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Meine Bücher 2010

Ich lese zwar ziemlich viel, würde ich sagen, allerdings vor allem Zeitungen, Zeitschriften, Online-Texte und einen Haufen Comics. Fürs Lesen von “richtigen” Büchern bleibt weniger Zeit als ich gerne hätte. Im letzten Jahr habe ich immerhin 15 Bücher geschafft, was im Verhältnis zu echten Bücherlesern lächerlich wenig ist. Vier davon sind Sachbücher und fünf oder sechs sind Titel, die man eigentlich als Kinder- oder Jugendbücher bezeichnen muss. Ich bin halt der lebende Beweis für die These von den Kidults. Meine Bücher 2010 in chronologischer Reihenfolge:

Guillermo del Toro, Chuck Hogan: Die Saat (Heyne)
Darum geht’s: Eine heftige Vampir-Epidemie in New York und ein Wissenschaftler, der die einzige Hoffnung ist. Erster Teil eines als Trilogie angelegten Horror-Thrillers.
So bin ich dazu gekommen: Stand im Neuheiten-Regal meiner Bücherei, und obendrauf der Name Guillermo del Toro. Da ich dessen Filme sehr mag, war sein Name auch schon Kauf- Leihargument genug. Alleiniger Autor ist er allerdings nicht – vermutlich hat del Toro eher Plot und Ideen geliefert und die endgültige Schreibarbeit seinem Co-Autor Chuck Hogan überlassen. Der bekommt wenigstens einen anständigen Credit (ist ja auch nicht immer so).
Empfehlenswert? Hier gibt es keinerlei Gothic-Romantik oder sowas. Das hier sind Badass-Vampire, richtige blutgierige Monster, die eine existenzielle Bedrohung für die ganze Stadt sind. Das Buch fängt saustark an und hat einen schnell am Haken. Leider halten del Toro und Hogan dieses Level nicht. Aber als jemand, der sehr selten Horror-Romane liest (und wenig Vergleichsmaßstäbe hat) fühlte ich mich insgesamt gut unterhalten und muss mir jetzt bald mal den zweiten Teil besorgen.

Lewis Carroll, Martin Gardner: Alles über Alice (Europa Verlag)
Darum geht’s: Die beiden Romane Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln, zusammen mit ausführlichen Annotationen von Martin Gardner und den klassischen Illustrationen von John Tenniel.
So bin ich dazu gekommen: Steht bei mir schon seit Jahren im Regal, war bei Erscheinen ein Pflichtkauf für mich (ebenso wie das ähnlich gestaltete Alles über den Zauberer von Oz). Zum Lesen bin ich nie gekommen, fühlte mich dann aber im Vorfeld des Kinostarts von Tim Burtons Alice-Verfilmung berufen, das endlich nachzuholen.
Empfehlenswert? Na klar! Carroll sollte man sowieso mal gelesen haben und wer sich für die Hintergründe interessiert, wird mit den Annotationen bestens bedient. Das Buch ist obendrein wunderschön gestaltet. Leider aber nur noch antiquarisch zu bekommen.

Neil Gaiman: Das Graveyard Buch (Arena)
Darum geht’s: Ein Junge wird als Baby auf einem Friedhof ausgesetzt und wächst bei den Toten auf, die sich um ihn kümmern. Als er älter wird, muss er sich langsam entscheiden, in welche Welt er gehören will.
So bin ich dazu gekommen: Stand zufällig im Neuheiten-Regal der Stadtteilbibliothek. Mitgenommen, weil ich Neil Gaiman als Autor immer gerne mag.
Empfehlenswert? Für jugendliche Leser, die nichts gegen einen Hauch Morbidität haben. Ich selber fand’s nett, aber etwas zu harmlos dahinplätschernd.

