gelesen

Bücherstöckchen

Bei Kiki gefunden und ungefragt einfach mal aufgehoben: Ein kleiner Fragebogen über Bücher. Beantwortet in zwei Farben: schwarz für Prosa, grün für Comics (denn von denen lese ich einfach viel mehr).

Gebunden oder Taschenbuch?
Natürlich ist ein schönes Hardcover toll und fühlt sich gut an. Aber: Content does matter. Von mir aus gerne Taschenbuch.

Bei Comics gibt’s oft nur eins von beiden, manchmal aber auch ein drittes Format: Das Heftchen. etztere tendieren allerdings (in Amerika) dahin, nur noch ein Bruchstück eines größeren Ganzen zu sein, dass später eh als Sammelband veröffentlicht wird. Daher: je nachdem, von allem ein bisschen.

Amazon oder Buchhandel?
Es gibt gute Gründe gegen Amazon, aber der Einkauf dort ist komfortabel, schnell und günstig. Gilt vor allem für ausländische Ware. Und natürlich macht es Spaß, mal eine oder mehrere Stunden schmökernd in einem Bücher-Kaufhaus wie Hugendubel zu verbringen. Aber nix geht über den kleinen Buchhändler (solange es ihn noch gibt).

Bei Comics habe ich wirklich einen Stammhändler mit einem eigenen Bestellfach für mich. Gelegentlich dann mal noch was bei Amazon oder auch bei ebay.

Lesezeichen oder Eselsohr?
Lesezeichen, oder noch lieber: Lesebändchen.

Ordnen nach Autor, nach Titel oder ungeordnet?
Romane: Nach Autor. Sachbücher: ganz grob thematisch.

Comics werden nach einer selbst entwickelten Geheimformal abgelegt, die u.a. Format, Verlag, Autor und Serie berücksichtigt. Funktioniert super und muss immer wieder mal aus Platzgründen vollständig überarbeitet werden (was sogar Spaß macht).

Behalten, wegwerfen oder verkaufen?
Meistens behalten. Verkaufen oder weggeben, wenn ich ganz sicher bin, das nie wieder lesen zu wollen.

Schutzumschlag behalten oder wegwerfen?
Behalten.

Mit Schutzumschlag lesen oder ohne?
Mit. Ich hab nix gegen Schutzumschläge.

Kurzgeschichten oder Roman?
Romane. Die Kurzformate sind mir oft zu bruchstückhaft (gilt bei mir auch für Filme und Comics). Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Sammlung (Kurzgeschichten von einem Autor) oder Anthologie (Kurzgeschichten von verschiedenen Autoren)?
Wenn Kurzgeschichten, dann eher als Sammlung.

Comic-Anthologien mag ich ganz gerne, da sie zum Teil einen unglaublich vielfältigen Mix aus grafischen und erzählerischen Stilen bieten. Tipp: Panik Elektro.

Harry Potter oder Lemony Snicket?
Bei Harry kenne ich jeweils Teil 1 als Film und Buch und fand’s langweilig. Bei Lemony kenne ich nur den Film und fand den ganz okay.

Aufhören, wenn man müde ist oder wenn das Kapitel endet?
Mal so, mal so. Übermüdet lesen bringt aber nix. Ich kann mich dann nicht mehr dran erinnern.

“Die Nacht war dunkel und stürmisch” oder “Es war einmal”?
Call me Ishmael.

Kaufen oder leihen?
Beides! Bibliotheken sind toll und erlauben geldbeutelschonendes Viellesen.

Neu oder gebraucht?
Gerne neu, aber auch gerne gebraucht.

Kaufentscheidung: Bestsellerliste, Rezension, Empfehlung oder Stöbern?
Alles bis auf die Bestsellerliste. Ansonsten gehe ich auch gerne nach Autoren, von denen ich schon was mochte.

Geschlossenes Ende oder Cliffhanger?
Geschlossenes Ende.

Cliffhanger!

Morgens, mittags oder nachts lesen?
Morgens lese ich Zeitung, mittags lese ich Internet. Also nachts. Und natürlich im Urlaub rund um die Uhr.

Einzelband oder Serie?
Einzelband.

Beides.

Lieblingsserie?
Scott Pilgrim.

Lieblingsbuch, von dem noch nie jemand gehört hat?
Scott Pilgrim.

