geguckt

Im Kino: Thor

Meine Besprechung zu Kenneth Branaghs Thor steht bei Comicgate und beginnt so:

Marvel läutet das Superhelden-Kinojahr 2011 ein und schickt jenen Helden auf die Leinwand, der von all den “großen” Superhelden-Figuren des Marvel-Universums vielleicht am schwierigsten in einen Film zu packen ist. Das Konzept von Stan Lee und Jack Kirby aus den Sechziger Jahren, nordische Götter in amerikanische Großstädte zu schicken und sie dort gegen allerlei Bösewichte antreten zu lassen, die Verquickung von alter Mythologie und Superheldenaction mag als Comic prächtig funktionieren, in realistischen Filmbildern könnte die Mischung jedoch schnell albern wirken. Regisseur Kenneth Branagh gelingt es, diese Peinlichkeits-Klippe zu umschiffen. Trotzdem zerfällt sein Film in zwei Teile, die sich seltsam fremd bleiben und kaum zusammenfinden.
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Zwei Zusatzgedanken hätte ich noch, die mir erst nach Abgabe des Textes eingefallen sind:

  • Gute Superheldenfilme brauchen starke Schurken. Da braucht man gar nicht erst in Richtung Dark Knight zu schielen – ohne einen guten (und gut gespielten) Antagonisten ist das alles nix. In Thor gibt es zwar ein paar Gegner, aber keinen echten Gegenspieler. Am ehesten ist dies Loki, der mit seinen Intrigen jedoch nur indirekt gegen den Helden agiert. Er könnte der Fiesemöpp des Films sein, aber Tom Hiddlestons Spiel enttäuscht hier leider auf ganzer Linie. Loki bleibt so blass wie nur irgendwas.
  • Auch wenn ich den Film nur halb überzeugend und unterm Strich eher enttäuschend fand – eines schafft er perfekt: Wenn es im Abspann heißt “Thor will return in The Avengers“, dann will man genau das sehen. Chris Hemsworth ist eine prima Besetzung und die Aussicht, ihn in Interaktion mit Iron Man, Captain America und den anderen zu sehen, gefällt mir. Als Appetizer auf Marvels große Film-Franchise-Zusammenführung 2012 funktioniert Thor also sehr gut. Und hat damit vielleicht seinen Hauptzweck schon erfüllt.

Auf DVD: The Disappearance of Alice Creed (Spurlos, Die Entführung der Alice Creed)

Der Debütfilm des britischen Regisseurs J Blakeson, von dem auch das Drehbuch stammt, hat einen schon in den ersten Minuten am Wickel. Knapp 10 Minuten lang sehen wir – ohne einen einzigen Dialogsatz –, wie die beiden Kidnapper Vic und Danny eine Entführung vorbereiten und durchführen: zuerst wird eine leere Wohnung akribisch präpariert (diese Sequenz könnte auch als Hornbach-Werbespot der abgründigen Sorte durchgehen), dann wird die – offensichtlich genau durchgeplante – Entführung einer jungen Frau durchgezogen. All das wird sehr tight und straff erzählt, so dass sich beim Zuschauer schon vor dem ersten gesprochenen Satz beinah atemlose Spannung einstellt.

Im Folgenden entspinnt sich dann ein Film, der immer wieder seinen Tonfall und seine Richtung ändert. Was wie ein extrem fieser Terrorfilm beginnt, mutiert zum Gefangenendrama, schnuppert zwischendurch am Genre Gangsterkomödie, um dann doch wieder zum beinharten Entführungsthriller zurückzukehren. Der Film kommt dabei mit nur drei Schauspielern aus: Eddie Marsan und Martin Compston als Entführer-Duo und Gemma Arterton als ihr Opfer (die alle drei sehr überzeugende Leistungen abliefern). Die Besonderheit des Films besteht zum einen darin, dass außer diesen drei Figuren keine einzige weitere Person auftritt und 80% des Films innerhalb einer kleinen Wohnung spielen, zum anderen in der immer wieder wechselnden Figurenkonstellation: Wie die drei Personen zueinander stehen und sich verhalten, ändert sich ständig, was den Film angenehm unvorhersehbar macht und man sich bis zum Schluss nie sicher sein kann, welche Wendung das Geschehen als nächstes nimmt.

