Die letzte Sau (#ffmuc16)

ffmucGesehen beim Filmfest München.

Ein kleiner Bauer auf dem Land hat keinen Bock mehr auf sein unrentables Geschäft, er schmeißt hin und begibt sich auf einen Road Trip ohne konkretes Ziel quer durch Deutschland. Kein ganz neues Konzept, man kennt es beispielsweise von Wir können auch anders, Schultze Gets the Blues, David Lynchs The Straight Story, Nebraska oder diversen skandinavischen Filmen. Solche Filme leben in der Regel weniger von der Handlung als von originellen Ideen und vor allem von der Kauzigkeit ihrer Protagonisten.

Die letzte Sau von Aron Lehmann macht in dieser Hinsicht nicht alles, aber sehr vieles richtig. Er erfindet das Genre nicht neu, ist aber wahnsinnig sympathisch und für mich das Feelgood-Movie des Festivals. Der junge Kleinbauer Huber (Golo Euler) wirft wie gesagt die Brocken hin, packt seine letzte Sau in den Sozius seines Mopeds und fährt los. Am stärksten ist der Film aber vorher, im ersten Drittel, bevor Hubers Road Trip beginnt. Lehmann porträtiert hier sehr schön das Landleben: liebevoll, manchmal bissig und hin und wieder angereichert mit absurden bis surrealen Elementen. Gedreht wurde im Donau-Ries im bayerischen Schwaben, einem filmisch bislang eher unerschlossenen Gebiet. Regisseur und Autor Lehmann ist dort aufgewachsen und hat auch seinen ersten Film Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel dort gedreht. Anders als in Kohlhaas kommt diesmal der lokale Dialekt ausgiebig zum Einsatz, und zwar lobenswerterweise sehr stimmig. Das traue ich mich zu beurteilen, weil mein Heimatlandkreis Ostallgäu nicht allzu weit vom Ries entfernt ist. D’Leit schwätzat dau recht ähnlich.

Die Mundart war es dann auch, die mir den Film und seine Figuren sofort ans Herz wachsen ließ. Das ist annähernd mein Heimatidiom und das hört man in Kino und Fernsehen fast nie (abgesehen von den Kluftinger-Filmen, mit denen ich wenig anfangen kann). So hatte der Film dann schon von Beginn an einen Stein im Brett bei mir. Zweiter großer Pluspunkt: die Musik. Lehmann verwendet, was man erst nach und nach bemerkt, ausschließlich Songs von Ton Steine Scherben, und zwar nicht als bloße Hintergrunduntermalung, sondern als Lieder, die eine echte Rolle in der Geschichte spielen und sie somit stellenweise zum Musical machen. Dritter Pluspunkt ist die stoische, wortkarge und lakonische Art der Hauptfigur Huber, die stets sehr einsilbig bleibt (einen Vornamen braucht der Huber nicht und seine Sau nennt er schlicht „Sau“) und im Zweifel lieber schweigt als zuviel sagt. Das sorgt für einige schöne Momente und bildet einen guten Kontrast zu den oft alles andere als schweigsamen Menschen, die der Huber auf seiner Reise trifft.

Das große Thema, das sich durch den ganzen Film zieht, ist die Massentierhaltung und die industrielle Landwirtschaft. Sie ist schuld an Hubers Schicksal, und unfreiwillig wird er später zum Begründer einer großen Protestbewegung dagegen. Das ist eine durchaus lobenswerte Haltung, aber der Film wandelt hier stellenweise extrem nah an der Grenze zum unangenehm erhobenen Zeigefinger und dem wohlfeilen Vertreten einer vermeintlich überlegenen Moral. Zum Glück wird aber auch das gegen Ende gebrochen, wenn eine fanatisch-lächerliche Tierschützergruppe ihren Auftritt hat. Trotzdem hätte ich mir in diesem Bereich mehr Subtilität gewünscht. Verzichtbar wäre auch der Off-Sprecher gewesen. Herbert Knaup macht das als eine Art Märchenerzähler, eigentlich sehr schön im bairisch-schwäbischen Dialekt („A Viech isch a Viech. Wia dr Mensch au.“), aber wirklich gebraucht hätt’s das nicht, weil er im Prinzip nur erklärt, was man auch im Bild schon sieht. „Show, don’t tell“ ist halt kein schwäbisches Sprichwort.