Lieblingsbuch, das du letztes Jahr gelesen hast?
Schon etwas älter, aber im letzten Jahr erstmals komplett am Stück gelesen: Bone von Jeff Smith.

Und ungefragt noch eins obendrein: Ich bin nicht nur Abspannsitzenbleiber, sondern auch Impressumleser.

Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht

Schon seltsam. Ich lese ein Buch, das vor allem von der professionellen, anspruchsvollen Literaturkritik gelobt wird. Es gefällt mir nicht, ich werde nicht warm damit, und dann suche ich die Ursache bei mir selbst. Bin ich literarisch zu ungebildet, zu blöd für dieses Buch? Ist es zu anspruchsvoll für mich? Nein, denke ich mir, da schreib ich im Blog mal lieber nix drüber, sonst endet das noch wie eine dieser peinlichen Amazon-Leserrezensionen.

Das ist jetzt ein paar Wochen her und ich denke mir, was soll’s. Das Buch war nix für mich und das kann ich ruhig laut sagen. Mein Interesse weckte dieser positive Eintrag bei wirres.net, die Ausgangslage klang sehr spannend: Ein Mann wacht eines Tages allein in Wien auf und merkt, dass er scheinbar der einzige Mensch auf der Erde ist. Alle anderen sind weg.

Daraus könnte man eine Science-Fiction-Story machen, einen spannenden Thriller, eine philosophische Betrachtung über Einsamkeit und den Mangel an Mitmenschen. Thomas Glavinic macht nichts davon (was auch völlig okay ist!). Er schaut dem Protagonisten Jonas in den Kopf, und wir beobachten ihn dabei, wie er langsam schizophren wird. Wenn er schläft, hat er sich nicht unter Kontrolle und entdeckt jeden Morgen aufs Neue überraschende Ergebnisse der letzten Nacht. Ein Messer, das da nicht hingehört. Ein Loch in der Wand, das gestern noch nicht da war, solche Dinge.

Er beginnt dann, sich selbst im Schlaf mit einer Videokamera zu überwachen. Außerdem zieht er ziellos durch Wien, fährt an Schauplätze seiner Jugend und schließlich sogar nach England, wo seine Freundin sich zuletzt aufhielt. Zentrales Element des Romans sind neben den nächtlichen Überraschungen und den akribisch geschilderten Videoaufnahmen die Jugenderinnerungen von Jonas. Schauplätze und Fotos erinnern ihn an Vergangenes.

Viel mehr “passiert” nicht in diesem Buch. Es gibt auch keine Erklärung, keine Auflösung für die vielen Rätsel. Das werfe ich dem Autor auch gar nicht vor, schließlich wollte er keinen Genreroman schreiben. Was mir missfallen hat, ist, dass der Roman ab etwa Seite 100 zunehmend dröge wird. Immer wieder wiederholen sich gleiche oder sehr ähnliche Elemente, man dreht sich im Kreis und kommt nicht weiter. Das macht die Lektüre sehr ermüdend, und dazu trägt auch der Schreibstil bei, die kurzen, abgehackten Sätze, die Glavinic ständig verwendet.

Zugegeben, am Anfang war ich wirklich fasziniert von der kalten, verstörenden Grundstimmung, die das Buch erzeugt. Zwischendrin wäre aber auch die ein oder andere interessante Idee oder Überraschung schön gewesen. Stattdessen schleppte ich mich mühsam durch die Seiten. Das fiese ist nur, dass immer dann, wenn ich kapitulieren wollte, doch ein klitzekleines Spannungselement eingebaut war. Allerdings eines, das nie aufgelöst wurde.

Die Arbeit der Nacht ist ein düsteres literarisches Experiment, das hochinteressant beginnt und dann von Kapitel zu Kapitel immer uninteressanter wird.

Oliver Maria Schmitt: AnarchoShnitzel schrieen sie

Der Untertitel “Ein Punkroman für die besseren Kreise”, dazu der Name des Autors, der mir als gelegentlich regelmäßiger Titanic-Leser wohlbekannt ist, das machte mich neugierig. Ich mag so Zeug, nennen wir es mal “schräge Unterhaltungsliteratur”. Mit diesem Roman bin ich aber nicht so recht warm geworden. Ich hab ihn zwar ganz durch gelesen, aber begeistern konnte er mich nur ganz selten.