Mehr sollte man über den Inhalt nicht erzählen – je weniger man weiß, umso besser. Der Trailer gibt da für meinen Geschmack schon viel zu viel Informationen preis. Jedenfalls stellt Blakeson ganz klar die handelnden Personen ins Zentrum, und nicht so sehr Gewalt und Action, Verbrechen und Krimihandlung. Nach und nach erfahren wir Hintergründe, Vorgeschichte und Motivation der Figuren, und zwar immer nur so viel, wie gerade nötig ist.

Die ständigen Finten und das Hakenschlagen des Drehbuchs gehen ein wenig auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Man muss als Zuschauer schon etwas guten Willen mitbringen, um J Blakeson seine überraschenden Twists abzukaufen. Wer aber zur “suspension of disbelief” bereit ist, wird mit einem sehr spannenden, äußerst effektiv inszenierten Thriller belohnt. The Disappearance of Alice Creed lief letzten Sommer auf dem Fantasy Filmfest und ist nun in Deutschland, ergänzt um den nicht so tollen Titel Spurlos, bei Ascot Elite auf DVD und BluRay erhältllich.

Ob der Film bei einer zweiten oder dritten Sichtung, wenn man die Twists schon kennt, immer noch so überzeugen kann, würde ich eher bezweifeln. Beim ersten Mal aber ist Alice Creed ein wirklich sehenswerter, sauspannender, fieser kleiner Brit-Thriller, der außerdem mit einem schlüssigen und zufriedenstellenden Ende zu überzeugen weiß.

Die miesesten deutschen Verleihtitel 2010

Alberne, unpassende und krampfige deutsche Filmtitel sind ein unausrottbares Übel der hiesigen Filmlandschaft. Das Phänomen exisitiert schon seit Jahrzehnten und ist vielleicht sogar etwas weniger schlimm geworden, seit man im Zweifelsfall gerne mal den englischen Titel einfach stehen lässt. Trotzdem gibt es immer noch genügend Beispiele für dumme deutsche Titel. Ich habe im vergangenen Jahr mal ein bisschen mitgesammelt. Hier meine Top Ten:

10. Der Kautions-Cop (The Bounty Hunter)

Abteilung bescheuerte Wort-Neuschöpfungen. “Kautions-Cop” ist ein genauso vielsagendes oder nichtssagendes, passendes oder unpassendes Wort wie die direkte Übersetzung “Kopfgeldjäger”. Und die deutsche Sprache ist wieder um einen Blödsinnsbegriff reicher.

9. Männertrip (Get Him to the Greek)

Kein leicht zu übersetzender Titel, klar. Man könnte ja versuchen, an den Film anzuknüpfen, aus dem Get Him to the Greek geboren wurde: Forgetting Sarah Marshall. Aber halt, der hieß bei uns Nie wieder Sex mit der Ex. Der Beweis dafür, dass eine Katastrophe immer gleich die nächste gebiert.

8. Verrückt nach Dir (Going the Distance)

Im Original steckt sehr schön die Tatsache drin, dass es hier um eine Fernbeziehung geht. Der deutsche Titel könnte auf jeder, wirklich jeder beliebigen Rom-Com draufstehen, ist lieblos, fantasielos und furchtbar langweilig.

7. Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft (Anvil! The Story of Anvil)

Okay, das klingt auf den ersten Blick nicht wirklich schlimm. Aber auch hier gilt: “Die Geschichte einer Freundschaft” klingt viel zu beliebig. Könnte auch ein Film über eine alte Dame und ihren Rauhhaardackel sein, oder eine Doku über Wladimir Putin und Michail Chodorkowskij.

6. Beilight – Biss zum Abendbrot (Vampires Suck)

Es gibt Leute, die sagen, der deutsche Titel sei an dem Film noch das Witzigste. Mag sein. Trotzdem ist der deutsche Kalauer so naheliegend und flach, dass er vermutlich schon auf jeder Studentenparty und in jeder Gagautoren-Konferenz des Landes gebracht wurde. Und zwar mindestens ein Jahr vor dem Filmstart.