Christoph Biermann: Die Fußball-Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel (KiWi)
Darum geht’s: Wie spielt man modernen Fußball? Welche Methodik steht hinter den Erfolgen des FC Barcelona und anderer Topclubs? Wie hat sich der Sport in den letzten Jahren entwickelt? Und zwar nicht das Drumherum, die Fans oder die Vermarktung, sondern das, was auf dem Platz passiert.
So bin ich dazu gekommen: Als Fußball-Interessierter mit etwas mehr Ambitionen als SportBild und TV-Berichten kam man um dieses Buch im WM-Jahr nicht herum. Wurde überall empfohlen, kam auf meinen Wunschzettel und danach auf den Gabentisch am Geburtstag.
Empfehlenswert? Unbedingt. Pflichtlektüre für Fußballfans, sehr lebendig geschrieben und auch dann prima lesbar, wenn man selbst nie Fußball gespielt hat.

Max Goldt: QQ (Rowohlt Berlin)
Darum geht’s: Eine Sammlung von Max-Goldt-Kolumnen aus der Titanic, erschienen 2007.
So bin ich dazu gekommen: Stand in der Bibliothek rum. Ich bin ein großer Freund von Max Goldt, aber kein Komplettleser, der jedes neue Buch sofort kauft. Wenn man mal auf eines stößt, wird’s gekauft oder geliehen.
Empfehlenswert? Ich les ihn halt immer wieder gerne, den Goldt. Und auch drei Jahre nach Erscheinen wirkt hier fast nichts outdated, was bei Satire ja nicht selbstverständlich ist.

Hermann Bräuer: Haarweg zur Hölle. Ein hart gerockter Heimatroman (Ullstein)
Darum geht’s: Der Ich-Erzähler ist ein pubertätsgeplagter Jugendlicher im München der 80er Jahre, der mit seiner Hair-Metal-Band groß herauskommen möchte.
So bin ich dazu gekommen: Durch eine positive Besprechung bei Spiegel Online. Danach gewünscht und geschenkt bekommen.
Empfehlenswert? Naja. Im ersten Drittel habe ich ständig laut gelacht und mich prächtig amüsiert. Später lässt das Buch deutlich nach, findet aber im letzten Kapitel einen runden Abschluss. Es macht Spaß, ist aber nicht sehr originell. Bräuer hat Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse und Chuck Klostermanns Fargo Rock City gelesen und strickt seine eigene Version daraus, angereichert mit Münchner Lokalkolorit.

Christian Y. Schmidt: Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai bis Kathmandu (Rowohlt Berlin)
Darum geht’s: Reisereportage, in der der Autor das gesamte chinesische Reich von Ost nach West durchmisst, immer der Nationalstraße 318 entlang.
So bin ich dazu gekommen: Den Namen Christian Y. Schmidt kennt man als Autor bei Titanic und Riesenmaschine. Dort wurde das Buch auch promotet, als es 2008 erschien. Stand seitdem auf meiner Merkliste. Diese Merkliste wird von Zeit zu Zeit mit dem OPAC der Münchner Stadtbiliothek abgeglichen und ein Buch bestellt. So wie das hier, das ich passenderweise auf Reisen gelesen habe. Wenn auch nicht in China.
Empfehlenswert? Christian Y. Schmidt ist ein Super-Anekdotenerzähler und will den Leser vor allem unterhalten. Sein Reisebericht ist kein Humorbuch, ist aber mit viel Sinn für Humor geschrieben und stellenweise wirklich sehr komisch. Dass er nebenbei auch noch ein bisschen Wissen mitliefert, ist ein schöner Nebeneffekt.

Chris Priestley: Tales Of Terror From The Black Ship (Bloomsbury)
Darum geht’s: Gruselgeschichten auf hoher See, zusammengeklammert durch eine Rahmenhandlung. Hauptzielgruppe: etwas ältere Kinder.
So bin ich dazu gekommen: Bei Kiki wurde ein anderes Buch des gleichen Autors empfohlen, ich suchte den Autor im OPAC der Bib und fand dieses Buch.
Empfehlenswert? Schöner Gothic-Horror à la Tim Burton, immer sehr atmosphärisch, leicht gruselig, aber nie völlig schrecklich. Garniert mit passenden Illustrationen. Lediglich der Shyamalan-artige Schlusstwist hat mir nicht so gefallen.

