Geist ist geil

Meine Comics des Jahres

Sonntag, 03.01.2010

Drüben bei Comicgate stellen diverse Redakteure ihre persönlichen Top-Listen vor und blicken damit auf das Comicjahr 2009 zurück. Meine Top 5 sind auch dabei (bitte ganz nach unten scrollen), und ich freue mich sehr, dass darunter auch zwei deutschsprachige Eigenproduktionen sind, obwohl der hiesige Comicmarkt nach wie vor zu mindestens 90% aus ausländischer Lizenzware besteht. Meine Highlights sind diese hier, mehr dazu steht unter obigem Link.

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Warren Ellis: Gott schütze Amerika (Crooked Little Vein)

Dienstag, 17.11.2009

Wer Comics von Warren Ellis kennt (am bekanntesten: Transmetropolitan) und ab und zu sein Blog besucht, der weiß: Ellis spielt gerne mit einer zynisch-sarkastischen Arschloch-Attitüde, Ellis ist Technik-Fetischist und Ellis ist unendlich fasziniert von den Abgründen des Internets, durch die wir Dinge erfahren, die wir nie so genau wissen wollten (vor allem wenn es um “exotische” Formen der Sexualität geht).

Alle drei Aspekte lebt der Autor nun auch in seinem ersten Roman aus. Gott schütze Amerika ist eine Art Neo-Noir-Krimi, dessen Protagonist, der heruntergekommene Privatdetektiv Mike McGill für die US-Regierung nach einem sehr wertvollen, mystischen Buch suchen soll. Die Suche nach diesem Buch führt McGill quer durch die USA, wobei er Unmengen von verkommenen, abartigen, perversen oder sonstwie schrägen Vögeln begegnet. Die Gemeinschaft von Leuten, die auf Riesenreptilien stehen und zu Godzilla-Filmen onanieren, ist hier noch das harmloseste Beispiel.

Ellis präsentiert diesen Reigen kranker Figuren wie eine Liste, die Punkt für Punkt abgearbeitet wird. Ähnlich wie diese grausamen Countdown-Shows im Fernsehen. Sein roter Faden, das gesuchte Buch, erweist sich als klassischer MacGuffin: Detektiv McGill ermittelt einen ehemaligen Besitzer des Buches und erfährt von ihm, wer es danach besessen hat. Nach dieser Masche springt Ellis von Station zu Station — kein besonders originelles Storytelling. Diese Schwäche wird jedoch weitgehend wettgemacht durch die nach und nach aufgebaute Charakterisierung der Hauptfigur und durch die sich anbahnende Lovestory zu McGills Sidekick, der nymphomanen Studentin Trix. Außerdem findet Ellis einen überraschend spannenden Showdown, der sich wie ein Heist-Movie liest.

Auch wenn der böse Sarkamus und die schier endlose Aneinanderreihung von Perversionen zwischendurch etwas ermüdend wirken, ist Gott schütze Amerika doch eine unterhaltsame Lektüre, vorausgesetzt man mag schwarzen Humor. Denn Ellis moralisiert nicht, er betrachtet sein Kabinett der Abgründe mit einem Augenzwinkern, wobei seine Holzhammer-Satire nicht gerade subtil daherkommt.

Sicher keine literarische Großtat, aber allemal flott geschriebenes Roman-Fastfood der eher abseitigen Art, das mich ziemlich gut unterhalten hat.

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Gerhard Henschel: Gossenreport

Donnerstag, 29.10.2009

Kein brandneues Buch, erschienen ist es bereits vor drei Jahren. Gerhard Henschel, der u.a. seit vielen Jahren als Autor für die Titanic tätig ist, hatte 2002 mit einem Artikel in der taz die “Diekmann-Penis-Affäre” ausgelöst und seither immer wieder scharfe Polemiken gegen das Feindbild Bild-Zeitung veröffentlicht.

