Zwanzig Sechzehn

Auch wenn ich hier nicht mehr oft schreibe, ein Jahresrückblicksfragebogen muss sein.

Anzahl Kinobesuche 2015: 23, davon 13 auf dem Filmfest München und eine Pressevorführung. Bleibt also auf dem niedrigen Niveau des Vorjahrs.

Die drei Filme des Jahres: Arrival von Denis Villeneuve, The Lobster von Yorgos Lanthimos, The Hateful Eight von Quentin Tarantino.

Den hätte ich gerne im Kino gesehen: Wenn ich schon lange Anfahrtswege, teure Eintrittspreise und nichtüberspringbare Werbung in Kauf nehme, dann will ich den Film wenigstens im Original sehen. War leider in einigen Fällen in München nicht möglich, z.B. bei Kubo and the Two Strings, den ich als großer LAIKA-Fan wirklich sehen wollte.

Freudigste Entdeckung: Die daniels a.k.a. Daniel Kwan und Daniel Scheinert, die mit einem dritten Daniel (Radcliffe) sowie Paul Dano den schräg-schönsten Film des Jahres hingelegt haben: Swiss Army Man verbindet Furzwitze mit Philosophie und einem famosen Soundtrack und war wirklich eine freudige Entdeckung.

Abspann des Jahres:  Der Abspann von Deadpool war nicht schlecht, der Vorspann aber war noch weitaus doller:

Leider hierzulande ziemlich untergegangen: Midnight Special von Jeff Nichols. Aber nicht nur bei uns, sondern international. War leider ein Kassenflop, was doppelt schade ist, weil Nichols nicht nur ein hochinteressanter Filmemacher ist, sondern ernsthafte Ambitionen hat, wirklich große Filme zu machen. Vermutlich wird er nicht so schnell wieder ein fettes Budget bekommen.

Überraschend gut: Deadpool. Das war zünftig, hätte ich nicht gedacht.

Völlig überflüssig: All die Reboots und Remakes, die einfach nicht aufhören wollen.

Why the fucking Hype? Toni Erdmann (den ich im Kino verpasst hab, aber noch nachholen werde), ist sicher ein herausragender deutscher Film. Aber die Euphorie, mit der er überall abgefeiert wurde, scheint mir dann doch etwas übertrieben.

Aus dem Film bin ich gegangen: Wie immer: aus keinem.

Hier hätte ich gerne mitgewirkt: Beim Dreh von Die letzte Sau hätte ich mundart-technisch ganz gut mitmachen können.

Knutschen würde ich gerne mit: Anna aus dem umwerfenden Film Die Hannas von Julia C. Kaiser (gesehen beim Filmfest München).

Schönster Filmsatz: Wenn Strange in Doctor Strange einen Zettel mit der Aufschrift „shamballa“ bekommt und fragt, ob das sein Mantra sei, und Mordo antwortet: „It’s the wi-fi password. We’re not savages.“

Liebste Filmkritik: Seit kurzem schreibt Juliane Liebert für die SZ, zum Beispiel diesen wunderbaren Verriss von Marie Curie.

Ich fürchte mich vor: Hacksaw Ridge von Mel Gibson.

Ich freue mich auf: La La Land von Damien Chazelle, The Edge of Seventeen von Kelly Fremon Craig, The Lego Batman Movie von Chris McKay. Ansonsten bestehen die Vorschauen ja praktisch nur noch aus Sequels und Reboots. Da mag Brauchbares dabei sein (Guardians of the Galaxy 2, Blade Runner 2049, Star Wars VIII), aber Vorfreude würde ich mein Gefühl dabei nicht nennen.

Die Fragebögen der Vorjahre: 2015, 20142013201220112010200920082007 und 2006.
Wer Lust hat, darf diesen Fragebogen natürlich gerne selbst ausfüllen.

 

Auf DVD: Alki Alki

alkialki

Mit weitgehend auf Improvisation beruhenden Filmen wie Dicke Mädchen oder Ich fühl mich Disco wurde Filmemacher Axel Ranisch bekannt. Alki Alki ist sein vierter Spielfilm, ebenfalls entstanden ohne exaktes Drehbuch und wieder mit einer Hauptrolle für Heiko Pinkowski, der bisher bei allen Ranisch-Filmen dabei war und als Mitbegründer der gemeinsamen Firma „Sehr gute Filme“ auch Co-Produzent ist. Pinkowski ist auch eines der Highlights dieses Films – er spielt den Familienvater und Architekten Tobias. Das andere Highlight ist Peter Trabner als „Flasche“, Tobias‘ ständiger Begleiter. Flasche ist Sinnbild und Personifikation von Tobias‘ Alkoholsucht. Flasche ist immer dabei: als euphorisierender Rausch, als ständige Versuchung, als verständnisvoller Kumpel, als mieser Kater am nächsten Morgen. Wie ein imaginärer Freund ist Flasche dabei nur für Tobias zu sehen, die übrige Umwelt nimmt ihn nicht wahr.