Philip Ardagh: Awful End. Eddie Dickens Trilogy, Part One (Faber and Faber)
Darum geht’s: Der kleine Eddie muss zu Onkel und Tante, weil seine Eltern krank geworden sind (“gelb und an den Rändern etwas wellig”). Die aber sind nicht nur völlig unfähig in Sachen Kinderbetreuung, sondern auch komplett durchgeknallt. Die Handlung spielt eigentlich keine Rolle, es geht um Philip Ardaghs Fabulierkunst, seine Wortspiele und seine ständigen Unterbrechungen, in denen er immer wieder direkt zu seinen Lesern spricht.
So bin ich dazu gekommen: Eine Empfehlung im Radio, nämlich in @holgis Bücher-Blue-Moon bei Radio Fritz (gehört als Podcast). Wurde von einer Hörerin oder einem Hörer derart enthusiastisch empfohlen, dass ich mir das sofort in der Bibliothek vormerken musste.
Empfehlenswert? Oh ja! Wobei das vermutlich nicht jedermanns Geschmack ist. Ich liebe toll erzählten, absurden Wahnsinn, gerade auf Englisch (auch wenn die deutsche Übersetzung von Harry Rowohlt stammt). Die anderen Teile stehen schon auf der Wunschliste.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Auch Deutsche unter den Opfern (KiWi)
Darum geht’s: Verschiedene kurze und längere Texte, hauptsächlich Reportagen, von denen die meisten zuvor in der Welt veröffentlicht wurden.
So bin ich dazu gekommen: Ich habe eine seltsame Hassliebe zu Benjamin von Stuckrad-Barre, von dem ich seit Soloalbum so ziemlich alles gelesen habe. Eine der wenigen öffentlichen Personen, die ich gleichzeitig doof und gut finden kann. Oder, genauer: als Person doof, als Autor gut.
Empfehlenswert? Nicht jeder Text ist toll, aber in guten Momenten ist Stuckrad-Barre ein brillanter Beobachter, dessen Schreibe mir unheimlich zusagt. Kann man ähnlich lesen wie ein gutes Blog.

Charlaine Harris: Dead Until Dark. A Sookie Stackhouse Novel (Gollancz)
Darum geht’s: Die Romanreihe, auf der die HBO-Serie True Blood basiert. Vampire sind hier eine gesellschaftliche Randgruppe, die legal unter den Menschen lebt, aber mehr schlecht als recht gelitten ist. Die Hauptfigur Sookie Stackhouse verliebt sich in einen von ihnen.
So bin ich dazu gekommen: Ein Arbeitskollege, der sich gerade durch sämtliche Bücher der Serie arbeitete, schwärmte mir davon vor. Meine Reaktion wurde wohl als großes Interesse interpretiert, denn am nächsten Tag lieh er mir den ersten Band.
Empfehlenswert? Ja mei. Das ist nun wirklich keine hohe Literatur, eher sehr funktionale, leichtverdauliche Strandlektüre. Ich hatte danach eigentlich keine Lust auf einen weiteren Band (inzwischen gibt es 10), möchte aber jetzt sehr gerne True Blood sehen.

Markus Zusak: Die Bücherdiebin (Blanvalet)
Darum geht’s: Die (Über-) Lebensgeschichte eines kleinen Mädchens in Nazi-Deutschland. Erzählt vom Sensenmann.
So bin ich dazu gekommen: Das Buch hat mich zweimal getroffen. Einmal in der “Unsere Angestellten empfehlen”-Ecke im Bücherkaufhaus, wo mich das Cover und der Klappentext angesprochen haben. Danach aber wieder vergessen. Monate später sehe ich das Buch dann im Regal der Bibliothek stehen. Und wenn einen so ein Buch mehrmals anblinzelt, dann muss man zugreifen.
Empfehlenswert? Schwierig. Hier lauern links und rechts Fallstricke. Die Klischeefalle, die Drittes-Reich-Kitsch-Falle, die Betroffenheitsfalle. Und Zusak schrammt mehrfach haarscharf dran vorbei oder tritt auch mal darüber. Gerettet wird das Buch durch seine originelle Erzählperspektive (ja, der Ich-Erzähler ist der Tod) und ein paar stilistische Mätzchen, die nicht nötig wären, mir aber gut gefallen haben.