Die Geschichte ist ein reichlich absurdes Road-Movie (Road-Book? Road-Novel? Gibt’s da ‘nen Begriff für?) über eine Truppe gealterter Ex-Punks, die ihre kurzlebige Punkrockband “Gruppe Senf” nach 20 Jahren für eine Retro-TV-Show nochmal wiedervereinigen will. Natürlich ist keiner von ihnen ein waschechter Punk geblieben, alle sind älter geworden, sind mehr oder weniger arriviert, und jeder von ihnen ist im Grunde ein Ekelpaket. Wie bei den Blues Brothers wird ein Auto besorgt und nach und nach werden damit alle ehemaligen Band-Mitglieder abgeklappert. Ein Großteil der Reise findet in den neuen Bundesländern statt, was Schmitt Gelegenheit gibt, seine Figuren immer wieder fürchterlich über den Osten herziehen zu lassen. Das ist zu Beginn ganz amüsant, nervt aber im Verlauf der Geschichte immer mehr. Solche Elemente, die bis zum Überdruss repetiert werden, finden sich leider häufiger im Buch.

Ich glaube nicht, dass es O.M.S. wirklich auf seine Handlung ankommt. Die dient ihm als Gerüst für verschiedene Dinge, die er loswerden will: eine Liebeserklärung und Abrechnung mit 20 Jahren Punk (und was daraus wurde), eine satirische Bestandsaufnahme der Merkel-Republik anno 2006, und: Namedropping ohne Ende. Dutzende von Bands und Songs werden hier zitiert und genannt, von obskuren Deutschpunkbands der 80er Jahre bis zu Wir sind Helden und We are Scientists. Ein Kapitel widmet sich einem Besuch der Ex-Punks auf einem Flippers-Konzert. Diese taufte man allerdings (im Gegensatz zu den anderen Bands) um: hier heißen sie, total originell, die Trippers, aber es besteht kein Zweifel, wer gemeint ist. Hat der Rowohlt-Verlag hier Muffe vor Flippers-Anwälten bekommen? Das Kapitel ist übrigens ein gutes Beispiel für eine Szene, die nicht so recht in den Roman passen will und wirkt wie ein ordentlicher Titanic-Artikel, der hier mal eben eingebaut wurde.

Ein bisschen liest sich das ganze Buch wie ein auf 340 Seiten gedehnter Titanic-Artikel, was auf Dauer ziemlich ermüdend ist. Dass ich trotzdem durchgehalten habe, liegt daran, dass Schmitt eben doch immer wieder mit einer lustigen und/oder irrsinnigen Idee aufwarten kann. Wunderbar überzogen und grell ist z.B. die Szene in Chemnitz, wo sich gerade eine neue Partei aus allen Splitterbewegungen des Landes gründet. Eine Veranstaltung, die in einem Inferno aus Erbrochenem endet. Wenzel Storch, bitte verfilmen Sie das!

Es gibt übrigens ein Blog zum Buch, garniert mit reichlich Hörbeispielen.

Annette Miersch: Schulmädchen-Report

Beim Stöbern in alten Kinoanzeigen stoße ich immer wieder auf Filme der sogenannten “Sexwelle”, die in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern die deutschen Kinos überflutete. Die hier zum Beispiel. Ich musste einfach zugreifen, als ich in der Bibliothek auf ein Buch stieß, das sich genau mit dieser Filmära befasst. Schulmädchen-Report: Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre basiert auf einer Diplom- oder Magisterarbeit (hab ich jetzt nicht nachrecherchiert, bin ja nur Blogger) und ist eine seriöse, teilweise recht trockene Auseinandersetzung mit dem Thema. Das Buch enthält viele interessante und (zumindest für mich) auch überraschende Fakten: Dass in manchen Jahren praktisch die Hälfte der einheimischen Filmproduktion aus Sexfilmen bestand, dass die Schulmädchen-Reporte und ähnliches wirklich Millionen in die Kinos lockte, und dass dieses Genre damit ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor war, ohne den die deutsche Filmbranche heute eine andere wäre, war mir zuvor nicht so klar.

Annette Miersch analysiert das Genre und die Regeln, nach denen die Filme funktionieren, und differenziert die Subgenres Aufklärungsfilm, “Lederhosenfilm” und Sex-Report. Letzteres ist dann ihr Hauptthema. Neben der formalen Analyse versucht sie auch zu ergründen, ob die Report-Filme wirklich so realistisch und nah an der Wirklichkeit waren, wie sie zu sein vorgaben. Betrachtet man den Anhang, in dem in detaillierten Tabellen akribisch aufgezählt wird, was sich wann, wo, wie oft und zwischen wem in welcher Folge des Schulmädchen-Reports abgespielt hat, kann man schon Mitleid mit ihr bekommen. Die Ärmste hat sich das Zeug tatsächlich alles angeschaut!