Eine davon hieß “Von Tag zu Tag wird’s schmutziger” und bildet das erste Kapitel von Gossenreport. Was folgt, ist sozusagen die “extended version”, in der Henschel noch einmal alles ausführlich darlegt, was ihn an Bild anwidert. Der Text ist eine einzige, lange Suada (die Bild würde sagen: Wut-Rede), in der sich der Autor wortreich und in geschliffener Sprache auskotzt über die Praktiken der mächtigen Boulevardzeitung. Und er hat ja auch recht. Es ist beschämend, was das Fachblatt für Bigotterie, Intoleranz, Lügen und Demagogie Tag für Tag so veranstaltet.

Das meiste davon dürfte der Zielgruppe dieses Buches jedoch weithin bekannt sein, vor allem dann, wenn sie ab und zu Bildblog liest. Was Henschel ganz besonders am Herzen liegt, ist die Doppelmoral der Zeitung, die es schafft, dem Papst publizistisch Kränze zu flechten, in Kommentaren für konservative Werte einzutreten und sich gleichzeitig an Schmuddelgeschichten jeder Couleur zu waiden. Garniert mit einem Kleinanzeigenteil voller Inserate aus dem Rotlichtmilieu. Vor allem diese Kleinanzeigen zieht Henschel immer und immer wieder heran, um der Bild Doppelmoral und Heuchelei vorzuwerfen. Ein Vorwurf, der bei der x-ten Wiederholung dann doch sehr ermüdend wirkt, zumal diese Anzeigen ja mit den redaktionellen Inhalten der Zeitung eigentlich nichts zu tun haben. Irgendwann wundert man sich nur noch über die Ausdauer, mit der Henschel immer wieder aus den Kleinanzeigentexten zitiert und fragt sich, ob er das nicht auch ein bisschen genüsslich tut.

Von den im Untertitel angekündigten “Betriebsgeheimnissen der Bild-Zeitung” ist im Buch leider viel zu wenig zu finden. Echte Blicke hinter die Kulissen finden praktisch nicht statt. Ehrenwert sind Henschels unermüdliche Fingerzeige gegen Prominente und Politiker aller Art, die sich nicht zu schade sind, mit Bild zu kooperieren. Sein eloquent vorgetragener Zorn liest sich gut, verliert sich aber spätestens nach der Hälfte des Buches in Redundanzen und Wiederholungen. Bei regelmäßiger Bildblog-Lektüre dürfte der Erkenntnisgewinn höher sein.

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Im Briefkasten: Kulturnews - meinKinoprogramm

Samstag, 25.07.2009

Unverlangt eingesandt — neulich lag im Briefkasten eine 16 Seiten dünne Zeitschrift, mit der Bitte um eine Blattkritik. Und weil mir das Heft am Ende besser gefiel als ich anfangs erwartete, will ich dem ausnahmsweise gerne nachkommen.

meinKinoprogramm (nur echt mit Camel-Case-Schreibweise) ist ein Spin-Off des Kostenlos-Magazins Kulturnews, das man immer wieder mal an Vorverkaufsstellen, in Kneipen oder Kultureinrichtungen aufliegen sieht, und dem ich nie sonderlich viel Beachtung geschenkt habe, weil man ja zu wissen glaubt, wie es um die redaktionelle Unabhängigkeit solcher Publikationen bestellt ist. Auch der Kino-Ableger der Kulturnews ist kostenlos und finanziert sich vermutlich über Anzeigen - bereits das Cover ist eine. Der Schwerpunkt besteht in einer Vorstellung der Kino-Neustarts des jeweiligen Monats, und zwar in sehr knapper Form und mit einem angenehm Schnickschnack-freien, reduzierten Layout. Für jede Kinowoche gibt es eine Einstiegsseite mit einem großen Foto, auf der jeder Film mit einem Satz und mit Sternchenwertung vorgestellt wird. Danach folgen Kurzvorstellungen der einzelnen Filme, wobei kleine Produktionen wie z.B. Kleine Tricks gleichrangig neben Blockbustern wie Harry Potter stehen. Was schonmal ein angenehmer Gegensatz zu anderen kostenlos verteilten Film-Blättchen ist.