Kathrin Passig, Aleks Scholz: Verirren (Rowohlt Berlin)
Darum geht’s: “Verirren ist eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit, und ihre Vorzüge sind gar nicht zu überschätzen: Ohne sie hätte etwa Kolumbus nie Amerika entdeckt, Hänsel und Gretel hätten keine Hexe erlegt, und wir selbst könnten nur von wenigen spannenden Urlaubsabenteuern erzählen.” (Verlagstext)
So bin ich dazu gekommen: Vermutlich via @kathrinpassigs Twitter-Feed. Dann wieder Merkliste, OPAC, Bibliotheks-Ausleihe.
Empfehlenswert? Edutainment im besten Sinne. Passig und Scholz sind wunderbare Formulierer, wie auch schon in ihrem Lexikon des Unwissens. Man liest das, weil es so toll geschrieben ist und so fabelhaft unterhält und merkt dabei gar nicht, dass man auch noch was lernt.

Hallgrimur Helgason: 10 Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen (Tropen Verlag)
Darum geht’s: Ein amerikanischer Profikiller mit kroatischen Wurzeln gelangt unfreiwillig nach Island, wo er untertauchen und in die Rolle eines TV-Predigers schlüpfen muss, den er kurz zuvor umgebracht hat. Und von da an geht’s bergab bis zum Abend des Eurovision Song Contests.
So bin ich dazu gekommen: Serendipity – ein Zufallsfund in der Bibliothek. Zuerst sprachen mich Cover und Titel an. Als ich dann las, dass es eine Island-Geschichte ist, wenige Wochen nach der Rückkehr aus meinem Island-Urlaub, war klar, das ich das lesen musste.
Empfehlenswert? Jepp. Schöne, fiese, schwarzhumorige Thrillerkomödie mit Herz, im lakonischen Hardboiled-Stil geschrieben. Ich mag sowas.

Jeff Kinney: Diary of a Wimpy Kid (Penguin Books)
Darum geht’s: Greg ist ungefähr 10 Jahre (oder so), fühlt sich von idiotischen Mitschülern, doofen Lehrern und nervigen Eltern umgeben und führt Tagebuch, das er auch mit kleinen Comiczeichnungen anreichert.
So bin ich dazu gekommen: Dieser Jugend-Tagebuch-Roman mit Comic-Elementen stand wegen der ungewöhlichen Form und seines US-Bestsellerstatus schon lange auf meiner Merkliste und landete ebenfalls via OPAC-Recherche und Ausleihe auf meinem Nachttisch.
Empfehlenswert? Nettes Buch mit origineller Form und einigen hübsch skurrilen Ideen. Mein innerer 13jähriger mochte das Buch sehr gerne, und wenn ich auch ein äußerer 13jähriger wäre, würde ich die Folgebände auf der Stelle verschlingen. Da das nicht der Fall ist, reicht mir ein Band als grober Eindruck.

Leicht erschrocken stelle ich fest: Nur ein einziges dieser Bücher habe ich selbst gekauft, der Rest ist geschenkt oder geliehen. Wird der Buchmarkt an mir zugrunde gehen? Nope, denn wer sich Bücher schenken lässt, der verschenkt auch welche.

Meine Comics des Jahres

Drüben bei Comicgate stellen diverse Redakteure ihre persönlichen Top-Listen vor und blicken damit auf das Comicjahr 2009 zurück. Meine Top 5 sind auch dabei (bitte ganz nach unten scrollen), und ich freue mich sehr, dass darunter auch zwei deutschsprachige Eigenproduktionen sind, obwohl der hiesige Comicmarkt nach wie vor zu mindestens 90% aus ausländischer Lizenzware besteht. Meine Highlights sind diese hier, mehr dazu steht unter obigem Link.