5. Die etwas anderen Cops (The Other Guys)

“Die etwas anderen Cops”. Kann man machen. Klingt nicht scheiße. Versenkt aber leider den Witz des Originaltitels komplett. Um den zu verstehen, muss man noch nichtmal den Film sehen, es reichen schon die ersten Sekunden des Trailers: “In the toughtest city of the world nobody fights crime like these guys [nämlich The Rock und Samuel L. Jackson] … And then, there’s the other guys.” Die eben nicht “etwas anders”, also irgendwie besonders oder speziell sind, sondern langweilige Sesselfurzer.

4. Hot Tub – Der Whirlpool … ist ‘ne verdammte Zeitmaschine! (Hot Tub Time Machine)

Dem könnte man zugute halten, dass es hier ja um eine Zeitreise in die 80er Jahre geht, und der deutsche Titel tatsächlich nach jenen unseligen Zeiten klingt, in denen solche Filmnamen an der Tagesordnung waren. Trotzdem: Das ist ein beschissen blöder Titel! Und dann auch noch die Verzögerungspünktchen. Was soll das?

3. Lügen macht erfinderisch (The Invention of Lying)

Fail, fail, fail. Hallo, es geht darum, dass einer das Lügen erfindet! Nicht, dass er durchs Lügen erfinderisch wird. Andersrum wird ein Schuh draus! Setzen, Sechs.

2. Rapunzel – Neu verföhnt (Tangled)

Verföhnt – verfilmt – Haare – hihi, Riesen-Wortspiel, nicht wahr? Nein, nicht wahr. War lange mein Kandidat für die Nummer 1, aber dann kam kurz vor Jahresschluss noch diese hübsche Pretiose:

1. Immer Drama um Tamara (Tamara Drewe)

Das ist auf so vielen Ebenen falsch. Es widerspricht der Filmhandlung, klingt unpassenderweise nach Klamotte, und dann reimt es sich noch nicht einmal! Mein Kopf will gar nicht mehr aufhören mit Schütteln …

Runners-Up:
Despicable Me (Ich – Einfach unverbesserlich)
Auftrag Rache (Edge of Darkness)
Eine zauberhafte Nanny – Knall auf Fall in ein neues Abenteuer (Nanny McPhee and the Big Bang)

Weitere Vorschläge? Verteidigungsreden? Ideen für Alternativen? Immer her damit, die Kommentarsektion ist geöffnet.
(Die Bilder kommen übrigens alle von der wunderbaren Site movieposterdb.com)

Im TV: Kung Fu Panda

Da am Ersten Weihnachtsfeiertag Zeit da, aber keinerlei gespeicherte Medien vor Ort waren, waren wir ungewohnterweise vom aktuellen TV-Programm abhängig. Dieses bot erschreckend wenig akzeptable Angebote, aber mit Kung Fu Panda auf Sat.1 immerhin einen Animationsfilm, der recht unterhaltsam zu sein versprach.

Der Trickfilm aus dem Hause Dreamworks war tatsächlich eine recht spaßige Angelegenheit. Zwar ist die Story um den tollpatschigen Pandabären Po, der durch einen Zufall zum “Drachenkrieger” erklärt wird und vom Loser zum Kung-Fu-Helden mutieren muss, ziemlich vorhersehbar und unoriginell, sie wird aber sehr launig erzählt, bietet reichlich Gags (sowohl visueller als auch verbaler Art) und gefällt durch ihr charmantes Personal. Und natürlich funktioniert Kung Fu Panda auch als nette Parodie auf das Genre der Kampfkunstfilme.

Enttäuscht hat mich das Nebenfiguren-Quintett der “Furious Five”, bei denen mir schon das Charakterdesign nicht gut gefällt, und die auch sonst erschreckend blass bleiben, obwohl man mit ihnen einiges hätte anstellen können und obwohl sie im Original mit höchst prominenten Stimmen (u.a. Angelina Jolie, Jackie Chan und Seth Rogen) besetzt wurden. Umso gelungener dagegen gerieten die Figur des Ausbilders Shifoo und der weisen Schildkröte Yoda Oogway.

Kung Fu Panda lässt sich gut weggucken und ist toll gemacht, krankt aber an seiner allzu formelhaften Geschichte und den nicht besonders interessanten Figuren, weshalb der der Pixar-Referenzklasse nicht im geringsten das Wasser reichen kann. Hier sollte man im zweiten Teil, der im Sommer 2011 ins Kino kommt, dringend zulegen.