Die große Überraschung ist dann, dass man bei den kurzen, schnell gelesenen 10- bis 15-zeiligen Texten tatsächlich von kleinen Filmkritiken sprechen kann, die eine klare Wertung enthalten und miese Filme nicht unnötig schönreden. In der Selbstdarstellung klingt das dann so: “schlägt die Brücke zwischen Mainstream und cineastischem Special Interest”, und das kann man durchaus so stehen lassen.

Wo gibt’s das Heft? Laut Homepage “in der Szenegastronomie und bundesweit in ausgewählten Kinos”, was immer das auch heißen mag. Abonnieren geht auch, kostet aber 21 Euro für 12 Hefte, was nicht gerade billig ist, zumal sämtliche Texte auch online stehen. Auf meinkinoprogramm.de sind die Kurzbesprechungen zusätzlich noch mit dem Kinoprogramm zahlreicher Städte verknüpft. Außerdem gibt es dort ein sogenanntes “Filmlexikon”. Dabei handelt es sich aber wohl eher um ein Archiv von Filmrezensionen, die sich in den letzten Jahren beim Bunkverlag (wo die Kulturnews ebenso wie U_mag und _ulysses erscheint) angesammelt haben.

Unentbehrlich ist meinKinoprogramm sicher nicht, denn gerade online herrscht kein Mangel an Filmbesprechungen und Programm-Services. Im gedruckten Bereich sieht das schon wieder anders aus. Für grundsätzlich Kino-Interessierte, die sich nicht in Special-Interest-Medien vertiefen und von Filmstarts jenseits von Ice Age und Transformers nur wenig mitbekommen, mag das Heft, so sie es denn in die Hände bekommen, durchaus eine Lücke schließen.



Wie ich einmal einen Porno gelesen habe …

Dienstag, 22.07.2008

… und hinterher einen 10.000-Zeichen-Text dazu verfasst habe.

Es geht natürlich um Lost Girls von Alan Moore, und der Text steht bei Comicgate.



Gesichtsmagazin

Dienstag, 15.07.2008

Neulich am Flughafen fiel mir in einem Kiosk die Nr. 1 einer neuen Zeitschrift ins Auge, das Facemagazin (Ja, die wollen das zusammengeschrieben haben). Gut, dachte ich mir, kannste ja mal kaufen, kannste ja mal lesen, kannste dann ja auch vielleicht was drüber bloggen.

Viel fällt mir dazu allerdings nicht ein. Das ist alles so beliebig, langweilig, egal und inhaltsleer, dass mir die Worte fehlen. Facemagazin möchte ein Heft für “Literatur, Lifestyle und Popkultur” sein und erscheint erst mal vierteljährlich. Aufmacher des ersten Hefts ist eine Story über Daniel Brühl, die dank Fotostrecke auf 16 Seiten aufgeblasen wurde, die aber inhaltlich nicht sehr tiefgehend ist. Das Interview mit Brühl ist nett, brav und überraschungsarm. So wie auch die anderen Interviews, z.B. eins mit Christina Stürmer voller belangloser Fragen, die auch die Bravo hätte stellen können.

Und so geht es auch weiter. Eine Fotostrecke imitiert bekannte Zeitschriftencover (kennt man schon von der ein oder anderen Schülerzeitung oder seit Jahrzehnten von der Titanic), ein halbengagierter Artikel warnt vor überzogenem Sicherheitswahn, Nils Bokelberg erzählt in einer Kolumne einen Schwankaus seiner Jugend, und eine Seite gibt Veranstaltungstipps für London. Dazu viele große Fotos und viele große Überschriften, unter denen aber meist nur kleine Texte stehen.

Eingeheftet in die Mitte dann das exakte Gegenteil: 16 Seiten aus billigem, holzigen Papier, ein extrem schlichtes Layout und keinerlei Bilder. Text pur. Das, muss ich sagen, hat mir gefallen. Hier findet man dann auch die interessanteren Texte, ein bisschen Literatur, ein paar Rezensionen. Und ein paar überflüssige Top-Ten-Listen.

