Linkomat: Gesammeltes Zeug vom 17.08.2016

Man sollte wieder öfter Links bloggen, hab ich mir gedacht. Darum wird hiermit eine zuletzt vor ca. zwei Jahren bediente Rubrik wiederbelebt: empfehlenswerte Links aus meinem Internet, ohne speziellen Themenfokus. Los geht’s:

 

Peur de rien (#ffmuc16)

ffmuc

Gesehen beim Filmfest München.

Paris, 1993: Lina stammt aus dem Libanon und ist nach Frankreich gekommen, um dort zu studieren. Wirtschaftslehre. Sie kommt bei Onkel und Tante unter, aber der Onkel macht sich an sie ran, darum nimmt sie schnell wieder reißaus und improvisiert lieber. Sie schlägt sich durch, versucht sich an der Uni zurechtzufinden und lernt verschiedene Menschen kennen: solche, die es gut mit ihr meinen, solche, die sie ausnutzen und solche, die wirklich zu Freunden werden. Sie merkt, dass Kunstgeschichte das viel interessantere Studienfach ist, sie verliebt sich in falsche und in richtige. Sie kommt mehr und mehr an in Paris, in diesem Leben – aber irgendwann läuft die Aufenthaltsgenehmigung aus.

Peur de rien von Danielle Arbid ist eine eigentlich gänzlich unspektakuläre Geschichte, zwei Stunden voller Alltagsbeobachtungen und kleiner Szenen. Kein großes Drama, kein großes menschliches Schicksal. Einfach eine Hauptfigur, die interessant und sympathisch ist, und dann gehen wir mit ihr mit und sehen viele kleine Nebenplots und eine Menge sehr unterschiedliche Nebenfiguren. Das ist so großartig, weil es im Prinzip so einfach ist und trotzdem so ungewöhnlich.

screenshot

Regisseurin Danielle Arbid, deren Vita manche Gemeinsamkeit mit der von Lina hat, erzählt im anschließenden Q&A, dass sie hier nicht den Zuschauern eine Einwanderin zeigen wollte, sondern vielmehr vermitteln wollte, wie man als Einwanderin die Menschen des neuen Landes erlebt. Mit diesem besonderen Blick und dieser speziellen Perspektive gelingt Arbid ein wunderbarer, durch und durch menschlicher Film, sehr weit weg von den üblichen Handlungskonventionen, wenn es um Migration geht. Natürlich werden hier auch Rassismus, Bürokratie und gesellschaftliche Ignoranz thematisiert – geht ja gar nicht anders – aber das geschieht sehr beiläufig, ganz ohne Zeigefinger und Moral von der Geschicht‘.

Sehr toller, höchst unterhaltsamer Film, witzig und traurig – und ein bisschen nostalgisch. Denn die Neunziger waren in mancher Hinsicht eine unschuldigere und unkompliziertere Zeit als heute. Für mich eins der Highlights des Festivals.

 

Mate-me por favor (Kill Me, Please) (#ffmuc16)

ffmucGesehen beim Filmfest München.

Mate-me por favor von Anita Rocha da Silveira spielt in Rio de Janeiros Stadtteil Barra da Tijuca, über den es in der Wikipedia heißt, „hier wohnen auch die Schönen und Reichen der Stadt“. Zwar sieht man den ProtagonistInnen des Films an, dass sie alle eher aus der oberen Mittelklasse stammen, aber glamourös sieht das Barra des Films nicht aus. Wohnsilos, Brachland, U-Bahn-Stationen, Baustellen. Ganz anders also als die gängigen Brasilien-Klischees. Wir beobachten die 16-jährige Bia und ihre Freundinnen in ihrem Alltag, zwischen Schule, Knutschen, Kirchgang(!), noch mehr Knutschen und Rumhängen. Alles ganz normal, allerdings gibt es ganz in der Nähe eine Reihe von Todesfällen, deren Opfer junge Frauen sind – womöglich ein Serienmörder? Die Mädchen sind von diesen Vorgängen merkwürdig fasziniert, es beschäftigt sie sehr. Erwachsene kommen übrigens so gut wie gar nicht vor im Film, wir sehen weder Lehrer noch Eltern, die Teenager scheinen ständig nur unter ihresgleichen zu sein.

Dieser Film ist ein ungewöhnliches Porträt einer Jugend, ein Teeniefilm in der Geschmacksrichtung seltsam-surreal. Der unvermeidliche David Lynch wird im Programmheft als Referenz herangezogen; das passiert ja immer, wenn ein Film mit unerklärlichen, sinistren und unbehaglichen Stimmungen arbeitet. Das tut auch Mate-me, und ich muss gestehen, für mich blieben da viele Fragezeichen. Was genau die Regisseurin da sagen und erzählen will, ist mir nicht recht klar geworden. Statt einer stringenten Geschichte bekommt man hier eher ein Album von Szenen und Stimmungen zu sehen. Was bleibt, sind ein paar faszinierende Bilder und Sequenzen, nicht zuletzt die aus den stylish-überzeichneten Freikirchen-Gottesdiensten mit cheesy Popmusik und rosafarbener Bonbon-Optik.