Die wunderbare Schlusstitelsequenz des Films wurde im Doofensender Sat.1 natürlich nicht gezeigt, aber dafür haben wir ja das Internet. Gezeigt hat Sat.1 dafür den Kurzfilm Das Geheimnis der Furiosen Fünf, der als Bonus für den DVD-Release des Films produziert wurde. Hier ist nur die Rahmenhandlung in der computergenerierten 3D-Optik des Hauptfilms gehalten – die einzelnen Episoden, die die Herkunft der fünf großen Kung-Fu-Helden erzählen, sind in einem sehr hübschen 2D-Stil animiert, der mir viel besser gefällt als die um möglichst großen Fotorealismus bemühte CGI-Grafik. Das hier hat mehr Seele und deutlich mehr visuelle Eigenständigkeit – das gleiche gilt für die kurze Traumsequenz zu Beginn des Hauptfilms, die im gleichen Stil gehalten ist.

Weihnachtsfilm-Blogathon 2010: A Charlie Brown Christmas (Die Peanuts: Fröhliche Weihnachten)

Ein Beitrag zum Weihnachtsfilm-Blogathon 2010, den Rochus von buttkickingbabes.de initiiert hat.

A Charlie Brown Christmas ist die allererste Trickfilmumsetzung des Peanuts-Zeitungsstrips von Charles M. Schulz, lief in den USA erstmals 1965 zur Primetime und wird seitdem jedes Jahr zu Weihnachten gesendet (im deutschen Fernsehen dieses Jahr leider gar nicht).

Zu Beginn des 25-minütigen Films beschwert sich Charlie Brown, dass alle an Weihnachten glücklich und fröhlich seien, er aber nicht. Als er seinen Kummer bei Lucys psychologischer Sprechstunde anspricht, hat diese eine Idee: Charlie Brown soll Regie beim Krippenspiel führen, das gerade geprobt wird. Außerdem soll er einen Christbaum für die Aufführung besorgen. Als das alles nicht so recht hinhaut, hält Linus eine flammende Rede, in der er den wahren Geist von Weihnachten beschwört und erklärt, worum es eigentlich geht: er zitiert die Weihnachtspassage aus dem Lukas-Evangelium.

Die Handlung ist unspektakulär und die Animation eher unbeholfen, aber diese Peanuts-Weihnachtsgeschichte ist trotzdem (oder besser: auch deshalb) wahnsinnig charmant. Kleine Zuschauer werden sich vor allem über Snoopy freuen, der für zahlreiche Slapstick-Einlagen zuständig ist. Die Erwachsenen wärmen ihr Herz an den Vorzeigelosern Charlie Brown und Linus, die hier aufs Schönste beweisen, dass große Komik ohne Tragik kaum denkbar ist. Mein Lieblingszitat kommt von Charlie Brown, als er in seinen leeren Briefkasten schaut, in dem keine Weihnachtspost liegt: “I know nobody likes me, why do we have to have a holiday season to emphasize it?”

Ein zusätzliches Plus ist der jazzige Soundtrack von Vince Guaraldi, der den Film komplett kitschfrei vertont und ihn damit meilenweit von so ziemlich allen Weihnachts- und Kindersendungen abhebt. Kein Wunder, dass sich die Leute das Jahr für Jahr aufs Neue ansehen.

Leicht paradox ist die antikommerzielle Botschaft des Films, die sich deutlich gegen die Kommerzialisierung und Säkularisierung von Weihnachten richtet, schließlich ist die Sendung selbst ein Teil dieses Trends – obendrein wurde sie von Coca-Cola gesponsert. Aber Schulz und die Peanuts kriegen es natürlich trotzdem hin, dass man ihnen ihr Anliegen mühelos abnimmt.

Im TV: Toki o kakeru shôjo (Das Mädchen, das durch die Zeit sprang)

Ich hatte recht hohe Erwartungen an Das Mädchen, das durch die Zeit sprang. Schon bei der Aufführung auf dem Fantasy Filmfest und beim DVD-Start 2007 gab es viel Lob für Mamoru Hosodas Film, sogar Vergleiche mit Hayao Miyazaki und Satoshi Kon wurden gezogen. Als der Anime dann im Rahmen der Trickfilmreihe letzten Sommer bei 3sat lief, landete er auf meinem Festplattenrekorder und wurde nun gesichtet. Die hohen Erwartungen wurden eher nicht erfüllt.