Okay, das alles ist nicht wirklich furchtbar, nicht direkt schlecht oder ärgerlich. Was aber fast völlig fehlt, sind überraschende Einblicke, Leidenschaft, neue Perspektiven und Entdeckungen, kurz: guter Journalismus. Ich habe nach 108 Seiten noch immer keine Idee, was die Macher mit diesem Heft eigentlich wollen.

Das alles wäre halb so schlimm und nicht der Rede wert, wenn Chefredakteur Johannes Finke im Editorial nicht so große Töne spucken würde. Er zitiert Maxim Biller, der sich beklagt, “dass man immer nur mit den alten Herren über Deutschland redet”, und keiner die Jungen und Mitteljungen “über den politischen, moralischen Zustand dieser Gesellschaft” reden lässt. Wollte Facemagazin diese Lücke füllen? Wenn ja, ist das misslungen.

Auf der Website bezeichnet man sich als Heft für Leute, die Neon nicht mehr lesen wollen und die gute alte Tempo vermissen. Wenn das der Maßstab ist, muss man sich in Heft 2 gewaltig steigern.

PS: Mit dem legendären The Face hat das Facemagazin natürlich nichts zu tun, aber spekuliert hat man möglicherweise schon darauf, dass ein bisschen was vom Glamour dieser Marke auf das neue Blatt abstrahlt.

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Grant Morrison: The Invisibles

Mittwoch, 04.06.2008

Manchmal dauert es eben etwas länger. 18 Jahre ist es her, dass in den USA das erste Heft der Vertigo-Serie The Invisibles erschien, und erst jetzt erscheint sie erstmals auf Deutsch. Dieser Schritt von Panini überrascht, denn die Invisibles sind ein sperriger, ungewöhnlicher und schwer vermarktbarer Comic.

In insgesamt 59 Heften in sieben Jahren durte sich der Brite Grant Morrison kreativ austoben. Morrison, der sich mit Reihen wie Animal Man und Doom Patrol schon einen Ruf als Autor sehr unkonventioneller Superheldencomics erarbeitet hatte, erschuf für The Invisibles eine Welt, in der ungefähr alle Verschwörungstheorien, die es jemals gab, wahr sind. Vordergründig geht es um den immerwährenden Kampf von Gut gegen Böse: Finstere Mächte haben Konzerne und Regierungen unterwandert, ein kleines Häuflein von Aufrechten, genannt das „Unsichtbare College“, bekämpft sie. Die Titelhelden der Serie sind eine fünfköpfige Einheit des College, die von London aus operiert und aus ziemlich schrägen Vögeln besteht. In den ersten Kapiteln rekrutiert diese Gruppe ein neues Mitglied, den Liverpooler Schuljungen Dane. Dem geht es zu Beginn erstmal ähnlich wie dem Leser: Er versteht nicht recht, was er hier soll, wer mit welchen Mitteln gegen wen spielt und zu welchem Zweck. Wir bekommen es unter anderem mit Zeitreisen, Meditation und magischen Ritualen zu tun, aber auch mit Bombenbau und rasanten Verfolgungsjagden.

Invisibles –- die deutsche Version (ohne „The“) erscheint als sogenannte „Monster Edition“ in fünf dicken Sammelbänden bei Panini — ist ein wilder, durchgeknallter, absolut eigenständiger und faszinierender Mystery­comic, angereichert mit Gastauftritten von John Lennon bis zum Marquis de Sade, mit Popkulturzitaten, Außerirdischen, Sex und Magie, mit surrealen Elementen und einem sehr anarchischen Humor. Morrison sprengt alle Konventionen, bleibt dabei aber immer ein sehr guter Erzähler. Gut, dass er inzwischen durch Arbeiten wie New X-Men oder All Star Superman bekannt genug ist, um auch bei uns mit seinem Opus Magnum eine Chance zu bekommen. Schwer zu erklären, schwer zu verstehen, aber schwer zu empfehlen!