Anonsten mochte ich den Film aber sehr und empfehle einen Kinobesuch, wenn Die letzte Sau am 29. September offiziell startet.

 

Volt (#ffmuc16)

ffmucGesehen beim Filmfest München.

Die Reihe „Neues Deutsches Kino“ wird in den letzten Jahren mehr und mehr als Prunkstück des Münchner Filmfests gehandelt, wo man die wenigen echten Highlights des deutschen Films zuerst sehen kann. Leider habe ich die richtigen Volltreffer (z.B. Oh Boy, Love Steaks, Der Nachtmahr) bislang nicht erwischt und scheine eher ein Händchen fürs Mittelmaß oder für Nieten zu haben. Denn die sind hier natürlich dabei – wir reden schließlich vom deutschen Film, da gibt es nicht ernsthaft zwanzig herausragende Filme pro Jahr.

Volt von Tarek Ehlail würde ich jedenfalls eher zu den Nieten zählen. Es ist mal wieder einer jener Versuche „deutsches Genrekino“ zu machen. In diesem Fall einen Action-Polizei-Thriller, vor dem Hintergrund einer recht unscharf skizzierten, dystopischen Zukunft. In dieser „nahen Zukunft“, so die Einblendung, stecken Migranten und Flüchtlinge in Deutschland in Transitzonen fest, wo sie in slumartigen Verhältnissen leben und immer wieder rabiate Polizeirazzien erdulden müssen. Bei einer dieser Razzien tötet der Polizist Volt (Benno Führmann) einen schwarzen Transitzonen-Bewohner, es gibt aber keine Zeugen dafür. Volt hat nun also mit seinem Gewissen zu kämpfen, noch mehr aber mit seinen Kollegen und deren Korpsgeist, die in strikter Loyalität jeden Verdacht abwehren, dass ein Polizist Schuld am Tod des „Blackies“ (so der im Film gängige rassistische Ausdruck) ist.

Tarek Ehlail zeichnet seinen Zukunftsentwurf äußerlich sehr stark, mit viel Dreck und Düsternis, grell und laut, sowohl im Bild als auch auf der Tonspur. Das sieht überzeugend aus und zieht den Betrachter schnell hinein in das Szenario. Man würde dann aber gerne etwas über die Hintergründe erfahren, darüber, was das für eine Gesellschaft ist, die solche Zustände entstehen hat lassen, und wie die Menschen (Einheimische und Migranten) damit umgehen. Das bekommt man aber nicht, oder allenfalls in groben Klischees. Im Mittelpunkt stehen hier ganz und gar nicht die Flüchtlinge, sondern Volt und sein innerer Konflikt. Die meiste Zeit verbringt man damit, dem Polizisten dabei zuzusehen, wie er sich selbst leid tut und einen Umgang mit seiner Schuld zu finden sucht.

Statt „Polizist“ sollte ich vielleicht eher „Cop“ schreiben, denn so werden die Polizisten im Film dargestellt: Als harte Säue mit rauer Schale, die derbe fluchen, sich vor allem von Nikotin und Alkohol ernähren und eine extrem kurze Zündschnur haben. Der ganze Film trieft vor Testosteron und kommt furchtbar breitbeinig und breitschultrig daher. Benno Führmann müht sich redlich, gleichzeitig voll hart aber auch nachdenklich aus dem Kampfanzug zu schauen, wirkt dabei stellenweise aber doch unfreiwillig komisch.