Am Titel liegt das nicht, denn dieser wird voll eingelöst: es geht tatsächlich um ein Mädchen, das durch die Zeit springt. Makoto kann Zeitreisen machen, allerdings nur in die Vergangenheit, und nur um wenige Minuten oder Stunden. Wir sind also weit weg vom Back to the Future-Terrain. Makoto entdeckt ihre Fähigkeit zufällig und lernt, sie mehr oder weniger zielgerichtet für ihre Zwecke einzusetzen. Und weil sie ein Teeniemädchen ist, sind das auch entsprechende Ziele: kurz mal eine begangene Blödheit korrigieren, früher aufstehen, bessere Noten schreiben.

Das ist dann aus meiner Sicht auch die Schwachstelle des Films: letztlich geht es ausschließlich um Pubertätsnöte und Teenagerprobleme, mehr kann und will das Drehbuch aus dem Zeitreise-Sujet nicht herausholen. Wenn Makoto wieder und wieder auf dem Zeitstrahl zurückhüpft und gleiche oder ähnliche Situationen sich mehrfach wiederholen, dann entsteht daraus keine Komik wie bei Bill Murray in Groundhog Day, sondern ein Ermüdungseffekt beim Zuschauer. Und der wird den Eindruck nicht los, dass hier mehr drin gewesen wäre.

Überzeugend ist der Film vor allem auf der visuellen Ebene. Durchweg gute Animation, deutlich aufwendiger als bei vielen japanischen Billig-Trickfilmen, vor allem aber viele kreative Ideen, den Zeitreisen von Makoto einen besonderen Look zu geben. Das reicht von Superzeitlupen bis zu surreal-abstrakten Räumen, die durchflogen werden. Die Bilder werden noch eine Weile im Gedächtnis haften bleiben, die Story dagegen hat sich schon fast wieder verflüchtigt.

Im Kino: Monsters

Monsters ist ein Etikettenschwindel. Es handelt sich hier nämlich nicht um ein “creature feature”, das fiesen Kreaturen möglichst viel Präsenz auf der Leinwand gibt. Die titelgebenden Monstren, in diesem Falle riesige Tentakelbiester von einem fernen Planeten, existieren im Film zwar, man sieht sie auch gelegentlich, sie spielen aber eher eine Nebenrolle. Es geht um den Fotografen Andrew, der in Mexiko auf die etwa 30-jährige Samantha, die Tochter seines Chefs, trifft, und das Versprechen einzulösen versucht, sie sicher nach Hause, in die USA zu begleiten. Das wäre nicht so schwierig, wenn nicht zwischen den USA und Mexiko eine mehrere Kilometer breite Quarantänezone liegen würde, die eigentlich von Menschen nicht mehr betreten wird.

Hier landeten vor einigen Jahren Außerirdische, hier leben sie und pflanzen sich fort. Die USA haben sich mit einem hohen Grenzwall von der Zone abgeschottet und fliegen gelegentlich Luftangriffe – die mexikanische Seite leidet stärker, weil die krakenartigen Viecher gelegentlich die Zone verlassen und angreifen. Andrew und Sam wollen also nach Hause, bekommen aber leider kein Flugzeug mehr, auch keine Schiffspassage, so dass nur noch der gefährliche Landweg bleibt. Mehr muss man über den Plot nicht wissen.

Die Story selbst ist eine relativ simple Von-A-nach-B-Geschichte, die ihren Reiz vor allem dadurch gewinnt, dass sie ein paar Dinge anders macht als üblich. Das gilt vor allem für die Anwesenheit der Aliens. Wie und warum sie auf die Erde gekommen sind, wird per Texteinblendung zu Beginn kurz erklärt, es spielt ansonsten keine Rolle. Es geht nicht nicht um eine Invasion, sondern um eine Welt, in der die Anwesenheit einer fremden Spezies bereits eine Tatsache ist (eine deutliche Parallele zu District 9, mit dem Monsters oft verglichen wird, der ansonsten aber ganz anders ist). Die Monster stehen weder im Rampenlicht noch werden sie permanent versteckt, um die Spannung anzuheizen (wie das etwa Ridley Scott in Alien perfekt gemacht hat) – hier sind sie einfach da, mit einer gewissen Beiläufigkeit. Man sieht sie im Hintergrund, z.B. auf Bildschirmen in einem TV-Beitrag. Dass sie in der ziemlich tollen Schlusssequenz des Films dann doch noch etwas mehr in den Mittelpunkt rücken, sei ihnen gegönnt. Ansonsten sind die Aliens einfach da, sie sind eine Bedrohung, aber eine, mit der man sich irgendwie zu arrangieren versucht.

