noch einiges hören wird. Blauauge Cillian Murphy (der in Nolans Batman-Filmen als Bösewicht dabei war) überzeugt in der Rolle des “Opfers”, in dessen Kopf die ganze Aktion, um die der Film sich dreht, stattfinden soll. Und mit den Altstars Michael Caine und Pete Postlethwaite kann man eh nix falsch machen. Nur mit Ken Watanabe war ich nicht zufrieden. Haben Hollywoods Schauspielagenten unter J wie “Japaner” wirklich nur diesen einen Schauspieler in der Kartei?
- Herausragendes Merkmal des Films, das so ziemlich von allen betont wird, die von ihm sprechen: seine Cleverness. Inception hat einen sehr gut durchdachten Plot und verlangt das Denken auch von seinen Zuschauern, wenn sie dem Film folgen wollen. Trotzdem ist Inception kein kruder Mindfuck, kein verschwurbelter Psychotrip und kein intellektueller Überflieger. Nolan ist weder Lynch noch Cronenberg noch Kaufman. Sein Film bleibt Mainstream, zugänglich und nachvollziehbar. Seine Geschichte mag komplex sein, aber sie ist nicht kompliziert. Am Ende fügt sich alles recht klar und stringent zusammen.
- Sehr gut gefiel mir, dass Nolan das richtige Maß zwischen zu viel und zu wenig Erklären findet. Der Zuschauer bekommt in knapper Form alle wichtigen Parameter mitgeteilt, die Regeln dieser Welt, und wie das Träume-Teilen funktioniert. Geschickt wird die Figur von Ellen Page dafür verwendet: Sie ist der Rookie, dem diese Informationen mitgeteilt werden, sie ist unsere Stellverterin. Mehr als diese Basis-Infos gibt’s allerdings nicht, mehr muss man auch nicht wissen. Wie und wann Cobb seine Fähigkeiten erworben hat, was genau sich hinter dem roten Knopf verbirgt, wie das mit dem “Kick” und dem “Limbo” nun ganz genau funktioniert, wird nicht erklärt. Basil Exposition hat nicht viel zu tun.
- Bei Dark Knight bemängelte ich die Unübersichtlichkeit der Action-Szenen. Bei Inception ist es weniger schlimm, aber zum Teil immer noch der Fall, wenn die Action nicht gerade in Super-Zeitlupe abläuft. Allerdings ist die Action auch das Unwichtigste am Film. Gerade im letzten Drittel, bei den Szenen im Schnee, habe ich das Geballer geistig abwesend an mir vorbeiziehen lassen. Es spielt eigentlich keine Rolle (durchaus ein Schwachpunkt des Films).
- Einige bemängeln, dass Nolans Traumwelten viel zu wenig nach Traum aussehen, und da ist durchaus was dran. Es gibt hier keine fliegenden rosa Elefanten, keine tanzenden Möbel und auch sonst wenig auffällig Surreales. Stimmt schon, aber dann wäre Inception auch ein völlig anderer Film geworden. Der würde dann vielleicht The Imaginarium of Doctor Parnassus heißen.
- Richtig gut gefiel mir der Soundtrack von Hans Zimmer. Viel Pomp und Bombast, der hier aber nicht stört, sondern wunderbar passt. Wuchtige Bilder, wuchtige Sounds.
- Am Ende muss man sagen: Halleluja! Inception ist ein sauteurer Big-Budget-Film, der kein Sequel ist, nicht auf einer erfolgreichen Roman-, Comic- oder TV-Serie basiert, auch nicht auf Spielzeug oder Achterbahnen. Man muss sein Hirn nicht an der Kasse abgeben, sondern wird durchaus intellektuell gefordert, auch wenn der Film viel Action zu bieten hat. Er hat keinen bescheuerten deutschen (Unter-) Titel und ist noch nichtmal in 3D! Und trotzdem ist er ein Erfolg an der Kasse, beliebt bei den Kritikern und beim Publikum. Wann hat es das zuletzt gegeben? Inception ist vielleicht nicht der Film des Jahres, aber einer der besten Blockbuster dieses Jahrtausends und damit auch ein Zeichen der Hoffnung: Man kann auch aus intelligenten, originären Stoffen einen erfolgreichen Eventfilm produzieren. Blockbusterkino mit Anspruch funktioniert auch noch im Jahr 2010. Wenn das keine gute Nachricht ist.