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Dieser Text entstand für das eben erschienene Comicgate-Magazin Nr. 3, das ich euch hiermit herzlich empfehlen möchte. Die neue Ausgabe hat mit 128 Seiten mehr als 50% mehr Umfang als die ersten beiden, enthält einige feine Comic-Kurzgeschichten sowie ausführliche redaktionelle Artikel. Obiger Text stammt aus der Rubrik “Comics für die Insel”, in der die Redaktion ihre aktuellen Favoriten empfiehlt. Außer dieser und zwei weiteren Empfehlungen aus meiner Feder findet man im Heft noch den von mir verfassten Artikel “Piraten? Diebe? Engagierte Fans? - Comics jenseits des Urheberrechts”. Mehr Infos zum Heft, Leseproben und Bestellmöglichkeiten auf comicgate.de.



Bücherstöckchen

Samstag, 24.03.2007

Bei Kiki gefunden und ungefragt einfach mal aufgehoben: Ein kleiner Fragebogen über Bücher. Beantwortet in zwei Farben: schwarz für Prosa, grün für Comics (denn von denen lese ich einfach viel mehr).

Gebunden oder Taschenbuch?
Natürlich ist ein schönes Hardcover toll und fühlt sich gut an. Aber: Content does matter. Von mir aus gerne Taschenbuch.

Bei Comics gibt’s oft nur eins von beiden, manchmal aber auch ein drittes Format: Das Heftchen. etztere tendieren allerdings (in Amerika) dahin, nur noch ein Bruchstück eines größeren Ganzen zu sein, dass später eh als Sammelband veröffentlicht wird. Daher: je nachdem, von allem ein bisschen.

Amazon oder Buchhandel?
Es gibt gute Gründe gegen Amazon, aber der Einkauf dort ist komfortabel, schnell und günstig. Gilt vor allem für ausländische Ware. Und natürlich macht es Spaß, mal eine oder mehrere Stunden schmökernd in einem Bücher-Kaufhaus wie Hugendubel zu verbringen. Aber nix geht über den kleinen Buchhändler (solange es ihn noch gibt).

Bei Comics habe ich wirklich einen Stammhändler mit einem eigenen Bestellfach für mich. Gelegentlich dann mal noch was bei Amazon oder auch bei ebay.

Lesezeichen oder Eselsohr?
Lesezeichen, oder noch lieber: Lesebändchen.

Ordnen nach Autor, nach Titel oder ungeordnet?
Romane: Nach Autor. Sachbücher: ganz grob thematisch.

Comics werden nach einer selbst entwickelten Geheimformal abgelegt, die u.a. Format, Verlag, Autor und Serie berücksichtigt. Funktioniert super und muss immer wieder mal aus Platzgründen vollständig überarbeitet werden (was sogar Spaß macht).

Behalten, wegwerfen oder verkaufen?
Meistens behalten. Verkaufen oder weggeben, wenn ich ganz sicher bin, das nie wieder lesen zu wollen.

Schutzumschlag behalten oder wegwerfen?
Behalten.

Mit Schutzumschlag lesen oder ohne?
Mit. Ich hab nix gegen Schutzumschläge.

Kurzgeschichten oder Roman?
Romane. Die Kurzformate sind mir oft zu bruchstückhaft (gilt bei mir auch für Filme und Comics). Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Sammlung (Kurzgeschichten von einem Autor) oder Anthologie (Kurzgeschichten von verschiedenen Autoren)?
Wenn Kurzgeschichten, dann eher als Sammlung.

Comic-Anthologien mag ich ganz gerne, da sie zum Teil einen unglaublich vielfältigen Mix aus grafischen und erzählerischen Stilen bieten. Tipp: Panik Elektro.

Harry Potter oder Lemony Snicket?
Bei Harry kenne ich jeweils Teil 1 als Film und Buch und fand’s langweilig. Bei Lemony kenne ich nur den Film und fand den ganz okay.

Aufhören, wenn man müde ist oder wenn das Kapitel endet?
Mal so, mal so. Übermüdet lesen bringt aber nix. Ich kann mich dann nicht mehr dran erinnern.

“Die Nacht war dunkel und stürmisch” oder “Es war einmal”?
Call me Ishmael.

Kaufen oder leihen?
Beides! Bibliotheken sind toll und erlauben geldbeutelschonendes Viellesen.