Es geht auch nicht darum, wie diese Bedrohung bekämpft wird (auch wenn es am Rande thematisiert wird). Sam und Andrew wollen keine Aliens besiegen, sie wollen nur heil nach Hause kommen. Und die Gefahren, die auf diesem Weg liegen, gehen nicht allein von den Aliens aus. Im Mittelpunkt stehen die beiden Hauptfiguren, die beide eine glaubwürdige Entwicklung durchmachen und sich am Ende in sehr unkitschiger Weise näher kommen. Dass die Hauptdarsteller Whitney Able und Scoot McNairy im wirklichen Leben ein Ehepaar sind, hat bestimmt nicht geschadet. Sie sind die einzigen Profischauspieler im Film, alle anderen wurden während der Produktion Guerilla-mäßig von der Straße gecastet.

Überhaupt ist die Produktionsgeschichte fast genauso spannend wie der Film selbst: Gareth Edwards ist Autor, Regisseur, Kameramann, Cutter und Special-Effects-Mann in einem. Es gab kein festes Drehbuch, gedreht wurde mit einer günstigen Prosumer-Kamera, das Filmteam bestand aus sieben Leuten in einem Bus. Nach dem Dreh besorgte Edwards den Schnitt und die digitalen Effekte (es sind nicht wenige!) zu Hause am heimischen PC. Der Film entstand für lächerlich wenig Geld, sieht aber nie nach billigem Amateurfilm aus, sondern kann durch einen absolut professionellen Look überzeugen.

Insofern ist der Film der Beweis, dass die technischen Mittel für einen großen Kinofilm heute praktisch jedermann zur Verfügung stehen. Wer eine gute Idee hat, braucht “nur” Skills, Eier und viel Zeit, um sie umzusetzen. Natürlich ist Monsters kein absolut perfektes Meisterwerk – für manche Zuschauer mag der Film (je nach Erwartungshaltung) sogar enttäuschend sein. Ich fand ihn sehr gelungen, auch wenn er mich an mehr als einer Stelle an Jurassic Park (nur ohne Kinder, Gottseidank!) erinnert hat.

Im Subtext bringt der Film noch ein paar interessante Gedanken zur mexikanisch-amerikanischen Grenzproblematik mit, vor allem aber stellt er die Frage, ob und wie es friedliche Koexistenz zwischen verfeindeten Spezies geben kann, welche Kollateralschäden man in Kauf nimmt und wer den Preis bezahlt. Fragen, die nur am Rande mitschwingen, dem Film aber einen Tiefgang verleihen, der ihn zu mehr macht als “just another monster movie”.

(Vielen Dank an filmstarts.de für die Einladung zur Preview!)

Jede Menge gute Filme bei Arte

Bei Arte startet heute das, ich übernehme die Originalschreibweise, “ARTE FilmFestival”. Bis zum 5. Dezember zeigt der Sender zwei Wochen lang fast täglich europäische Spielfilme, bei denen er als Koproduzent beteiligt war. Das Programm besteht hauptsächlich aus TV-Premieren und läuft, ganz im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Hauptsendern, wo solche Filme immer im Nachtprogramm versteckt werden, zur besten Sendezeit. Besonders empfehle ich die hier im Blog bereits besprochenen O’Horten (heute, 20:15), Waltz with Bashir (morgen, 20:15) und Der Sohn von Rambow (26.11., 20:15). Nicht ganz so super, aber auch sehenswert, fand ich 39,90 (heute, 21:40). Gespannt bin ich auf Lemon Tree (2.12., 20:15).

Zusätzlich gibt es auch ein umfangreiches Kurzfilmprogramm. Sowohl bei den Lang- als auch bei den Kurzfilmen lässt Arte im Internet über einen Publikumspreis abstimmen. Also, liebe Gebührenzahler, meckern wir mal kurz nicht über mangelhafte Angebote, sondern nehmen die guten an!