Was er jetzt tun wird

„Weißt du schon, was du jetzt tun wirst?“, fragte sie. „Mir die Welt anschauen“, sagte Bod. „In Schwierigkeiten geraten und wieder herauskommen. Dschungel und Wüsten durchwandern, Vulkane besteigen, Inseln erforschen. Und Leute, wahnsinnig viele Leute kennenlernen.“

aus: Neil Gaiman, Das Graveyard-Buch

Ich fand das Buch nicht so wahnsinnig toll. Ein solides Jugendbuch mit schönem, dezent morbidem Gothic-Fantasy-Touch. Aber sicher nicht Gaimans bestes Werk. Der oben zitierte Abschnitt auf der vorletzten Seite, die Abschiedsworte der Hauptfigur namens Bod an seine (Adoptiv-) Mutter, die ließen mir jedoch das Herz aufgehen. Ist das nicht eine wunderschöne Zusammenfassung für „coming of age“?

 

Quality Street

Friedrich Küppersbusch in der taz zur Qualitätsdebatte rund ums deutsche Fernsehen:

Marcel Reich-Ranicki kommt mir vor wie jemand, der wandern will und auf eine Kirmes geht – und sich dann beschwert, dass man da nicht wandern kann. Da kann ich nur sagen: Marcel, da drüben ist der Wald!
 
Wie meinen Sie das?
 
Die Frage ist doch nicht, ob wir neben Arte und 3Sat noch einen Sender für die Hochbegabtenförderung brauchen, um neben der Theater-, Bücher- und Film- auch noch die Musiklobby zu bedienen. Die Frage ist, wie man dem weniger gebildeten Zuschauer eine Alternative zu den Schamlippenpiercing-Runden auf den Privatsendern bietet. Das macht man jedenfalls nicht, indem man ihn zwingt, im Telekolleg bei Reich-Ranicki sein Abitur nachzumachen.

 

Die Alten und das Kino

Schon drei Wochen alt, trotzdem lesenswert: Im SZ Wochenende machte sich Tobias Kniebe Gedanken darüber, warum die großen alten Filmemacher zwar oft und gerne mit Preisen geehrt werden, ihre neueren Filme aber kaum jemanden interessieren. Einer der Gründe ist für Kniebe die Tatsache, dass die Leute, wenn sie älter werden, irgendwann aufhören, ins Kino zu gehen:

Wer zwischen zwanzig und dreißig war, als „Außer Atem“ 1960 in die Kinos kam, wer den orginären Godard-Flash noch erlebt hat, der muss heute zwischen Ende sechzig und Ende siebzig sein.
 
Diese Menschen sind reicher, fitter, lebensfroher als jede Generation zuvor – und sie haben eine Verbindung zur Hipness der Vergangenheit, von der wir Nachgeborenen nur träumen können. Warum, zum Teufel, gehen sie nicht mehr ins Kino? Warum haben sie aufgehört, die Helden, die sie geprägt haben, zu begleiten, zu unterstützen, zu lieben? Den Musikern jener Zeit ist es gelungen, ihre Generation bei der Stange zu halten und trotzdem neue Fans zu gewinnen – Verkaufserfolge feiert die Musikbranche, auch unter jungen Fans, heute mit Namen wie Led Zeppelin oder Pink Floyd. Auf dem Literaturmarkt verkaufen sich vor allem Senioren wie Philip Roth und Hans Magnus Enzensberger lastwagenweise.
 
Auch das Kino sehnt sich nach den Helden seiner Vergangenheit – und ist doch unfähig, würdig mit ihnen umzugehen. Gerade jene Menschen, die eine bessere Zeit noch erlebt haben, geben sich heute mit lächerlichem Ersatz zufrieden: Der öffentlich-rechtliche Fernsehmüll der Firma Degeto ersetzt das große Melodram, das gerade die Deutschen einmal brillant beherrscht haben, Event-Hysterie im Fernsehen ersetzt das kollektive Kinogefühl, und sage und schreibe Veronica Ferres besetzt allein einen Raum, den sich früher mindestens fünf wirklich große Schauspielerinnen teilen mussten.

 

O tempo’a, o mo’es

Die dicksten Ausgaben des SZ-Magazins sind die, die am schnellsten gelesen sind: die Modehefte. Voll nich mein Thema. Kurz durchblättern sollte man diese Hefte dann aber doch, denn die Redaktion findet immer wieder recht originelle Zugänge zum Thema. Diesmal geht’s um „40 Jahre ’68“, und eine Seite zeigt einen Zeitungsausschnitt vom September 1965. Die F.A.Z. berichtet über die Rolling Stones. Unglaublich:

Wem galt der Rausch? Fünf jungen Männern, die die Haare länger tragen als Mädchen und eine erbärmlich einfallslose primitive Musik zum besten geben.
[…]
Wir sahen dank der Vermittlung des Bildschirms den Rollenden Steinen zu, hatten ihnen zugehört, als sie, von einem Reporter befragt, mit seltsam affenähnlichen ruckweisen Bewegungen Auskunft über An- und Abfahrtszeiten und die Auflagenhöhe ihrer Schallplatten gaben. Es kann doch wohl nicht sein, daß man als älterer Mensch bereits jeden Kontakt zu dem, was junge Menschen bewegt, verloren haben soll?
[…]
Wie ist es möglich, daß fünf lächerlich unmännlich gekleidete und behaarte Wesen Tausende junger Menschen zu frenetischem Hüftwippen und Kopfnicken bringen?