Warren Ellis: Gott schütze Amerika (Crooked Little Vein)

Wer Comics von Warren Ellis kennt (am bekanntesten: Transmetropolitan) und ab und zu sein Blog besucht, der weiß: Ellis spielt gerne mit einer zynisch-sarkastischen Arschloch-Attitüde, Ellis ist Technik-Fetischist und Ellis ist unendlich fasziniert von den Abgründen des Internets, durch die wir Dinge erfahren, die wir nie so genau wissen wollten (vor allem wenn es um “exotische” Formen der Sexualität geht).

Alle drei Aspekte lebt der Autor nun auch in seinem ersten Roman aus. Gott schütze Amerika ist eine Art Neo-Noir-Krimi, dessen Protagonist, der heruntergekommene Privatdetektiv Mike McGill für die US-Regierung nach einem sehr wertvollen, mystischen Buch suchen soll. Die Suche nach diesem Buch führt McGill quer durch die USA, wobei er Unmengen von verkommenen, abartigen, perversen oder sonstwie schrägen Vögeln begegnet. Die Gemeinschaft von Leuten, die auf Riesenreptilien stehen und zu Godzilla-Filmen onanieren, ist hier noch das harmloseste Beispiel.

Ellis präsentiert diesen Reigen kranker Figuren wie eine Liste, die Punkt für Punkt abgearbeitet wird. Ähnlich wie diese grausamen Countdown-Shows im Fernsehen. Sein roter Faden, das gesuchte Buch, erweist sich als klassischer MacGuffin: Detektiv McGill ermittelt einen ehemaligen Besitzer des Buches und erfährt von ihm, wer es danach besessen hat. Nach dieser Masche springt Ellis von Station zu Station — kein besonders originelles Storytelling. Diese Schwäche wird jedoch weitgehend wettgemacht durch die nach und nach aufgebaute Charakterisierung der Hauptfigur und durch die sich anbahnende Lovestory zu McGills Sidekick, der nymphomanen Studentin Trix. Außerdem findet Ellis einen überraschend spannenden Showdown, der sich wie ein Heist-Movie liest.

Auch wenn der böse Sarkamus und die schier endlose Aneinanderreihung von Perversionen zwischendurch etwas ermüdend wirken, ist Gott schütze Amerika doch eine unterhaltsame Lektüre, vorausgesetzt man mag schwarzen Humor. Denn Ellis moralisiert nicht, er betrachtet sein Kabinett der Abgründe mit einem Augenzwinkern, wobei seine Holzhammer-Satire nicht gerade subtil daherkommt.

Sicher keine literarische Großtat, aber allemal flott geschriebenes Roman-Fastfood der eher abseitigen Art, das mich ziemlich gut unterhalten hat.

Gerhard Henschel: Gossenreport

Kein brandneues Buch, erschienen ist es bereits vor drei Jahren. Gerhard Henschel, der u.a. seit vielen Jahren als Autor für die Titanic tätig ist, hatte 2002 mit einem Artikel in der taz die “Diekmann-Penis-Affäre” ausgelöst und seither immer wieder scharfe Polemiken gegen das Feindbild Bild-Zeitung veröffentlicht.

Eine davon hieß “Von Tag zu Tag wird’s schmutziger” und bildet das erste Kapitel von Gossenreport. Was folgt, ist sozusagen die “extended version”, in der Henschel noch einmal alles ausführlich darlegt, was ihn an Bild anwidert. Der Text ist eine einzige, lange Suada (die Bild würde sagen: Wut-Rede), in der sich der Autor wortreich und in geschliffener Sprache auskotzt über die Praktiken der mächtigen Boulevardzeitung. Und er hat ja auch recht. Es ist beschämend, was das Fachblatt für Bigotterie, Intoleranz, Lügen und Demagogie Tag für Tag so veranstaltet.