Fazit: Hmmm.

 

Die letzte Sau (#ffmuc16)

ffmucGesehen beim Filmfest München.

Ein kleiner Bauer auf dem Land hat keinen Bock mehr auf sein unrentables Geschäft, er schmeißt hin und begibt sich auf einen Road Trip ohne konkretes Ziel quer durch Deutschland. Kein ganz neues Konzept, man kennt es beispielsweise von Wir können auch anders, Schultze Gets the Blues, David Lynchs The Straight Story, Nebraska oder diversen skandinavischen Filmen. Solche Filme leben in der Regel weniger von der Handlung als von originellen Ideen und vor allem von der Kauzigkeit ihrer Protagonisten.

Die letzte Sau von Aron Lehmann macht in dieser Hinsicht nicht alles, aber sehr vieles richtig. Er erfindet das Genre nicht neu, ist aber wahnsinnig sympathisch und für mich das Feelgood-Movie des Festivals. Der junge Kleinbauer Huber (Golo Euler) wirft wie gesagt die Brocken hin, packt seine letzte Sau in den Sozius seines Mopeds und fährt los. Am stärksten ist der Film aber vorher, im ersten Drittel, bevor Hubers Road Trip beginnt. Lehmann porträtiert hier sehr schön das Landleben: liebevoll, manchmal bissig und hin und wieder angereichert mit absurden bis surrealen Elementen. Gedreht wurde im Donau-Ries im bayerischen Schwaben, einem filmisch bislang eher unerschlossenen Gebiet. Regisseur und Autor Lehmann ist dort aufgewachsen und hat auch seinen ersten Film Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel dort gedreht. Anders als in Kohlhaas kommt diesmal der lokale Dialekt ausgiebig zum Einsatz, und zwar lobenswerterweise sehr stimmig. Das traue ich mich zu beurteilen, weil mein Heimatlandkreis Ostallgäu nicht allzu weit vom Ries entfernt ist. D’Leit schwätzat dau recht ähnlich.

Die Mundart war es dann auch, die mir den Film und seine Figuren sofort ans Herz wachsen ließ. Das ist annähernd mein Heimatidiom und das hört man in Kino und Fernsehen fast nie (abgesehen von den Kluftinger-Filmen, mit denen ich wenig anfangen kann). So hatte der Film dann schon von Beginn an einen Stein im Brett bei mir. Zweiter großer Pluspunkt: die Musik. Lehmann verwendet, was man erst nach und nach bemerkt, ausschließlich Songs von Ton Steine Scherben, und zwar nicht als bloße Hintergrunduntermalung, sondern als Lieder, die eine echte Rolle in der Geschichte spielen und sie somit stellenweise zum Musical machen. Dritter Pluspunkt ist die stoische, wortkarge und lakonische Art der Hauptfigur Huber, die stets sehr einsilbig bleibt (einen Vornamen braucht der Huber nicht und seine Sau nennt er schlicht „Sau“) und im Zweifel lieber schweigt als zuviel sagt. Das sorgt für einige schöne Momente und bildet einen guten Kontrast zu den oft alles andere als schweigsamen Menschen, die der Huber auf seiner Reise trifft.

Das große Thema, das sich durch den ganzen Film zieht, ist die Massentierhaltung und die industrielle Landwirtschaft. Sie ist schuld an Hubers Schicksal, und unfreiwillig wird er später zum Begründer einer großen Protestbewegung dagegen. Das ist eine durchaus lobenswerte Haltung, aber der Film wandelt hier stellenweise extrem nah an der Grenze zum unangenehm erhobenen Zeigefinger und dem wohlfeilen Vertreten einer vermeintlich überlegenen Moral. Zum Glück wird aber auch das gegen Ende gebrochen, wenn eine fanatisch-lächerliche Tierschützergruppe ihren Auftritt hat. Trotzdem hätte ich mir in diesem Bereich mehr Subtilität gewünscht. Verzichtbar wäre auch der Off-Sprecher gewesen. Herbert Knaup macht das als eine Art Märchenerzähler, eigentlich sehr schön im bairisch-schwäbischen Dialekt („A Viech isch a Viech. Wia dr Mensch au.“), aber wirklich gebraucht hätt’s das nicht, weil er im Prinzip nur erklärt, was man auch im Bild schon sieht. „Show, don’t tell“ ist halt kein schwäbisches Sprichwort.

Anonsten mochte ich den Film aber sehr und empfehle einen Kinobesuch, wenn Die letzte Sau am 29. September offiziell startet.