An den Beginn ihres Buches stellt Annette Miersch ein Interview , das sie mit Wolf C. Hartwig, dem Produzenten der 13 Schulmädchen-Report-Filme führte. Neben nostalgischen Schwärmereien und erkennbarem Stolz auf sein Lebenswerk und das viele Geld, das er damit gemacht hat, entlockt sie ihm auch höchst fragwürdige Bekenntnisse. Hartwigs Einstellung zur Homosexualität und vor allem zum Thema Vergewaltigung sind sehr vielsagend und stützen letztlich die zentrale These, die Miersch in ihrer Arbeit aufstellt: dass die Filme der deutschen Sexwelle nämlich nicht so sehr als Ausdruck von “sexueller Revolution” zu sehen sind, sondern vielmehr ein konservativ-patriarchalisches Weltbild transportierten, scheinbar freizügig, zugleich aber völlig verklemmt und spießig.

Das Buch ist reich bebildert, man könnte auch sagen überreich. Der Bertz-Verlag erhoffte sich wohl einige zusätzliche Käufer, indem er zahlreiche Filmstills und Aushangfotos abdruckte. Einige davon (featuring Heiner Lauterbach!) sind aus heutiger Sicht natürlich ziemlich witzig und ein Filmbuch ohne Bilder wäre auch ziemlich doof, aber etwas weniger wäre hier mehr gewesen.

Ursula Vossen (Hrsg.): Von Neuseeland nach Mittelerde. Die Welt des Peter Jackson

Die Münchner Stadtbibliothek ist im Bereich Filmliteratur gar nicht schlecht sortiert. Drum liegen zur Zeit einige Filmbücher auf meinem Nachttisch, zuletzt dieses aus dem Schüren-Verlag. Das Buch erschien 2004, also nach dem Kinostart des dritten Herr-der-Ringe-Films, aber noch vor King Kong.

Enthalten sind insgesamt 13 Aufsätze verschiedener Autoren, allesamt recht lesbar und interessant, aber bisweilen etwas übereifrig beim Interpretieren von Jacksons Filmen. Vor allem der erste Artikel, in dem Vossen mit Harald Harzheim “Motive und Konstanten im Werk Peter Jacksons” beleuchten will, bietet teilweise arg anstrengendes Gefasel, das sich dann so liest:

Frodo befreit sich und Mittelerde von der ins Spirituell-Phantastische stilisierten Autoritätsperson Sauron, der ihn über den Ring immer wieder beherrscht. Die Inkarnation von dessen — letztlich immaterieller — Persönlichkeit ist sein Auge mit spaltartiger Pupille, das ein Raubtierauge, aber auch eine Vagina assoziiert und zwischen Spitzen eines phallisch aufragenden Turms sitzt. Sauron ist damit übergeschlechtlich, Vater- und Mutterinstanz in einem.

Ne Vagina, is klar!

Es folgen lesenswerte Aufsätze zu jedem einzelnen der Filme, die Jackson als Regisseur gemacht hat (wobei Lord of the Rings in einem großen Aufsatz behandelt wird). Was ich darin allerdings vermisse, sind Ausführungen zur Produktionsgeschichte (Wie kam es dazu, dass Heavenly Creatures eine deutsche Coproduktion war? Wie und warum kam Lord of the Rings von Miramax zu New Line?). Dazu kommt ein Essay über den Herrn der Ringe als Fan-Phänomen (Stichwort Fanfiction) und ein interessanter Vergleich zwischen den drei existierenden Verfilmungen von LotR. Den Abschluss bilden ein (eher nichtssagendes) Interview mit Jackson selbst, ein Ausblick auf King Kong, der inzwischen obsolet ist, und ein kurzer Überblick über Filme, bei denen Jackon als Produzent an Bord war.