Sonntag, 15.08.2010

Es hätte so schön werden können: Steve Carell und Tina Fey als Hauptdarstellerpaar in einem Film! Die Stars von zwei der derzeit besten US-Comedyserien, The Office und 30 Rock. Eine vielverprechende Konstellation, deren Ergebnis aber leider nur eine schwache bis mittelprächtige Komödie geworden ist. Ein Spielfilm ist eben keine 22-Minuten-Sitcom, das Geschichten- und Witzeerzählen funktioniert in beiden Formen ganz unterschiedlich.
Date Night handelt vom Ehepaar Foster, das ein regelmäßiges Ritual pflegt: Einmal die Woche kommt der Babysitter, dann gehen Papa und Mama schön ohne Kinder aus. Bei einer dieser “Date Nights” kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung: Die Fosters werden irrtümlich für die Tripplehorns gehalten und müssen den Rest der Nacht vor allerlei zwielichtigen und unfreundlichen Typen fliehen. Was als überraschend charmante RomCom begonnen hat, wird nach einem Drittel zu einer Actionkomödie, die zwar ein recht hohes Tempo an den Tag legt, aber mit zunehmender Länge immer unlustiger wird. Gibt es zu Beginn des Films noch ein paar gelungene, teils improvisiert wirkende Wortgefechte, setzt Regisseur Shawn Levy (der zuvor die beiden Night at the Museum-Filme gemacht hat) später auf plumpen Slapstick und fade Oneliner. Teilweise wirkte Date Night auf mich wie eine dieser französischen 80er-Jahre-Streifen mit Pierre Richard (obwohl ich daran nur noch ganz verschwommene Erinnerungen habe).
Neben Carell und Fey, die ihre Sache nicht schlecht machen, enttäuscht die restliche Darstellerriege — auch weil das Drehbuch keine interessanten Figuren bereithält. Einzig Mark Wahlberg, der selbstironisch ein männliches Sexsymbol gibt, weiß noch zu gefallen. Ansonsten plätschert der Film von einer uninteressanten Verfolgungsjagd zur nächsten und findet seinen Tiefpunkt in einer albernen Tanzeinlage, deren Fremdschämpotential von Steve Carell und Tina Fey in ihren TV-Serien viel besser ausgespielt wird.
Date Night ist kein kompletter Reinfall und durchaus ansehbar, wenn sonst nichts besseres da ist, kann aber direkt danach sofort wieder vergessen werden.
Dienstag, 20.07.2010
Heute abend startet auf 3sat eine einwöchige Reihe mit Animationsfilmen für Erwachsene. Die ziemlich sehenswerte Auswahl umfasst sechs Langfilme (davon vier Erstausstrahlungen), dazu gibt es eine halbstündige Doku zum Thema (heute, 22:25 Uhr oder online in der Mediathek) und eine Kurzfilmnacht mit zehn Kurzfilmen.
Heute, Dienstag, 22:55 Uhr: Blood Tea and Red String
Wortloser Puppentrickfilm, der sich um eine Puppe dreht, bzw. um den Streit zwischen zwei Gruppen von Mäusen, die beide diese Puppe haben wollen. Das dürfte zum Auftakt gleich der sperrigste Film dieser Reihe sein. Lukas Foerster schreibt auf critic.de: “Einige Sequenzen sehen beinahe aus wie verfilmte abstrakte Kunst” und lobt den “beeindruckenden Formenreichtum”.