Das ist schon mal ein origineller Ansatz, was aber noch lange nicht heißen muss, dass es auch funktioniert. Doch das tut es, denn Alki Alki erzählt seine Geschichte vom Säufer, der seine Sucht erst versteckt, dann immer mehr abrutscht und sich schließlich in eine Entzugsklinik begibt, nicht als Problemfilm oder moralisches Drama, sondern als Tragikomödie mit vielen guten und unkonventionellen Ideen. Dazu gehört z.B. auch der Einsatz von Käpt’n Peng alias Robert Gwisdek, der als „Troubadour“ die Rolle eines griechischen Chors einnimmt: Unvermittelt taucht er mit Gitarre in einigen Szenen auf und kommentiert das Geschehen mit einem lässig hingeworfenen kleinen Lied. Oder die surrealen Sequenzen, in denen Iris Berben hingebungsvoll overactend eine reiche Russin gibt, die große Versprechungen macht.

Es gibt genügend Momente, in denen Alki Alki auch albern oder quatschig hätte werden können, beispielsweise die Restaurantszene, in der Peter „Flasche“ Traubner in die Rolle sämtlicher Gäste schlüpft – eine nette Variation von Being John Malkovich. Oder in der zweiten Hälfte des Films, die in einer Entzugsklinik an der Ostsee spielt: Hier treffen wir weitere Abhängige, die alle ebenfalls ihre jeweilige Sucht als personifizierten Sidekick dabeihaben, und wohnen einigen Therapiesitzungen bei, immer hart an der Grenze zur Fremdscham. Es wird aber nie albern oder quatschig, was zum einen daran liegt, dass Axel Ranisch seine Figuren mag und nicht bloßstellen will, zum anderen an der Entspanntheit und Unverkrampftheit seiner Inszenierung. Das immer wieder zu beklagende Grundübel viel zu vieler deutscher Filme, dass die Dialoge so aufgesagt und abgelesen klingen, besteht hier nicht, denn dank Improvisation sind sie es ja auch nicht.

Ich schrieb oben von Pinkowski und Trabner als den Highlights des Films, denn es macht einfach große Freude, ihrer Schauspielgewalt und Spielfreude zuzusehen. Überaus tragische und sehr sehr komische Szenen gelingen ihnen gleichermaßen, beide scheuen sich auch nicht vor Peinlichkeiten. Man kann sich gut vorstellen, dass man, wenn die beiden in ihren Rollen sind, wirklich „nur“ noch die Kamera draufhalten muss und sich der Rest wie von selbst ergibt.

Axel Ranisch nimmt aus meiner Sicht eine Sonderstellung in der deutschen Filmlandschaft ein. Seine Filme liegen abseits des Mainstreams, verschließen sich aber auch nicht vor ihm. Sie bieten dem Zuschauer Ungewohntes, bleiben dabei aber leicht zugänglich, frei von Verkopftheit oder allzu großem Kunstwillen. Ich kenne nur wenige deutsche Filme, die soviel Wärme und Herzlichkeit ausstrahlen wie die von Ranisch. Und wer so etwas hinbekommt, kann dann eben auch emotional werden und dabei glaubwürdig bleiben.

Die Masse des deutschen Publikums kennt Axel Ranisch vermutlich als Schauspieler im TV-Krimi Zorn, in einem anderen TV-Krimi wird es ihn bald auch als Regisseur kennenlernen: In Ludwigshafen drehte er im Sommer einen „Impro-Tatort“ mit Kommissarin Lena Odenthal, Ausstrahlung im nächsten Sommer. Ich glaube, da kann man sich drauf freuen.

 

Auf DVD: Im Spinnwebhaus

spinnwebhaus

Sabine ist alleinerziehende Mutter dreier Kinder. Sie behandelt sie liebevoll, scheint aber überfordert zu sein, und es geht ihr nicht gut. Ihrem Ältesten, dem 12-jährigen Jonas, erklärt sie, sie habe große Angst vor „den Dämonen“ und müsse deswegen ein paar Tage weg. Solange sei er der Chef, er solle auf seine zwei Geschwister aufpassen und niemandem erzählen, dass die Mutter nicht da ist. So beginnt Im Spinnwebhaus, das Langfilmdebüt von Mara Eibl-Eibesfeldt. Nach einer Viertelstunde erst ist der oben abgebildete Titelschriftzug zu sehen, und ab diesem Moment taucht die Mutter (Sylvie Testud) nicht mehr auf. Die drei Kinder sind auf sich allein gestellt und Jonas versucht, ein halbwegs normales Familienleben aufrechtzuerhalten.