Das meiste davon dürfte der Zielgruppe dieses Buches jedoch weithin bekannt sein, vor allem dann, wenn sie ab und zu Bildblog liest. Was Henschel ganz besonders am Herzen liegt, ist die Doppelmoral der Zeitung, die es schafft, dem Papst publizistisch Kränze zu flechten, in Kommentaren für konservative Werte einzutreten und sich gleichzeitig an Schmuddelgeschichten jeder Couleur zu waiden. Garniert mit einem Kleinanzeigenteil voller Inserate aus dem Rotlichtmilieu. Vor allem diese Kleinanzeigen zieht Henschel immer und immer wieder heran, um der Bild Doppelmoral und Heuchelei vorzuwerfen. Ein Vorwurf, der bei der x-ten Wiederholung dann doch sehr ermüdend wirkt, zumal diese Anzeigen ja mit den redaktionellen Inhalten der Zeitung eigentlich nichts zu tun haben. Irgendwann wundert man sich nur noch über die Ausdauer, mit der Henschel immer wieder aus den Kleinanzeigentexten zitiert und fragt sich, ob er das nicht auch ein bisschen genüsslich tut.

Von den im Untertitel angekündigten “Betriebsgeheimnissen der Bild-Zeitung” ist im Buch leider viel zu wenig zu finden. Echte Blicke hinter die Kulissen finden praktisch nicht statt. Ehrenwert sind Henschels unermüdliche Fingerzeige gegen Prominente und Politiker aller Art, die sich nicht zu schade sind, mit Bild zu kooperieren. Sein eloquent vorgetragener Zorn liest sich gut, verliert sich aber spätestens nach der Hälfte des Buches in Redundanzen und Wiederholungen. Bei regelmäßiger Bildblog-Lektüre dürfte der Erkenntnisgewinn höher sein.

Im Briefkasten: Kulturnews – meinKinoprogramm

Unverlangt eingesandt — neulich lag im Briefkasten eine 16 Seiten dünne Zeitschrift, mit der Bitte um eine Blattkritik. Und weil mir das Heft am Ende besser gefiel als ich anfangs erwartete, will ich dem ausnahmsweise gerne nachkommen.

meinKinoprogramm (nur echt mit Camel-Case-Schreibweise) ist ein Spin-Off des Kostenlos-Magazins Kulturnews, das man immer wieder mal an Vorverkaufsstellen, in Kneipen oder Kultureinrichtungen aufliegen sieht, und dem ich nie sonderlich viel Beachtung geschenkt habe, weil man ja zu wissen glaubt, wie es um die redaktionelle Unabhängigkeit solcher Publikationen bestellt ist. Auch der Kino-Ableger der Kulturnews ist kostenlos und finanziert sich vermutlich über Anzeigen – bereits das Cover ist eine. Der Schwerpunkt besteht in einer Vorstellung der Kino-Neustarts des jeweiligen Monats, und zwar in sehr knapper Form und mit einem angenehm Schnickschnack-freien, reduzierten Layout. Für jede Kinowoche gibt es eine Einstiegsseite mit einem großen Foto, auf der jeder Film mit einem Satz und mit Sternchenwertung vorgestellt wird. Danach folgen Kurzvorstellungen der einzelnen Filme, wobei kleine Produktionen wie z.B. Kleine Tricks gleichrangig neben Blockbustern wie Harry Potter stehen. Was schonmal ein angenehmer Gegensatz zu anderen kostenlos verteilten Film-Blättchen ist.

Die große Überraschung ist dann, dass man bei den kurzen, schnell gelesenen 10- bis 15-zeiligen Texten tatsächlich von kleinen Filmkritiken sprechen kann, die eine klare Wertung enthalten und miese Filme nicht unnötig schönreden. In der Selbstdarstellung klingt das dann so: “schlägt die Brücke zwischen Mainstream und cineastischem Special Interest”, und das kann man durchaus so stehen lassen.