Mittwoch, 21.7., 22:25 Uhr: Das Mädchen, das durch die Zeit sprang
Japanischer Anime von Mamoru Hosada, bei dem es, wie man unschwer errät, um Zeitreisen geht. Der Film war 2006/2007 ein Festivalhit und bekam eine Menge Lob. Auch von FAZ-Autor David Gern, der hier alle Filme der 3sat-Reihe vorstellt und jubelt: “ein Film, der so viel Leben atmet, dass man fast das Gefühl hat, der Zuschauer bekäme es selbst eingehaucht. Man kann den Verantwortlichen bei 3sat nur gratulieren, dass sie dem Film zu seiner deutschen Erstausstrahlung verholfen haben.”
Donnerstag, 22.7., 22:25 Uhr: Renaissance
Im Motion-Capture-Verfahren gedrehte Noir-Science-Fiction in strengem Schwarz-Weiß, der vor allem durch seine Atmosphäre überzeugt. Ich habe den Film 2007 auf DVD gesehen und schrieb als Fazit: “Visuell durchaus ein kleines Schmankerl, bei dem leider die Story nicht ganz mithalten kann.”
Freitag, 23.7., 22:25 Uhr: Strings
Ein Marionettenfilm aus Skandinavien, von dem ich noch nie gehört habe. Es geht ganz klassisch um Könige und Thronfolger, um Mord und Selbstmord, um Krieg und Frieden. Wie man im Trailer sieht, versucht der Film nicht, die Fäden zu verstecken, an denen die Figuren hängen, sondern macht sie zum Thema (und schließlich auch zum Titel des Films).
Freitag, 23.7., 0:25 Uhr: Kurzfilmnacht
Fast 3 Stunden Trickfilme zwischen 3 und 43 Minuten. Hier die komplette Übersicht. Am bekanntesten ist wohl der Stop-Motion-Puppenfilm zu Prokofjews Peter und der Wolf.
Samstag, 24.7., 15:10 Uhr: Das wandelnde Schloss
Sicher der bekannteste Film dieser Reihe. Lief auch schon mehrmals im Fernsehen, zuletzt in der Hayao-Miyazaki-Reihe bei arte. Man kann aber Miyazaki-Filme gar nicht oft genug im Fernsehen zeigen.
Samstag, 24.7., 15:10 Uhr: Lucky Luke - Auf in den wilden Westen
In Frankreich werden mit gewisser Regelmäßigkeit Lucky-Luke-Zeichentrickfilme produziert, dieser ist der jüngste, stammt von 2007 und basiert v.a. auf dem Album La Caravane (Kalifornien oder Tod). Wahrscheinlich der unspektakulärste und durchschnittlichste Film dieser schönen Reihe. Aber vielleicht brauchten die Redakteure einfach irgendeine bekannte Comicfigur, mit der sie den Damen und Herren in der Chefetage das Projekt schmackhaft machen konnten.
Hier noch der Link zur Überblicksseite bei 3sat.de. So, jetzt kann keiner mehr sagen, er hätte von nichts gewusst! Programmiert eure Videorekorder und holt euch mal wieder ein bisschen was zurück von der brav eingezahlten Rundfunkgebühr.
Sonntag, 20.06.2010

Ein Dokumentarfilm von Yves Hinant, der mehrere Schiedsrichter während der EM 2008 in Österreich und der Schweiz beobachtet. Referees at Work zeigt Spitzenfußball aus einer Perspektive, die man sonst eigentlich nie wahrnimmt: aus dem Blickwinkel der Schiedsrichter. Wie ist es, vor tausenden von Zuschauern im Stadion ein Match zu leiten, das Spiel im Griff zu behalten, ohne es unnötig zu beeinflussen? Unter welchem Druck steht man als Schiedsrichter? Wie hält ein Dreierteam (Schiri plus Linienrichter) zusammen? Sind die einzelnen Schiedsrichterteams eher Kollegen oder eher Konkurrenten?