Insgesamt bietet das Buch eine ordentliche Werkschau über Peter Jacksons bisheriges Werk, das auch Lust auf die Filme selbst macht. Zum Beispiel muss ich jetzt wirklich mal diesen Forgotten Silver besorgen. Den vollen Kaufpreis von 14,90 Euro wäre mir das Buch allerdings nicht wert. Es ist zwar nicht gerade von völlig devoten Fanboys geschrieben, lässt aber trotzdem etwas kritischen Abstand vermissen. Und wer der englischen Sprache mächtig ist und ein Internet bedienen kann, der findet im Netz mehr als reichlich Material zu Jackson. Nicht umsonst besteht die Literaturliste des Buchs zu großen Teilen aus URLs.

Wo wir grade dabei sind: Was sind eigentlich Jacksons nächste Projekte? Als Produzent mischt er bei der Verfilmung des Computerspiels Halo mit. Als Regiearbeit soll 2007 mal wieder ein “kleinerer” Film im Geiste von Heavenly Creatures kommen: Die Verfilmung des Romans The Lovely Bones (In meinem Himmel) von Alice Sebold. Danach kommt wohl ein Remake des britischen Kriegsfilms The Dam Busters. Die Gerüchteküche hingegen erwähnt immer mal wieder Tolkiens The Hobbit sowie Ella nach einem Roman von Löffelbieger-Man Uri Geller.

Peter Biskind: Sex, Lies & Pulp Fiction

Peter Biskind ist Filmjournalist in Hollywood und hatte vor ein paar Jahren mit Easy Riders, Raging Bulls, in dem er die Geschichte des New Hollywood erzählte, einen beachtlichen Bucherfolg. Als Nachfolger schickte er das Buch Down and Dirty Pictures hinterher, das in Deutschland als Sex, Lies & Pulp Fiction bei Zweitausendeins zu haben ist.

Der Untertitel der Originalfassung beschreibt den Inhalt schon sehr gut: Miramax, Sundance, and the Rise of Independent Film. Biskind erzählt vom amerikanischen Independent-Kino der 90er Jahre, wobei er den Begriff “Independent” sehr weit fasst: alles was nicht direkt von den großen Major-Studios produziert wird, ist Independent. Und bei der Lektüre versteht man auch ganz gut, warum er das so definiert. Biskind beschreibt die Entwicklung des Indie-Films vom kleinen Kunstfilm, der nur in speziellen Kinos der Großstädte lief, bis zum Beinahe-Blockbuster mit Starbesetzung und Oscarruhm, und die daraus folgende gegenseitige Annäherung zwischen Indies und Mainstream. Seine filmischen Eckpfeiler in der Geschichte sind Soderberghs Sex, Lies and Videotapes (als Auslöser der Entwicklung) und Tarantinos Pulp Fiction (als deren Höhe- und Wendepunkt).

Eine wichtige Rolle im Buch spielen Robert Redford (der nicht besonders gut wegkommt) und sein Sundance Institut, das mit dem Filmfestival in Utah eine zentrale Brutstätte des Indie-Kinos war (und teilweise noch ist), außerdem treten eine Menge Filmemacher und Produzenten auf, aber die absoluten Hauptrollen des Buches tragen die Brüder Bob und Harvey Weinstein. Die Gründer von Miramax, die ihre Firma vom kleinen Verleiher zum Oscar-Dauerabonnenten und Produktionsstudio unter dem Dach von Disney gemacht haben (und inzwischen ausgestiegen sind) haben laut Biskind entscheidenden Anteil am Aufstieg des Independent-Films aus dem Underground. Mit einer Mischung aus unkonventionellen Methoden, aggressivem Marketing, knallhartem Kosten-Nutzen-Denken, aber auch mit einer großen Liebe zum Film als Medium erreichten sie Zuschauerzahlen für “kleine” Filme, die zuvor undenkbar waren. Auf der anderen Seite sorgten sie, die Taschen voller Disney-Geld, für ein Erdbeben im Markt der Independent-Filme, das diesen für immer verändern sollte.

Die Miramax-Rolle im Buch ist so zentral, dass man es mit einigen Kürzungen auch problemlos als The Miramax Story verkaufen könnte. Und die ist ebenso interessant wie unterhaltsam. Biskind gibt nämlich eher den Boulevard-Reporter als den Filmwissenschaftler — statt sachlich-nüchternen Darstellungen gibt es süffige Details, Klatschgeschichten, Skandale und Skandälchen sonder Zahl. Die Weinsteins, vor allem Harvey, sind laut Biskind völlig unberechenbare, cholerische Arschlöcher, die ihre Mitarbeiter ausbeuten, Regisseure anlügen und skrupellos den eigenen Vorteil suchen. Und trotzdem scheint er sie für ihre Verdienste zu bewundern, zumindest sind sie ihm wesentlich lieber als die klassischen, buchhalterischen Hollywood-Studiobosse.