Anfangs ist dieses Ohne-Eltern-Sein auch ganz toll, abenteuerlich und voller neuer Freiheiten. Aber schon bald stellen sich etliche Probleme ein, denn die Mutter kommt nicht wie angekündigt zurück. Das Geld wird knapp, die Vorräte gehen zur Neige und das Haus verwahrlost zusehends. Die Kinder aber suchen nicht nach Hilfe, sondern machen weiter; irgendwie ist ihnen klar, dass das so sein muss. Erwachsene halten sie fern von ihrer Welt, mit Ausnahme von Felix, einem Jugendlichen von der Straße, der zu einer Art Komplize wird.

Der Film erzählt, in schicker Schwarz-Weiß-Ästhetik, seine Geschichte nicht als Sozialdrama, sondern eher wie ein Märchen. Er bleibt immer ganz nah an der Perspektive der Kinder und macht gelegentlich einen Schlenker ins Surreale. Ich hätte es schön gefunden, wenn Eibl-Eibesfeldt und Autorin Johanna Stuttmann dieses Irreale und Märchenhafte noch stärker ausgespielt und das Ende mehr in der Schwebe gelassen hätten. Stattdessen bekommen wir zum Schluss hin etwas zu viel erklärt und aufgelöst; die Kinder und mit ihnen die Zuschauer erfahren, was mit der Mutter los ist, und zwar mithilfe von Bildern, die man in diesem Zusammenhang schon allzu oft gesehen hat und die leider klischeehaft wirken. Da ist man dann doch wieder näher am konventionellen deutschen (Fernseh-) Film, als wohl beabsichtigt war.

Das ist aber ein verzeihlicher Ausrutscher. Sehenswert ist Im Spinnwebhaus allemal, vor allem wegen der drei jungen Hauptdarsteller, die den Film hervorragend tragen. Dass er konsequent aus deren Blickwinkel und ihrer kindlichen Logik erzählt, ist seine große Stärke. Auch was die Atmosphäre und den Look angeht, ist er etwas Besonderes. Die Stimmung wird fortschreitend düsterer und beklemmender, trotzdem bleibt immer ein Grundvertrauen darin, dass alles gut wird.

Ein gelungenes Beispiel also für die gerade in Deutschland sehr seltene Mischung aus Gegenwartsrealität und märchenhaften Elementen, wenn auch vielleicht etwas zaghaft. Wenn ich mir vorstelle, was etwa ein Guillermo del Toro aus dem Stoff gemacht hätte …

 

Peur de rien (#ffmuc16)

ffmuc

Gesehen beim Filmfest München.

Paris, 1993: Lina stammt aus dem Libanon und ist nach Frankreich gekommen, um dort zu studieren. Wirtschaftslehre. Sie kommt bei Onkel und Tante unter, aber der Onkel macht sich an sie ran, darum nimmt sie schnell wieder reißaus und improvisiert lieber. Sie schlägt sich durch, versucht sich an der Uni zurechtzufinden und lernt verschiedene Menschen kennen: solche, die es gut mit ihr meinen, solche, die sie ausnutzen und solche, die wirklich zu Freunden werden. Sie merkt, dass Kunstgeschichte das viel interessantere Studienfach ist, sie verliebt sich in falsche und in richtige. Sie kommt mehr und mehr an in Paris, in diesem Leben – aber irgendwann läuft die Aufenthaltsgenehmigung aus.

Peur de rien von Danielle Arbid ist eine eigentlich gänzlich unspektakuläre Geschichte, zwei Stunden voller Alltagsbeobachtungen und kleiner Szenen. Kein großes Drama, kein großes menschliches Schicksal. Einfach eine Hauptfigur, die interessant und sympathisch ist, und dann gehen wir mit ihr mit und sehen viele kleine Nebenplots und eine Menge sehr unterschiedliche Nebenfiguren. Das ist so großartig, weil es im Prinzip so einfach ist und trotzdem so ungewöhnlich.

screenshot

Regisseurin Danielle Arbid, deren Vita manche Gemeinsamkeit mit der von Lina hat, erzählt im anschließenden Q&A, dass sie hier nicht den Zuschauern eine Einwanderin zeigen wollte, sondern vielmehr vermitteln wollte, wie man als Einwanderin die Menschen des neuen Landes erlebt. Mit diesem besonderen Blick und dieser speziellen Perspektive gelingt Arbid ein wunderbarer, durch und durch menschlicher Film, sehr weit weg von den üblichen Handlungskonventionen, wenn es um Migration geht. Natürlich werden hier auch Rassismus, Bürokratie und gesellschaftliche Ignoranz thematisiert – geht ja gar nicht anders – aber das geschieht sehr beiläufig, ganz ohne Zeigefinger und Moral von der Geschicht‘.

Sehr toller, höchst unterhaltsamer Film, witzig und traurig – und ein bisschen nostalgisch. Denn die Neunziger waren in mancher Hinsicht eine unschuldigere und unkompliziertere Zeit als heute. Für mich eins der Highlights des Festivals.