Man lernt so einiges in diesem Film: Ziemlich einzigartig sind die Tonaufnahmen während der Spielausschnitte, auf denen zu hören ist, wie die Schiedsrichter-Teams über ihre Headsets kommunizieren. Hier ist viel von der enormen Anspannung zu spüren, die auf den Männern liegt. Am Ende des Spiels, das ist einem als “normaler” Fußball-Zuschauer nie bewusst, gehen auch die Schiedsrichter mit dem Gefühl vom Platz, gewonnen oder verloren, vielleicht auch mal unentschieden gespielt zu haben. Und bei einem Turnier wie der Europameisterschaft geht es auch bei den Schiris ums Weiterkommen oder Ausscheiden. Nur einer kommt ins Finale, alle anderen fliegen raus. So stehen also auch die Schiedsrichter in einem sportlichen Wettbewerb, nur auf einer anderen Ebene.
Hat man dies verstanden, versteht man auch die zunächst sehr skurril anmutenden Szenen, in denen man Freunde und Verwandte der Protagonisten sieht. Die sehen sich interessiert die Spiele an, fiebern mit wie echte Fans, stehen aber nicht hinter einem der beiden Teams, sondern auf der Seite des Schiedsrichtergespanns. Es gibt hier herrliche Bilder zu sehen: der überaus stolze Vater, selbst Hobbyschiedsrichter, der im Stadion seinen pfeifenden Sohn anfeuert; die italienischen Frauen, die am Fernseher ihren rot-gelbe Fähnchen haltenden Ehemänner zujubeln; der nahe Verwandte, der nach dem Turnier ein signiertes Original-Schiri-Trikot geschenkt bekommt und voller Stolz kundgibt, man möge ihn bitte in diesem Hemd beerdigen.
Ein Schwerpunkt des Films liegt auf dem Engländer Howard Webb, der mit einer Entscheidung für Aufsehen sorgte: Er gab im Spiel Österreich gegen Polen einen umstrittenen Elfmeter in der Nachspielzeit, der zum Ausgleich für Österreich führte. Die polnische Nation hatte ein neues Feindbild, Webb bekam Morddrohungen, seine Familie hatte Angst um ihn und er um sie. Der Film zeigt diese Momente sehr eindringlich, behält aber auch hier seinen sehr nüchternen Stil bei, ohne die Ereignisse zum großen Drama hochzustilisieren.
Die Kamera bleibt stets in der reinen Beobachterposition, es gibt weder Off-Kommentar noch direkte Zitate in die Kamera, keine Einblendungen, keine Musik. So kann sich der Zuschauer wie ein unsichtbarer Spion fühlen, der an Szenen teilhaben kann, die sonst hinter verschlossenen Türen stattfinden. Das gilt besonders für die Szenen direkt vor und nach den Spielen in der Umkleidekabine.
Durch die konsequente Konzentration auf die Schiedsrichter und ihr direktes Umfeld (kein einziger Spieler oder Trainer kommt zu Wort) gelingt es dem Film, Sympathien und Anerkennung für jene Akteure zu schaffen, die normalerweise nur dann gelobt werden, wenn sie nicht auffallen, und ansonsten Ziel von Attacken jeder Art sind (natürlich auch wieder bei dieser WM). In einigen Momenten lässt er aber auch die besondere Atmosphäre jenes verschworenen Männerbundes erkennen, wenn die Schiedsrichter in ihren Zirkeln unter sich sind. Man bekommt dann eine leise Ahnung davon, wie es zu so eigenartigen Phänomenen wie der Amerell-Affäre kommen kann.
Ein äußerst sehenswerter Film, der vor allem durch seinen ungewohnten Blickwinkel auf ein Spiel besticht, von dem man glaubt, es sei bereits rundum ausgeleuchtet und bis ins kleinste Detail erforscht.
Der Film wird gesponsort vom Videoportal myVideo, wo er auch in voller Länge und in akzeptabler Qualität mit deutschen Untertiteln verfügbar ist. Referees at Work auf myvideo.de
Freitag, 11.06.2010
Der argentinische Film El secreto de sus ojos von Juan José Campanella gewann im Frühjahr den Auslands-Oscar und kommt im Oktober auch in Deutschland ins Kino.