Es sind teilweise unglaubliche (und auch nicht immer zweifelsfrei belegte) Anekdoten, die Biskind erzählt: Wutanfälle, Handgreiflichkeiten, Größenwahn. Und immer wieder Harvey Weinsteins Eingriffe in die Filme, die er in die Kinos bringt — nicht umsonst trägt er den Spitznamen “Harvey Scissorhands”. Zweifellos eine schillernde Figur. Weinstein selbst hat mit Aviator ein Biopic über den Filmproduzenten Howard Hughes produziert; es sollte mich nicht wundern, wenn sein eigenes Leben dereinst auch mal verfilmt wird. Sex, Lies & Pulp Fiction jedenfalls ist ein sehr kurzweiliger und ausführlicher (über 700 Seiten) Blick hinter die Kulissen der amerikanischen Filmwirtschaft, der dem Leser auch großen Appetit macht, sich mal wieder die Filme von Soderbergh, Solondz, Tarantino, van Sant, den Coens, den Andersons undwiesiealleheißen anzusehen.

Bryan Lee O’Malley: Scott Pilgrim

Ich hab letztes Wochenende den dritten Band dieser Comic-Serie gelesen, und obwohl ich das Comicgebrabbel hier in der Regel unterlasse (das findet nämlich dort statt), muss das mal raus:

Scott Pilgrim ist nämlich super, und ich glaube, dass das genau der richtige Comic für die ASB-Leserschaft ist. Eine wilde Mischung aus Indie-Comic und Manga, aus Slacker-Komödie, Studenten-Romanze und von Spielkonsolen inspirierten Action-Fights.

Die Story: Unser Held Scott ist 23 und lebt in Toronto. Er spielt Bass in einer Band und hängt viel rum. Vielleicht studiert er auch, aber das erfährt man nicht so genau. Nach einer kurzen Affäre mit einer 17-jährigen namens Knives Cheau (die für Knives sehr schmerzlich endet), verliebt er sich in Ramona. Ramona ist super, und das könnte tatsächlich was werden mit den beiden. Aber leider gibt es Ramonas sieben Ex-Freunde, und die müssen von Scott erst mal besiegt werden. Die Reihe ist auf sieben Bände angelegt. Sieben Ex-Freunde, sieben Bände, ihr versteht. Also gibt es in jedem Band einen Kampf, und hier tritt das in Kraft, was wir Geeks heutzutage “Video Game Logic” nennen. Die Geschichte folgt den Regeln eines Computerspiels. Neues Level, neuer Gegner. Manchmal findet Scott auch ein Extra-Leben oder er kann ein paar Bonus-Punkte aufsammeln (“ITEM!”).

Die Kampfszenen sind zwar recht ausführlich und gehen, ganz nach Manga-Vorbild gestaltet, über etliche Seiten, nehmen aber trotzdem nicht den Hauptteil der Geschichte ein. Denn hauptsächlich tut Brian Lee O’Malley das, was jeder gute Serienautor tun sollte: Er charakterisiert seine Figuren. Wir nehmen Teil am Leben dieser sympathischen jungen Kanadier, an ihren Konversationen, ihren Bandproben, ihren Kochabenden. Und je mehr wir davon lesen, umso mehr wachsen uns die Jungs und Mädels ans Herz: die kleine, naive Knives, der verspulte Wallace (Scotts schuler Mitbewohner), und natürlich Scott Pilgrim, der Held, der eigentlich ein Typ wie du und ich, aber trotzdem was besonderes ist. Soap Opera, wenn man so will, aber eine gute und vor allem sehr witzige.

Es gibt wunderbare, in sehr realistischer Alltagssprache gehaltene Dialoge (die ziemlich schwer zu übersetzen sein dürften, falls das jemals auf deutsch erscheinen sollte), eine Menge Popkulturreferenzen (Scotts Bandkollegen heißen z.B. Stephen Stills und Young Neil) und eine Art Off-Kommentar: kleine Textkästchen, die das Geschehen mit ironischem Abstand kommentieren. Dazu kommen O’Malleys Zeichnungen, erkennbar von Mangas beeinflusst, aber trotzdem eigenständig. Diese Mischung verleiht der Serie einen ganz eigenen Charme, den man in Comics (und auch sonst) ganz selten findet.