Wo gibt’s das Heft? Laut Homepage “in der Szenegastronomie und bundesweit in ausgewählten Kinos”, was immer das auch heißen mag. Abonnieren geht auch, kostet aber 21 Euro für 12 Hefte, was nicht gerade billig ist, zumal sämtliche Texte auch online stehen. Auf meinkinoprogramm.de sind die Kurzbesprechungen zusätzlich noch mit dem Kinoprogramm zahlreicher Städte verknüpft. Außerdem gibt es dort ein sogenanntes “Filmlexikon”. Dabei handelt es sich aber wohl eher um ein Archiv von Filmrezensionen, die sich in den letzten Jahren beim Bunkverlag (wo die Kulturnews ebenso wie U_mag und _ulysses erscheint) angesammelt haben.

Unentbehrlich ist meinKinoprogramm sicher nicht, denn gerade online herrscht kein Mangel an Filmbesprechungen und Programm-Services. Im gedruckten Bereich sieht das schon wieder anders aus. Für grundsätzlich Kino-Interessierte, die sich nicht in Special-Interest-Medien vertiefen und von Filmstarts jenseits von Ice Age und Transformers nur wenig mitbekommen, mag das Heft, so sie es denn in die Hände bekommen, durchaus eine Lücke schließen.

Wie ich einmal einen Porno gelesen habe …

… und hinterher einen 10.000-Zeichen-Text dazu verfasst habe.

Es geht natürlich um Lost Girls von Alan Moore, und der Text steht bei Comicgate.

Gesichtsmagazin

Neulich am Flughafen fiel mir in einem Kiosk die Nr. 1 einer neuen Zeitschrift ins Auge, das Facemagazin (Ja, die wollen das zusammengeschrieben haben). Gut, dachte ich mir, kannste ja mal kaufen, kannste ja mal lesen, kannste dann ja auch vielleicht was drüber bloggen.

Viel fällt mir dazu allerdings nicht ein. Das ist alles so beliebig, langweilig, egal und inhaltsleer, dass mir die Worte fehlen. Facemagazin möchte ein Heft für “Literatur, Lifestyle und Popkultur” sein und erscheint erst mal vierteljährlich. Aufmacher des ersten Hefts ist eine Story über Daniel Brühl, die dank Fotostrecke auf 16 Seiten aufgeblasen wurde, die aber inhaltlich nicht sehr tiefgehend ist. Das Interview mit Brühl ist nett, brav und überraschungsarm. So wie auch die anderen Interviews, z.B. eins mit Christina Stürmer voller belangloser Fragen, die auch die Bravo hätte stellen können.

Und so geht es auch weiter. Eine Fotostrecke imitiert bekannte Zeitschriftencover (kennt man schon von der ein oder anderen Schülerzeitung oder seit Jahrzehnten von der Titanic), ein halbengagierter Artikel warnt vor überzogenem Sicherheitswahn, Nils Bokelberg erzählt in einer Kolumne einen Schwankaus seiner Jugend, und eine Seite gibt Veranstaltungstipps für London. Dazu viele große Fotos und viele große Überschriften, unter denen aber meist nur kleine Texte stehen.

Eingeheftet in die Mitte dann das exakte Gegenteil: 16 Seiten aus billigem, holzigen Papier, ein extrem schlichtes Layout und keinerlei Bilder. Text pur. Das, muss ich sagen, hat mir gefallen. Hier findet man dann auch die interessanteren Texte, ein bisschen Literatur, ein paar Rezensionen. Und ein paar überflüssige Top-Ten-Listen.

Okay, das alles ist nicht wirklich furchtbar, nicht direkt schlecht oder ärgerlich. Was aber fast völlig fehlt, sind überraschende Einblicke, Leidenschaft, neue Perspektiven und Entdeckungen, kurz: guter Journalismus. Ich habe nach 108 Seiten noch immer keine Idee, was die Macher mit diesem Heft eigentlich wollen.

Das alles wäre halb so schlimm und nicht der Rede wert, wenn Chefredakteur Johannes Finke im Editorial nicht so große Töne spucken würde. Er zitiert Maxim Biller, der sich beklagt, “dass man immer nur mit den alten Herren über Deutschland redet”, und keiner die Jungen und Mitteljungen “über den politischen, moralischen Zustand dieser Gesellschaft” reden lässt. Wollte Facemagazin diese Lücke füllen? Wenn ja, ist das misslungen.