Wer hier eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsproblematik erwartet, liegt vollkommen falsch. Politische Aussagen beschränken sich auf die sehr unsubtil vermittelte Plattitüde, dass Polizei und Verwaltung herzlos und mehr oder weniger rassistisch sind. Auf der Plus-Seite kann man Ehlails Stilwillen verbuchen, ebenso wie die Tatsache, dass er seine Story in knackigen 80 Minuten erzählt – ansonsten hat mich Volt enttäuscht und in Teilen sogar verärgert.

 

The Open (#ffmuc16)

ffmucEs ist wieder Filmfest München! Wenn nichts dazwischen kommt, sehe ich dieses Jahr etwa ein Dutzend Filme und werde hier darüber schreiben. Den Auftakt macht eine französisch-belgisch-britische Coproduktion:

The Open von Marc Lahore beginnt in einem Auto, in dem Tennis-Weltstar Stéphanie Tavernier mit ihrem Trainer sitzt. Sie steht im Finale eines großen Turniers, man fährt zum Hotel, das Auto wird von Fans und Reportern belagert, sie steigt aus – und in diesem Moment geht ein paar Straßen weiter eine riesige Bombe hoch. Schwarzblende.

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Einige Zeit später erwachen wir in einer weiten, menschenleeren Landschaft (gedreht wurde auf den Hebriden). In Europa tobt offenbar ein großer, furchtbarer Krieg (man bekommt nur kleinste Infohäppchen dazu), und hier in den Highlands campen Stéphanie und ihr Trainer. Dazu kommt André, ein weiterer Tennisspieler, offenbar nicht freiwillig hier. Er soll, so wünscht es der Trainer, jetzt mit Stéphanie für das große Finale trainieren. Mit Schlägern ohne Saiten, und ohne einen Ball. Fiktives Tennis sozusagen. Warum und wozu, muss man sich als Zuschauer nach und nach erschließen, erst mal sieht man jetzt ein langsames, wortkarges Kammerspiel im Freien, in entsättigten Farben, das uns an Plätze wie den Navratilova Beach, das Sampras Field, den McEnroe Pass und viele ähnlich benannte Örtlichkeiten führt.

Die Welt liegt im Chaos (sieht  man nicht auf der Leiwand, ahnt man aber), trotzdem muss es irgendwie weitergehen, an irgendwas muss man sich festhalten. Hier ist es eine Sportart. Tennis ohne Bälle ist schließlich auch nicht sinnloser als ein Krieg. Regisseur Lahore beschreibt den Film als Kreuzung aus Beckett und Mad Max – da ist was dran, auch wenn an Mad Max lediglich die postapokalyptische Kulisse erinnert. Mit Warten auf Godot hat The Open mehr gemein, auch hier ist alles sinnlos, absurd und leicht surreal.

Wie bei Beckett „passiert“ auch hier nicht viel, trotzdem steuert der Film auf einen Höhepunkt, das Tennisfinale, zu. Auf dem Weg dorthin hat man viel Zeit, sich zu überlegen, ob Lahore hier metaphorisch etwas über den Krieg sagen möchte? Über den Leistungssport? Über das Prinzip des Durchhaltens? Kann alles sein, muss aber nicht. In jedem Fall ist sein Film auch eine Hommage ans Tennis und seine Legenden. Definitiv ein origineller Film, bei dem es sich lohnt, sich drauf einzulassen.

 

#12von12 im April: All work and no play makes #12von12 a dull thing

Mein dritter #12von12-Selbstversuch. Diesmal an einem sehr durchschnittlichen Tag mit viel Zeit im Büro und auch danach vorwiegend vor Bildschirmen oder Gedrucktem. Das Ergebnis ist, dass ich mit Mühe gerade so auf zwölf Bilder kam, die auch nicht wahnsinnig originell oder gar schön ausgefallen sind. Aber es geht bei #12von12 ja durchaus um Alltagsdokumentation, passt also.

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