Zum Reinschnuppern empfehle ich die Kurzgeschichte Free Scott Pilgrim, die als Heft beim Free Comic Book Day verteilt wurde und auch im Netz kostenlos zu lesen ist. Die bringt das Flair von Scott Pilgrim schon recht gut rüber. Preview-Seiten zu den drei bisher erschienenen Bänden gibt’s auf scottpilgrim.com. Und wem’s gefällt, der bestellt. Entweder beim Comic-Fachhändler oder bei Amazon (auf die Cover klicken):

    

Und wer partout nichts englischsprachiges kaufen will, kann sich mal Lost at Sea ansehen, O’Malleys Erstlingswerk, das gerade auf deutsch bei Modern Tales erschienen ist. Anderes Thema, andere Stimmung, aber auch schön (Leseprobe hier).

Florian Weber: You’ll Never Walk Alone

(Rock-) Musiker schreiben mehr oder weniger autobiografisch gefärbte Romane über ihre Jugend auf dem Lande und ihre musikalischen Erweckungserlebnisse. Das wird schon bald ein eigenes Genre. Heinz Strunk und Rocko Schamoni haben mit zwei wunderbaren Büchern vorgemacht, wie’s geht. In eine ähnliche Kerbe schlägt jetzt Florian Weber, besser bekannt als “Der Schlagzeuger der Sportfreunde Stiller, der immer sone Truckermütze aufhat”.

Seine Jugend war neben der Musik vor allem vom Fußball geprägt, und so kam das Buch auch zu seinem nicht besonders originellen Titel: You’ll Never Walk Alone. Erlebnisse vom Bolzplatz, vom Stadion, aus Klassen- und Jugendzimmern werden — natürlich — in elf Kapiteln erzählt. Dazwischen gibt’s jeweils eine Kurzvorstellung eines Spielers aus Flo Webers persönlicher Weltauswahl. Die einzelnen Episoden sind stellenweise recht nett zu lesen, aber es fehlt das Überraschende. Klar lief I love Rock’n'Roll und We Will Rock You auf allen Jugendfeten. Klar waren irgendwann alle betrunken. Klar nannten sich die Torhüter auf dem Bolzplatz Pfaff und die Mittelfeldspieler Maradona. So weit, so bekannt. Leider gelingt es dem Autor auch nicht besonders gut, seine Episoden zu einem großen Ganzen zu verknüpfen. Erst gegen Ende, bei einem sehr hübschen Showdown im Fußballstadion, gelingt das ansatzweise. Dieser Showdown dreht sich um den Bruder des Ich-Erzählers, der beinahe in eine Hooligan-Karriere abgedriftet wäre und zum Schluss in dramatischer Weise seine verflossene Liebe zurückerobert.

Seltsamerweise ist der Handlungsfaden, der sich um den Bruder dreht, viel interessanter als das, was der Ich-Erzähler selbst erlebt. Bis man zum eben erwähnten Finale kommt, quält man sich über lange Strecken durch eher fade Geschichtchen, die nie ein großes Bedürfnis zum sofortigen Weiterlesen wecken.

Nachdem ich oben schon auf die Herren Strunk und Schamoni abgehoben habe: diesen beiden gelingt es perfekt, saukomisch zu sein und dabei auch noch authentisch zu wirken. You’ll Never Walk Alone hat auch komische Momente, aber die entstehen in der Regel nur, wenn Weber den Münchhausen gibt und gnadenlos übertreibt. Die Authentizität bleibt dann aber auf der Strecke. Ich erwarte hier natürlich keine hundertprozentige Wahrheit, ist ja schließlich ein Roman, aber wenn schon dauernd auf reale Fußballer, Musiker und Ereignisse angespielt wird, dann sollte die Geschichte sich zumindest real anfühlen und nicht klingen wie Käpt’n Blaubärs Seemannsgarn.

Schade, ich wollte dieses Buch wirklich mögen. Die Passagen, die auf der Sportfreunde-Lesereise vorgetragen wurden, fand ich ganz hübsch. Ein wirklich toller Roman ist es am Ende nicht geworden, die in den Amazon.de-Kundenrezensionen gezogenen Vergleiche mit Nick Hornby sind jedenfalls stark übertrieben.