Aus diesem Anlass beauftragte der deutsche Verleih eine PR-Agentur mit einer kleinen Aktion unter Bloggern, die aufgefordert wurden, Vorschläge für einen deutschen Verleihtitel zu machen und dann auch gleich über die Vorschläge der anderen Teilnehmer abzustimmen. Na gut, dachte ich, ich gehöre ja auch zu denen, die immer über missratene deutsche Titel lästern, probierst du’s mal selber.
Eine besonders lustige oder aufregende Aktion ist daraus leider nicht geworden, was vielleicht einfach am Film liegt, über den man recht wenig weiß und der inhaltlich nicht zu originellen Höhenflügen bei der Titelfindung einlädt. Am Ende gab es 21 Vorschläge von acht Bloggern, mir selber wollte nur einer einfallen. Beim Voting stimmte eine Mehrheit für den Vorschlag Die Schuld im Gestern, einen Titel, der mich eher überhaupt nicht ins Kino locken könnte.
So ist es vielleicht nicht die schlechteste Idee vom Verleih, keinen der 21 Vorschläge zu übernehmen, sondern sich auf die naheliegende Idee zu verlassen, eng am Titel zu bleiben und den Film In ihren Augen zu nennen.
Man könnte also resümieren, dass die ganze Aktion relativ sinnlos war, wenn der Verleih schließlich doch seine eigene Idee umsetzt. Wobei es bei der Sache sicher nicht primär um die Titelfindung ging, sondern um ein halbwegs originelles Bekanntmachen des Films und seines Titels. Wenn alle Teilnehmer es machen wie ich und von der Aktion in ihren Blogs berichten, gibt es immerhin ein bisschen Öffentlichkeit, womit Verleih und Agentur ihr Ziel womöglich schon erreicht haben.
Wie auch immer; zumindest ein Titelvorschlag war dabei, der mich sehr amüsierte. Weill er schlicht alles zusammenfasst, was man als Uninformierter über den Film weiß, und weil er auch ganz schön auf den Punkt bringt, wie fruchtlos solche PR-Aktionen am Ende meistens sind: Ein unbekannter Argentinier, der in L.A. das WEISSE BAND zerschnitt.
Sonntag, 09.05.2010
Filmstill aus Bill Plymptons Horn Dog.
Foto: Internationales Trickfilm-Festival Stuttgart
Wow. So viele Filme, so wenig Zeit. Kein Wunder, dass ich das Internationale Trickfilm-Festival in Stuttgart bisher nicht angemessen im Blog würdigen konnte. Das Programm ist derart umfassend, dass man im Prinzip täglich von 11 Uhr morgens bis spät in die Nacht ohne Unterbrechung Trickfilme schauen könnte. Das ITFS ist das größte deutsche Festival seiner Art und angeblich auch das zweitgrößte der Welt (Quelle leider verschlampt), ist sehr gut besucht und bietet eine wahre Fundgrube für kreatives (Trick-) Filmemachen mit insgesamt ca. 500 Beiträgen aus aller Welt. Von kleinen, experimentellen 30-Sekunden-Clips bis zum abendfüllenden Trickfilm aus Hollywood mit Millionenbudget. Ich kann nur jedem empfehlen, der sich für Animationsfilme interessiert, einmal hierherzukommen — es lohnt sich sehr!
Der Schwerpunkt liegt ganz klar auf Kurzfilmproduktionen. 44 davon traten — aufgeteilt auf 5 Sessions, die mehrmals wiederholt wurden — im “Internationalen Wettbewerb” an. Als ähnlich umfangreiche Nebenreihen gibt es “Young Animation” mit Beiträgen, die fast alle aus dem Umfeld von Film- und Kunsthochschulen kommen, “Tricks for Kids” mit Animationsbeiträgen für Kinder (der Preis in dieser Sektion wird von einer Jury aus sechs Kindern vergeben) sowie die Reihen “Panorama” und “Best of Animation”, in denen Beiträge gesammelt werden, die nicht mehr nagelneu sind. Außerdem gibt es eine Themenreihe zu Propaganda-Trickfilmen.