Neu oder gebraucht?
Gerne neu, aber auch gerne gebraucht.

Kaufentscheidung: Bestsellerliste, Rezension, Empfehlung oder Stöbern?
Alles bis auf die Bestsellerliste. Ansonsten gehe ich auch gerne nach Autoren, von denen ich schon was mochte.

Geschlossenes Ende oder Cliffhanger?
Geschlossenes Ende.

Cliffhanger!

Morgens, mittags oder nachts lesen?
Morgens lese ich Zeitung, mittags lese ich Internet. Also nachts. Und natürlich im Urlaub rund um die Uhr.

Einzelband oder Serie?
Einzelband.

Beides.

Lieblingsserie?
Scott Pilgrim.

Lieblingsbuch, von dem noch nie jemand gehört hat?
Scott Pilgrim.

Lieblingsbuch, das du letztes Jahr gelesen hast?
Schon etwas älter, aber im letzten Jahr erstmals komplett am Stück gelesen: Bone von Jeff Smith.

Und ungefragt noch eins obendrein: Ich bin nicht nur Abspannsitzenbleiber, sondern auch Impressumleser.



Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht

Montag, 22.01.2007

Schon seltsam. Ich lese ein Buch, das vor allem von der professionellen, anspruchsvollen Literaturkritik gelobt wird. Es gefällt mir nicht, ich werde nicht warm damit, und dann suche ich die Ursache bei mir selbst. Bin ich literarisch zu ungebildet, zu blöd für dieses Buch? Ist es zu anspruchsvoll für mich? Nein, denke ich mir, da schreib ich im Blog mal lieber nix drüber, sonst endet das noch wie eine dieser peinlichen Amazon-Leserrezensionen.

Das ist jetzt ein paar Wochen her und ich denke mir, was soll’s. Das Buch war nix für mich und das kann ich ruhig laut sagen. Mein Interesse weckte dieser positive Eintrag bei wirres.net, die Ausgangslage klang sehr spannend: Ein Mann wacht eines Tages allein in Wien auf und merkt, dass er scheinbar der einzige Mensch auf der Erde ist. Alle anderen sind weg.

Daraus könnte man eine Science-Fiction-Story machen, einen spannenden Thriller, eine philosophische Betrachtung über Einsamkeit und den Mangel an Mitmenschen. Thomas Glavinic macht nichts davon (was auch völlig okay ist!). Er schaut dem Protagonisten Jonas in den Kopf, und wir beobachten ihn dabei, wie er langsam schizophren wird. Wenn er schläft, hat er sich nicht unter Kontrolle und entdeckt jeden Morgen aufs Neue überraschende Ergebnisse der letzten Nacht. Ein Messer, das da nicht hingehört. Ein Loch in der Wand, das gestern noch nicht da war, solche Dinge.

Er beginnt dann, sich selbst im Schlaf mit einer Videokamera zu überwachen. Außerdem zieht er ziellos durch Wien, fährt an Schauplätze seiner Jugend und schließlich sogar nach England, wo seine Freundin sich zuletzt aufhielt. Zentrales Element des Romans sind neben den nächtlichen Überraschungen und den akribisch geschilderten Videoaufnahmen die Jugenderinnerungen von Jonas. Schauplätze und Fotos erinnern ihn an Vergangenes.

Viel mehr “passiert” nicht in diesem Buch. Es gibt auch keine Erklärung, keine Auflösung für die vielen Rätsel. Das werfe ich dem Autor auch gar nicht vor, schließlich wollte er keinen Genreroman schreiben. Was mir missfallen hat, ist, dass der Roman ab etwa Seite 100 zunehmend dröge wird. Immer wieder wiederholen sich gleiche oder sehr ähnliche Elemente, man dreht sich im Kreis und kommt nicht weiter. Das macht die Lektüre sehr ermüdend, und dazu trägt auch der Schreibstil bei, die kurzen, abgehackten Sätze, die Glavinic ständig verwendet.