Auf der Website bezeichnet man sich als Heft für Leute, die Neon nicht mehr lesen wollen und die gute alte Tempo vermissen. Wenn das der Maßstab ist, muss man sich in Heft 2 gewaltig steigern.

PS: Mit dem legendären The Face hat das Facemagazin natürlich nichts zu tun, aber spekuliert hat man möglicherweise schon darauf, dass ein bisschen was vom Glamour dieser Marke auf das neue Blatt abstrahlt.

Grant Morrison: The Invisibles

Manchmal dauert es eben etwas länger. 18 Jahre ist es her, dass in den USA das erste Heft der Vertigo-Serie The Invisibles erschien, und erst jetzt erscheint sie erstmals auf Deutsch. Dieser Schritt von Panini überrascht, denn die Invisibles sind ein sperriger, ungewöhnlicher und schwer vermarktbarer Comic.

In insgesamt 59 Heften in sieben Jahren durte sich der Brite Grant Morrison kreativ austoben. Morrison, der sich mit Reihen wie Animal Man und Doom Patrol schon einen Ruf als Autor sehr unkonventioneller Superheldencomics erarbeitet hatte, erschuf für The Invisibles eine Welt, in der ungefähr alle Verschwörungstheorien, die es jemals gab, wahr sind. Vordergründig geht es um den immerwährenden Kampf von Gut gegen Böse: Finstere Mächte haben Konzerne und Regierungen unterwandert, ein kleines Häuflein von Aufrechten, genannt das „Unsichtbare College“, bekämpft sie. Die Titelhelden der Serie sind eine fünfköpfige Einheit des College, die von London aus operiert und aus ziemlich schrägen Vögeln besteht. In den ersten Kapiteln rekrutiert diese Gruppe ein neues Mitglied, den Liverpooler Schuljungen Dane. Dem geht es zu Beginn erstmal ähnlich wie dem Leser: Er versteht nicht recht, was er hier soll, wer mit welchen Mitteln gegen wen spielt und zu welchem Zweck. Wir bekommen es unter anderem mit Zeitreisen, Meditation und magischen Ritualen zu tun, aber auch mit Bombenbau und rasanten Verfolgungsjagden.

Invisibles –- die deutsche Version (ohne „The“) erscheint als sogenannte „Monster Edition“ in fünf dicken Sammelbänden bei Panini — ist ein wilder, durchgeknallter, absolut eigenständiger und faszinierender Mystery­comic, angereichert mit Gastauftritten von John Lennon bis zum Marquis de Sade, mit Popkulturzitaten, Außerirdischen, Sex und Magie, mit surrealen Elementen und einem sehr anarchischen Humor. Morrison sprengt alle Konventionen, bleibt dabei aber immer ein sehr guter Erzähler. Gut, dass er inzwischen durch Arbeiten wie New X-Men oder All Star Superman bekannt genug ist, um auch bei uns mit seinem Opus Magnum eine Chance zu bekommen. Schwer zu erklären, schwer zu verstehen, aber schwer zu empfehlen!

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Dieser Text entstand für das eben erschienene Comicgate-Magazin Nr. 3, das ich euch hiermit herzlich empfehlen möchte. Die neue Ausgabe hat mit 128 Seiten mehr als 50% mehr Umfang als die ersten beiden, enthält einige feine Comic-Kurzgeschichten sowie ausführliche redaktionelle Artikel. Obiger Text stammt aus der Rubrik “Comics für die Insel”, in der die Redaktion ihre aktuellen Favoriten empfiehlt. Außer dieser und zwei weiteren Empfehlungen aus meiner Feder findet man im Heft noch den von mir verfassten Artikel “Piraten? Diebe? Engagierte Fans? – Comics jenseits des Urheberrechts”. Mehr Infos zum Heft, Leseproben und Bestellmöglichkeiten auf comicgate.de.