Bei den Langfilmen kann man natürlich nicht mit dieser Masse protzen. Ein paar mehr hätten es aber schon sein dürfen. Der Animovie-Wettbewerb bestand nur aus acht Beiträgen (darunter vier ausgewiesene Kinderfilme), von denen einer ohnehin nächste Woche in die deutschen Kinos kommt. Letzterer — Wes Andersons Fantastic Mr. Fox — ist dafür auch ein ganz wunderbarer und großartiger Film, den ich sofort ins Herz geschlossen habe.
Drumherum gibt es Workshops, Vorträge, Kinderprogramme, und ein kostenloses Open-Air-Kinoprogramm auf dem Schlossplatz. Ein perfekter Ort, Stuttgarts zentralster Platz, direkt neben dem Kinokomplex gelegen, in dem das Festival stattfindet. So trägt man das Festival in die Öffentlichkeit und macht Werbung für den Animationsfilm. Schade nur, dass erst am vorletzten Abend das Wetter halbwegs Open-Air-tauglich war. Zuvor herrschten Regen und nächtliche Tiefstwerte nahe dem Gefrierpunkt. Die Öffentlichkeitsarbeit scheint dennoch gut zu funktionieren, denn in den Kinosälen sieht man nicht nur das zahlreich anwesende Fachpublikum und viele Filmstudenten, sondern durchaus auch viele “normale” Zuschauer, darunter etliche Familien mit Kindern.
Soviel zu meinen allgemeinen Eindrücken. Demnächst folgt eine Auswahl aus guten Kurzfilmen, die im Web verfügbar sind, sowie Reviews zu den gesehenen Langfilmen.
Dienstag, 04.05.2010

Heute abend beginnt in Stuttgart das 17. ITFS, das bis einschließlich Sonntag dauert und hunderte von kurzen und langen Trickfilmen aus aller Welt zeigt. Meines Wissens ist das ITFS das größte deutsche Festival für Animationsfilm und zählt auch weltweit zu den wichtigsten Veranstaltungen auf diesem Gebiet. Ich kenne das Festival noch nicht, werde aber ab Donnerstag vier Tage lang dort sein, viele viele Filme gucken und sowohl hier im Blog als auch bei Twitter drüber schreiben.
Freitag, 16.04.2010
Mal wieder einer jener Artikel, denen man die mehreren Stunden Arbeit, die da reingesteckt wurden, am Ende nicht direkt ansieht: für Comicgate habe ich einen umfassenden Überblick über möglichst alle Comicverfilmungen verfasst, die in diesem Jahr auf uns zukommen. Einschließlich persönlich gefärbter Einschätzungen und Erfolgsaussichten.
Bei den Recherchen habe ich wieder feststellen müssen, wie ungleich die Informationen im Internet verteilt sind. Mit Material zu großen Hollywood-Filmen wie Iron Man 2 wird man an jeder Ecke förmlich zugeschissen, während man für kleinere, obskurere Filme schon recht mühsam nach Nadeln im Heuhaufen sucht. Und kann es sein, dass Frankreich in Sachen online echt noch ganz schön hinterherhinkt, oder täuscht mein Eindruck wegen mangelnden Sprachkenntnissen?
Bei Comicgate: Kick-Ass, Iron Man, Adele und andere (Anti-) Helden: Comicverfilmungen 2010
Montag, 12.04.2010

Rob Zombie ist ein echter Hansdampf in allen Gassen des (un-) gepflegten Entertainments. Schon seit den 80ern als Heavy-Metal-Musiker aktiv, widmet er sich seit einigen Jahren als Regisseur dem Horrorfilm (House of 1000 Corpses und zuletzt zwei Halloween-Remakes). Zwischen 2003 und 2004 schrieb er die nicht besonders langlebige Comicserie Rob Zombie’s Spookshow International. Dort tauchte regelmäßig El Superbeasto auf, ein mexikanischer Lucha-Wrestler, der zwischendurch immer mal wieder als Superheld gebraucht wird (ein Sammelband erschien 2007 bei Image Comics, auf Deutsch sind die Comics nicht erhältlich).