Zugegeben, am Anfang war ich wirklich fasziniert von der kalten, verstörenden Grundstimmung, die das Buch erzeugt. Zwischendrin wäre aber auch die ein oder andere interessante Idee oder Überraschung schön gewesen. Stattdessen schleppte ich mich mühsam durch die Seiten. Das fiese ist nur, dass immer dann, wenn ich kapitulieren wollte, doch ein klitzekleines Spannungselement eingebaut war. Allerdings eines, das nie aufgelöst wurde.

Die Arbeit der Nacht ist ein düsteres literarisches Experiment, das hochinteressant beginnt und dann von Kapitel zu Kapitel immer uninteressanter wird.



Oliver Maria Schmitt: AnarchoShnitzel schrieen sie

Freitag, 15.12.2006

Der Untertitel “Ein Punkroman für die besseren Kreise”, dazu der Name des Autors, der mir als gelegentlich regelmäßiger Titanic-Leser wohlbekannt ist, das machte mich neugierig. Ich mag so Zeug, nennen wir es mal “schräge Unterhaltungsliteratur”. Mit diesem Roman bin ich aber nicht so recht warm geworden. Ich hab ihn zwar ganz durch gelesen, aber begeistern konnte er mich nur ganz selten.

Die Geschichte ist ein reichlich absurdes Road-Movie (Road-Book? Road-Novel? Gibt’s da ‘nen Begriff für?) über eine Truppe gealterter Ex-Punks, die ihre kurzlebige Punkrockband “Gruppe Senf” nach 20 Jahren für eine Retro-TV-Show nochmal wiedervereinigen will. Natürlich ist keiner von ihnen ein waschechter Punk geblieben, alle sind älter geworden, sind mehr oder weniger arriviert, und jeder von ihnen ist im Grunde ein Ekelpaket. Wie bei den Blues Brothers wird ein Auto besorgt und nach und nach werden damit alle ehemaligen Band-Mitglieder abgeklappert. Ein Großteil der Reise findet in den neuen Bundesländern statt, was Schmitt Gelegenheit gibt, seine Figuren immer wieder fürchterlich über den Osten herziehen zu lassen. Das ist zu Beginn ganz amüsant, nervt aber im Verlauf der Geschichte immer mehr. Solche Elemente, die bis zum Überdruss repetiert werden, finden sich leider häufiger im Buch.

Ich glaube nicht, dass es O.M.S. wirklich auf seine Handlung ankommt. Die dient ihm als Gerüst für verschiedene Dinge, die er loswerden will: eine Liebeserklärung und Abrechnung mit 20 Jahren Punk (und was daraus wurde), eine satirische Bestandsaufnahme der Merkel-Republik anno 2006, und: Namedropping ohne Ende. Dutzende von Bands und Songs werden hier zitiert und genannt, von obskuren Deutschpunkbands der 80er Jahre bis zu Wir sind Helden und We are Scientists. Ein Kapitel widmet sich einem Besuch der Ex-Punks auf einem Flippers-Konzert. Diese taufte man allerdings (im Gegensatz zu den anderen Bands) um: hier heißen sie, total originell, die Trippers, aber es besteht kein Zweifel, wer gemeint ist. Hat der Rowohlt-Verlag hier Muffe vor Flippers-Anwälten bekommen? Das Kapitel ist übrigens ein gutes Beispiel für eine Szene, die nicht so recht in den Roman passen will und wirkt wie ein ordentlicher Titanic-Artikel, der hier mal eben eingebaut wurde.

Ein bisschen liest sich das ganze Buch wie ein auf 340 Seiten gedehnter Titanic-Artikel, was auf Dauer ziemlich ermüdend ist. Dass ich trotzdem durchgehalten habe, liegt daran, dass Schmitt eben doch immer wieder mit einer lustigen und/oder irrsinnigen Idee aufwarten kann. Wunderbar überzogen und grell ist z.B. die Szene in Chemnitz, wo sich gerade eine neue Partei aus allen Splitterbewegungen des Landes gründet. Eine Veranstaltung, die in einem Inferno aus Erbrochenem endet. Wenzel Storch, bitte verfilmen Sie das!

Es gibt übrigens ein Blog zum Buch, garniert mit reichlich Hörbeispielen.

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