Bereits 2006 begann Rob Zombie mit der Produktion eines Zeichentrickfilms, der direkt auf DVD erscheinen sollte. Nach etlichen Verzögerungen ist dies im letzten Herbst auch gelungen und ab sofort ist der Film auch bei uns zu bekommen. El Superbeasto ist ein völlig überdrehter, 75minütiger Comedy-Trip, bei dem es vor allem darum geht, Dinge zu präsentieren, die man in Zeichentrickfilmen in der Regel nicht sieht: Blut, Splatter, Kraftausdrücke und enorme unverhüllte weibliche Brüste. Echten Horror oder echte Erotik will man hier aber nicht präsentieren, hier werden einfach alle verfügbaren Trash-Klischees geplündert, um soviele Gags wie möglich aneinander zu reihen.
Dass die Handlung bei einem Projekt wie diesem eine eher unwichtige Rolle spielt, dürfte klar sein, trotzdem gibt es einen roten Faden, der sich durch den Film zieht: Der fiese Bösewicht Dr. Satan (Ziel: Weltherrschaft, logisch) muss eine unheilige Braut finden, um die Macht der Hölle zu entfesseln, und lässt zu diesem Zweck die Stripperin Velvet von Black entführen, die daraufhin von El Superbeasto gerettet werden muss. Dabei hilft ihm sein sexy Sidekick Suzi X, die sich allerdings auch noch gegen eine Armee von Nazi-Zombies und einen notgeilen Roboter wehren muss.
Die Gags in El Superbeasto sind größtenteils sehr albern und pubertär (Pupswitze gibt’s auch!), auf jeden gelungenen Scherz kommt mindestens ein halbes Dutzend miese Kalauer. Allerdings legt der Film ein derart rasantes Tempo und eine ausgesprochen hohe Gagdichte an den Tag, dass man unterm Strich trotzdem sehr gut unterhalten wird. Am gelungensten sind sicher die immer wieder eingestreuten Musical-Einlagen, gesungen vom Comedy-Musikduo Hard ‘n Phirm. Wenn diese zum Beispiel den Kampf von Suzi X gegen die Nazi-Zombies im Stil der “literal music videos” musikalisch begleiten, ist das tatsächlich äußerst komisch. Sehr schade, dass man davon nur mit guten Englischkenntnissen etwas hat: Für die deutsche Version erstellte man zwar eine ordentliche und prominent besetzte Synchronfassung mit Oliver Kalkofe und Martina Hill aus Switch Reloaded, verzichtete jedoch komplett auf eine Übersetzung der Musikstücke. Sicher, eingedeutschte Songs wären bestimmt sehr gruselig geworden, aber für Untertitel hätte es schon reichen können.
Was die Animation angeht, orientiert sich El Superbeasto an TV-Serien wie Spongebob oder Rockos modernes Leben. Gelegentlich erinnert der Stil auch mal an Ren & Stimpy, jedoch ohne die grandiose Verrücktheit dieser Trickserie zu erreichen. Interessant für alle, die sich genauer mit der Animation befassen wollen, ist das Special Feature auf der DVD: In der “Work in Progress Fassung” lässt sich der komplette Film in einer Version ansehen, die aus Rohmaterial in verschiedenen Stadien der Produktion zusammengeschnitten wurde. Insgesamt ist der Film vergleichsweise aufwendig produziert und kann auch im Original mit prominenten Sprechern aufwarten (allen voran Paul Giamatti als Dr. Satan).
Unterm Strich ist Rob Zombies El Superbeasto wahrlich kein Meilenstein des Erwachsenen-Zeichentrickfilms geworden – subtilen Humor sucht man vergebens und die parodistischen Elemente sind eher platte Verarsche als feinsinnige Hommage. Immerhin sorgt das hohe Tempo dafür, dass kaum Langeweile aufkommt und man zwischen allerlei Busen- und Peniswitzen auch immer wieder gute Gags serviert bekommt. Wer gehobene Ansprüche sausen lassen und seinen inneren 15jährigen freilassen kann, wird hier vortrefflich unterhalten.
Zuerst erschienen bei Comicgate.
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